Der Hauptsitz der Thüringer Energie AG.
Hauptsitz der Thüringer Energie AG in Erfurt. Das Unternehmen hat zehn Jahre lang den Energiemarkt Thüringens maßgeblich beeinflusst. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Martin Schutt

Energie & Telekommunikation Zehn Jahre Teag in kommunaler Hand: Der Thüringer Versorgungs-Riese

02. Juni 2023, 15:37 Uhr

Vor zehn Jahren sicherten sich Thüringer Kommunen die Mehrheit am Versorger Teag. Der baut sein Geschäftsfeld seitdem Zug um Zug aus. Das spült den Kommunen Geld in die Kasse, missfällt aber Teilen der Wirtschaft.

2012 kündigte der Essener Energiekonzern Eon an, regionale Tochterunternehmen verkaufen zu wollen. Die Energiewende war schon damals teuer; Eon wollte sich auf möglichst profitable Regionen konzentrieren. Ein Teil der Thüringer Kommunen bekundete Interesse, Anteile an der damaligen Eon Thüringer Energie zu übernehmen. Die Hoffnung war, die Entwicklung der Infrastruktur rund um Strom, Gas und Telekommunikation selbst mitbestimmen zu können - und damit auch Geld zu verdienen.

47 Prozent gehörten einigen hundert Thüringer Kommunen über eine Beteiligungsgesellschaft bereits. Viele Kommunalvertreter sahen nun die Chance gekommen, mehr Einfluss zu nehmen. "Wir haben das nicht nur gemacht, weil wir viel Geld verdienen wollen. Sondern, weil wir Infrastruktur herstellen wollen, weil wir hier vor Ort sind, weil wir hier etwas entwickeln wollen", sagt Michael Brychcy (CDU), Bürgermeister von Waltershausen. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender der heutigen Teag Thüringer Energie AG, die vor zehn Jahren im Sommer in ihrer heutigen Form entstand. Rekommunalisierung wurde der Vorgang damals genannt.

400.000 Strom-, Gas- und Wärmekunden - Elektromobilität als neues Geschäftsfeld

Teag. Schon in den 1990er Jahren hatte das Unternehmen mal so geheißen, gelangte dann mehrheitlich in den Besitz der Eon und firmierte dann als Eon Thüringen. Heute versorgt das Unternehmen nach eigenen Angaben selbst etwa 400.000 Thüringer Bürgerinnen und Bürger mit Fernwärme, Strom oder Gas. Hinzu kommen etwa 100.000 Kunden, die das Internet-Angebot nutzen. "Und wir hatten zuletzt auch 100.000 Ladevorgänge im Jahr an unseren Ladesäulen für Elektroautos", sagt Vorstandschef Stefan Reindl.

Kritik wegen Teag-Beteiligungen an Stadtwerken

Zudem ist die Teag heute an einer ganzen Reihe von Stadtwerken beteiligt, in Apolda, Arnstadt, Eisenberg, Greiz, Leinefelde oder Zeulenroda zum Beispiel. Die Anteile schwanken zwischen 16 und 74 Prozent. Was nicht überall Begeisterung auslöst. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südthüringen zum Beispiel, sieht die Verflechtung kritisch. "Dadurch gibt es eine absolute kommunale Dominanz auf dem Energiemarkt in Thüringen. Das ist unnötig und falsch." Natürlich sei das wirtschaftlich erfolgreich, aber "es ist nicht die Funktion der Kommunen, ihre Haushalte durch privatwirtschaftliche Tätigkeit" aufzubessern. Der Staat solle sich darauf beschränken, Rahmenbedingungen zu setzen.

Den Breitbandausbau als "Lückenbüßer" vorangetrieben

Brychcy sieht das anders: "Man kann doch in der Vergangenheit sehen, wie die private Wirtschaft sich teilweise zurückgezogen hat." Ein Beispiel sei der Breitbandausbau. Vor allem auf dem Land ging es damit jahrelang nicht voran. Lange Leitungen und in kleinen Orten nur wenige Anschlüsse - das verzögerte Investitionen der großen Anbieter wie Telekom oder Vodafone. IHK-Mann Pieterwas sagt, der Staat könne regulierend eingreifen, um den Markt zu beeinflussen.

Das aber klappt nicht immer. Die Zuweisungen von Fördermitteln und ein so geförderter Breitbandausbau ziehen sich oft über Jahre hin. Ein aktuelles ähnliches Beispiel ist der Telekommunikationsanbieter 1&1, der entgegen Zusagen an den Bund keine 1.000 eigenen Mobilfunkmasten, sondern bisher nur zwei Dutzend betreibt. Berichtet hatte darüber das Handelsblatt.

Beim Breitbandausbau springt dann die Teag-Tochter Netkom ein. Eigentlich hatte der Energieversorger seine Glasfaserkabel nur verlegt, um das Stromnetz aus der Ferne steuern zu können. Um 2010 wurden dann erste, auf dem Weg liegende Ortschaften angeschlossen. "Und als wir die ersten 50 Kommunen angeschlossen hatten, haben wir hunderte Anträge aus Gemeinderäten bekommen, das weiterzumachen", sagt Vorstandschef Reindl. Das Unternehmen fungiere da durchaus als "Lückenbüßer" für größere Anbieter, die ihr Geld lieber im Ausland investierten.

Verbesserte Infrastruktur für Ladesäulen

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) wurde beim Jubiläumsfest am Donnerstag nicht müde, den Erfolg zu loben. Richtig sei es gewesen, dass sich die störrischen Thüringer aufgemacht hätten, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die Risiken seien deshalb vertretbar. Dass nicht alle beteiligten Kommunen glücklich sind, bleibt heute weitgehend ausgeblendet. Eine Handvoll will ihre Anteile zu Geld machen, auch weil längst nicht alle ausgeschütteten Gewinne direkt auf ihren Konten landen. Doch kaufen müssten andere Kommunen in der Beteiligungsgesellschaft.

