Ende der Subventionen Viele Windräder in Thüringen könnten abgebaut werden

Ob zu den 845 Windrädern in Thüringen in nächster Zeit viele neue hinzukommen, ist unklar. Es könnten sogar weniger werden. Denn bis Ende 2020 fallen mehr als 100 Windräder aus der Förderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und werden dadurch unrentabel. So wird im Kyffhäuserkreis gerade ein Alt-Windpark zurückgebaut: Acht Windräder verschwinden und könnten von neuen ersetzt werden. Sicher ist das aber nicht.

Drei Windräder mit rot-weißen Rotorblättern in weiter Landschaft bei Gewitterstimmung
Trübe Aussichten für die Windkraft in Thüringen: viele Windkraftanlagen werden in den nächsten Jahren abgebaut. Bildrechte: MDR/Loréne Gensel

Ein riesiger Bagger packt grob eines der großen Stahlteile und zerrt es nach oben. Das Krachen beim Herunterfallen wäre ohrenbetäubend, doch der Blick auf die Abbau-Stelle ist nur aus der Distanz erlaubt an diesem Freitag. Insgesamt acht Windräder baut die Firma WPD nahe dem kleinen Ort Keula im Kyffhäuserkreis ab. Sie sind 20 Jahre lang gelaufen und rechnen sich nach Ablauf der 20 Jahre währenden Förderungsdauer durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz nicht mehr, sagt WPD-Niederlassungsleiter Bernhard Krede. "Beim Abbau dieser Anlagen, werden zuerst die Rotorblätter abgebaut, als nächstes folgt die Gondel und dann werden die Turmsegmente abgenommen", erläutert er. Zum Schluss werde das Fundament im Boden entfernt. Die meisten Bestandteile können entsorgt werden, manche intakten Teile landen auch in Ersatzteil-Lagern.

Ähnliche Zukunftsaussichten haben in Thüringen 135 weitere Windräder, die zum Jahresende aus der Förderung fallen. Mehr als weitere 200 sind in den kommenden fünf Jahren ebenfalls davon betroffen. Ob sie tatsächlich abgebaut werden, ist ungewiss. Wenn es dem Betreiber gelingt, den Windstrom trotzdem kostendeckend zu verkaufen, können Anlagen bei guter Wartung durchaus 30 statt nur 20 Jahre lang laufen. "Man muss abwägen, ob es sich lohnt", so Krede. Der Verkauf über die Strombörse sei nicht attraktiv, dort würden Preise zwischen 2 und 3 Cent pro Kilowattstunde aufgerufen. "Das deckt die Kosten nicht." Schließlich müssen die Windräder auch gewartet werden, gelegentlich braucht es Ersatzteile. Mitunter aber kaufen Stadtwerke oder Stromanbieter den Strom aus solchen Anlagen direkt – dann kann sich der Weiterbetrieb lohnen.

Re-Powering am gleichen Standort oft nicht möglich

Ramona Rothe sieht ein anderes Problem. Die Leiterin der Servicestelle Wind bei der Thüringer Energie- und Greentech-Agentur fände es sinnvoll, wenn alte Anlagen durch leistungsfähigere ersetzt würden. Re-Powering heißt das etwas sperrig. An vielen Standorten im Freistaat sind bereits alte Windräder abgebaut worden. Meist hatten die eine Nabenhöhe (dort sitzt der Generator) von unter 100 Metern. Sie werden dann ersetzt durch eine kleinere Zahl von Anlagen, die aber oft 140 Meter oder noch höher sind – und oft 3 oder 4 Mal mehr Leistung liefern können.

Das Problem dabei: Die Windvorranggebiete haben sich überall verändert. Abstandsregeln zu Siedlungen wurden verschärft, so dass manche Windparks jetzt teilweise außerhalb solcher Gebiete stehen. Neubauten von Windrädern wären hier gar nicht mehr zulässig, selbst wenn Anwohner und Gemeinden einverstanden sind. "Deshalb ist Re-Powering sehr schwierig", sagt Rothe. Der Zubau sei in den vergangenen zwei Jahren fast zum Erliegen gekommen. Derzeit steht Thüringen bei 845 Windkraftanlagen mit einer Gesamt-Maximalleistung von etwas mehr als 1600 Megawatt – sofern überall Wind weht.

Energiemarkt wird durch Subventionen verzerrt

Neue Anlagen bekommen ihre Einspeisevergütung anders als noch vor 20 Jahren. Inzwischen gibt es keinen festen Preis mehr pro Kilowattstunde. Stattdessen müssen sich Anlagenbetreiber an Ausschreibungen beteiligen, bei denen die Leistung mit den niedrigsten Preis-Angeboten eingekauft wird. Hier sanken die Preise schon mal auf unter 4 Cent pro Kilowattstunde, was nur durch effizientere und größere Anlagen möglich ist. Andreas Freytag hält die Kosten für die Energiewende trotzdem für zu hoch. "Wir hätten einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien, wenn wir frühzeitig auf eine Marktlösung gesetzt hätten", sagt der Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Großbritannien sei bei der Hälfte der Kosten mit seiner Energiewende ähnlich weit wie Deutschland.

