Tourismus Wiedereröffnung nach sieben Monaten: Ein Ortsbesuch im Hotel Gastinger im Thüringer Wald

Seit Anfang Juni dürfen Hotels und Gaststätten dort, wo die Inzidenzen es erlauben, wieder öffnen. Auch das Hotel Gastinger in Schmiedefeld am Rennsteig gehört dazu. Wie geht es dort nach dem langen Lockdown weiter? MDR THÜRINGEN hat nachgefragt.

Zwei lächelnde Frauen stehen mit einem Wiesenblumenstrauß vor einem Kamin und schauen in die Kamera.
Mutter und Tochter: Stefania und Tina Gastinger. Den Blumenstrauß brachte ein Stammgast zur Wiedereröffnung mit. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler

Sieben Monate sind eine lange Zeit. Erst recht, wenn man keine Perspektive hat, von Woche zu Woche hofft und nicht weiß, wann und wie es weitergeht. Sieben Monate waren Gaststätten, Pensionen und Hotels in Thüringen geschlossen. "Das hätte sich niemand vorstellen können. In unserem 30. Jahr sowas!", sagt Tina Gastinger vom Hotel Gastinger in Schmiedefeld am Rennsteig im Thüringer Wald.

Wie kann man über sowas noch diskutieren?

Tina Gastinger über Menschen ohne Mund-Nasen-Maske

Sie ist eine herzliche, zugewandte Frau mit lächelnden Augen, in ihren dunklen Locken steckt eine helle Seidenblume. Sie schimpft nicht, sie stellt fest. Nur zweimal während des Gesprächs wird Tina Gastinger sehr energisch: Das erste Mal, als sie erzählt, dass es noch immer, nach all dieser Zeit, Menschen gibt, die absichtlich keine Maske tragen. "Tragen sie keine Maske, gehen sie wieder. Ich finde das unglaublich, wie kann man über sowas noch diskutieren?" Das zweite Mal, als sie sagt: "Ab dem zweiten November war alles zu, und dann wurde über Monate gar nicht mehr darüber diskutiert. Das geht nicht." Man merkt ihr die Fassungslosigkeit darüber deutlich an.

So eine lange Zeit ist Wahnsinn für ein Unternehmen.

Tina Gastinger

Dabei hat Tina Gastinger viel Verständnis für die Notwendigkeit, die Pandemie einzudämmen: "Ich habe verstanden, dass das eine ernste Situation ist und dass man reagieren und Wege finden musste, dass das nicht eskaliert. Aber über Monate alles zu und das völlig ohne Kompromissvorschläge? So eine lange Zeit ist Wahnsinn für ein Unternehmen."

Eine ganze Branche als Treiber abgestempelt

Sie ärgert sich, weil ihrer Meinung nach das Gastgewerbe zum Pauschalschuldigen gemacht worden sei. "Man hätte nicht eine ganze Branche abstempeln sollen als Treiber." Und sie fügt hinzu: "Vielleicht hätte man andere Wege versuchen können. Jeder hätte die Chance bekommen sollen, sich über Wasser zu halten."

Hotels und Gaststätten in Thüringen wieder offen

Inzwischen dürfen Gaststätten und Hotels inzidenzabhängig wieder öffnen. Seit dem 2. Juni gilt in Thüringen eine neue Pandemie-Verordnung: Sie sieht unter anderem vor, dass die Außengastronomie öffnen darf, sobald die Inzidenz unter 100 sinkt. Fällt sie unter 50, darf auch die Innengastronomie öffnen. Sobald die Inzidenz unter 35 sinkt, entfällt die Testpflicht in Innenräumen.

Das hätte die Politik anders entscheiden können.

Dirk Ellinger, Dehoga

Doch das ist nicht ganz die Regelung, die sich das Gastgewerbe wünschte. "Das hätte die Politik anders entscheiden können", sagt Dirk Ellinger vom Verband für das Thüringer Gastgewerbe Dehoga. Öffnungsschritte allein von den Inzidenzwerten abhängig zu machen, sei zu kurz gegriffen.

