Erneuerbare Energie Das sagen Thüringens Waldbesitzer zum Windradverbot in Wäldern

Thüringen ist beim Ausbau der Windkraft eher ein Entwicklungsland. Nun soll der Ausbau beschleunigt werden. Dafür soll es jedoch feste Regeln geben. So haben sich Regierungskoalition und CDU auf einen Mindestabstand von 1.000 Metern von Windkraftanlagen zu Wohngebäuden verständigt. Auch im Wald sollen keine Windräder aufgestellt werden. Das allerdings gefällt nicht jedem Waldbesitzer im Freistaat.

Windräder und eine Hochspannungsleitung stehen hinter einem Rapsfeld.
Thüringen will den Ausbau von Windkrafträdern beschleunigen. Bildrechte: dpa

Thüringen ist reich – zumindest reich an Bäumen. 330 Millionen wachsen im Freistaat auf einer Fläche von 550.000 Hektar Wald. Etwa 40 Prozent davon sind in Privatbesitz. Doch die Zeiten sind fordernd für die Waldbesitzer. Trockenheit durch Klimawandel macht den Bäumen zu schaffen. Dazu eine Borkenkäfer-Plage, die den Bestand der Fichten reduziert.

Ein Mann steht vor einer Waldhütte. 1 min
Bildrechte: MDR/Carmen Fiedler

Das erlebt auch Jens Schindhelm von der Forstbetriebsgemeinschaft Sonneberger Grenzland. Seine Zustand-Beschreibung für den Wald braucht wenig Worte: "Dem Wald geht’s nicht nur schlecht, sondern sehr schlecht. Es stehen vielleicht noch 30 oder 40 Prozent der Bäume."

Die Folge: die Einnahmen für Forstbetriebsgemeinschaft gehen zurück. Auch wenn der Preis für Schadholz inzwischen wieder gestiegen ist und das Land Thüringen in diesem Jahr etwa 20 Millionen Euro an Fördermitteln den Waldbesitzern zur Verfügung stellt. Die Einnahmen decken kaum die Ausgaben.

Dem Wald geht’s nicht nur schlecht, sondern sehr schlecht. Es stehen vielleicht noch 30 oder 40 Prozent der Bäume.

Jens Schindhelm | Forstbetriebsgemeinschaft Sonneberger Grenzland

Windräder im Thüringer Wald umstritten

Finanziell weiterhelfen könnte der Forstbetriebsgemeinschaft eine andere Verwendung der Kalamitätsflächen, also der Waldflächen, die stark zerstört sind: die Nutzung durch Windenergie. Das würde Pachteinnahmen generieren, vielleicht auch eine Beteiligung an den Einspeise-Vergütungen. Schindhelm winkt ab: "Ich bin für Windräder, dort wo die Räder schon stehen. Ich bin für Re-Powering."

So möchte er sich Windräder über Baumkronen nicht vorstellen. Nicht nur, weil sie das Landschaftsbild verändern würden. Die Risiken für den Wald, für die Natur und damit für den Menschen sind ihm zu hoch. "Die Verwirbelungen hinter den Windrädern, dadurch trocknet der Boden noch mehr aus. Die Versiegelung der Fundamente, wir stören dadurch die Hydro-Geologie, die Wasserführung wird unterbrochen", schildert Schindhelm. Er würde auf den Kalamitätsflächen lieber der Natur ihren Lauf lassen. Damit dort wieder Bäume wachsen. Irgendwann.

Thüringer Wald zukunftssicher umbauen

Auf einem Nordthüringer Hügel vor Holzthaleben drehen sich vier große Windräder bedächtig im Wind. Ein leises Surren liegt in der Luft. Jörg Steinmetz ist nicht nur der Bürgermeister, sondern auch im Vorstand der Waldgenossenschaft. Windräder auf den Kalamitätsflächen kann er sich gut vorstellen. Wie auch seine Vorstandskollegen.

