Industrie Mit Gewehren für Spezialeinheiten gut im Geschäft: Waffenhersteller C.G. Haenel

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Die Südthüringer Waffenfirma C.G. Haenel ist ins Gerede gekommen in den vergangenen Monaten. Grund: Der "Underdog" hatte den großen Konkurrenten Heckler & Koch bei der Ausschreibung für die neuen Sturmgewehre der Bundeswehr zunächst ausgestochen, war dann aber aus dem Vergabeverfahren ausgeschlossen worden. Haenel-Chef Sauer nennt die Vorbehalte und Vorwürfe gegen das Unternehmen ungerechtfertigt und zeigt sich bei einem Werksbesuch recht aufgeschlossen.

Firmenlogo C.G. Haenel in Suhl
Das Haenel-Werk im Gewerbegebiet zwischen Suhl und Schleusingen Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Acht Minuten für einen Lauf

"Wir können unsere Produktion problemlos ausweiten, die Kapazitäten dafür haben wir." Diesen Satz sagt Olaf Sauer, Geschäftsführer des Suhler Waffenproduzenten C.G. Haenel mehrmals während des Rundgangs durch das Werk. Er zeigt CNC-Maschinen, die Gewehrläufe kalt schmieden. Acht Minuten braucht so eine computergesteuerte Schmiede für einen Lauf. Haenel fertige die Läufe nicht nur für die eigenen Produkte, sondern auch für andere Hersteller. 25.000 pro Jahr derzeit, das Zwei- bis Dreifache sei schon mit den bestehenden Kapazitäten möglich, sagt Sauer.

An anderen Maschinen werden Gehäuseteile aus Aluminium produziert, in einer Nachbarhalle Holzschäfte für Jagdgewehre. Sauer führt an Tischen vorbei, an denen Mitarbeiter Gewehre aus Einzelteilen zusammensetzen. Und er erlaubt dem Besucher einen Blick in einen separaten Sicherheitsbereich, in dem die Waffen für das Behördengeschäft montiert werden.

Waffenproduktion bei C.G. Haenel in Suhl
Lauf-Rohlinge vor der Weiterverarbeitung Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Streit ums Sturmgewehr

Behördengeschäft. Der etwas bürokratische Begriff steht bei Haenel für Aufträge von Polizei und Militär. Halbautomatische Gewehre für Polizisten, außerdem Sturmgewehre und Scharfschützengewehre für Soldaten. Diese Sparte ist seit Monaten Gegenstand bisweilen heftiger Debatten vor allem in sozialen Medien, aber auch in der Politik. Haenel hatte im September 2020 für Aufsehen gesorgt, als das Unternehmen vom Beschaffungsamt der Bundeswehr zum Sieger der drei Jahre zuvor gestarteten Ausschreibung über 120.000 Sturmgewehre erklärt worden war. Das von Haenel angebotene MK556 sollte das seit gut 25 Jahren in der Bundeswehr benutzte G36 ersetzen.

Ob es dazu kommt, scheint derzeit wenig wahrscheinlich. Nach Beschwerden von Heckler & Koch aus Oberndorf in Baden-Württemberg, mit dem G36 und anderen Waffen bislang so eine Art Haus- und Hoflieferant der Bundeswehr, hat das Beschaffungsamt im Dezember seine Entscheidung pro Haenel revidiert und angekündigt, dem Konkurrenten aus Oberndorf den Zuschlag erteilen zu wollen.

Vorwürfe und Vorbehalte im Internet und aus der Politik

Schon nach der Entscheidung für Haenel im vergangenen Herbst waren vor allem im Internet Zweifel am Hersteller in Thüringen aufgetaucht. Viel zu klein, um den Riesenauftrag zu bewältigen, mit einem Dumpingpreis den Konkurrenten ausgestochen, Patente anderer Hersteller verletzt. Und, so hieß es in der Politik unter anderem bei Linken und Grünen, die Millionen dafür flössen letzten Endes an eines der autokratischen Herrscher-Regimes am Persischen Golf.