Perspektive fehlt noch immer

"Wir brauchen mit Blick auf den Sommer einen Ausblick. Sobald der Inzidenzwert steigt, müssen wir wieder schließen. So kann man nicht langfristig planen", sagt Ellinger. Zwar blicke man optimistisch nach vorn, "gleichwohl verlangen wir von der Politik, insbesondere von der Gesundheitsministerin, eine Perspektive."

Tourismus Zum Durchklicken: Das Hotel Gastinger im Thüringer Wald

Eingang zu einem Hotel.
Der Eingangsbereich vom Hotel Gastinger in Schmiedefeld am Rennsteig. Die Gäste können kommen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Eingang zu einem Hotel.
Der Eingangsbereich vom Hotel Gastinger in Schmiedefeld am Rennsteig. Die Gäste können kommen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Blick in eine gemütliche Gaststube.
Blick in die Gaststube. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Ein für zwei gedeckter Frühstückstisch.
Der Frühstückstisch ist schon gedeckt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Eine Urkunde hängt an einer Wand, davor steht Keramikgeschirr.
Das Geschirr töpfert Chefin Tina Gastinger selbst. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Blick auf eine große Waldwiese, links ist ein Hotel zu sehen.
Die Heuwiese: Die Gastingers machen hier Heu für ihre Schafe. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
Blick auf eine Waldwiese mit Teich.
Das Bassin für die Fische. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler
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Schmiedefeld, wo das Hotel Gastinger liegtk, gehört zur kreisfreien Stadt Suhl mit einer Inzidenz unter 35 und durfte am ersten Juniwochenende die Gastronomie wieder öffnen, am Montag darauf das Hotel. An diesem Eröffnungswochenende hätten sie an die 100 Essen verkauft, erzählt Tina Gastinger. Freilich sind das nicht die 250 Essensportionen, die sie sonst in dieser Zeit verkaufen.

Blumen von den Gästen

Dennoch strahlt die Chefin. Sie ist sichtlich froh, dass es wieder losgeht. Alle Stammgäste seien da gewesen, einige haben Blumensträuße mitgebracht, zum Beispiel das Professoren-Ehepaar aus Weimar, das hier jedes Jahr seinen Urlaub verbringt.

Tina Gastinger töpfert das Geschirr selbst

Stefania Gastinger, Tina Gastingers Mutter, strahlt auch. Sie hat das Hotel und das Restaurant gemeinsam mit ihrem Mann aufgebaut und es 2016 an ihre Tochter, die "eigentlich Töpferin ist", wie sie selbst sagt, und tatsächlich das gesamte Geschirr des Hotels töpfert, übergeben. In der Küche steht das Ehepaar bis heute.

Ein sonntäglicher Stammgast aus Leipzig

Ihre Speisen seien berühmt, sagt Tina Gastinger und erzählt von einem Stammgast, der jeden Sonntag eigens von Leipzig nach Schmiedefeld kommt, um hier Klöße zu essen. Der Leitspruch ihrer Eltern sei: "Wer aufgehört hat, besser sein zu wollen, hat aufgehört, gut zu sein."

Man muss am Ball bleiben und Neues ausprobieren.

Tina Gastinger

Das haben sie auch während des langen Lockdowns beherzigt. Die beiden 72-jährigen Gastingers senior haben neue Speisen ausprobiert, im ganzen Haus wurde Holzfußboden verlegt. "Wir haben eine Menge Renovierungsarbeiten gemacht", sagt Tina Gastinger. Die Zeit nutzen, sich weiterentwickeln – das finden die Gastingers wichtig. "Man kann nicht stehenbleiben und sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, man muss am Ball bleiben und Neues ausprobieren".

Nachholen und Wiedergutmachen geht nicht.