Atomreaktor
Unausgewogene Subventionen: Der Rückbau der deutschen Atomkraftwerke wird auf 170 Milliarden Euro geschätzt, die zum großen Teil der Staat bezahlt. Bildrechte: Colourbox

Denn subventioniert werden alle Energieformen auf unterschiedliche Weise – so entstehen Verzerrungen bei den Preisen. Bei der Atomkraft etwa hat die Erforschung in weiten Teilen der Staat bezahlt – und dürfte auch auf einem Teil der Entsorgungskosten sitzenbleiben. Die Konzerne zahlen zwar für Rückbau ihrer Kraftwerke. Aber die Rückstellungen für die Endlagerung dürften nicht ausreichen. Wie hoch die Kosten dafür am Ende ausfallen, ist bis heute nicht klar. Die Kraftwerksbetreiber haben 2017 insgesamt etwa 24 Milliarden Euro dafür an den Bund gezahlt – mögliche Mehrkosten verbleiben beim Steuerzahler. Wie hoch die Kosten am Ende ausfallen, ist umstritten. Manche Studien rechnen damit, dass die Kosten fast im Rahmen bleiben, andere rechnen mit einem Vielfachen der angesetzten Kosten. Die Suche nach dem Platz für das deutsche Endlager läuft derzeit noch.

Windrad-Neubau frühestens im Jahr 2022

Ist aber so ein Windanlagen-Rückbau nach 20 Jahren sinnvoll? "Wenn diese Windanlage sowieso nur da steht, weil sie subventioniert wurde, dann macht es natürlich keinen Sinn, diese Subventionierung endlos fortzusetzen." Freytag findet, man solle die Auswirkungen der Energieformen einpreisen. "Das heißt, es gibt eine CO2-Steuer oder einen Zertifikate-Handel." Den Versorgern werde ein steigender Anteil von erneuerbaren Energien vorgeschrieben. "Dann kann man allerdings nicht vorhersagen, welche erneuerbaren Energien das sind." Denn diese Art des Marktes sehe keine technologiespezifische Förderung vor, wie sie derzeit in Deutschland betrieben wird.

In Keula plant die Firma WPD an Stelle der acht abgebauten Windräder, fünf oder sechs neue zu errichten, die deutlich mehr Leistung bringen. "Aber damit müssen wir erst einmal in die Ausschreibung", sagt WPD-Mann Krede. Frühestens im Jahr 2022 dürfte sich etwas Neues drehen.

Redaktioneller Hinweis: In einer früheren Fassung hieß es, dass die Kosten des Kernkraftwerks-Rückbaus vom Bund bezahlt würden. Diese Passage ist präzisiert worden.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 11. Oktober 2020 | 09:00 Uhr

52 Kommentare

martin vor 30 Wochen

@ralf (Teil 1): Gegenüber Plattitüden jeglicher Art finde ich eine gesunde Skepsis recht hilfreich :-)

Zu den Stromtrassen: Wenn nicht so viel Braunkohle- & Atomstrom aus "dem Osten" durch die Leitungen gejagt würde, müssten die Windräder im Norden nicht so oft stillstehen. Ist (zumindest in meinen Augen) eine durchaus plausible These.

Aber wie dem auch sei: Ich denke egal ob Wind-, Kohle- oder Atomstrom über große Entfernungen transportiert wird - regionale Erzeugung und regionaler Verbrauch haben energetisch erst einmal den Vorteil, dass die Leitungs- und Transformationsverluste der Höchstspannungsnetze erst einmal gar nicht anfallen. Die derzeitige Netzstruktur basiert meiner Meinung nach auf veralteten Konzepten, die künstlich am Leben gehalten werden, weil die einschlägigen Unternehmen damit als Quasi-Monopolisten weiter gut Geld verdienen. Energetisch und volkswirtschaftlich macht das heute keinen Sinn mehr.

martin vor 30 Wochen

@gesund...: Erstens: Wie wahrscheinlich ist es in den nächsten 10 Jahren, dass 1 Mill. Elektroautos auf einmal 50kW ziehen? Zweitens: Und damit nicht lokal das "Licht ausgeht" braucht es intelligente Netze. Das erscheint mir keine unlösbare Herausforderung.

martin vor 30 Wochen

@faultier: Haben Sie mal übeschlagen, wie viele Milliarden bereits in die Kernfusion geflossen sind, ohne dass bisher absehbar ist, ob/wann diese Technologie jemals beherrschbar sein wird?

Und wer sich über den Neodym-Verbrauch bei den getriebelosen Windrädern aufregt, sollte bei Kernfusion den Ball sehr flach halten.

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