Wirtschaft Heinz-Glas: Erweiterungspläne spalten Piesau in Südthüringen

Heinz-Glas will seine gasbetriebene Glaswanne im Südthüringer Werk Piesau durch zwei Elektrowannen ersetzen und dafür die Fabrik erweitern. Ein Teil der Einwohner kämpft dagegen - andere stehen demonstrativ dahinter.

Heinz Glas in Piesau
Das Heinz-Glaswerk in Piesau. Bildrechte: Heinz Glas

2013 ist Carletta Heinz ins Familienunternehmen eingestiegen. Vom ersten Tag an hat sie als CEO und Inhaberin das Thema Nachhaltigkeit auf die Agenda gebracht. Ein Extra-Team "hat sich professionell mit dem Thema beschäftigt. Wir wollen zurück zum Strom", sagt die Unternehmerin. Denn am fränkischen Standort Kleintettau hat Heinz-Glas schon 1971 die erste elektrobetriebene Schmelzwanne Europas in Betrieb genommen. Auch in Piesau bei Neuhaus am Rennweg in Südthüringen lief zwischen 2003 und 2013 eine kleine E-Wanne. Später wurde, vermutlich wegen des Preises, auf Gas umgestellt.

Eine junge Frau
Carletta Heinz gehört als geschäftsführende Gesellschafterin der Geschäftsführung von Heinz-Glas an. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

E-Schmelzwannen mit besserer Energiebilanz

Für Carletta Heinz liegen jedoch beim Strom die Vorzüge auf der Hand. "Beim Verbrennen von Gas entsteht unfassbar viel CO2. Beim Erhitzen mit Strom ist das anders“, sagt Heinz. "Bei einer Elektrowanne stecken die Elektroden direkt im Glasgemenge. Das Glas wird durch die Energie in den Elektroden aufgeschmolzen. Es wird also nichts verbrannt und es entsteht kein CO2."

Heinz Glas in Piesau
Produktion bei Heinz-Glas in Piesau. Bildrechte: Heinz Glas

Auch beim Verbrauch könnten die E-Wannen punkten. "Mit unseren Elektrowannen erreichen wir einen spezifischen Energiebedarf von etwa 1.000 Kilowattstunden je Tonne. Bei der Hybridwanne, die etwa zu 75 Prozent mit Gas und 25 Prozent mit Strom befeuert wird, sind es 1.600. Bei einer reinen Gas-Schmelzwanne liegt der Verbrauch sogar bei bis zu 2.000." Elektrisch betriebene Schmelzwannen könnten also wesentlich effizienter betrieben werden. "Und noch ein Vorteil, wir können dann Strom aus erneuerbaren Quellen nutzen."

Strom aus dem öffentlichen Netz

Bezogen werden soll der Strom ganz normal aus dem öffentlichen Netz über das nahe gelegene Umspannwerk. Eine dezentrale Stromversorgung sei nicht möglich, sagt Heinz: "Dafür ist unser Verbrauch viel zu hoch." Die beiden neuen E-Schmelzwannen sollen die alte, mit Gas betrieben Wanne vollständig ersetzen und ein Fassungsvermögen von jeweils 70 Tonnen bekommen. Die aktuelle Gaswanne ist für 135 Tonnen ausgelegt. Dem Unternehmen sitzt die Zeit im Nacken. Die alte Gas-Schmelzwanne ist bereits zehn Jahre alt. Und beim Strompreis, der wie der Gaspreis kräftig in die Höhe geschnellt ist, hofft Unternehmerin Heinz auf die Politik.

Arbeitsbedingungen sollen verbessert werden

Mit den neuen Schmelzwannen und dem geräumigeren Anbau sollen auch die Arbeitsbedingungen für die rund 250 Mitarbeiter besser werden. Sie hätten dann mehr Platz, es wäre nicht mehr so heiß. An der alten Schmelzwanne und den einzelnen Produktionslinien herrschen teilweise bis zu 50 Grad. Auch neue Sanitärräume und Umkleiden sollen entstehen.

Fabrikansicht
Die gasbetriebene Schmelzwanne im Glaswerk in Piesau. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Widerstand gegen Ausbau: Anwohner verfassen Petition

Gegen die Betriebserweiterung hat der Piesauer Uwe Sonntag eigenen Angaben zufolge mit weiteren direkten Anwohnern eine Petition an den Thüringer Landtag verfasst. Sie trägt den Titel "Stoppt den Vergrößerungswahn des Glaswerkes Heinz-Glas Piesau, schützt die Lebensqualität und das Eigentum von Piesauer Bürgern".

HeinzGlas 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 17.11.2022 19:00Uhr 02:01 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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In dem Papier ist von "unsagbarer Rücksichtslosigkeit eines Unternehmers gegenüber den Anwohnern" die Rede. Eine derart extensive und stetige Erweiterung des Produktionsstandortes mitten in der Wohnbebauung sei weder tolerierbar noch zulässig.

