Gleichstromtrasse Der Ärger bleibt: Stromnetz-Betreiber informieren zum Südlink

Die Energiewende macht es nötig: Große Stromleitungen, um Windstrom von den Küsten in den Süden der Republik zu transportieren. Zwei solcher Leitungen führen durch Thüringen. Der Südostlink und der Südlink. Für letzteren laufen in Südthüringen gerade Informationsveranstaltungen, um betroffene Grundstücksbesitzer und Bürger zu informieren. Und auch zu überzeugen. Nicht immer klappt das wie geplant.

Ein Mann und eine Frau stehen mit einem Plan auf einem Feld.
Hartmut und Elke Kremmer mit Karte der Pläne auf ihrem Grundstück, um das sie sich Sorgen machen. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Hartmut und Elke Kremmer blicken skeptisch über den gut 25 Meter breiten Grünstreifen nahe Fambach. Es ist ihr Grund und Boden. "Die Vorfahren meiner Frau haben alle gelebt von dem Land", berichtet Hartmut Kremmer. Und nun komme der Staat um die Ecke und drohe mit Enteignung. Der Staat, das sind in diesem Fall die Bundesnetzagentur und die Netzgesellschaften Tennet und TransnetBW. Sie wollen die Erdkabel für den sogenannten Südlink genau hier durch den Boden leiten und bereits erste Erkundungsbohrungen machen – zum Verdruss der Kremmers.

"Für eine Stromleitung, die ich nicht brauche. Von der ich auch nicht weiß, ob die hier überhaupt jemand braucht", sagt Kremmer. Es gibt eine ganze Bürgerinitiative, die das genauso sieht. "Thüringer gegen Südlink" hat schon zu vielen Gelegenheiten protestiert. Dass es die Leitung überhaupt braucht, wenn Strom sich doch regional erzeugen lasse. Dass die Leitung ausgerechnet durch Thüringen führt, obwohl der direkte Weg von Nord nach Süd eigentlich durch Hessen führe. Weil man Sorge hat, dass die Leitung den Boden so erwärmt, dass eine landwirtschaftliche Nutzung gefährdet wäre.

Eine mittelgroße Glühbirne pro Meter

Zumindest an dieser Stelle kann das Unternehmen die Sorgen entkräften. TransnetBW-Sprecher Alexander Schilling rechnet in Bettenhausen bei einer Informationsveranstaltung für Grundstückseigentümer vor: Pro Meter entstünden bei zwei mal zwei Kabeln zwei mal 64 Watt Abwärme, wenn alle Kabel voll ausgelastet sind. Insgesamt werden vier Gigawatt Leistung transportiert. Das entspricht mehreren Großkraftwerken – nur soll der Südlink überwiegend Windstrom von der Küste nach Süden transportieren, wo Kern- und Kohlekraftwerke allmählich vom Netz gehen. 64 Watt, das ist die Leistung einer mittelgroßen Glühbirne herkömmlicher Bauart. Zweimal getrennt gerechnet wird es, weil es zwischen den beiden Gräben ausreichend Abstand gebe.

Und weil die Leitung in anderthalb Metern Tiefe eingegraben ist, sei an der Oberfläche im Höchstfall eine Erwärmung von ein bis zwei Grad Celsius denkbar – je nach Bodenbeschaffenheit. Über die gesamte Länge der Leitung – immerhin 740 Kilometer – gehen so bis zu 100 Millionen Watt verloren. Grob gerechnet sind das 2,5 Prozent der Gesamtleistung. Um diese Erkenntnisse weiter zu unterfüttern, laufen derzeit Feldversuche mit unterschiedlichen Leitungen in Baden-Württemberg.

Thüringen will klagen, die Bürgerinitiative auch

Derzeit läuft das Planfeststellungsverfahren für die Leitung. Der Freistaat Thüringen hat bereits angekündigt, dagegen klagen zu wollen. Und auch die Bürgerinitiative bereitet rechtliche Schritte vor. Bis die kommen, wird weiter protestiert. Rainer Landgraf sitzt vor dem Kulturhaus in Bettenhausen. Ein Transparent an seinem Hänger weist darauf hin, dass die neue Leitung von einem Unwetter wie im Sommer im Ahrtal hinweggespült werden könnte. Landgraf wohnt in einem Nachbarort und sieht seinen Protest als Bürgerpflicht.

Auf der Bürgerveranstaltung ist die Stimmung entspannt. Zwar seien 3.000 Einladungen für insgesamt 11 Veranstaltungen verschickt worden, doch nicht bei allen Eigentümern ist man gewiss, dass sie überhaupt erreicht werden. Oft seien die Eigentumsverhältnisse unklar, so Projektsprecher Tim Sommers von TransnetBW. So ist in Bettenhausen nur ein gutes Dutzend Personen gekommen. Netzbetreiber, ausführende Firmen, Bundesnetzagentur – sie allen informieren mit Schaubildern, Computerdatenbanken, Präsentationen.

35 Prozent des Flächenwerts als Entschädigung

Es geht um Entschädigungen für die Beeinträchtigung der Grundstücke. 35 Prozent vom Verkehrswert werden einmalig für die Leitung gezahlt. Sollte die Nutzung künftig beeinträchtigt sein, ist mehr möglich. Es geht auch um die Wärme im Boden – und um die Bauzeit. "Nach einigen Wochen oder wenigen Monaten wollen wir mit einem Abschnitt fertig sein", sagt Sommers. Eine anderthalb Meter tiefe Grube dürfe man nicht zu lang aufhalten, sonst könne das Wetter dazwischen grätschen.

Anschließend sollen die Bodenschichten so wieder aufgebracht werden, wie sie vorher waren. Einschließlich Mutterboden oben drauf. Die landwirtschaftliche Nutzung soll dann ganz normal möglich sein. Nur Bäume dürfen nicht wachsen, da tiefe Wurzeln mögliche Arbeiten beeinträchtigen, wenn im Fall einer Havarie nach Fehlern gesucht wird.

Ein Mann und eine Frau laufen über eine Wiese.
Kremmers haben Sorgen, dass die Leitung den Boden so erwärmt, dass eine landwirtschaftliche Nutzung gefährdet wäre. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Die Kremmers sind noch auf keiner Informations-Veranstaltung gewesen. "Es gab da mal eine Einladung übers Telefon, aber ich hätte da mit dem Computer etwas nachsehen müssen. Das ist nicht so meins", brummt Hartmut Kremmer. Er ist froh, dass derzeit der Pächter auf seinem Grünland erst Heu gemacht hat und bald einige Pferde hier grasen lassen will. "Ich weiß nicht, ob das noch geht, wenn die hier mit der Leitung durch sind."

Quelle: MDR Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. September 2021 | 20:00 Uhr

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