2G in Gaststätten Im Sturm allein - Was Suhler Gastwirte zur 2G-Regel sagen

Seit Mitte November gilt in Thüringen die 2G-Regel für Gaststätten. Wie klappt die Umsetzung? Was sagen die Gastwirte dazu? Wie geht es der Branche damit? MDR THÜRINGEN hat in Suhl nachgefragt.

Mann an einem Tisch in einer Gaststätte
Uwe Hünger ist Inhaber der Gaststätte "Zum Bären" in Suhl. Seitdem 2G eingeführt wurde, kommen nur noch halb so viele Gäste wie vorher. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Am weihnachtlich geschmückten kleinen Marktplatz in Suhl liegt das Gasthaus "Zum Bären". Zwischen den Tischen wuseln Kellnerinnen hin und her und sprechen beinahe jeden Gast mit Namen an. "Ihr zwei, ihr kriegt doch wieder Schnitzel mit Spiegelei", sagt eine der Kellnerinnen zu einem älteren Paar.

Ihr wisst doch, das ist wichtig. Sonst verlieren wir noch unseren Arbeitsplatz.

Kellnerin im Gasthaus "Zum Bären" in Suhl

Die Speisekarte wechselt täglich, heute ist, wie jeden Mittwoch, Schnitzeltag, jedes kostet 6,80 Euro. Doch bevor die Bestellung aufgenommen wird, wird nach Impfnachweis und Personalausweis gefragt. "Ihr wisst doch, das ist wichtig, sonst verlieren wir noch unseren Arbeitsplatz. Dann könnt ihr nicht mehr kommen." "Um Gottes Willen", antwortet eine Besucherin.

Der Chef ist gerade zum Boostern

So ist das mit der 2G-Regel. Überall in Thüringen dürfen Gaststätten und Lokale nur von Geimpften und Genesenen betreten werden. Auf die Frage, wo der Wirt sei, antwortet die Kellnerin: "Der Chef ist gerade zum Boostern, aber das geht schnell, er ist gleich wieder da".

Ziemlich leer bei uns.

Uwe Hünger Inhaber des Gasthauses "Zum Bären" in Suhl

Und wirklich, zehn Minuten später kommt Uwe Hünger, Inhaber des "Bären", herein. Auf die Frage, wie es ihm als Gastwirt gehe, antwortet er "Bestens". Man hört ihm an, dass er das Gegenteil meint. Sein Blick schweift über die Tische, rund ein Dutzend Gäste größtenteils älteren Jahrgangs verteilen sich im großen Speiseraum. "Ziemlich leer bei uns", sagt er.

Er habe 50 Prozent weniger Kundschaft, seit 2G eingeführt wurde. "Ich habe langjährige gute Gäste, die nicht mehr kommen", sagt Uwe Hünger. Weil sie nicht geimpft seien. Warum nicht? "Weil sie die Krankheit nicht ernst nehmen, weil sie keinen Bock haben, ich weiß es nicht", sagt der Wirt.

Zwanzig Weihnachtsfeiern sind schon weggefallen

Fünf Angestellte habe er, erzählt er weiter. Eine sei im Moment nur damit beschäftigt, die Impfnachweise und Personalausweise zu kontrollieren. "Durch unsere gute Lage am Markt und mein Essen außer Haus kommen wir über die Runden. Aber wir haben lange nicht den Umsatz, den wir normalerweise jetzt hätten. Allein zwanzig Weihnachtsfeiern sind weggefallen." Und das seien keine kleinen Feiern gewesen: "Zu uns kommen Weihnachten immer die Seniorenheime mit 50 bis 70 Leuten. Fällt alles weg." Wenn es so weitergehe, sagt Uwe Hünger, werde er mindestens zwei Leute in Kurzarbeit schicken müssen.

Keine klare Antwort von der Politik

Am 1. November hat er sein 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Hat er geahnt, dass es noch einmal so schlimm mit der Pandemie wird? "Gerechnet habe ich damit, aber geglaubt habe ich es nicht." Uwe Hünger ist sauer auf die Politik. "Die treffen sich tausendmal und es kommt keine klare Antwort."

Der richtige Weg wäre, dass endlich eine Impfpflicht kommt.

Uwe Hünger Inhaber des Gasthauses "Zum Bären" in Suhl

Auf die Frage, was seiner Meinung nach die Lösung wäre, antwortet er: "Der richtige Weg wäre, dass endlich eine Impfpflicht kommt. Früher hat auch kein Mensch danach gefragt. Da wussten wir auch nicht, was gespritzt wird." Und dann, nach einer Pause, erzählt er, dass es in seinem Bekanntenkreis bereits Corona-Opfer gebe. Sie seien Impfgegner gewesen.