Tina Gastinger

Dennoch: Die lange Schließzeit war hart. "Nachholen und Wiedergutmachen geht nicht. Man muss jetzt nach vorn schauen." Sie hätten diese Zeit nur deshalb überstanden, weil sie gut aufgestellt waren: "Gottseidank machen wir das schon 30 Jahre, das Familiengrundstück gehört uns", sagt Tina Gastinger und setzt ernst hinzu: "Ich glaube, es gibt viele, die aufgegeben haben."

Eine lächelnde Frau sitzt an einem langen Tisch.
Tina Gastinger in der oberen Gaststube ihres Hotels in Schmiedefeld am Rennsteig. Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler

Aufgeben ist für sie hier im Thüringer Wald, zwischen den grünen Hügeln, keine Option. Tina Gastinger: "Wir schauen nach vorn. Wir bauen uns gegenseitig auf, unser Herzblut steckt hier drin. Wir wollen alle, dass es weitergeht". Die ersten beiden Hausgäste sind schon da, zwanzig Zimmer gibt es insgesamt. Die Speisekarte ist vorerst etwas abgespeckt, nach und nach sollen mehr Speisen dazukommen.

Handwerker sind gerade fertiggeworden

Nach sieben Monaten alles wieder hochzufahren, ist eine logistische Leistung. In der Küche wurden die Grundsoßen gekocht, Kräuterbutter gemacht, Röstis und "Babshüllerle", kleine frittierte Bällchen aus Kartoffelstampf, vorbereitet. Die Zimmer seien gerade so fertiggeworden, die Handwerker waren kaum draußen, da rückte die Putzkolonne an. "Wir haben gedacht, dass wir das in Ruhe vorbereiten können. Aber dann ging es wieder mehr oder weniger Holterdiepolter. Aber das ist bei Eröffnungen nicht unnormal", sagt Tina Gastinger und lacht.

Hoffen auf Gäste

Es ist schon ein bisschen spät dieses Jahr, der Mai ist normalerweise einer ihrer umsatzstärksten Monate. Himmelfahrt und Pfingsten fielen weg, der Rennsteiglauf musste erneut ausfallen. Nun hoffen sie auf die Wandersaison. Und darauf, dass die Touristen, so wie schon im vergangenen Jahr, länger bleiben. "Der Sommer 2020 war super. Bis Ende Oktober waren Hotel und Gastronomie dauervoll", sagt Tina Gastinger.

Thüringen ist gut aufgestellt für Urlaub in Deutschland.

Dirk Ellinger, Dehoga

Wie geht es weiter? "Wir sehen unsere Zukunft in klein und fein. Alles ein bisschen weniger, aber das Niveau und die Qualität halten und verbessern - das ist unser Plan." Die Tourismusregion im Thüringer Wald habe viel zu bieten. "Wir brauchen uns für das, was wir haben, nicht zu verstecken", sagt sie. Das meint auch Dirk Ellinger: "Wir haben letzten Sommer gesehen, dass Thüringen gut angenommen worden ist. Wir sind gut aufgestellt für Urlaub in Deutschland".

Eine Kaminecke mit zwei aus Baumstämmen geschnitzten Herzen und Wiesenblumensträußen.
Das Motto hier lautet "Genieße den Tag". Bildrechte: MDR THÜRINGEN, Carmen Fiedler

Das Hotel in Schmiedefeld jedenfalls ist bereit für Gäste. Nicht, dass es noch Werbung brauche. "Wir haben uns in den 30 Jahren einen Namen gemacht, wir haben nicht das Problem, dass die Leute uns nicht finden", sagt Tina Gastinger. Und dann erzählt sie, wie überrascht manche Gäste bis heute seien, wenn sie hierherkommen. "Sie sind völlig erstaunt über die Gegend, die Natur und die Qualität. Das hätten sie nicht erwartet hier im Osten, sagen sie. Viele haben Thüringen nicht auf dem Schirm." Das kann ja noch kommen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 08. Juni 2021 | 12:00 Uhr

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