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System der Geldwäsche vermutet

Armenische Mafia laut BKA in Kreditbetrug verwickelt

von Axel Hemmerling, Ludwig Kendzia und Dirk Reinhardt

Stand: 21. Juni 2017, 20:00 Uhr

Die armenischen Mafiaclans in Erfurt organisieren seit Jahren Kreditbetrugsgeschäfte. Und es führen Spuren zur Landesbausparkasse Hessen-Thüringen und zur Sparkasse Mittelthüringen. Das Bundeskriminalamt vermutet hinter den Mafiageschäften ein Geldwäschesystem.

Es ist ein nerviges Geschäft. So richtig kommt Howo B. (*Name geändert) nicht voran. Eigentlich sollte das Geld längst auf dem Konto der Frau sein und die hätte es wiederum ihm längst zahlen sollen. Doch bisher ist nichts passiert. Also verabredet sich Howo B. wieder mit Matthias H. (*Name geändert). Der ist sein Mann in der Bank. Mitte April 2010 kommt es zu einem Treffen zwischen den beiden auf einem Hotelparkplatz in Erfurt. Was beide zu diesem Zeitpunkt nicht wissen, das Bundeskriminalamt (BKA) überwachte das Treffen.

Seit 2009 waren die Fahnder des BKA-Sachbereichs "Schwere und Organisierte Kriminalität" in Erfurt unterwegs. Das BKA hatte von der Staatsanwaltschaft Erfurt ein Verfahren übernommen, das sich gegen mehr als ein Dutzend Personen richtete. Darunter waren auch die mutmaßlichen Chefs eines armenischen Mafiaclans. Angeführt von Howo B., seinen beiden Brüdern und einem weiteren Bruderpaar. Sie alle wurden vom BKA jahrelang abgehört und überwacht. Dabei stießen die Fahnder auch auf ein Geschäft, dass die armenischen Mafiabosse offenbar bereits seit Jahren bis heute betreiben. Im korrekten juristischen Wortlaut nennt es sich "Krediterlangungsbetrug". Dieses Wort-Ungetüm meint nichts anderes, als dass sich ein Verdächtiger durch falsche Angaben bei einer Bank ein Darlehen besorgt.

BKA überwacht armenische Mafia

Die BKA-Fahnder stießen bei ihren Ermittlungen in Erfurt auf ein ausgefeiltes System dieser Kreditgeschäfte. Dabei geht die Mafia folgendermaßen vor:

Zuerst werden Strohleute ausgesucht. Diese haben die Mafiapaten oder ihre Helfer bereits rekrutiert. Diese geben die Basisdaten, wie Name, Geburtsdatum oder Adresse einem freien Kreditvermittler. Der ist mit dem Mafiaboss bekannt und füllt die Kreditanträge aus. Diesen werden dann die geforderten Unterlagen, wie Gehaltsscheine, Einkommensnachweise oder Steuerunterlagen dazu gelegt. In den meisten Fällen sind sie gefälscht. Der Kreditvermittler hat in der Bank einen Kontaktmann. Dessen Job ist es, die Anträge samt Unterlagen gegenzuchecken und dann für die Bewilligung des Kredits zu sorgen.

Genauso haben das die armenischen Clanbosse offenbar dutzendfach gemacht, zu lesen in den BKA-Akten. Geholfen haben ihnen dabei mutmaßlich Männer wie Matthias H. Er war unter anderem in der Landesbausparkasse Hessen-Thüringen beschäftigt. Hunderte von Telefongesprächen zwischen Howo B. und Matthias H. hörte das BKA damals ab. Immer wieder war die Rede davon, dass Unterlagen noch gefälscht werden müssten. Dafür haben die armenischen Clans auch einen Fälscher. Im Falle der Erfurter Mafiagruppe war es ein Finanzberater mit einer eigenen Buchhaltungsfirma. Er bekam ständig Aufträge, die Unterlagen der Strohleute so passgenau zu machen, dass es bei der Kreditvergabe keine misstrauischen Fragen in der Bank gab.

Einsatz von Strohleuten

Wurde der Kredit bewilligt, ging das Geld auf das Konto des Strohmannes. Der wiederum überwies einen großen Teil auf Anderkonten. Das sind Treuhandkonten, die ein Anwalt im Namen von Mandanten eröffnen kann. Diese Mandanten gehören zum direkten Clanumfeld der Armenier. Die Gelder fließen dann in den Geschäftskreislauf der armenischen Mafia. Die Fahnder vermuten, dass für die Rückzahlung Gelder aus den kriminellen Geschäften eingesetzt werden. Getarnt werden diese als Geschäftseinnahmen aus Clubs, Shishabars oder Restaurants. Eingezahlt auf ganz normale Konten.

