Trockenheit Wassermangel in Thüringen: Fast so schlimm wie im Dürrejahr 2018

Die wochenlange Trockenphase im Juni gipfelte im bislang wärmsten Wochenende des Jahres. Erst dann sorgte ein regnerischer Montag für Abkühlung. Was macht das mit Natur, Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung?

Hand mit trockener Erde
Ausgetrockneter Waldboden bei Heldburg:  Bisher war der Juni viel zu trocken. Bildrechte: MDR/Nicky Scholz

Mit 37,9 Grad Celsius war Altenburg wohl der heißeste Ort Thüringens am vergangenen Hitze-Sonntag. Laut Deutschem Wetterdienst lag der bisherige örtliche Höchstwert für dieses Datum bei 35,7 Grad Celsius im Jahr 2013.

Auch der Rest des Landes ächzte unter der Hitzewelle. Schon zuvor hatte die wochenlange Abwesenheit von Regen die Böden ausgelaugt und die Pflanzen strapaziert. Für die Landwirtschaft ist das eine absolut kritische Situation, sagt Steffi Knoblauch vom Thüringer Landesamt für Landwirtschaft. Mit einem speziellen Messgerät messen sie und ihre Kollegen regelmäßig den Wasserhaushalt des Bodens im südöstlichen Thüringer Becken.

Lysimeter bei Buttelstedt
In dieser Messstation (Lysimeter) bei Buttelstedt im Weimarer Land wird der Wasserhaushalt des Bodens gemessen. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum

Trockenheit: Weizen- und Maisernte in Gefahr

Zwar gebe es regionale Unterschiede, doch unterm Strich war der Juni bisher viel zu trocken. Allein in Buttelstedt lag die Regenmenge bisher bei etwa neun Millimetern. Normal für diese Jahreszeit wären 75 Millimeter. Auch im Rest des Thüringer Beckens blieb es ungewöhnlich trocken.

Niederschlagsmessung Die Niederschlagsmenge wird mithilfe eines Niederschlagsmessers gemessen. Dabei wird der Regen in einem Gefäß aufgefangen, von dem die Wassermenge abgelesen werden kann. Die Skala des Regenmessers wird in Millimeter angegeben. Hierbei entspricht ein Millimeter Niederschlagshöhe im Becher einem Liter Regen pro Quadratmeter.

Aus Sicht der Landwirtschaft sei jetzt besonders der Winterweizen in Gefahr, sagt Steffi Knoblauch. Bei hohen Temperaturen vergilben die Blätter schnell, vor allem wenn der Boden bereits ausgetrocknet ist. Je nach Bodenbeschaffenheit könne man dies bereits vielerorts beobachten. Das Resultat: eine Störung der Photosynthese und letztendlich eine schlechte Ernte im Herbst.

Bauern fürchten starke Einbußen

Auch Jens Wirsching vom Agrarunternehmen in Rieth im Heldburger Unterland schaut mit Sorge auf die Felder. Wenn kein Niederschlag kommt, könnte der Ertrag um die Hälfte sinken. Auch beim Grünfutter sieht es schlecht aus. Der zweite Schnitt sei kaum noch möglich, weil das Gras regelrecht verbrenne, so Wirsching.

ein Weizenfeld
Besonders der Weizen befindet sich derzeit in einer kritischen Wachstumsphase und benötigt jetzt viel Wasser. Bildrechte: colourbox.com

Thoralf Müller von der Agrargenossenschaft in Pfersdorf fürchtet eine Notreife beim Getreide, sollte es nicht bald regnen. Ähnlich ist die Lage in Ostthüringen. Dort sind Getreide, Raps und Mais ebenfalls in Gefahr.

Situation fast wie im Dürrejahr 2018

Unterm Strich sei es im aktuellen Jahr viel zu trocken, sagt Herbert Michel vom Thüringer Landesamt für Landwirtschaft. Er ist verantwortlich für 24 Wetter-Messstationen an Thüringens wichtigsten Agrarstandorten.

Niederschlagmessgerät auf einem feld
Einer von 24 Wetter-Messstationen des Landesamtes für Landwirtschaft in Thüringen. Bildrechte: Thüringer Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum

Nach einem feuchten Einstieg im Januar und Februar folgte demnach eine lange Trockenphase, die im Juni ihren Höhepunkt fand. Ähnlich wie im Trockenjahr 2018 habe die durchschnittliche Regenmenge bis zum jetzigen Zeitpunkt bei nur 34 Prozent des langjährigen Durchschnitt gelegen.

Besonders hart trafen es laut Messungen des Landesamtes das Weimarer Land sowie die Region um Rudolstadt, Dornburg und Schlossvipach. Hier habe es im Juni kaum "pflanzenwirksame" Niederschläge gegeben, so Herbert Michels. Der höchste Niederschlagswert im Juni sei mit 45 Millimeter an einer Messstation in Heilbad Heiligenstadt gemessen worden.

Trockene Wälder und hohe Waldbrandstufen

Auch auf die ohnehin schon angeschlagenen Wälder wirkt sich die Trockenheit aus. Im Südthüringer Forstamt Heldburg im Landkreis Hildburghausen ist die Situation besonders alarmierend. Ähnlich wie im Thüringer Becken ist die Region auch ohne Extremwetter sehr regenarm. Man nenne sie deshalb auch "Schweinfurter Trockenbecken", erzählt Forstamtsleiter Lars Wollschläger.

Hohe Waldbrandstufen sind hier an der Tagesordnung. Doch die seien nicht das Hauptproblem, sagt der Forstamtsleiter. Die Bäume stehen aufgrund der Trockenheit unter extremen Stress, neigen zum Vertrocknen und können dem massenweise vorkommendem Borkenkäfer nichts entgegensetzen.