Gemeint sind damit die Vereinigten Arabischen Emirate, deren staatlicher Rüstungskonzern EDGE über die Tochterfirma Caracal Eigentümer von Haenel und dessen Mutterunternehmen Merkel Jagd- und Sportwaffen GmbH ist. Seit der Übernahme im Jahr 2007 vom damaligen Eigentümer Heckler & Koch habe der Gesellschafter vom Golf einen zweistelligen Millionenbetrag in die Merkel-Gruppe investiert, sagt Sauer: "Dieser Standort wäre gar nicht mehr da, wenn die damals nicht gekauft und investiert hätten."

Umgekehrt sei bisher kein einziger Cent nach Abu Dhabi geflossen. Der Investor mische sich nicht ins operative Geschäft ein und wolle das Thüringer Unternehmen langfristig entwickeln.

"Kein Know-how-Transfer zwischen Suhl und Abu Dhabi"

Sauer und sein Finanzchef Swen Lahl bemühen sich, die Argumente und Vorbehalte zu entkräften, die in den vergangenen Monaten gegen Haenel vorgebracht worden sind. Es gebe keinen Know-how-Transfer zwischen Suhl und Abu Dhabi und auch keine Lieferung von Waffenteilen, sagen beide zu dem Vorhalt, Teile für die Bundeswehr-Sturmgewehre würden womöglich am Persischen Golf produziert.

Solche Lieferbeziehungen würden schon an den deutschen Ein- und Ausfuhrbestimmungen für Waffen und Waffenteile scheitern, sagt Sauer. "Dafür bekämen wir nie eine Genehmigung."

Waffenproduktion bei C.G. Haenel in Suhl
70 Prozent seines Umsatzes macht der Waffenhersteller mit Jagd- und Sportwaffen. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Vorgaben aus Abu Dhabi gebe es nicht. "Selbstverständlich müssen wir vernünftige Zahlen liefern", so Sauer. Mit ihren derzeit rund 135 Beschäftigten macht die Merkel-Gruppe um die 20 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. 70 Prozent davon mit Jagd- und Sportwaffen, den Rest bringt das Behördengeschäft. Die Exportquote, referieren Sauer und Lahl, liege bei 40 Prozent, wobei Geschäfte mit Polizei und Militär nur innerhalb der Europäischen Union getätigt würden. "Das ist bezüglich der Genehmigungen unproblematischer", sagt Sauer. Außerdem sei das so vom arabischen Eigentümer gewollt.

Bei Spezialeinheiten gut im Geschäft

Welche Kunden Haenel im Sicherheitsbereich hat, wollen Sauer und Lahl nicht sagen. Betriebsgeheimnis. Bekannt sind nach MDR-Recherchen Aufträge über 115 Scharfschützengewehre für die Bundeswehr-Spezialkräfte KSK und KSM im Jahr 2016 sowie eine aktuelle Bestellung der sächsischen Landespolizei über 2.300 halbautomatische Waffen des Typs CR223 - der "zivilen" Variante des Sturmgewehrs MK556.

Spezialeinsatzkräfte verschiedener Landespolizeien in Deutschland, unter anderem die in Hamburg, Sachsen und Thüringen verwenden ebenfalls das CR223. Im Geschäft mit Spezialeinheiten habe Haenel in den vergangenen Jahren 95 Prozent aller Ausschreibungen gewonnen, an denen man sich beteiligt habe, so Sauer. Neben der Bundeswehr werde auch Militär im Ausland beliefert. Welches genau, dazu schweigt Sauer ebenfalls.

Sturmgewehr-Auftrag würde Produktion verdoppeln

Verglichen mit dem Sturmgewehr-Auftrag der Bundeswehr sind Lieferungen an Spezialkräfte von Polizei und Militär mengenmäßig klein. Doch auch die Herstellung von 120.000 Sturmgewehren für die Bundeswehr könne man stemmen, versichert Finanzchef Lahl. Da die Auslieferung laut Ausschreibung über einen Zeitraum von sieben Jahren gestreckt wird, müssten pro Jahr etwa 17.000 Waffen geliefert werden.

Beim derzeitigen Ausstoß von rund 20.000 Waffen pro Jahr bedeute das "lediglich" eine Verdoppelung der Jahresproduktion, sagt Lahl. Das könne man mit mehr Personal und im Drei-Schicht-System sicherstellen, "notfalls schafft man auch noch die eine oder andere neue Maschine an". Den zusätzlichen Personalbedarf beziffert Lahl auf etwa 30 Leute. Im "worst case" könne man auch andere Produktionen zurückstellen und sich ausschließlich auf einen Bundeswehr-Auftrag konzentrieren.

