Katastrophenschutz Wie Sirenen in Thüringen vor Gefahren warnen

Seit dem extremen Unwetter und den Überflutungen in den vergangenen Wochen wird über die Warnsysteme in Deutschland debattiert. Wir haben beim Innenministerium nachgefragt, wer in Thüringen für das Warnen zuständig ist und uns am Beispiel von Jena angeschaut, welche Rolle Sirenen dabei spielen.

Warnsirene Modell ECN 1200
Eine Warnsirene in Jena-Nord Am Kaiserberg. Für die Lautstärke ist unter anderem die Anzahl der Schallbecher entscheidend. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Spätestens seit den Unwetterkatastrophen in den vergangenen Wochen ist das Thema Warnsysteme wieder in den Fokus der öffentlichen Diskussion gerückt. Auch in Thüringen haben starke Regenfälle für Überschwemmungen gesorgt und Schäden in Millionenhöhe angerichtet. Wie das Warnen in Thüringen funktioniert, hat MDR THÜRINGEN beim Thüringer Innenministerium in Erfahrung gebracht und sich vor Ort bei der Berufsfeuerwehr Jena angeschaut, welche Rolle Sirenen dabei spielen.

Wer ist zuständig?

In Thüringen sind die Landkreise und kreisfreien Städte - je nach Zuständigkeitsbereich - als untere Katastrophenschutzbehörden gemäß § 9 der Thüringer Katastrophenschutzverordnung für die Warnung der Bevölkerung verantwortlich. Bei örtlichen Ereignissen sind das die jeweiligen Gemeinden über die zuständige Zentrale Leitstelle. Bei überörtlichen Ereignissen beziehungsweise im Katastrophenfall, wenn mehrere Gemeinden oder der gesamte Landkreis betroffen sind, liegt die Verantwortung bei den jeweiligen Landkreisen oder den kreisfreien Städten. Die übergeordneten Behörden können allerdings jederzeit eine Warnung - etwa ein Landkreis für eine Gemeinde - veranlassen.

Gefahrenabwehrzentrum Jena
Die Zentrale Leitstelle im Jenaer Gefahrenabwehrzentrum ist eine von 13 Zentralen Leitstellen in Thüringen. Bildrechte: MDR/Christian Franke

Landesweit kann zudem auf das bundesweite Modulare Warnsystem "MoWas" zurückgegriffen werden. Nach Angaben des Innenministeriums wurde es in Deutschland 2013 eingeführt und wird seitdem stetig verbessert und ausgebaut. Es steht dem Ministerium selbst, der Landespolizeidirektion, der Thüringer Landesfeuerwehr- und Katastrophenschutzschule sowie den 13 Zentralen Leitstellen zur Verfügung. Aufgrund der notwendigen Autorisierungen für die Eingaben in das MoWaS können die Systeme laut Ministerium aber nicht jeder Gemeinde beziehungsweise jeder Feuerwehr in Thüringen zugänglich gemacht werden. Trotzdem seien die Gemeinden bei örtlichen Ereignissen jederzeit in der Lage, Warnungen über die Zentralen Leitstellen über MoWaS zu veranlassen.

Und was ist mit dem Bund?

Katastrophenschutz ist Sache der Länder. Darunter fallen beispielsweise Brände, Überflutungen und andere größere Gefahren in Friedenszeiten. Der Bund hingegen ist für den Zivilschutz verantwortlich - also für die Warnung im Spannungs- und Verteidigungsfall. Bei besonders schweren Katastrophen können die Länder allerdings zusätzliche Hilfe anfordern. Die Kompetenzen regelt das Grundgesetz.

Die Warnmitteln: Auf welchen Wegen wird gewarnt?

Grundsätzlich gilt, dass die Bevölkerung auf möglichst vielen Wegen gewarnt werden sollte. Dafür stehen verschiedene Mittel - sogenannte Warnmultiplikatoren - zur Verfügung. Das können zum Beispiel Warn-Apps (Nina, KatWarn etc.) oder Werbetafeln sein, soziale Medien oder auch Rundfunk- und Fernsehanstalten. Darüber hinaus ist es auch möglich, dass bei akuten Gefahren Lautsprecherfahrzeuge eingesetzt werden. Eines der wichtigsten Mittel zur Warnung der Bevölkerung sind jedoch nach wie vor die Warnsirenen. Laut Innenministerium gibt es in den Thüringen aktuell 2.323 davon.

