Innovatives Bauen Bausteine aus der Müllverbrennungsanlage

Kann man aus Abfall Baumaterial herstellen? Dieser Frage geht ein aktuelles Forschungsprojekt nach. Bei Polycare in Gehlberg bei Suhl experimentieren sie mit Schlacke aus der Müllverbrennungsanlage in Rudolstadt-Schwarza. Erste Ergebnisse sind vielversprechend.

Ein Mann füllt Schlacke in eine Schüssel.
Philipp Scherer füllt die Schlacke und Polyesterharz in eine Schale. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Philipp Scherer füllt ein graues Pulver in eine Schüssel, dazu kommt ein Polyesterharz. Alles wird gut durchgemischt. Dabei entsteht eine graue Masse. Beim Aushärten in einer Form entsteht ein sogenannter Probekörper. Testobjekt für einen neuen Baustoff. Das graue Pulver: Schlacke aus der Müllverbrennungsanlage in Rudolstadt-Schwarza.

Wir wollen unsere Polyblöcke nachhaltiger machen. Deshalb verwenden wir Recycling- und Abfallprodukte.

Philipp Scherer, Entwicklungsingenieur bei Polycare in Gehlberg

Bausteine stehen in einer Lagerhalle.
Die Steinmuster aus Gehlberg Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Deponien in sieben Jahren voll

Über 80.000 Tonnen Müll verbrennt die Thermische Verwertungsanlage in Rudolstadt Schwarza jedes Jahr, darunter viele Abfälle aus der benachbarten Papierfabrik. Übrig bleiben etwa 14.000 Tonnen Schlacke. Die Schlacke wird bisher auf der Deponie in Pößneck eingelagert, doch deren Fassungsvermögen ist begrenzt.

Sven Rüdrich vom Abfallzweckverband schätzt, dass in sieben Jahren Schluss ist. Die Schlacke müsste dann über weite Strecken auf andere Deponien gefahren werden. Das könnte die Müllgebühren im Gebiet des Zweckverbandes in die Höhe treiben. Der Zweckverband unterstützt die Forschung in Gehlberg.

Wenn es soweit ist, werden wir gerne Rampen, Nebengebäude oder ähnliches aus dem neuen Baumaterial testen.

Sven Rüdrich, Zweckverband Abfall Saale-Orla

Produkt verbraucht weniger CO2

Bisher setzten die Gehlberger auf Sand als Grundstoff für ihre legoförmigen Bausteine. Seit einigen Jahren sind die in Namibia im Einsatz. Die Idee kam Polycare-Chef Gerhard Dust nach einem Erdbeben auf Haiti. Er suchte eine einfache und günstige Lösung für Menschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind. Aus der Idee entstanden die Polyblöcke, sechs verschiedene Formen von Bausteinen für jede Hausform. Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zur herkömmlichen Bauweise zu sehen.

Schlacke auf einer Mülldeponie.
Schlacke auf der Mülldeponie in Pößneck Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Stolz sind die Gehlberger darauf, dass sie bei der Produktion etwa 60 Prozent weniger CO2 verbrauchen als bei herkömmlichen Steinen. In wenigen Jahren wollen sie mit ihrem Produkt sogar CO2 binden. Möglich werden könnte das durch die Verwendung sogenannter Biokohle aus pflanzlichem Ursprung.

Jetzt muss aber erst einmal die Schlacke erforscht werden. Bis zur Zertifizierung des neuen Baustoffes stehen jahrelange Tests auf dem Programm.

Das Material muss stabil sein. Dann müssen wir schauen, wie sich die Polyblöcke unter verschiedenen Klimaeinflüssen verhalten.

Robert Rösler, Technischer Leiter bei Polycare

Bestandteile sollen in Rohstoffkreislauf zurückkehren

Außerdem wird das Material auf Immissionen untersucht. Für den Einsatz beim Hausbau dürfen die Steine auf keinen Fall gesundheitsschädlich sein.

Ein Weg führt zu einem Haus.
Ein Haus aus Polyblock-Steinen auf dem Gelände von Polycare in Gehlberg Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Ein wichtiger Faktor bei der Erprobung spielt bei Polycare auch das Thema Recycling. Wenn der Lebenszyklus eines Hauses vorbei ist, sollen alle Bestandteile der Steine wieder vollständig in den Rohstoffkreislauf zurückkehren. Das Abladen von Bauschutt auf einer Deponie könnte damit der Vergangenheit angehören.

Nahaufnahme der Steinblöcke eines Gartenweges. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 19.10.2021 19:00Uhr 02:04 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

part vor 6 Wochen

Aus Polyesterharz und Glasfasern wird auch Glasfaserkunststoff hergestellt, der wiederum brennbar ist unter bestimmten Bedingungen. Was hier praktiziert wird, ist nichts anderes, nur dass der Zuschlagstoff ausgetauscht wird und das Endergebnis etwas poröser und weniger dehnfähig wird. Dabei sollte Sand dennoch die gesündere Variante sein, doch Bausand ist weltweit knapp geworden.

Graf von Henneberg vor 6 Wochen

Das steht aufgeschrieben ..."Produkt verbraucht weniger CO2"... - Also wenn das kein CO2 verbraucht, ist diese Forschung sofort einzustellen.

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