Wirtshaus von außen
Auch in das Wirtshaus "Sohle" in Suhl kommen viel weniger Gäste, seit 2G gilt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Im Wirtshaus "Sohle" am Steinweg mitten in der Stadt sitzen nur ein paar Menschen. Die meisten Plätze sind leer. Juliette Pusch, seit sieben Jahren Inhaberin der "Sohle", sagt: "Im Sommer haben sie mir noch die Bude eingerannt". Vor allem Gäste mittleren Alters und "die Jugend" kämen gern hierher. Aber nun, seitdem die 2G-Regel gilt, sei alles sehr verhalten, auch wegen der hohen Inzidenz hier. Sie lag tagelang bei über 1.000, inzwischen ist sie etwas gesunken.

Wir haben viele Stammgäste, die nicht mehr kommen, weil sie nicht geimpft sind.

Juliette Pusch Inhaberin des Wirtshauses "Sohle" in Suhl

"Ich denke, die Leute haben einfach Angst und bleiben zu Hause." Und: "Wir haben viele Stammgäste, die nicht mehr kommen, weil sie nicht geimpft sind." Zwanzig bis dreißig Gäste kämen jetzt nur noch pro Tag. "Das haben wir sonst allein über Mittag", sagt Juliette Pusch. Sie hätte es besser gefunden, wenn man die 3G-Regelung belassen hätte. "Ich würde niemanden zwingen, sich impfen zu lassen", sagt sie.

Wirtin in ihrem Lokal
Auch die Wirtin der "Sohle", Juliette Pusch, hat jetzt große Umsatzeinbußen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Der Umsatz, den sie zurzeit mache, reiche gerade mal für die Fixkosten, für Personal und Pacht. "Für mich selbst bleibt nichts übrig. Plus minus Null, das war's." Zwei Festangestellte und ein Lehrling arbeiten hier – neben Juliette Pusch. Sie müsse ihre Leute in Kurzarbeit schicken, wenn das so weitergehe, sagt sie.

Wir rechnen damit, dass sie uns wieder schließen.

Juliette Pusch Inhaberin des Wirtshauses "Sohle" in Suhl

"Wir fahren jetzt schon alles ein bisschen zurück, bereiten nicht mehr so viel vor, kaufen nicht mehr so viele Getränke. Wir rechnen damit, dass sie uns wieder schließen." Die Wirtin wäre jedenfalls dafür: "Es wäre besser, man würde sagen, wir machen vier Wochen komplett zu."

Eingang zu einem Wirtshaus
Im Wirtshaus "Suhler Waffenschmied" hängen die aktuellen Corona-Regeln statt des Tagesmenüs am Eingang. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Dieser Meinung ist auch Martin Kliemann vom Gasthaus "Suhler Waffenschmied". "Sie sollen einfach einen Lockdown machen, aber uns nicht so am ausgestreckten Arm verhungern lassen." Auch er ist ziemlich sauer auf die Politiker. "Sie hauen uns die 2G-Regel drauf und lassen uns im Sturm allein."

Der Oktober sei noch wunderbar gelaufen. Aber "seit 2G ist alles komplett eingebrochen, wir haben 70 Prozent weniger Gäste." Wenn das Telefon klingelt, weiß er schon, was der Anrufer sagen wird: "Statt Reservierungen kommen nur noch Stornierungen".

Wirt hinter dem Tresen
Martin Kliemann, Inhaber des Wirtshauses "Suhler Waffenschmied": "Sie sollen einfach einen Lockdown machen, aber uns nicht so am ausgestreckten Arm verhungern lassen". Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Martin Kliemann führt das Wirtshaus gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn. "Wir wissen nicht, was wir machen sollen, kaufen wir neu ein, frieren wir alles ein? Jetzt jeden Tag offen zu lassen und zu warten, was kommt, ist das Schlimmste, was passieren kann."

Wir wissen nicht, was wir machen sollen, kaufen wir neu ein, frieren wir alles ein?

Martin Kliemann Inhaber des Wirtshauses "Suhler Waffenschmied"

Die Kosten laufen ja weiter, wenn jeden Tag geöffnet ist. "Der Strom hat sich fast verdoppelt, das Gas hat sich verdoppelt, das Benzin ist teurer geworden und die Einkaufspreise auch. Wir haben immense Kosten", sagt der Wirt. Deshalb sei ein Lockdown, mit staatlichen Hilfen für die Gastwirte, die beste Lösung.