Vor zehn Jahren schon haben sie einen entsprechenden Beschluss gefasst. "Versprechen tun wir uns natürlich auch, dass wir durch diese Wertschöpfung, die generiert werden kann, in der breiten Masse davon profitieren. Unsere Genossenschaft hat über 130 Mitglieder. Und wir generieren damit Einnahmen, die es uns möglich machen, den Wald zukunftssicher umzubauen", erklärt Steinmetz.

Windräder auf Kalamitätsflächen: Debatte im Landtag

Steinmetz ordnet die Bedenken der Südthüringer Waldbesitzer unter Berührungsängste ein. In Holzthaleben gibt es die nicht. Hier leben die Menschen seit 20 Jahren mit den Windrädern am Horizont. Sie haben sich arrangiert. "Dass das nicht schön ist, ist mir auch klar, aber es gibt bestimmte Notwendigkeiten, wo ich natürlich diese subjektiven Faktoren abwägen muss. Was ist mir wichtiger: Eine windradfreie Landschaft oder eventuell irgendwann einmal eine etwas unabhängigere Energie-Versorgung", konstatiert Steinmetz.

Eine Abwägung auch für den Thüringer Landtag. Dürfen Windräder auf Kalamitätsflächen gebaut werden? Über diese Frage wollen die Abgeordneten im Zuge der Überprüfung des Thüringer Waldgesetzes sprechen. Noch in diesem Jahr sollen die Gespräche beginnen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Juli 2022 | 06:00 Uhr

48 Kommentare

micha72 vor 19 Wochen

Fichtenwälder sind nicht unbedingt wertlos. Es gibt zusammenhängende Nadelwälder die natürlich wachsen und größer als Deutschland sind. Außerdem halte ich nichts davon bestimmte Waldformen zu verteufeln und gleichzeitig als Kunde im Baumarkt nach viel Auswahl und billigem Holz zu verlangen. Da muss sich jeder selbst hinterfragen. Ja natürlich, ein Mischwald ist gesünder und widerstandsfähiger und sollte das forstwirtschaftliche Ziel sein. Abwertend von Plantagen zu reden finde ich falsch, dann wäre nämlich auch das Weizenfeld ökologisch falsch und eine bunte Blumenwiese wünschenswerter, aber dann gäbe es statt Brot nur Kräutersalat. Wir müssen akzeptieren das all unsere Flächen in Deutschland Nutzflächen sind. Diese gilt es zu gestalten.
Ich bin übrigens gelernter Forstwirt :-)

Peter Pan vor 20 Wochen

@Hobby-Viruloge007
Hier In Thüringen sehe ich im Wald vor allem Betonfundamente für große Strommasten mitten im Wald, für gigantische Stromtrassen mitten durch den Wald, die bisher niemanden gestört haben, damit der ICE rollen kann.
Fahren Sie mal in die Eifel und schauen sich dort die Windräder im Wald an, das ist alles möglich, auch im Einklang mit der Natur.
Haben Sie schon mal Schwalbennester an Tannen oder Fichten gesehen?
Eher wohl nicht, vielleicht sind auch bewohnte Gebiete natürlicher Lebensraum vieler Tiere.
Wind und Sonne stehen uns kostenlos zur Verfügung und sollten viel mehr als bisher genutzt werden und warum nicht im Wald, an dafür geeigneten Flächen.
Vor einigen Tagen gab es einen sehr interesanten Bericht, das in bestimmten Zeiträumen 80 Prozent der Gesamtstrombedarfs nur aus Solarenergie gedeckt wurden, hier gibt es noch viel Potential, ebendso, wie der Wald umgebaut werden muss, mit einem bissel mehr gutem Willen und Verständnis ist viel möglich.

Tschingis1 vor 20 Wochen

@oxofrymbel
Ich kenne die Redakteure von MDR Online tatsächlich nicht, jedoch habe ich keine positiven Kenntnisse darüber, dass diese Kommentare willkürlich filtern.
Dann bräuchten auch keine Regeln aufgestellt werden, oder?

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