Suhl Kleines Einmaleins des Sterbens: Letzte-Hilfe-Kurs bereitet auf den Tod vor

Britta Schlütter und Doris Leibling stehen mitten im Leben. Trotzdem beschäftigen sich die beiden Frauen immer wieder mit dem Tod. Als ehrenamtliche Helferinnen in der Suhler Hospizgruppe begleiten sie schwerkranke oder sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg. Heute geben die beiden in der Suhler Kulturbaustelle einen sogenannten Letzte-Hilfe-Kurs. Vermittelt werden soll das kleine Sterbe-Einmaleins.

Der Letzte-Hilfe-Kurs wird von erfahrenen Hospizarbeitern in ganz Deutschland gehalten. Entwickelt worden ist er von der gemeinnützigen Letzte Hilfe Deutschland GmbH. Das heißt, die beiden Kursleiterinnen in Suhl halten sich an eine vorgegebene Präsentation mit Theorie- und Praxisteil. In der Regel dauert der Kurs zwischen dreieinhalb und vier Stunden. "Wie bei der Ersten Hilfe geht es darum, vorbereitet zu sein", sagt Doris Leibling. Sie ist überzeugt davon, dass jeder so einen Kurs besuchen sollten. Denn niemand wisse, wann es ihn trifft. "Und sterben müssen wir schließlich alle", sagt sie.

Wie bei der Ersten Hilfe geht es darum, vorbereitet zu sein.

Doris Leibling

Schon eine halbe Stunde vor Kursbeginn kommen die ersten Teilnehmer. Unter ihnen ist Kerstin Freiberg. Sie pflegt seit zwei Jahren ihre Mutter. "Schon ein paar Mal habe ich gedacht, sie geht, und in diesen Momenten war ich einfach nur hilflos", so die zierliche Frau. Eine weitere Frau sagt, dass sie auch gern als Hospizarbeiterin mithelfen mochte. Eine weitere Teilnehmerin, die ihren Namen nicht sagen möchte, hat gerade erst vor Kurzem ihren Bruder verloren. "Der wollte noch nicht sterben und das hat er kurz vor dem Tod auch gesagt. Daran hab' ich noch ganz schön zu knabbern", sagt sie in der kurzen Vorstellungsrunde. Aber als ein Hospizarbeiter sie umarmt habe, sei das unfassbar tröstlich gewesen. Nicht nur für die Sterbenden, auch für die Angehörigen sei Zuwendung enorm wichtig.

Zwei Frauen sprechen vor Publikum.
Britta Schlütter und Doris Leibling bereiten Angehörigen darauf vor, ihre Liebsten auf dem letzten Weg zu begleiten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Natürlicher Umgang mit dem Tod verloren gegangen

Doris Leibling und Britta Schlütter können dem nur zustimmen. "Es gibt bestimmte Anzeichen, woran man erkennt, wenn es zu Ende geht. Aber jeder stirbt seinen eigenen Tod", so Schlütter. Früher sind die Menschen zu Hause gestorben. Damals habe man dadurch einen natürlichen Umgang mit dem Sterben gehabt, doch dieses Wissen sei verloren gegangen.

Jeder stirbt seinen eigenen Tod.

Britta Schlütter

Alles, was gut tut, ist richtig

"Es gibt auch kein Richtig oder Falsch", ergänzt Doris Leibling. "Alles, was dem Sterbenden gut tut, ist richtig." Wenn ein Mensch künstlich ernährt wird, warum ihm dann immer nur mit Wasser oder schlimmer noch Kamillentee die Lippen benetzen? "Wenn er gerne Bier oder sie gern Sekt getrunken hat, dann probiert es doch einfach mal mit Bier oder Sekt", so Leibling. Manch einer möchte so gern noch mal eine Bratwurst essen oder zumindest den Duft riechen. Kleine Säckchen aus Baumwolle könnten helfen - da die Bratwurst rein und der Patient kann daran zutschen und zumindest das Aroma genießen.

