Traditionshandwerk Glashersteller am Rennsteig fürchten um Existenz

Die Glashersteller am Rennsteig schlagen Alarm. Der Grund: die hohen Energiepreise. Im Werk in Piesau muss deshalb jetzt eine wichtige Investition gestoppt werden. Die ganze Branche sorgt sich um ihre Zukunft: Um insgesamt rund 8.000 Arbeitsplätze in der Glas-Produktion am Rennsteig stehen auf dem Spiel.

Ein Mann steht an einer Maschine, auf der glühende Glasflaschen stehen
Im Werk von Heinz-Glas in Piesau werden Flacons für Parfüm und Creme in der ganzen Welt hergestellt. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Fläschchen für Parfüms und Cremes - für Kosmetikhersteller in der ganzen Welt - kommen im Werk in Piesau im Landkreis Sonneberg, ganz im Süden Thüringens, vom Band. Eigentlich könnte die Geschäftsführerin von Heinz-Glas, Carletta Heinz, zufrieden sein. "Die Auftragsbücher sind bis ins nächste Jahr gefüllt", sagt sie. Wären da nicht die in den vergangenen Monaten enorm gestiegenen Preise für Strom und Gas. "Das ist so ein Riesen-Anstieg, insgesamt um 500 Prozent sind die Preise seit dem Herbst gestiegen", sagt sie. "Wir machen uns alle Sorgen um die Zukunft. Mit so hohen Kosten können wir nicht wirtschaftlich produzieren."

Alarmstufe Rot in Betrieben am Rennsteig

Heinz-Glas mit Hauptsitz in Kleintettau in Bayern, nur wenige Kilometer von Piesau entfernt, gehört zu den sogenannten energieintensiven Unternehmen. 2020 kostete die Glasproduktion die Glashersteller am Rennsteig bereits rund 50 Millionen Euro pro Jahr, so Carletta Heinz. 2021 hätten sich die Kosten bereits mehr als verdoppelt und seien auf 120 Millionen Euro geklettert.

Leere Glasflaschen auf einem Förderband
Die Auftragslage ist gut, Sorgen bereiten der Firma die Energie-Preise. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Für 2022 rechnen die Betriebe sogar mit 260 Millionen Euro. Die Glashersteller Heinz-Glas in Kleintettau und Piesau, die Ernst Röser Siebdruckerei in Tettau und Wiegand-Glas in Steinbach am Wald haben deshalb gemeinsam ein Video ins Internet gestellt. Der Hashtag #alarmstuferot soll Weckruf sein und die Politik auf die Lage der Betriebe am Rennsteig aufmerksam machen. Die gemeinsame Botschaft des Videos: "Wir können so nicht mehr wirtschaftlich produzieren."

Preise für Strom und Gas in Deutschland zu hoch

Den extremen Preisanstieg der vergangenen Monate könnten sich die Unternehmer nicht erklären, sagt Carletta Heinz, die das Familienunternehmen in 13. Generation mit Standorten auch in China, Indien und den USA führt. Vor allem Glashersteller außerhalb der EU seien von solchen extremen Preissteigerungen nicht betroffen. So im internationalen Wettbewerb vom Standort Deutschlands aus mitzuhalten, sei dadurch kaum noch möglich, meint sie.

Rotglühende Parfüm-Flaschen auf einer Maschine
Wie lange die Bänder hier noch laufen, kann derzeit niemand sagen. Bildrechte: MDR/Stefanie Reinhardt

Von der Politik fordert sie, die Preise für Strom und Gas so schnell wie möglich zu deckeln und zu senken. Entlasten würde die Glashersteller, wenn die EEG-Umlage für energieintensive Unternehmen schon vor Juli dieses Jahres komplett abgeschafft wird.

Wichtige Investition vorerst verschoben

Der Bau einer neuen Wanne für die Glasschmelze im Werk in Piesau wurde infolge der hohen Energiekosten schon verschoben - und das, obwohl dringend notwendig sei, die bisherige Wanne zu erneuern, sagt Werkleiter Rainer Bock. Wie sich die Situation entwickeln wird - er und die rund 280 Mitarbeiter bei Heinz-Glas in Piesau machen sich Sorgen.

"Wir machen uns Gedanken, wo die Reise hingeht", sagt er. "Wenn die Glaswerke hier oben die Bremse ziehen, dann fällt für die ganze Region hier oben ein wichtiger Teil weg." Um insgesamt rund 8.000 Arbeitsplätze in der Glas-Produktion am Rennsteig könnte es gehen.

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MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 27. Februar 2022 | 10:00 Uhr

5 Kommentare

part vor 18 Wochen

Dafür werden dann die Umverpackungen dank Rot-Grün bald aus Plastik hergestellt, wenn die Branche pleite geht oder aus China hierher geschifft. Bei höheren Energieprisen und einer zu erwartenden Inflationswelle dürfte sich der Absatz von Gebrauchsartikel sowieso zurückschrauben. Die Getränkeabfüller jammerten schon seit zwei Jahren über Engpässe. Ich sehe düster in die Zukunft, wenn es so weiter geht in Europa und der Welt mit unseren politischen Führungen.

Thueringer7 vor 18 Wochen

Lieber Herr Atheist ihrer Aussage kann ich ganz und gar nicht zustimmen da ich selbst seit langem in einem der genannten Unternehmen arbeite und die Mitarbeiter kenne kann ich ihnen sagen das mindestens 60% aus einem Umkreis von ca 20km hier tätig sind und die Leute vor Ort sich mit Gewissheit fragen wie es weitergeht

Karl Schmidt vor 18 Wochen

@Thueringer:
Atheist lebt selbst in einem anderen Freistaat. Von daher wird es die Menschen vor Ort kaum interessieren.

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