Nachhilfe Corona-Lernlücken schließen: Hier helfen Schüler anderen Schülern

Porträt Regionalkorrespondentin Marlene Drexler
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Wochenlanges Homeschooling hat bei vielen Kindern große Lernlücken hinterlassen. Weil sich nicht alle Familien Nachhilfestunden leisten können, organisiert die gemeinnützige Sibylle-Abel-Stiftung in Sonneberg ein kostenloses Angebot. Dabei unterrichten Gymnasiasten aus der Oberstufe.

Kinder sitzen in einem Klassenraum an Tischen und arbeiten
Nachhilfe gibt es in den Hauptfächern: Deutsch, Mathe und Englisch. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Gemeinsam mit fünf anderen Kindern sitzt die zehnjährige Xenia an einem großen, runden Tisch: "Ich lerne heute die verschiedenen Fälle, weil ich die noch nicht auseinanderhalten kann. Und sie hilft mir dabei sehr gut."

Zwei junge Frauen stehen vor einem Plakat
Luise Meusel (links) und Sophia Tees wollen später Lehrerinnen werden. Bildrechte: MDR/Marlene Drexler

Mit "sie" ist Luise Meusel gemeint. Die 18-jährige Gymnasiastin gibt der kleinen Gruppe einmal pro Woche Deutsch-Nachhilfe. Heute haben sie sich mit Wortarten beschäftigt. In den nächsten Stunden will Luise Meusel den Kindern Kurzgeschichten mitbringen, um lautes Vorlesen zu üben und das Leseverständnis zu schulen.

Lerndefizite in den Kernfächern ausgleichen

Für die Kinder ist der Nachhilfeunterricht kostenlos. Die Idee zu dem Projekt "Schüler helfen Schülern" hatte Doris Motschmann, ehrenamtliche Mitarbeiterin der gemeinnützigen Sibylle-Abel-Stiftung. Die Stiftung bemüht sich, Kinder und Jugendliche aus Sonneberg mit verschiedenen Projekten zu unterstützen. Die Arbeit wird durch Spenden finanziert. "Erst habe ich ausgebildete Lehrer für Nachhilfestunden angefragt", erzählt Doris Motschmann. Allerdings seien die Kapazitäten bei den meisten sehr begrenzt gewesen. Dann kam die Idee, Gymnasiasten zu fragen.

Cornelia Sussieck 1 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Sa 08.01.2022 06:00Uhr 01:28 min

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Seit November unterrichten nun acht Oberstufenschüler insgesamt rund 50 Kinder der fünften und sechsten Klasse in den Kernfächern Mathematik, Deutsch und Englisch. Doris Motschmann ist von der Kreativität der Gymnasiasten begeistert: "Sie haben tolle Ideen, den Stoff plastisch zu erklären." Noch dazu gingen sie sehr individuell auf die Schüler ein: "Sie bringen zum Beispiel selbst gestaltete und auf die Kinder individuell zugeschnittene Arbeitsblätter mit." In der Deutsch-Nachhilfe-Gruppe sitzt sogar ein kleines Mädchen, für das Deutsch bisher eine Fremdsprache war.

Nachwuchs-Lehrerinnen zeigen großes Engagement

Vor der 18-jährigen Luise Meusel liegt ein großer Aktenordner auf dem Tisch. Darin befinden sich sorgfältig abgeheftet alle Arbeitsblätter. Für ihren Unterricht hat sie vorab einen genauen Fahrplan erarbeitet: "Die Unterrichtsvorbereitung hab ich mir in Wochen eingeteilt, sodass ich jede Woche weiß, was ich mit den Kindern mache", erzählt sie - und klingt dabei schon wie eine richtige Lehrerin. Tatsächlich will sie auch später mal Grundschullehrerin werden.

Genauso wie die ebenfalls 18-jährige Sophia Tees, die im Nebenzimmer Mathe-Nachhilfe gibt: "Meine Erfahrung hier hat mich in meinem Berufswunsch bestärkt", sagt sie. Vor allem die sichtbaren Lernerfolge bei den Schülern motivierten sie. Eine ihrer Schülerinnen stand am Anfang in Mathe auf einer 4 bis 5, in der letzten Klassenarbeit habe sie dann eine 2 bekommen. Sophia Thees möchte später "Wirtschaft und Recht" unterrichten.

"Eine Win-Win-Situation“

Für ihre Arbeit bekommen die Gymnasiasten ein kleines Taschengeld von der Stiftung und am Ende ein Zertifikat. "Eine Win-Win-Situation" findet Heiko Voigt, Bürgermeister von Sonneberg und Vorsitzender der Stiftung: "Die einen lernen, aber die anderen lernen eben auch, indem sie lehren."

Laut Doris Motschmann befinden sich derzeit vier Schüler auf der Warteliste. Weil die Nachfrage so groß ist, soll das ursprünglich nur bis Februar geplante Angebot weiter bestehen bleiben.

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Quelle: MDR(gh)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 21. Januar 2022 | 18:38 Uhr

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