Genau solche Tipps sind es, auf die Kerstin Freiberg gewartet hat. Sie schaut genau zu, als die beiden Kursleiterinnen verschiedene Liegepositionen demonstrieren. Wie man beispielsweise mit zusammengerollten Handtüchern das gefürchtete Wundliegen verhindern kann. Außerdem wird sie noch einmal nachschauen, ob die Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht auf dem neuesten Stand sind. Auf den Tod sollte man vorbereitet sein. Er trifft uns schließlich alle einmal.

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MDR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21. April 2022 | 19:00 Uhr

9 Kommentare

ab1972 vor 9 Wochen

Oft ergibt sich der richtige Weg erst in der Situation. Meine Mutter verbrachte ihre letzten knapp 2 Wochen in einem stat. Hospiz. Für sie war das richtig und sie hat das auch gewollt, da man ihre Atemnot bei Lungenmetastasen dort besser lindern konnte. Zu der klassischen Situation, in der die Angehörigen beim Sterben und Bett stehen, kam es nicht, weil sie eines Morgens dann tot aufgefunden wurde.
Damals hatte auch der ambulante Palliativdienst zum Hospiz geraten.
Wichtig ist neben dem Wunsch des schwer Kranken auch, ob die Angehörigen die nötige Versorgung auch leisten können. Auch da sollte jeder ehrlich zu sich selbst sein. Wenn es dann zB wegen Verwirrtheit akut nicht mehr geht, wird die Situation wirklich schwierig.

Lyn vor 9 Wochen

@Atheist

Nicht jeder verdrängt so lange wie möglich.

Meine Eltern haben mir explizit mitgeteilt, was sie sich wünschen, Mutter hat genau das bekommen was sie nach ihrem Tod im Pflegebett daheim wollte, und Vater wird das auch bekommen.

Unter "jeder" läuft wohl die junge Generation, die es komplett verlernt hat, mit dem unvermeidlichen Ende umzugehen.

Meine 2. Tochter kümmert sich nach besten Kräften um ihren Vater, meinen ExMann, trotz Entfernung, viele Dinge lassen sich telefonisch und per Mail regeln. Jetzt denkt sie daran ein paar Monate selbst zu pflegen, ginge durch die mögliche Freistellung, einen Teil des Lohnes zahlt dann die Pflegekasse. Es muss nur für ihre Miete und NK reichen, der Rest wird geregelt.
Mein Nesthaken betreibt in der Angelegenheit Realitätsverweigerung. Sie will es nicht wahrhaben; aber er hat multiple Metastasen in Organen und Knochen, es ist die bösartigste Variante, bedingt durch eine spezielle Variante der Gene.

Thomas_vergeben vor 9 Wochen

Hallo Biggi0001

Meine Mutter ist ebenfalls an Lungenkrebs gestorben und wir haben sie bis zum Schluß daheim gepflegt.

Natürlich bin ich weder um Sie noch um Ihren Mann im Bilde. Aber vieles findet sich von selbst und wir taten das, was nötig und richtig ist, ohne groß darüber nachzudenken. Vertrauen Sie bitte auf sich und die Intuition Ihres Umfelds.

Wir waren dabei sehr froh, über das hiesige Hospiz einen Dritten im Bunde zu haben, der zwar nicht persönlich betroffen ist, aber wirklich jederzeit zur Seite stand.

Der Tod ist nun einmal unser aller Schlußpunkt, nur der Weg jedes Einzelnen ist ein anderer.

Ich wünsche Ihnen einen trotz allem guten Weg dahin und Ihrem Mann die Kraft, zu akzeptieren und loszulassen. Und ich weiß, das tut verdammt weh.

Bis heute bin ich mir sicher, dass der letzte Blick meiner Mutter ein Danke war für die gehaltene Hand bis zum Schluß!

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