Entscheidung liegt beim OLG Düsseldorf

Ob dieser doch noch kommt, hängt nun vom Oberlandesgericht Düsseldorf ab. Dem liegt seit Juni eine Beschwerde von Haenel gegen die Entscheidung der Vergabekammer vor, die den Ausschluss des Thüringer Unternehmens aus dem Vergabeverfahren bestätigt hatte. Die Begründung sorgt allerdings für Stirnrunzeln - nicht nur bei den Haenel-Chefs.

Denn die Vergabekammer stellte fest, dass das Angebot von Haenel gar nicht wirtschaftlicher gewesen sei als das von Heckler & Koch. "Das Bundesamt hat uns wegen angeblicher Patentrechtsverletzungen ausgeschlossen, und nun sollen wir plötzlich teurer gewesen sein. Das ist für mich nicht nachvollziehbar", sagt Geschäftsführer Sauer.

Die Vergabekammer hat ihre Entscheidung zur Haenel-Beschwerde inzwischen auf ihrer Website veröffentlicht. Einer der gegen Haenel vorgebrachten Gründe lautet - zusammengefasst: Haenel hätte nicht auf eine Nachfrage des Bundesamtes zu seinem Angebot reagieren dürfen, da diese nach Abgabe der finalen Angebote beider Hersteller erfolgt sei. Denn dadurch sei Haenel ermöglicht worden, seinen Angebotspreis nachträglich nach unten zu korrigieren.

"Den Einzelpreis hätten sie auch selbst ausrechnen können"

"Insgesamt fünf Fachreferate im Verteidigungsministerium und im Bundesamt hatten sich vorher mit der Frage befasst, ob diese Nachfrage rechtlich zulässig ist", sagt Finanzchef Lahl. Gegenstand seien die von Haenel für jede einzelne Waffe angebotenen 3-er-Sets von Schienen, mit denen Zubehörteile wie etwa eine Zieloptik an dem Gewehr befestigt werden können.

"Das war alles dokumentiert, das heißt, das Bundesamt konnte schon in unserem Angebot sehen, dass wir statt einer Schiene drei pro Waffe anbieten und was so ein 3-er-Set kostet." Das Amt habe dann darum gebeten, den Preis für eine Schiene zu nennen, was Haenel auch getan habe. "Den hätten die sich aber auch schon vorher selbst ausrechnen können, wenn sie einfach den Preis für das 3-er-Set durch Drei geteilt hätten", so Lahl weiter.

Ob Haenel sich nun das Verhalten des Beschaffungsamtes rechtlich zurechnen lassen muss, wird wohl das Oberlandesgericht in Düsseldorf entscheiden. Ein Urteil erwartet man in Suhl nicht vor Mitte 2022. Vielleicht sind bis dahin auch schon die Auseinandersetzungen um die Patentrechtsvorwürfe geklärt, die Heckler & Koch - nach Haenel-Lesart - gezielt während der Sturmgewehr-Ausschreibung erhoben hat, um die Glaubwürdigkeit des Thüringer Konkurrenten in Zweifel zu ziehen.

Es geht um ein paar Löcher im Gewehr

Der Streit konzentriert sich letztlich auf ein paar Löcher im Gewehr. Geschäftsführer Sauer zeigt dem Besucher ein Verschlussteil, an dessen Ende vier Löcher sind - eines in der Mitte und drei darum herum angeordnet. Sie sollen das Austreten von Wasser und Gas aus der Waffe ermöglichen und dafür sorgen, dass sie auch nach dem Eintauchen in Wasser funktionsfähig bleibt.

Das eine Loch in der Mitte sei 1994 vom US-Hersteller Colt in dessen Waffen eingeführt worden und patentfrei - also für jeden problemlos anwendbar. Heckler & Koch habe in einem 2007 angemeldeten Europäischen Patent die drei zusätzlichen Löcher sichern lassen. "Sie können die Teile weltweit bestellen - mit einem Loch oder eben mit den drei zusätzlichen Löchern", sagt Sauer.