Parallel geht der Ausbau neuer Geschäftsfelder voran. Neben Netzen für Strom, Gas und Internet baut die Teag auch Ladesäulen auf. Das wäre eigentlich schon reichlich zu tun. Doch ab dem Spätsommer 2021 gerieten die Energiemärkte durcheinander. Bei den Energiehändlern der Teag ist zu erfahren, dass man zu dieser Zeit erstmals festgestellt habe, dass etwas nicht stimmt, weil die Preise plötzlich binnen Stunden extreme Sprünge machten.

Ein Elektroauto steht an einer Ladesäule. Aus der Säule führt ein Stromkabel zum Auto.
100.000 Ladevorgänge im Jahr verzeichnete es an den Teag-Ladesäulen pro Jahr an unseren Ladesäulen für Elektroautos Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Schon damals habe der russische Staatskonzern Gazprom seine Gasspeicher in Deutschland nur zögerlich befüllt. Im Februar marschierte die russische Armee in der Ukraine ein. Der Westen verhängte Sanktionen, Deutschland und andere bezogen weiter Gas. Doch die Lieferungen stockten, wohl auch als Vergeltung für die Sanktionen. Dann schob Russland wochenlang eine defekte Gasturbine vor, um einen Lieferstopp zu erklären. Schon da explodierten die Preise - und dann die Pipeline in der Ostsee.

Teag: Kurzfristige Stromkäufe für Kunden von Discounter-Verträgen führte zu höheren Preisen

Die zwischenzeitlich extremen Preissteigerungen reichte die Teag an ihre Kunden weiter. "Aber unsere Gewinne sind auf dem gleichen Niveau geblieben wie in den Vorjahren", sagt der Vorstandschef. Das Unternehmen habe sich also nicht bereichert. Auch die Strompreise sind extrem gestiegen, vor allem zwischenzeitlich in der Grund- und Ersatzversorgung. "Ging nicht anders", sagt Reindl. Discounter-Lieferanten hätten von heute auf morgen tausende Kunden in Thüringen aus ihren Verträgen geworfen. Für die habe man kurzfristig Strom zukaufen müssen - und das war zwischenzeitlich extrem teuer.

Massive Investitionen geplant

Auch in Zukunft dürften die Preise nicht auf Vorkriegs-Niveau zurückfallen. Denn die Teag will massiv investieren. Die Kommunen sollen 160 Millionen Euro Eigenkapital zur Verfügung stellen. "Wir haben dazu auch mit dem Minderheitsgesellschafter, der Thüga aus München, gesprochen", sagt Brychcy. Binnen zwei Wochen werde man sich wohl einig sein. Dann könne sich die Teag Kapital beschaffen, um Netze und erneuerbare Energien schneller auszubauen.

Ukraine-Krieg als Beschleuniger für die Energiewende

Das hört man bei allen Gesprächspartnern durch: Der Krieg wirkt als Beschleuniger für die Energiewende, auch wenn die grundsätzlichen Weichenstellungen dafür schon in der Großen Koalition zu Merkels Zeiten getroffen wurden. Trotz Krisen hat die Teag binnen zehn Jahren 700 Millionen Euro Gewinne an die kommunale Beteiligungsgesellschaft ausgeschüttet.

Hier räumt auch IHK-Chef Pieterwas ein: "Die wirtschaftlichen Risiken sind zum Glück nicht eingetreten." Denn die Kommunen hatten den Anteile-Kauf über Kredite finanziert. Die, so sagt Brychcy, seien etwa zur Hälfte zurückgezahlt. Man liege da über Plan - das Investitionsprogramm werde sich also stemmen lassen. Viel zu tun in den nächsten zehn Jahren.

MDR (fra)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 01. Juni 2023 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT am 03.06.2023

Warum soll es "falsch" sein,
wenn sich Kommunen - über ihre Stadtwerke und ggf. anderen kommunalen
Eigenbetriebe - auch an der Energieversorgung zu Gunsten der in der
Kommune lebenden Bewohner beteiligen ?

Das ist doch allemal besser und gewährt zudem einen gewissen Grad an
Versorgungssicherheit, als sich zu verweigern und an der Energie-Börse
spekulieren zu lassen und sich damit eben auch dem Vorfwurf aus-
zusetzen, dass die lebensnotwendige Energie in falsche Hände der
Spekulanten gerät und "die Stadt" nicht gut genug aufgepasst hat,
wenn sie ihre Stadtwerke an Dritte "verkauft"...?!

Was die (gleichbleibenden ?) Gewinne und die gegenwärtigen Preisirritationen
beim Energie-Endverbraucher betrifft, die durch völlig undurchschaubare grüne
Energiepläne auf Bundesebene verursacht sind und die teils zum Wechsel
zu vermeintlich günstigeren Anbietern verlockten, . . . ( sprachlos )

Investitionen sind gut für Deutschlands Zukunft !
Sie kosten aber auch jedem Beteiligten Geld !

Graf von Henneberg am 02.06.2023

Da steht aufgeschrieben:
..."Die zwischenzeitlich extremen Preissteigerungen reichte die Teag an ihre Kunden weiter. "Aber unsere Gewinne sind auf dem gleichen Niveau geblieben wie in den Vorjahren""...
Eine zutreffende Formulierung. welche keines weiteren Kommentares bedarf. Gell.

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