Kriminalität Immer mehr Flüchtlinge werden per Lkw nach Mitteldeutschland geschleust

Bastian Wierzioch
Bildrechte: Fabian Heublein

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN registriert die Bundespolizei immer mehr "Behältnis-Schleusungen". Dabei werden Flüchtlinge in Lkw oder Kleintransportern versteckt und illegal über die Grenzen gebracht.

Bei Minusgraden sind illegale Einwanderer in diesem Lkw mitgereist.
Polizisten entdecken bei einer Kontrolle in Sachsen illegale Einwanderer in einem Lkw. Bildrechte: xcitepress

Sechs afghanische Kinder und Jugendliche machten Mitte Februar im Gewerbegebiet "Güterverkehrszentrum Erfurt" auf sich aufmerksam. Dafür zerschnitten die Heranwachsenden im Alter von zehn bis 16 Jahren die Plane des Lkw, auf dessen Landefläche sie zuvor von Schleusern versteckt worden waren.

Die herbei gerufenen Beamten der Bundespolizeiinspektion Erfurt brachten die Minderjährigen sowie den rumänischen Fahrer in ihre Dienststelle im Erfurter Hauptbahnhof. Dort erzählten die Afghanen von ihrer mehrtägigen Fahrt, die in Rumänien begonnen hatte und sie über Teile der Balkanroute nach Thüringen geführt hatte. In Abstimmung mit dem Erfurter Jugendamt wurden die Kinder und Jugendlichen in städtischen Einrichtungen untergebracht. Ein Fall organisierte Schleuserkriminalität unter vielen.

Starker Anstieg

Seit dem Herbst verzeichnet die Bundespolizei einen starken Anstieg sogenannter Behältnis-Schleusungen im mitteldeutschen Raum. Karsten Täschner, der Sprecher der Bundespolizeiinspektion Erfurt, nennt diese Methode "menschenunwürdig und lebensgefährlich". Den Geschleusten drohe "Sauerstoffmangel, Dehydrierung, Unterkühlung sowie eine erhöhte Verletzungsgefahr bei Unfällen".

Nach Angaben Täschners stellte die Bundespolizei im letzten Quartal des vergangenen Jahres in Mitteldeutschland insgesamt "317 Personen in 34 Fällen im Zusammenhang mit Behältnis-Schleusungen fest". Eine "deutliche Steigerung" innerhalb des vergangenen Jahres. In diesem Jahr setze sich der "Anstieg der Fallzahlen unverändert fort". Laut Täschner werden über die deutsch-tschechische Grenze "vorwiegend afghanische Staatsangehörige geschleust". Über die deutsch-polnische Grenze kämen "regelmäßig Staatsangehörige aus Syrien". Die Syrer würden "auf polnischem Hoheits- wie Grenzgebiet auf Kleintransporter umverteilt, um anschließend so die Grenze" zu überqueren.

Wie organisieren Schleuser die illegalen Menschentransporte?

Nach Polizeiangaben greifen Schleuser die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Irak sehr häufig in Rumänien oder Bulgarien auf. Ein paar Tage lang bringen die Menschenschmuggler die Migranten in geheimen Unterschlupfen unter. Dort müssen sie so lange warten, bis sie auf Lkw-Ladeflächen oder in Kleintransportern versteckt werden. Einige Speditionen sind Teil der kriminellen Schleuser-Netzwerke. Andere Fahrer wiederum bringen die Flüchtlinge ohne eigenes Wissen über die polnische oder tschechische Grenze. So wie beispielsweis der Mann, der die sechs afghanischen Minderjährigen ins Erfurter Gewerbegebiet gefahren hatte.

In Deutschland angekommen, machen die Flüchtlinge entweder auf sich aufmerksam oder sie werden von Zeugen entdeckt. Dies geschieht häufig an Raststätten, während die Fahrer ihre gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen nehmen. Die wenigsten illegalen Grenzübertritte werden bei gezielten Kontrollen festgestellt.

