Welttag der Puppe Die letzte ihrer Art: Ein Ortsbesuch in der Puppenmanufaktur "Schildkröt"

Am 11. Juni ist Welttag der Puppe. Vor 100 Jahren kam ein Großteil der Puppen und der Spielwaren weltweit aus der Gegend um Sonneberg. MDR THÜRINGEN hat nachgefragt, wie das heute ist.

verschiedene Sammlerpuppen
Sammlerpuppen made in Thuringia Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

In dem Regal stapeln sich große und kleine Pakete, übereinander, nebeneinander, aus Leipzig, Düsseldorf, Paderborn, Erfurt, Jena oder Meiningen. Es sind mindestens 50 Stück. In jedem von ihnen liegt eine Puppe, alt und beschädigt. Manchmal ist die Farbe ab, oft fehlen ganze Teile. Ihre Besitzer schicken sie hierher, in die Puppenmanufaktur "Schildkröt" in Rauenstein, weil sie sie reparieren lassen wollen. Es sind Lieblingsstücke, oft das einzige Spielzeug aus der Kindheit. "Viele der Puppen stammen aus den 40er-Jahren", sagt Stephan Biemann, der Geschäftsführer der Manufaktur. Ramona Hofmann kennt sie alle. Es gibt keine Puppe, die sie noch nicht in der Hand hatte in den fast 30 Jahren, in denen sie hier arbeitet. Tausende Puppen hat sie schon restauriert, für jede einzelne braucht sie "mindestens einen Tag", sagt sie.

 historische Puppen
Auch Puppen aus Celluloid werden in Rauenstein wieder hergestellt. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Die Puppenmanufaktur "Schildkröt" ist ein Unternehmen mit Geschichte. "1896 ist die erste Puppe aus Celluloid, von den Gründern entwickelt, in Mannheim entstanden", sagt Stephan Biemann. Das Celluloid machte die Puppen robuster, leichter und vor allem erschwinglicher und die Schildkröt-Puppen berühmt. Der Name sei leicht zu erklären, erzählt Stephan Biemann: "Die Schildkröte hat einen harten Panzer, genau wie das Celluloid."

Puppen zum Spielen gab es schon immer

Puppen gibt es, seit es Menschen gibt. "Man geht davon aus, dass es schon in frühgeschichtlicher Zeit Puppen gab, meist mit mythischem Bezug und zu religiösen und kultischen Zwecken", sagt Julia Thomae vom Spielzeugmuseum Sonneberg. "Es gab aber auch immer die Puppe zum Spielen."

Das ist sehr viel Handarbeit.

Stephan Biemann

Puppen zum Spielen werden in der Puppenmanufaktur in Rauenstein bis heute gemacht. 19 Mitarbeiterinnen und drei Mitarbeiter sind damit beschäftigt. Sie stellen Puppenköpfe, -arme und -beine aus Vinyl her, nähen und stopfen Puppenkörper, verbinden die weichen Körper mit Armen, Beinen und Kopf, steppen Haare ein oder malen sie auf, setzen Augen ein, spritzen oder malen Augenbrauen, Lippen- und Wangenfarbe auf, nähen Puppenkleider, ziehen die Puppen an, verpacken und verschicken sie. "Man meint immer, es gibt eine große Maschine, vorne kommt das Material rein und hinten kommt die fertige Puppe raus. Aber so ist das nicht", sagt Stephan Biemann. "Das ist sehr viel Handarbeit." Allein, um ein Kleid zu nähen, braucht eine Näherin eine Dreiviertelstunde. Den Zuschnitt nicht mitgerechnet. Auf den Kartons steht "Handmade in Germany".

