Frauen auf der Pirsch Jägerin in Südthüringen: "Ich kann schießen, muss aber nicht"

Sie ist 37 Jahre alt und hat vor vier Jahren den Jagdschein gemacht. Carolin Wagner aus Südthüringen liegt damit voll im Trend. Denn immer mehr Frauen in Thüringen entdecken die Jagd für sich. Nach Angaben des Deutschen Jagdverbandes ist inzwischen jeder vierte Schüler in den Jagdschulen weiblich. Tendenz nach oben. Was aber treibt Frauen an die Jagdwaffe?

Jägerin Carolin Wagner steht vor einem Auto.
Carolin Wagner hat vor vier Jahren ihren Jagdschein gemacht. Bildrechte: MDR/Bettina Ehrlich

Carolin Wagner ist in einem Dorf im Landkreis Sonneberg aufgewachsen. Schon als Kind hat sie in der Landwirtschaft mitgeholfen. Anpacken, das liegt ihr. Und auch das wird schnell klar, sie kann sich in der Männerwelt gut durchsetzen. "Wenn mir einer dumm kommt, da kriegt er auch einen saftigen Spruch an den Kopf geknallt und dann ist gut", sagt sie und lächelt.

Schwere Jagdprüfung

Seit inzwischen vier Jahren geht Wagner regelmäßig auf die Jagd. Für das "Grüne Abitur", wie der Jagdschein auch genannt wird, hat sie hart büffeln müssen. "Das war wirklich jede Menge Lernstoff, den ich mir da eintrichtern musste", erinnert sich Wagner. Das sei aber auch gut so gewesen. Denn als Jägerin habe man enorm viel Verantwortung. "Für den Wald, für andere Jäger und natürlich auch die Wildtiere", so Wagner.

Dass durch ihre Waffe Tiere sterben, ist für Wagner kein Problem. Das liege vor allem daran, dass sie auf dem Land aufgewachsen sei. "Als Landkind bist du auch dabei, wenn Tiere geschlachtet werden. Für mich ist das nichts Unnatürliches". Trotzdem kann sich die junge Frau an ihren ersten Schuss genau erinnern. "Da habe ich vorher noch mal alles abgecheckt, passt alles, sind keine Wanderer oder andere Jäger in der Nähe, ja und dann hab ich geschossen."

Am allerbesten sei es natürlich, wenn das Tier sofort liegt und nicht unnötig leiden muss. "Ich schieße nur dann, wenn ich mir absolut sicher bin. Und ich muss ja nicht schießen, ich kann, aber ich muss nicht."

Mehere Reihen Geweihe hängen an einer Wand. 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jagd für den vollen Kühlschrank

Wagner ist eine pragmatische Frau. "Ich gehe auch auf die Jagd, damit der Kühlschrank voll wird. Die ganze Familie freut sich auf einen Wildbraten am Sonntag." Kein Fleisch aus der Massentierhaltung könne da mithalten. "Es klingt zwar verrückt, aber im Grunde ist die Jagd auch Tierschutz", ist Wagner überzeugt. "Was ich erlege, hat jedenfalls ein hundert Mal besseres Leben gehabt als jedes Stallvieh".

Kritik an der Jagd prallt an Wagner ab. Vor allem auch, weil die Jagd ihrer Meinung nach vor allem Waldschutz ist. Wagner blickt auf eine vom Borkenkäfer geschädigte Fläche. Erst vor wenigen Tagen hat sie zusammen mit Jagdfreunden hier fast 100 junge Douglasien gepflanzt. "Wir müssen einfach dafür sorgen, dass die jungen Bäumchen nicht gleich wieder vom Wild abgefressen werden."

Jägerin im Wald 23 min
Bildrechte: MDR/Sophia Spyropoulos
23 min

MDR AKTUELL Mo 28.06.2021 20:05Uhr 23:13 min

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Frauen prahlen nicht so

Revierförster Ulf Tscharnke kann dem nur zustimmen. Generell wünscht er sich mehr Verständnis bei den Menschen für die Jagd. "Wenn wir wollen, dass der Wald überlebt, müssen wir das Wild eindämmen", so Tscharnke.

Dass sich auch immer mehr Frauen an die Jagdwaffe trauen, findet er gut. "Es ist ja auch etwas mittelalterlich zu denken, dass nur Männer gut jagen können", sagt der Förster. Die Zusammenarbeit mit den Jägerinnen sei jedenfalls sehr angenehm. "Die prahlen nicht so sehr wie ihre männlichen Jagdkollegen." Tscharnke hofft, dass das auch künftig so bleibt.

An Carolin Wagner bewundert er, wie außerordentlich geschickt sie mit dem erlegten Wild umgeht. "Wenn man sie dabei beobachtet, wie sie einem Schwein das Fell auf Jägerdeutsch die Decke abzieht, kannst du nur staunen", so der Revierförster. Nicht nur da könne sich so mancher Jagdkollege ein Scheibchen von ihr abschneiden.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 25. März 2022 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

uhu 66 vor 27 Wochen

Muss es nicht heißen: Ich kann Jagen, muss aber nicht.
Sympathisch für den Wildverbiss in den Wäldern.
Übrigens ist die Jagd eine hoch anspruchsvolle und intensive Tätigkeit.
Leider wird sie nur von einigen Jagtberechtigten als solche betrachtet.

Harka2 vor 27 Wochen

Freude am Töten - muss ich nicht verstehen. Einen vollen Kühlschrank habe ich dennoch. Grundsätzlich habe ich auch nichts gegen verantwortungsvolle Jäger. Nur, ich könnte keinem Tier etwas nehmen, was ich ihm nicht wieder zurückgeben könnte. Mir wäre es lieber, wenn wir in den Wälder das natürliche Gleichgewicht wieder herstellen würden und dabei auch größere Raubtiere ihren Job erledigen liesen. Mir sind da Wölfe, Bären und Luchse lieber als Trophäenjäger.

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