22.03.2018, Niedersachsen, Bad Bentheim: Bundespolizisten befreien an der deutsch-niederländischen Grenze neun irakische Flüchtlinge aus einem verplombten Kühllaster.
22.03.2018, Bad Bentheim in Niedersachsen: Bundespolizisten befreien an der deutsch-niederländischen Grenze neun irakische Flüchtlinge aus einem verplombten Kühllaster. Bildrechte: dpa

Die Bundespolizei erklärt die Zunahme von Schleusungen in Transportfahrzeugen mit einem "Staueffekt" auf der Balkan-Route. Viele Flüchtlinge aus den arabischen Ländern sitzen derzeit in Osteuropa fest. Der Linien- und Urlaubsverkehr mittels Flugzeugen ist stark limitiert, der Individualverkehr stark eingeschränkt. Fern- und Reisebusse fallen als Transportmöglichkeit ebenfalls aus, und in den Zügen kontrolliert die Bundespolizei.

Doppel-Strategie

Um dem Schleuser-Phänomen entgegen zu treten, verfolgt die Bundespolizei eine Doppelstrategie. Sie verstärkt die Kontrollmaßnahmen und stellt Ermittlungen zu den Schleusernetzwerken an. Insgesamt werde der Fahndungsdruck erhöht. So teilt es die Bundespolizei-Direktion in Pirna mit, die für die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen zuständig ist. Zudem kooperiere man mit den jeweiligen "Landespolizeien und der Bundeszollverwaltung".

Neben den gezielten Kontrollen versuchen Ermittler der Bundespolizei in Halle, die Strukturen der Schleuser-Organisationen aufzuklären. Die Spezialisten der dortigen Bundespolizeiinspektion für Kriminalitätsbekämpfung beschäftigen sich ausschließlich mit schwerer und organisierter Kriminalität.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. März 2021 | 19:00 Uhr

12 Kommentare

Funkwerker vor 37 Wochen

Ist schon beschämend, wie viele Ostdeutsche mit Schulbildung a la DDR nicht mehr in der Lage sind, Ursache und Wirkung auseinander zu halten.
Gäbe es die Fluchtursachen wie
Krieg (insbesondere seit dem Regime-Change von Obamas Gnaden),
unfairen Welthandel (Erschleichung Lizenzen Abbau Rohstoffe mittels Bestechung korrupter Politiker),
Zerstörung der eigenen Produktionskapazitäten (bspw. Milchproduktion durch Export hochsubventioniertem Milchpulver seitens der EU) und
Abwerbung hochqualifizierter Fachkräfte und damit wirtschaftlicher Stillstand oder gar Niedergang nicht mehr, dann würden die allermeisten Menschen ihre Heimat nicht verlassen wollen und wir hätte kaum Zuwanderung.
Deswegen findet man im Parteiprogramm der AfD auch nirgends einen Hinweis auf die Beseitigung der Ursachen, maximal Schwachsinn zur Linderung der Wirkung. Aber für die Anhänger, die eben nicht trennen können zwischen Ursache und Wirkung reicht dies ja. Armes Deutschland!

helmut57 vor 37 Wochen

Die halbe Welt ist auf der Flucht,das betrifft alle Kontinente.
Die Hauptursache ist immer wieder die große Armut der Menschen. Wir werden das nicht in den Griff bekommen. Die sozialen Anreize tuen hier das Übrige dazu. Für einen Hartz 4 Satz, müssen so manche Monate schuften. Also für mich völlig nachvollziehbar.

Matthi vor 37 Wochen

Jeder Fahrer ist für sein Fahrzeug verantwortlich. Es wäre ein leichtes Infrarot bzw Bewegungssensoren verpflichtend in LKWS nachzurüsten. Spätestens wenn die Fahrzeuge beschlagnahmt u. Versteigert werden wird sich was ändern.

Mehr aus Thüringen