Umfrage der IHK Rohstoff-Knappheit und Personalprobleme bremsen Wirtschaft

Der Aufschwung der Wirtschaft in Thüringen wird derzeit durch Lieferschwierigkeiten bei verschiedenen Rohstoffen gebremst. Das zeigen eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Südthüringen sowie die Einschätzungen mehrerer Unternehmer aus der Region. Manche Preise stiegen derzeit "nicht steil, sondern senkrecht".

Viba-Geschäftsführerin Corinna Wartenberg hält eine Verpackungsfolie hoch
Viba-Geschäftsführerin Corinna Wartenberg berichtet von Lieferschwierigkeiten bei der Verpackungsfolie für die Süßwaren. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Beim Süßwarenhersteller Viba in Schmalkalden stockte bereits die Produktion, wie Geschäftsführerin Corinna Wartenberg MDR THÜRINGEN bestätigte. Grund seien Lieferschwierigkeiten bei der Folie, in die viele Produkte eingepackt werden. Auch seien die Preise für derlei Verpackungsmaterial binnen weniger Monate um 20 Prozent gestiegen. "Je nach Produkt und Art der Verpackung macht die zehn bis 20 Prozent des Gesamtpreises aus", so Wartenberg. Irgendwann würden das auch die Verbraucher zu spüren bekommen.

Lieferschwierigkeiten nach Produktionsstopps

Grund für die Lieferschwierigkeiten sei unter anderem, dass Grundstoffe in den USA wochenlang kaum noch hergestellt worden seien. Ein später und heftiger Wintereinbruch hatte dort etliche Fabriken lahmgelegt, sagt Raphael Brönner von Brönner Baustoffe.

Gipskartonplatten etwa seien für seinen Handel auf 60 Prozent des Vorjahresbedarfs kontingentiert worden. Die heftige Entwicklung werde in der Baubranche zu Insolvenzen führen, weil die Unternehmen trotz voller Auftragsbücher nicht pünktlich fertig werden könnten und massive Preissteigerungen durch vertraglich vereinbarte Festpreise oft selbst schlucken müssten. "Und viele Preise steigen gerade nicht steil, sondern senkrecht."

Viele Preise steigen gerade nicht steil, sondern senkrecht

Raphael Brönner, Brönner Baustoffe

Alle wollen gleichzeitig mehr - da stockt die Versorgung

IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas sieht das weltweite Hochfahren der Wirtschaft als wesentlichen Grund. Der Bedarf nach Rohstoffen steige schnell - und das fast überall gleichzeitig. Manches Bergwerk hingegen sei monatelang stillgelegt gewesen. "Da entsteht ein Engpass, der durch Probleme in den Lieferketten noch verstärkt wird", sagt er mit Blick auf die Havarie des Container-Frachters "Ever Given" im Suezkanal im März. "Praktisch das gesamte China-Geschäft der deutschen Wirtschaft läuft über diese Route." Wer also Vorprodukte aus China bezieht, musste länger warten, denn das Schiff hatte dort eine ganze Woche lang den Verkehr blockiert.

Bei den Kunststoffen, die Fensterhersteller ebenso wie Lebensmittelhersteller betreffen, komme veränderter Bedarf hinzu. Durch Corona seien Medizin-Produkte gefragter. Schnelltests, Impfstoffe, Hygieneartikel - und die seien oft einzeln verpackt. Nun komme der Bedarf der Industrie hinzu. "Also wird es teurer und die Lieferzeiten länger", so Pieterwas. Das sei eine normale Reaktion in der Marktwirtschaft. Die aber zum Problem für viele Unternehmen der Region werden. "Trotz bestehender guter Auftragslage können sie ihre Aufträge nicht abarbeiten und müssen im Extremfall vielleicht sogar Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken."

Ralf Pieterwas, IHK Südthüringen
IHK-Hauptgeschäftsführer Ralf Pieterwas. Bildrechte: dpa

"Talsohle wohl durchschritten"

Trotzdem sehen die Industrie-Betriebe der Region ihre Lage noch am besten in einem negativen Umfeld. 41 Prozent der Unternehmen schätzten in einer Umfrage der Kammer ihre Lage als negativ ein. Immerhin 38 Prozent erwarten, dass ihre Lage sich verschlechtert oder schlecht bleibt. Mit einer Verbesserung rechnen nur 17 Prozent. "Aber trotzdem ist die Talsohle wohl durchschritten", sagt der IHK-Chef. Das Konjunkturklima habe sich gegenüber dem Tiefstand aus der vergangenen Umfrage minimal erholt.

Vor allem Einzelhändler und Gastwirte aber sind in noch schlechterer Stimmung. Viele Geschäfte und Restaurants seien seit Monaten geschlossen und öffneten jetzt schrittweise. "Wir brauchen jetzt den Sommer", so Pieterwas. Zwar funktionierten die Hilfsprogramme häufig. "Aber diese Alimentation kann so nicht weitergehen."

Wir brauchen jetzt den Sommer

Ralf Pieterwas, IHK-Hauptgeschäftsführer

Personalplanung kaum geordnet möglich

Die schlechte Stimmung in vielen Betrieben habe aber auch mit corona-bezogenen Problemen in den Belegschaften zu tun. Wenn Kindergärten und Schulen nicht sicher geöffnet seien oder Quarantäne angeordnet werde, erschwere das die Personalplanung erheblich. Hier war die Lage schon vor Corona angespannt. Vor zwei Jahren sahen 71 Prozent der Unternehmer Fachkräfte-Engpässe als großes Problem. Das bleibe weiter akut - auf viele Lehrstellen gebe es wenige oder gar keine Bewerbungen mehr, sagte etwa Markus Bogoczek von Metalution aus Neuhaus.

Die grundsätzliche Einschätzung bestätigte Ute Zacharias vom Verband der Wirtschaft Thüringens. Fachkräfte und Rohstoffe seien ein großes Problem. Und auch die Thüringer Autozulieferer fürchten, dass gerade das Rohstoff-Problem die Erholung ausbremsen könnte.

verpackte Süßigkeiten 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 20.05.2021 19:00Uhr 02:02 min

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 20. Mai 2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

Dorfmensch vor 17 Wochen

Das ist der Vorgeschmack auf die zukünftige Nahrungsmittelversorgung, wenn in Deutschland die Landwirtschaft aus Gründen der Weltrettung zerstört worden ist und die Nahrungsmittelimporte gestört werden sollten. Schon heute kann sich D mit vielen Nahrungsmitteln nicht selbst versorgen. Was ist, wenn uns als Land das Geld ausgeht, um Nahrungsmittel in ausreichender Menge zu importieren?

Monazit vor 17 Wochen

Das ist vielleicht bei Holz ein Problem, aber bei vielen anderen Industriegütern ist der internationale Warenverkehr derart in Schieflage geraten, dass auch beim Import viel schief läuft. Ich verzweifel da regelmäßig im Rahmen meines Jobs dran.

Sozialberuflerin vor 17 Wochen

Das stimmt wohl!

Fachkräftemangel ist nicht erst seit Corona ein Thema!
Aber anstatt hier die Problematik an der Wurzel zu packen, sucht man die Lösung im "Einsparen"!

Kleine Handwerksbetriebe, soziale und medizinisch-pflegerische Berufe sind m. E. am meisten betroffen!
Aus vielerlei Gründen!





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