Tierheime Ausgelaugt und angefeindet: Ehrenamtliche im Tierschutz

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Tierheime sind auf die unentgeltliche Arbeit freiwilliger Helfer angewiesen. Statt Dank ernten sie jedoch oft Beschimpfungen. Wir sprachen darüber mit Kevin Schmidt, dem Vorsitzenden des Landestierschutzverbandes Thüringen.

Drei Katzen auf einem Teppich.
In viele Tierheimen kümmern sich ehrenamtliche Helfer um die Tiere, weil nicht genügend Geld zur Verfügung steht, um Mitarbeiter einzustellen. (Foto: Katzen im Tierheim Heiligenstadt, Archivbild) Bildrechte: MDR/Armin Kung

Welche Aufgaben übernehmen ehrenamtliche Helfer, die in Tierheimen arbeiten?

Ehrenamtliche in Tierheimen übernehmen grundsätzlich dieselben Aufgaben wie die hauptamtlich Angestellten. Sie fangen für Kastrationsaktionen verwilderte Katzen auf der Straße ein, sorgen für die Tiere im Heim, füttern sie, halten die Unterkünfte sauber, bringen sie zum Tierarzt - und das alles unentgeltlich. Es ist sogar so, dass die Tierheime auf diese Ehrenamtlichen angewiesen sind, sonst könnte der Betrieb nicht aufrechterhalten werden.

Wie ist das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Angestellten und freiwilligen Helfern?

In vereinsgeführten Tierheimen arbeiten nur wenige hauptamtlich angestellte Personen, in einigen Tierheimen oftmals nur auf Minijobbasis. Es gibt Tierheime in Thüringen, da bekommt die Tierheimleitung für zehn Stunden in der Woche 520 Euro Gehalt. In Wirklichkeit ist das Arbeitspensum aber viel höher. Das heißt, ohne ehrenamtliche Tätigkeiten wäre der Betrieb nicht zu stemmen.

Hunde im Tierheim
Tiere in Tierheimen müssen gut versorgt und gepflegt werden, das kostet Zeit und Geld. (Symbolbild) Bildrechte: Colourbox.de

Woran liegt das?

Es ist einfach viel zu wenig Geld da. Tierheime finanzieren sich vor allem durch Spendengelder. Letztendlich wird durch diese Spendengelder eine Aufgabe übernommen, für die die gesamte Gesellschaft verantwortlich wäre. Aber diese Aufgabe wird einfach nicht anders bezahlt. Wir würden gerne viel mehr machen, können es aber nicht, weil kein Geld da ist.

Gibt es keine Zuschüsse vom Land oder von den Kommunen?

Die Kommunen und Gemeinden haben bestimmte Pflichtaufgaben. Dazu gehört auch die Unterbringung von Fundtieren und ihre Sicherstellung. Diese Aufgabe haben die Kommunen an die Tierheime übertragen. Dafür bekommen Tierheime sogenannte Fundtierpauschalen. Das heißt, die Tierheime bekommen pro Einwohner der Gemeinde einen bestimmten Betrag im Jahr.

Das sind jedoch keine Zuschüsse, sondern vertraglich geregelte Dienstleistungen. Das wird aber häufig vernachlässigt. Es gibt Kommunen, die lediglich 32 Cent Pauschale zahlen. Wenn Sie das umrechnen: Im ländlichen Raum in einer Gegend mit wenig Einwohnern, reicht das dann gerade mal für einen Monat. Die Tiere müssen ja vernünftig versorgt werden. Da sind die Kosten für das Personal noch gar nicht mit abgegolten.

Was sagen Sie als Landestierschutzverband Thüringen dazu?

Wir fordern, die Fundtierpauschalen generell auf zwei Euro oder 2,50 Euro zu heben, um auch nur ansatzweise die Fundtiere versorgen zu können. Es gibt keinen einheitlichen Regelsatz in Thüringen. Selbst damit sind nur etwa ein Viertel der Tierheim-Kosten gedeckt. Wir gehen davon aus, dass sich die finanzielle Situation in den nächsten Monaten aufgrund der allgemein gestiegenen Unterhaltungskosten (Energie, Wasser, Reinigungsmittel), der neuen Gebührenordnung für Tierärzte, der steigenden Futterkosten und des neuen Mindestlohns noch weiter verschlechtern wird.