Die Lage ist dramatisch.

Dirk Ellinger Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Thüringen

Was diese drei Suhler Gastwirte erleben, erleben die meisten ihrer Kollegen in Thüringen, bestätigt Dirk Ellinger vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Thüringen. "Die Lage ist dramatisch." Die Umsätze seien mit der neuen Regelung "jäh eingebrochen". "Es ist für uns als Branche unerträglich, dass wir wieder so im Fokus stehen. Es ist wie eine Stigmatisierung", sagt er.

Gaststätten seien keine Treiber der Pandemie

"Wir sind letztes Jahr schon geschlossen worden und die Infektionszahlen sind danach dramatisch angestiegen. Das ist der Beweis dafür, dass wir keine Treiber sind", erklärt der Dehoga-Geschäftsführer. Es sei nicht bewiesen, dass in Gaststätten wirklich ein Infektionsgeschehen stattfinde. "Wir haben darüber keine Erfassung."

Das ist ein Lockdown durch die Hintertür.

Dirk Ellinger Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Thüringen

Jetzt sei man wieder enttäuscht von der Politik. Mehr noch: "Ich sehe nicht, dass irgendwo in der Politik die Bereitschaft besteht, dass wir offenbleiben dürfen. Das ist ein Lockdown durch die Hintertür." Dirk Ellinger sagt, die einzige Lösung sei 3G für die Gastwirtschaft. "Wir fordern, dass 3G weiter gewährt wird."

Mann an einem Tisch in einer Gaststätte
Klaus Judersleben kommt regelmäßig in den "Bären", um hier Mittag zu essen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Doch im Moment werden die Gastwirte in Thüringen weiter mit 2G leben müssen. Und auf Menschen wie Klaus Judersleben hoffen. Der Suhler Rentner kommt regelmäßig zum Mittagessen in den "Bären". "Ich habe kein Problem mit der 2G-Regel. Ich habe dafür gekämpft, dass ich mich frühzeitig impfen lassen konnte", sagt er und lässt sich seinen marinierten Hering weiter schmecken.

Mehr zum Thema

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | NACHRICHTEN | 02. Dezember 2021 | 15:00 Uhr

20 Kommentare

DER Beobachter vor 7 Wochen

Aber nach den bisherigen Angriffen und Drohungen aus der sogenannten Querdenkerszene auf und vor Schulen, Impfzentren, Impfbussen, Krankenhäusern, gegen Kretschmar, auf und im Umfeld deren Demos auf Polizisten, Journalisten und maskentragende Familien und nach den Prognosen von VS und Polizei zur weiteren Radikalisierung der Szene werden wir uns wohl nicht auf diedem Wege über diesen sehr verständigeren Gastronomen einigen können...

DER Beobachter vor 7 Wochen

Anita L., da möchte ich auch hin! Aber vllt. ist es ja sogar die kleine normalerweise gutgehende Dresdner Gastronomie, die vor einem Jahr schon so einen Monat vor der nötigen allgemeinen Schließungsverfügung dicht machen musste, weil die zwei Köche nachweislich auf diesem Wege erkrankten einschliesslich der für diesen Beruf tödlichen Long Covid Symptomen Geruchs- und Geschmacksverlust. Die haben immer noch "einen dicken Hals" auf die Vernunftverweigerer...

DER Beobachter vor 7 Wochen

Habe genau heute meine Boosterung bekommen, obwohl ich mich erst vor 4 Tagen angemeldet habe, weil der Arzt des Vertrauens meines Arbeitgebers sein BionTec immer noch nicht los wird, das er erst für die bisher Ungeimpften zurückhalten wollte. Bei meinem mittelständischen sächsischen Freien Träger sind nach meiner Schätzung mindestens 80% der Angestellten durchgeimpft und bekommen bis Weihnachten auch alle die Boosterung. Immerhin steigt langsam doch die Einsicht von mehr bisher Ungeimpften und ich habe den Eindruck, die Ärzte, die sich ins Zeug legen, bekommen auch den nötigen Stoff eher. Schwafeln die Verweigerer nicht ständig von Eigenverantwortung und weisen dann doch wieder alle Verantwortung ab?

Mehr aus der Region Suhl - Schmalkalden - Meiningen

Mehr aus Thüringen