Blick in eine Schneiderei, zwei Näherinnen sitzen an Nähmaschinen.
Jedes Puppenkleidchen wird per Hand genäht. Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Nur Accessoires wie Schuhe oder Perücken werden zugekauft, möglichst regional. Die Glasaugen für die Sammlerpuppen werden in Lauscha hergestellt, die Puppenschuhe kommen aus Zella-Mehlis, den Kunststoff für Arme, Beine und Kopf stellt eine Bayreuther Firma her. Nur die Schlafaugen, also Augen, die auf und zu gehen, der Puppen kommen aus Spanien. "So haben wir die Produktionskette im Griff und wissen, wie verarbeitet wird und welches Material verarbeitet wird", sagt Stephan Biemann.

Damals kam jedes zweite, dritte Spielzeug in Deutschland aus der Gegend rund um Sonneberg.

Julia Thomae vom Sonneberger Spielzeugmuseum

Die Gegend rund um Sonneberg war einst berühmt für ihre Spielzeugproduktion. Schon im 18. Jahrhundert nannte man Sonneberg Spielzeugstadt, erzählt Julia Thomae. Es gab genügend Holz, die großen Handelsrouten, besonders die Handelsstraße zwischen Nürnberg und Leipzig, lagen ganz in der Nähe. Und die Leute hatten Zeit, sich mit Holzschnitzarbeiten zu beschäftigen, waren die Winter hier oben doch lang. Zur Weltspielzeugstadt wurde Sonneberg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg. "Damals kam jedes zweite, dritte Spielzeug in Deutschland aus der Gegend rund um Sonneberg und jedes fünfte, sechste auf der Welt", sagt Julia Thomae. Das Spielzeug wurde in Heimarbeit produziert.

Sonni - 10.000 Puppen pro Tag

Zu DDR-Zeiten, in den 50er- bis 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, produzierte der Betrieb VEB "Sonni" 10.000 Puppen und 6.000 Plüschspielwaren täglich, erzählt sie weiter. "70 Prozent davon wurde exportiert." Das ist inzwischen anders. Es gibt sie noch, die Spielzeughersteller im Kreis Sonneberg, aber die großen Fabriken stehen jetzt in anderen Ländern.

drei größere Puppen
Puppen aus der Manufaktur in Rauenstein Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
drei größere Puppen
Puppen aus der Manufaktur in Rauenstein Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
zwei Jungspuppen
Auch Jungspuppen werden produziert. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
ein Regal voller neuer Puppenkleider
Für jede Puppe etwas dabei: Die Puppenkleidchen werden per Hand genäht. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Blick in eine Schneiderei, im Hintergrund sind rosa Stoffballen zu sehen.
Die Farbe Rosa ist immer gefragt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Ein Mann steht neben einem Zuschneidetisch in einer Schneiderei.
Auf dem Tisch links werden die Kleidchen zugeschnitten. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Blick in eine Schneiderei mit Garnrollen und Kisten voller Stoff
Die zugeschnittenen Stoffteile warten darauf, zusammengenäht zu werden. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Formen zum Herstellen von Puppenköpfen.
Mit diesen Formen werden die Puppenkörper hergestellt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Eine Näherin beim Anfertigen von Puppenkleidern.
Sandy Kölbel aus Rauenstein arbeitet seit acht Jahren in der Puppenmanufaktur. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Puppenköpfe und Arme frisch aus der Form.
Noch haben die Köpfe weder Haare noch Augen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Eine Näherin an einer Steppmaschine.
Conny Leuthäuser steppt den Puppen ihre Haare an. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Ein Mann zeigt auf eine Maschine zum Einsetzen von Puppenaugen.
An dieser Maschine werden die Puppenaugen eingesetzt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Auf einem Tisch sind Puppenköpfe und Puppenaugen zu sehen.
Hier bekommen die Puppen ihre Augen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
ein Regal voller Puppenköpfe
Jedes Puppengesicht hat seinen eigenen Ausdruck. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Puppenköpfe in einem Karton.
Die Puppenköpfe sind fertig. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Eine große Menge weißer Synthetikwolle zum Füllen von Puppenkörpern.
Mit dieser Synthetikwolle werden die Puppenkörper gefüllt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Ein Mann zeigt einen Puppenkörper ohne Kopf.
Stephan Biemann zeigt einen fertig gefüllten Puppenkörper. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
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Ein buntes Glasfenster, auf dem eine Mädchen mit einer Puppe zu sehen ist.
Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler

Nur die Puppenmanufaktur in Rauenstein ist noch da. Sie sei die einzige Manufaktur für Spielpuppen, die in Deutschland herstellt, sagt Stephan Biemann. 25.000 Puppen pro Jahr werden hier produziert und im Facheinzelhandel, über den Werksverkauf und im Onlineshop verkauft, 90 Prozent davon in Deutschland. "Wir sind keine Massenhersteller und wollen das auch nicht sein", sagt Biemann.

Die Technik hat sich nicht geändert.

Stephan Biemann

1993 ist seine Familie mit den "Schildkröt"-Puppen vom Allgäu nach Rauenstein gezogen. Sie wollten ohnehin expandieren, die Kontakte in die Gegend waren da, die Rauensteiner produzierten schon in Lohnarbeit für das Unternehmen. Das Gebäude stammt aus den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, es "ist schon als Spielzeugbetrieb gebaut worden", so Biemann. Man sieht es ihm an. Viele der großen Räume dienen heute als Lager, für Kartons und Material. Es ist ein bisschen wie eine Zeitreise. Stephan Biemann: "Die Maschinen sind teilweise 50 Jahre alt, die Technik hat sich nicht geändert." Nur die Nähmaschinen seien etwas schneller und besser geworden.

verschiedene Puppen
Das "Schlummerle" aus Rauenstein Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler

Die Puppen haben hübsche Gesichter. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass Kinder sie schnell ins Herz schließen. Im vergangenen Jahr wurden mehr Puppen als sonst bestellt. "Wir hatten coronabedingt mehr Umsatz", sagt Stephan Biemann und erklärt sich das auch damit, dass die Käufer sich mehr Zeit genommen hätten, bewusster einzukaufen. Etwas teurer sind die Puppen aus Südthüringen schon. "Bei 40 Euro für die kleinsten einfachsten Puppen geht es los und geht rauf bis 500 Euro für die hochwertigen Sammlerpuppen." Ein "Schlummerle", die Puppe für die Kleineren, kostet 60 bis 70 Euro.

Ich habe den Eindruck, dass sich die Gesellschaft wandelt.

Stephan Biemann

Wird es so bleiben, dass die Kunden bewusster einkaufen? Stephan Biemann: "Wie es jetzt weitergeht, werden wir sehen. Vielleicht gibt es doch den einen oder anderen, der darüber nachdenkt, ob es so weitergehen soll oder ob man lieber kleine regionale Unternehmen unterstützt. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich die Gesellschaft wandelt und dass man nicht mehr so abhängig von China sein will." Er sei da ganz guter Dinge.

Ein Mann steht vor einem Regal mit Puppen und hält eine Puppe in den Händen.
Stephan Biemann mit der Puppe "Susi" Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Und die kommenden Puppentrends, wie sehen die aus? Puppentrends seien sehr modeabhängig. "Was immer Themen sind, sind Prinzessinnen, Glitzer und Rosatöne. Aber das ist kein von uns gemachter Trend, dazu ist die Puppenwelt viel zu klein." Seit 2014 gehört das Unternehmen einer größeren Gesellschaft. Doch die Mitarbeiter kommen nach wie vor aus dem Ort und der näheren Umgebung, viele Familien arbeiten schon seit Generationen in der Spielzeugherstellung. "Mit den Leuten steht und fällt der Betrieb", sagt Stephan Biemann und zeigt auf Nachfrage seine Lieblingspuppe. Sie heißt Susi und hat ein schelmisches freundliches Gesicht. Sie passt gut hierher.  

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 04. März 2021 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

Atheist vor 1 Wochen

Und die kommenden Puppentrends, wie sehen die aus?
Ich hab da schon so eine Ahnung, wohl so wie inzwischen die gesamte Werbung aussieht.
Und nicht vergessen ja kein Rosa.

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