Junge Katzen sind im Tierheim der Stadtwirtschaft Erfurt untergebracht.
Tierheime nehmen Fundtiere auf. Hier im Tierheim Erfurt sind junge Katzen untergebracht. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Tierheime nehmen ja alle Fundtiere auf. Was passiert, wenn das nicht mehr geht? Was macht man dann?

Das ist schwierig. Es gibt ja auch den Tierschutzbund, der neben den Tierheimen meistens auch Tiere aufnimmt und komplett ehrenamtlich arbeitet. Hier in Nordhausen beispielsweise haben wir das Tierheim und den Tierschutzbund Nordhausen. Das ist mein Verein. Wir nehmen auch Katzen auf und wir bekommen gar nichts. Wir leben nur von Spenden.

Die Vereine im Deutschen Tierschutzbund, unserem Dachverband, dem über 750 regionale und örtliche Tierschutzverbände und -vereine mit circa 550 Tierheimen angehören, unterstützen sich da gegenseitig. Doch die Tierheime sind überfüllt.

Ein Hund sitzt angeleint an einem Zaun im Gras. Hinter ihm ist am Zaun ein Schild mit der Aufschrift "Tierheim" angebracht.
Wenn Halter junge Hunde abgeben, sind diese oftmals verhaltensauffällig und lassen sich deshalb schwerer vermitteln. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO/ Shotshop

Es ist leider so, dass sich viele Leute unüberlegt Tiere zulegen. Zum Beispiel werden Hunde oftmals nach wenigen Monaten abgeben. Besonders junge Hunde, die sich in der Prägephase befinden, kommen dann häufig verhaltensauffällig in Tierheime und sind dann entsprechend schwerer oder gar nicht vermittelbar.

Was macht den Helfern, abgesehen von der Überlastung und der fehlenden Bezahlung, noch zu schaffen?

Die fehlende Anerkennung. Die Helfer, die die Arbeit, ohne etwas dafür zu bekommen, machen, müssen sich beleidigen lassen und sind psychisch überfordert. Beispielsweise werden die Helfer, die Katzen einfangen, um sie kastrieren zu lassen, von Anwohnern als Tierquäler beschimpft, es gibt Menschen, die diese Fangaktion sogar sabotieren. Dabei wollen wir nur verhindern, dass die Katzen sich vermehren. Auch, wenn Tierheime voll sind und keine Tiere mehr aufnehmen können, ernten die Helfer Unverständnis.

Ein anderes Beispiel: Manchmal bekommen wir mitten in der Nacht einen Anruf, weil jemand eine Katze auf der Straße gesehen hat. Wenn wir dann sagen, es tut uns leid, wir können nicht vorbeikommen, weil wir morgen arbeiten müssen, werden wir beschimpft. Fragen wir, ob der Anrufer die Katze vielleicht selbst einfangen und uns dann morgen vorbeibringen könnte, werden wir wieder beschimpft. Obwohl wir das vollkommen freiwillig und unentgeltlich machen.

Oder: Wenn jemand einen streunenden Hund meldet, dauert es seine Zeit, bis die Helfer dort sind. Dann fragt man, ob der Anrufer so lange vor Ort bleiben könnte, um das Tier zu sichern, den Hund zum Beispiel festzuhalten. Oft wird das nicht gemacht, die Leute fahren einfach weiter. Die Tierheimmitarbeiter suchen dann das Tier stundenlang in der Umgebung. Während dieser Zeit bleibt natürlich die eigentliche Arbeit liegen.

Ich weiß nicht, ob die Menschen denken, dass das eine Sache ist, die wir machen müssen, dass das Tierheim dazu verpflichtet ist, 24 Stunden am Tag da zu sein. Das ist weit von der Realität entfernt.