In seinen 20 Dienstjahren hat Lars Wollschläger eine derartige Trockenphase wie in den vergangenen fünf Jahren noch nicht erlebt. Zwar sei das vergangene Jahr überdurchschnittlich feucht gewesen, dies habe aber die Trockenheit der Vorjahre nicht ausgleichen können. Was die Bäume jetzt bräuchten, sei langanhaltender Regen.

Mittelfristig wolle man den Wald durch das Einbringen von hitzebeständigeren Baumarten wie Douglasie, Elsbeeren und Lärche entlasten. Die Hoffnung sei, dass diese Bäume deutlich besser mit dem gewandelten Klima zurechtkommen als Fichte und Kiefer.

Keine Trinkwasser-Knappheit in Thüringen

Nur wenig Einfluss hat die Trockenheit der vergangenen Wochen auf die Trinkwasserversorgung in Thüringen. Diese erfolgt zu 50 Prozent über die sechs Trinkwassertalsperren des Landes. Und die sind laut Anne Barthel, Pressesprecherin der Thüringer Fernwasserversorgung, gut gefüllt.

Der Staudamm der Talsperre Leibis/Lichte.
Mit knapp 27 Millionen Kubikmeter Wasser ist die Talpsperre Leibis-Lichte derzeit zu 80 Prozent gefüllt. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Ausschlaggebend sei hier weniger die Niederschlagsmenge, sondern vor allem der Pegelstand im Mai. Ab dann beginne die "Entnahmesaison". Gestartet sei man dieses Jahr mit einem Füllstand von fast 100 Prozent an allen Standorten.

Trinkwasserversorgung in Thüringen
Talsperre Aktueller Inhalt (in Mio. Kubikmeter) – Stand 20.06.2022 Prozent des Betriebstausziels - Stand 20.06.2022
Leibis/Lichte 26,969 81,1%
Ohra 15,670 90,5%
Neustadt 1,116 93,0%
Scheibe-Alsbach 1,834 95,0%
Schönbrunn 20,096 90,4%

Betriebsstauziel Als Betriebsstauziel wird der maximal mögliche Füllstand einer Talsperre bezeichnet. Die Talsperre ist bei einem Betriebstauziel von 100 Prozent jedoch nicht randvoll. Für eventuelle Hochwasser wird immer Reserve-Stauraum vorgehalten. Die höchsten Pegelwerte erreichen Talsperren in der Regel bis Ende April. Dann beginnt die Entnahmesaison und die Pegelwerte sinken bis zum Herbst ab.

Trinkwasserversorgung mit Grundwasser

Doch nicht alle Wasserversorger in Thüringen sind an die Talsperren angebunden. Etwa die Hälfte des Wasserverbrauchs wird über das Grundwasser abgedeckt. Der Trinkwasserzweckverband "Oberes Leinetal" ist einer von vielen Wasserdienstleistern in Thüringen. Er versorgt die Gemeinde Leinefelde-Worbis samt Umland mit Wasser aus elf Brunnenanlagen und zwei Quellen.

Auch hier sei die Lage bei der Trinkwasserversorgung entspannt, heißt auf Anfrage von MDR THÜRINGEN. Dies liege zum Teil an der guten Ausgangslage an Wasserquellen in der Region. Diese seien eigentlich für eine größere Bevölkerung am ehemaligen Industriestandort ausgelegt. Die sei aber mittlerweile nicht mehr vorhanden. Auch die Pegelstände der elf Brunnen zeigten keinerlei Auffälligkeit.

Grundwasserpegel auf niedrigem Niveau

Auch beim Landesamt für Umwelt, Bergbau und Naturschutz wird keine generelle Gefährdung der Trinkwasserversorgung in Thüringen gesehen. Das läge auch am deutlich zurückgegangen Pro-Kopf-Verbrauch in Thüringen. Der habe sich seit 1989 halbiert und sei mit 95,5 Liter pro Tag im bundesweiten Vergleich sehr niedrig.

Trotzdem seien die gemessenen Grundwasserpegel seit April stark gesunken, vor allem in Westthüringen und im Thüringer Becken. Im Mai 2022 befanden sich 55 Prozent der beobachteten Grundwassermessstellen im Niveau niedriger Wasserstände, hieß es aus dem Ministerium.

Grundwasserkarte
Auf dieser Karte des Umwelt- und Naturschutzamtes sind die Grundwasserpegel im Freistaat eingezeichnet. Bildrechte: Hydrologischer Landesdienst Thüringer Landesamt Umwelt und Landwirtschaft

Wann kommt der Regen?

Nur ausreichend Niederschlag kann jetzt noch helfen, die Ernte zu retten und die Lage in den Wäldern zu verbessern. Laut Wetterbericht für Mitteldeutschland ist der jedoch nicht zu erwarten. Erst für das kommende Wochenende werden moderate Schauer vorhergesagt.

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MDR (nis/fno)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 21. Juni 2022 | 12:00 Uhr

3 Kommentare

wer auch immer vor 13 Wochen

Nicht ohne Grund sind frühere Hochkulturen von der Erde verschwunden. Die waren genauso dämlich wie wir.
Da habe ich gedacht, Spar mal etwas, nur noch Brot und Wasser.
Aber nein, die Pralinen im Supermarkt sind schon billiger.

dimehl vor 13 Wochen

Diese Aussage kann man auf die meisten Zeiträume der Menschheitsgeschichte beziehen.

Jet-Man vor 13 Wochen

Es erinnert alles, was rings herum gerade passiert, an die sieben Plagen der Menschheit, wie es in der Offenbarung von Johannes steht.

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