Daraus werden dann die Kredite bedient, so der Verdacht. Damit verfügen die Mafiaclans über gewaschenes Geld. Die Ermittler gehen davon aus, dass hinter den Kreditbetrügereien ein Geldwäschesystem steckt, das aber nur schwer aufzudecken ist. Denn im damaligen Fall waren die beantragten Kredite selten höher als 60.000 oder 70.000 Euro. In vielen der Fälle, die in den BKA-Unterlagen zu finden sind, lagen sie weit darunter. Damit wurde offenbar versucht, bei den betroffenen Banken keinen Verdacht zu wecken. Besonders dann nicht, wenn die Unterlagen gefälscht sind.

Dubiose Kreditvermittler mischen mit

Doch zentral in diesem Geschäft waren und sind die freien Kreditvermittler, wie zum Beispiel Sylvio K. Er taucht auch in den BKA-Unterlagen auf. K. soll gute Geschäftskontakte zur Sparkasse Mittelthüringen gehabt haben. In einer internen Vermittlerdatenbank der Sparkasse wurde er als "hervorragend" bewertet. Auch K. hatte Kontakt zu einem Armenier, den das Bundeskriminalamt damals im Visier hatte. Garic B. (*Name geändert) gehört zur Gruppe um Howo B. und ist bestens in den Strukturen vernetzt. In seiner Spielhalle fand im Sommer 2014 eine Schießerei zwischen armenischen Gangs aus Berlin, Leipzig und Erfurt statt. Inzwischen gehört ihm der Laden nicht mehr.

Garic betreibt laut den BKA-Unterlagen mit Sylvio K. das gleiche Geschäft, wie die anderen Clanbosse. K. soll ihm Kredite über Strohleute besorgen. In diesen Fällen sollen die Gelder für den Kauf von Häusern und Eigentumswohnungen eingesetzt worden sein. Verkäufer dieser Immobilien war ein Vertrauter von Garic, der diese mit Geld aus kriminellen Geschäften über eine Tarnfirma gekauft hatte. Die Kaufsumme mit dem sauberen Kreditgeld floss offenbar über verschiedene Konten wieder zurück an den armenischen Clan. Auch in diesem Fall wäre das Geld durch den Immobilienkauf gewaschen.

Spuren führen zu Sparkasse und LBS

In allen diesen Fällen, die das BKA zwischen 2009 und 2015 in Erfurt ermittelte, führen die Spuren zur Landesbausparkasse Hessen-Thüringen und zur Sparkasse Mittelthüringen. Durch die Kreditvermittler und Bankmanager konnten offenbar jahrelang solche Geschäfte laufen. Das BKA durchsuchte die LBS-Filiale 2011 in Erfurt, das bestätigte die Bausparkasse MDR THÜRINGEN auf Nachfrage. Die Zusammenarbeit mit Matthias H. sei damals sofort beendet worden.

Von Geldwäsche nichts gewusst? Sparkasse Mittelthüringen Bildrechte: MDR

Doch H. hatte auch Kredite über die Sparkasse Mittelthüringen vermittelt, genau wie Sylvio K. MDR THÜRINGEN fragte zu den Ermittlungen bei der Sparkasse Mittelthüringen nach. Die aber von diesen angeblich nichts gewusst haben will. In einer Antwort heißt es, dass man zuerst durch die MDR-Anfrage zur Kenntnis genommen habe, dass sich "der Kreis potentieller Betrüger auf ein Vielfaches erstreckt und möglicherweise in Strukturen der organisierten Kriminalität eingebunden ist". Diese Reaktion der Sparkasse Mittelthüringen steht allerdings im Widerspruch zu Hinweisen in den BKA-Akten. Denn dort ist zu lesen, dass die Sparkasse im Rahmen der damaligen Ermittlungen einen Revisionsbericht an die Staatsanwaltschaft übergeben hatte. Auch die betroffenen Kreditvermittler und Ex-Bankmanager schweigen.

Neuer Fall von Kreditbetrug

Dass die Masche mit den Kreditbetrugsgeschäften aber weiter geht, zeigt der jüngste Fall eines Mannes, der ebenfalls zum Umfeld eines armenischen Clans gehören soll. Er hatte über einen Kreditvermittler bei der Postbank einen Kredit beantragt. Doch einem Postbank-Mitarbeiter fiel auf, dass die Unterlagen gefälscht waren. Im vergangenen Jahr erließ die Staatsanwaltschaft Erfurt deshalb einen Strafbefehl gegen den Mann. Ermittlungen, ob dahinter wieder ein System zur Geldwäsche stecken könnte, gab es von der Thüringer Polizei nicht. Die Staatsanwaltschaft Erfurt stellte übrigens das umfangreiche BKA-Verfahren gegen die armenische Mafia 2015 ein - ohne eine einzige Verurteilung.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im MDR FERNSEHEN:MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21.06.2017 | 19:00 Uhr
Exakt - Die Story | 21.06.2017 | 20:45 Uhr

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