Halbautomatisches Gewehr CR223 von C.G. Haenel
Das halbautomatische CR223 kann nur Einzelfeuer schießen. Die baugleiche Sturmgewehr-Variante MK556 kann zusätzlich Dauerfeuer schießen. Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Haenel habe für seine halbautomatische CR223 die 3-Loch-Variante genutzt, in der Annahme, diese sei patentfrei. "2018 haben wir eine Abmahnung von Heckler & Koch bekommen und daraufhin unsere Waffe geändert“, sagt Lahl. Seither werde die Waffe in ihren verschiedenen Ausführungen - also auch in der Sturmgewehr-Variante MK556 mit nur einem Loch im Verschlussteil angeboten. "Die Bundeswehr hat von uns kein Gewehr mit drei Löchern angeboten bekommen", versichern Sauer und Lahl. Daher sei der Vorwurf einer Patentrechtsverletzung in Bezug auf das MK556 völlig aus der Luft gegriffen.

Ob das so ist, werden das Landgericht Düsseldorf und das Bundespatengericht München zu entscheiden haben. In Düsseldorf geht es um eine Klage von Heckler & Koch gegen Haenel auf Patentrechtsverletzung, die sich aber auf die CR223 bezieht und nicht auf das MK556.

Im Gegenzug hat Haenel am Patentgericht in München eine Nichtigkeitsklage gegen das Patent von Heckler & Koch eingereicht. Ziel: Das Patent soll für Deutschland für nichtig erklärt werden. Während das Landgericht Düsseldorf nach eigenen Angaben für Oktober den ersten Verhandlungstermin anberaumt hat, gibt es in München noch keine Termine.

Grünes Licht von Magpul für Magazin

Und dann wäre da noch das Thema Magazin. Das von Haenel mit dem MK556 angebotene Magazin soll Patentrechte des US-Hersteller Magpul verletzen, heißt es von Heckler & Koch. "Stimmt nicht", sagt Sauer. Haenel beziehe das Magazin vom bayerischen Produzenten Oberland Arms, welcher seit Jahren mit Magpul zusammenarbeite.

Oberland Arms habe versichert, mit dem US-Hersteller keine Rechtsstreitigkeiten wegen möglicher Patentrechte zu haben. "Und wir haben uns auch selbst von Magpul bestätigen lassen, dass wir das Magazin für das Sturmgewehr verwenden dürfen."

Serienproduktion nicht vor 2024

Dass Beschaffungsamt und Vergabekammer eine andere Sicht auf die Dinge haben, nennen Sauer und Lahl unverständlich und nicht nachvollziehbar. Die Hoffnung auf den prestigeträchtigen Sturmgewehr-Auftrag wollen sie jedenfalls nicht aufgeben.

Und wer auch immer den Zuschlag bekommt: Die Bundeswehr wird ihre ersten neuen Sturmgewehre so bald nicht bekommen. Denn wer auch immer am Ende als Sieger feststeht - nach dem Zuschlag folgen Vertragsverhandlungen, dann muss das Vertragswerk dem Bundestag zur Genehmigung vorgelegt werden, anschließend folgt eine mehrmonatige Einsatzerprobung durch die Bundeswehr.

Mit einer Serienfertigung ist wohl nicht vor 2024 oder 2025 zu rechnen. Damit hätte das Beschaffungsvorhaben Sturmgewehr eine Gesamtlaufzeit von sieben bis acht Jahren von Ausschreibungsbeginn bis Auslieferung an die Truppe erreicht.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 22. Juli 2021 | 18:00 Uhr

3 Kommentare

Harka2 vor 8 Wochen

Sowohl die Richter als auch H&K sowie das zuständige Patentamt sollten sich mal ernsthaft fragen, ob Löcher zum Wasserableiten nicht vielleicht doch seit einigen tausend Jahren zum gesicherten Wissen der Menschheit gehören. Vielleich reiche ich demnächst ein Patent für das Knopfloch ein ...

wer auch immer vor 8 Wochen

Bei einer Freigabe wie in den USA oder jetzt in Tcheschien würden auch hier in D sich viele Menschen befaffnen, sich eine "Wumme" zulegen.

Da gäbe es Gewalt die nicht zu beherrschen ist.
Der Mensch ist zwar das intelligenteste Tier auf Erden, oft auch das primitvste!

maheba vor 8 Wochen

Loch zum Auslaufen von Wasser? Was soll das? Normaler Menschenverstand - was soll das. Wasser rein, Loch rein, Wasser raus.
War schon immer so.

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