Petition
Ein Ausdruck der Petition gegen die Werkserweiterung. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Mit dem MDR sprechen möchte Uwe Sonntag nicht. Er möchte gar nicht mehr an die Öffentlichkeit. "Diese Petition führte dazu, dass meine Person wie bei einer Hexenjagd durch das ach so beschauliche Piesau getrieben wurde, vielleicht auch weiterhin wird", schreibt er per E-Mail.

Laut Sonntag haben etwa 80 Menschen die Petition unterschrieben. Schon jetzt sei die Sicht durch die Glashütte verstellt. Die neue aufgestockte Betriebshalle wäre "ein weiterer hässlicher Klotz mitten im Dorf". Die Unterzeichner fürchten außerdem eine noch größere Belastung durch Lärm, Gestank und Verkehr.

Durch die Petition haben die Gegner zumindest erreicht, dass bei der Genehmigung die Öffentlichkeit beteiligt werden muss. Dabei werden die Pläne öffentlich ausgelegt und jeder kann seine Stellungnahme sowie Gegenargumente vorbringen.

Grüne Fassaden für bessere Optik

Heinz-Glas kostet das mindestens drei Monate. "Zeit, die wir eigentlich nicht haben", sagt Carletta Heinz. Sie kann die Anwohner aber verstehen und verspricht, dass man die Fassaden so schön wie nur möglich gestalten werde. Heutzutage könne man beispielsweise mit begrünten Wänden sehr viel machen. Außerdem will sie mit den Piesauern im Gespräch bleiben, die Pläne zeigen und die nötigen Schritte erklären.

Viele Piesauer stehen offenbar zu "ihrer Glashütte". So sagt zum Beispiel Angelika Habermann: "Wir leben von denen und die von uns." Auch sie wohnt nur einen Steinwurf vom Glaswerk weg. Ihr Mann hat jahrelang dort gearbeitet. "Wenn der Carl-August Heinz das Werk nach der Wende nicht wieder übernommen hätte, wären wir hier längst nicht das, was wir sind."

Eine Frau
Angelika Habermann wohnt nur einen Steinwurf vom Glaswerk weg - und steht zur Fabrik. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neben der Feuerwehr, dem Heimat- und dem Kirmesverein sowie mehreren Handwerksbetrieben und dem Ortsteilrat hat unter anderem auch der Sportverein SV 1865 Piesau eine Stellungnahme pro Glaswerk verfasst. "Es kann nur ein Glasmacherort Piesau mit einem Glaswerk existieren", heißt es da. Und weiter: "Wir sind stolz auf die Familie Heinz, die sich nach 400 Jahren nicht entmutigen lässt und sich den Anforderungen in der derzeitigen Energiekrise und Weltmarktsituation stellt."

Protestplakat
"Wir wollen Glasmacherort bleiben": Transparent in einem Vorgarten in Piesau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

All diese Stellungnahmen liegen ebenfalls dem Petitionsausschuss des Thüringer Landtags vor. Inklusive eigenen Angaben zufolge mehr als 620 Unterschriften, die innerhalb kurzer Zeit gesammelt worden seien.

Straffer Zeitplan

Die erste der beiden Elektrowannen soll möglichst schon Ende kommenden Jahres in Betrieb gehen. Die zweite Ende 2024. So lange soll die alte mit Gas betriebene Wanne noch laufen und dann endgültig vom Netz gehen.

MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. November 2022 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

camper21 vor 2 Wochen

Da hat ein Wessi ein Glaswerk im Osten übernommen, aufgebaut und 250 Menschen Arbeit gegeben und ich schätze mal nicht nur für den Mindestlohn. Und nun möchte er wieder investieren und es reif für die Zukunft machen und eine Handvoll Menschen behindern das. Sollten wir nicht froh sein, dass gute Jobs bei uns in Thüringen zukunftssicher gemacht werden? Und jetzt wird noch mehr Mitbestimmung der Bevölkerung gefordert? Aber an all den Verzögerungen sind die da Oben dran Schuld. Sarkastisch gemeint. Und fast keinen von den Usern interessiert es, man kann ja nicht gegen Politiker hetzen.

Graf von Henneberg vor 2 Wochen

Nun ja, also vollelektrisch, die neue Wanne, lt. Textbeitrag. Falls die Fa. Heinz Beratung braucht, kann sie sich ja bei mir melden. Solche Wannen haben schon seinerzeit in der DDR gebaut. Unsereins hatte auch damals u.a. in Ernstthal-Piesau im Glaswerk Spuren hinterlassen.
Weshalb die Leute im Dorf gegen eine Werkserweiterung sind, kann ich nachvollziehen, denn die Fa. Heinz braucht offenbar deren Land dazu. Und wer gabt das schon gerne ab. Andererseits "lebt" das Dorf auch von diesem Glaswerk - was gibt es denn sonst noch do oben an Arbeit? Und ein paar Mark an Steuern kommen auch in die Gemeindekasse.

camper21 vor 2 Wochen

Und keiner der User ergreift Partei für diese Firma, schämt euch ihr Thüringer.

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