Kanarienvogel
Kevin Schmidt vom Landestierschutzverband Thüringen: "Wir haben schlaflose Nächte, weil uns die Tiere am Herzen liegen. Wir wissen oft nicht, wie es weitergeht." (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Wie fühlen Sie sich als ehrenamtlicher Helfer damit?

Wir machen das ja wie gesagt ehrenamtlich und privat, trotzdem haben wir schlaflose Nächte, weil uns die Tiere natürlich am Herzen liegen. Wir wissen oft nicht, wie es weitergeht, wie wir den nächsten Monat schaffen und überhaupt das nächste Jahr.

Hinzu kommen die momentanen zusätzlichen Schwierigkeiten. Die Energiepreise sind gestiegen. Damit steigen auch die Futterpreise, denn die Produzenten geben ihre gestiegenen Preise an die Tierheime weiter. Es ist bei uns ja nicht so, dass wir irgendetwas dagegen rechnen könnten.

Wir könnten höchstens die Schutzgebühr, also den Preis, den man zahlt, wenn man ein Tier aus dem Tierheim aufnimmt, erhöhen. Aber dann können es sich die Menschen nicht mehr leisten, Tiere aus Tierheimen aufzunehmen.

Ein Hund wird von zwei Tierärztinnen untersucht. 4 min
Bildrechte: dpa/Themendienst | Frank Rumpenhorst/picture alliance

Hinzu kommt, dass die Gebührenordnung der Tierärzte gestiegen ist, teilweise haben sich die Sätze verdreifacht. Wir befürchten, dass sich durch die gestiegenen Kosten viele Leute die Tiere nicht mehr leisten können und versuchen, sie abzugeben.

Am Ende ist der Gelackmeierte immer der Mensch, der gerade im Tierheim sitzt und eigentlich nichts anderes möchte, als die Welt ein Stück weit besser zu machen.

Hundewelpen in einem engen Käfig im Kofferraum eines Autos
Der Tierschutzverband fordert, den Handel mit Tieren zu regulieren. (Foto: Illegaler Welpenhandel, Archivbild) Bildrechte: imago/blickwinkel

Was wünschen Sie sich?

Wir haben klare Forderungen. Erstens: Die Fundtierpauschalen müssen auf mindestens zwei Euro steigen. Zweitens: Der Onlinehandel mit Tieren muss komplett verboten werden. Drittens: Jeder, der sich ein Tier holt, muss nachweisen können, dass er in der Lage dazu ist, für das Tier zu sorgen und dass er mit dem Tier umgehen kann.

Momentan kann man Tiere tauschen wie Pokémon-Karten. Der Handel mit Tieren muss unbedingt reguliert werden. Tiere sind fühlende Lebewesen, keine Gegenstände.

Tierschutz befürchtet Exotenaussetzungen
Wenn Halter sich ihre Tiere nicht mehr leisten können, werden sie abgegeben oder ausgesetzt, darunter sind auch Exoten. (Symbolbild) Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Wenn sie einen Sachkundenachweis für Tierhalter fordern, wer soll das umsetzen?

Ich kann mir vorstellen, dass wir als Tierheime und Tierschutzvereine die Behörden entlasten könnten, indem wir die Sachkunde der Personen abnehmen. Denn die Behörden können das nicht allein stemmen. Da würden wir als Tierschützer unseren Beitrag leisten. Natürlich würde aber eine größtenteils behördliche Kontrolle nötig sein.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Menschen jetzt zuallererst mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen haben?

Es ist absolut verständlich. Viele müssen ihre eigenen Herausforderungen lösen. Wir sind dankbar für jeden, der auch nur einen Euro spendet, weil es momentan auch für uns sehr schwierig ist. Aber es gibt noch Menschen, die trotz der eigenen Probleme viel spenden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Vielen Dank für das Gespräch.

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MDR (caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 13. Oktober 2022 | 18:40 Uhr

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