Warnsirenen am Beispiel Jena

Wie die Sirenen konkret vor Ort funktionieren, haben wir uns in der Zentralen Leitstelle der Berufsfeuerwehr Jena angeschaut. Wir treffen uns mit Frank Liebermann. Der Maschinenbauingenieur ist Sachbearbeiter für die Einsatzvorbereitung der Berufsfeuerwehr Jena.

Frank Liebermann von der Berufsfeuerwehr Jena
Frank Liebermann von der Berufsfeuerwehr Jena kennt die örtlichen Warnsirenen genau. Bildrechte: MDR/Christian Franke

In vergangenen Jahren sind viele Sirenen, die teils noch aus der DDR-Zeit stammten, ersetzt worden, erklärt Liebermann. Zudem seien neue gebaut worden - vorwiegend in den Ortsteilen, in denen es eine freiwillige Feuerwehr gibt und in denen eine Überflutung durch die Saale am wahrscheinlichsten ist. Damit alle Bereiche abgedeckt sind, habe die Stadt ein entsprechendes Konzept erstellt. Je nach Beschaffenheit des Gebietes, bei der auch die Bebauungsdichte ein wichtiger Indikator für die Schallausbreitung ist, kommen Sirenen mit unterschiedlicher Leistungsstufen zum Einsatz.

Grafik Sirenenabdeckung in Jena-Nord
Ein Ausschnitt der Karte für die Sirenenabdeckung in Jena-Nord. In den grünen Bereichen sind die Sirenen sehr gut zu hören, in den gelben und roten Bereichen nimmt die Hörbarkeit leicht beziehungsweise stark ab. Bildrechte: Fachdienst Feuerwehr Jena

Von den aktuell 23 Sirenen in Jena - 17 elektronische und sechs ältere Motorsirenen - soll das Sirenen-Netz der Saalestadt in den nächsten Jahren auf 39 erweitert werden. Dies sei laut Liebermann jedoch ein längerer Prozess, da nur ein bis zwei Sirenen pro Jahr angeschafft werden könnten. Je nach Leistungsstufe kann die komplette Installation einer Anlage etwa zwischen 10.000 und 25.000 Euro kosten. Ein Teil davon werde durch das Land gefördert.

Wie wird alarmiert?

Für das Ansteuern der einzelnen Warnsirenen verwendet die Zentrale Leitstelle einen Sirenencomputer. An dem kann genau ausgewählt werden, welche Sirenen angesteuert werden sollen und welchen Alarm sie ausgeben. Zudem ist es bei einigen Sirenen möglich, eine manuelle Sprachdurchsage zu machen.

Eine Grafik zum Thema Sirenen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Derzeit gibt es vier Alarmtöne, die ausgegeben werden können. Dazu können die neueren Sirenen auch Sprachkonserven ausgeben - beispielsweise bei Hochwasser. Der Großteil der ausgelösten Warnungen entfällt laut Liebermann allerdings auf Feuer- oder Probealarm. Dass das zuverlässig funktioniert, werde durch den Hersteller sichergestellt, der die Sirenen einmal im Jahr wartet oder sie repariert, wenn sie kaputt sind.

Was tun bei Alarm?

Eine Stadt ist heute voller Geräusche, sagt Liebermann. Deshalb sei es wichtig, die Sirenentöne als solche wahrzunehmen und sie zu erkennen. Die konkreten Maßnahmen, die dann ergriffen werden sollten, kämen aber auf den Alarm an. Im Falle eines Feueralarms hieße das beispielsweise zunächst zu prüfen, ob das eigene Wohnhaus betroffen ist oder ob es vielleicht in unmittelbarer Nähe brennt.

Bei einer allgemeinen Bevölkerungswarnung hingegen, könne die Sirene aber nicht der Grund der Warnung vermitteln. Es empfehle sich deshalb, beispielsweise das Radio einzuschalten oder das Bürgertelefon anzurufen. Der Notruf sollte hingegen nicht gewählt werden, wenn kein Notfall vorliegt. Eine umfassende Warnung der Bevölkerung könne also nur mit einer Mischung aus verschiedenen Warnmitteln gewährleistet werden. Die Sirenen seien dabei ein wichtiger Baustein.

Quelle: MDR THÜRINGEN

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