Bundestagswahl 2021 Stimmen aus der Provinz: Warum war die AfD so erfolgreich?

Bei der Bundestagswahl ist die AfD in Thüringen als stärkste Kraft bei den Zweitstimmen hervorgegangen. Besonders stark hat die Partei auf dem Land abgeschnitten. Warum das so ist und was die Menschen in den Dörfern stört: Wir haben in zwei Orten in Ost- und Westthüringen nachgefragt.

Ortsansicht von Wiesenthal im Wartburgkreis
Wiesenthal im Wartburgkreis: Bei der Bundestagswahl stimmten knapp 40 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD - der höchste Wert für eine Gemeinde im Landkreis. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Gößnitz im Altenburger Land: AfD bei Erst- und Zweitstimmen vorn

Gößnitz im Altenburger Land ist eine ländlich geprägte Kleinstadt im oberen Pleißetal. Sie ist die äußerste Stadt in Ostthüringen und liegt an der Grenze zu Sachsen. Bis nach Zwickau sind es weniger als 30 Minuten. In allen fünf Ortsteilen und der Kernstadt leben insgesamt rund 3.400 Menschen. Von ihnen sind 2.797 wahlberechtigt.

Bei der Bundestagswahl am 26. September hat die AfD hier sowohl bei Erst- als auch bei der Zweitstimme mehr als 30 Prozent der Stimmen erhalten. Der Abstand zum Wahlsieger von 2017, Volkmar Vogel (CDU), ist groß. Fast doppelt so viele Menschen stimmten in Gößnitz für den AfD-Kandidaten Stephan Brandner. Lediglich 18,9 Prozent der Erststimmen und 14,6 Prozent der Zweitstimmen konnte Vogel in Gößnitz holen. Damit wird der CDU-Kandidat wie vielerorts in Deutschland von der SPD auf Rang drei verwiesen.

Noch mehr Zuspruch für AfD erwartet

Wer sich auf dem Gößnitzer Markt umhört, erfährt bald die vermeintlichen Gründe für den Erfolg der AfD. Die CDU-geführte Regierung habe viele Jahre nichts zu Stande gebracht, sagt beispielsweise Manfred Leithold. Darum könne man sie nicht mehr wählen. Er wohnt in einer kleinen Ortschaft im Gößnitzer Umland. Bei den Grünen befürchtet er ein "Autoverbot". Das würde gerade Menschen auf dem Land abhängen - besonders, wenn der öffentliche Nahverkehr nicht besser werde.

Sein Begleiter, der anonym bleiben will, ergänzt zudem, dass für ihn die Migrationspolitik der Grünen "gar nicht gehe". "Wer soll das bezahlen?", fragt er. Er habe sein Kreuz bei der AfD gemacht. Eigentlich hätte er mit noch deutlich mehr Zulauf für die Alternative gerechnet. Sein Vater, ein treuer CDU-Wähler, habe sich aber nicht überzeugen lassen.

Befragte Gößnitzer fühlen sich "fremd im eigenen Land"

Warum ist die AfD auf dem Land so erfolgreich? Diese Frage beantworten die Menschen gerne. Aber kaum einer möchte dabei seinen Namen preisgeben oder vor die Kamera treten. Auch nicht einer der Händler - selbst welche Waren er verkauft, möchte er nicht in den Medien lesen. Zu groß sei das Risiko, erkannt zu werden. Der 55-Jährige sagt, viele Parteien würden nicht verstehen, was hier los sei. Er fühle sich fremd im eigenen Land. Multi-Kulti verstehe er nicht. Entlang des Gößnitzer Marktplatzes finden sich ein Döner- und ein Asia-Laden. Er fühle sich nicht mehr wohl und habe daher aus Protest AfD gewählt.

Ein Kunde des Händlers bringt sich ein: Ganz so schlimm sei es aber in Gößnitz noch nicht. Der Herr im blauen Trainingsanzug mit rundlichem Gesicht sieht eine Problematik vor allem in Großstädten wie Berlin und Leipzig, wo viele verschiedene Kulturen zusammenkommen. Trotzdem habe auch er seine Stimme der AfD gegeben - wegen ihrer "Ausländerpolitik".

Wiesenthal im Wartburgkreis: 40 Prozent für die AfD

Vielleicht 200 Kilometer weiter westlich liegt Wiesenthal abseits der Hauptstraße in der idyllischen Landschaft der Rhön, unweit von Dermbach. Die meisten Häuser sind herausgeputzt, die Gärten gepflegt. Gleich neben der Straße grasen Rinder, picken Hühner auf einer Wiese. Der Kindergarten ist frisch saniert, es gibt eine Grundschule mit einem Spielplatz und ein Freibad. Selbst eine Gaststätte ist viermal die Woche geöffnet.

Bei der Bundestagswahl stimmten knapp 40 Prozent der Wahlberechtigten für die AfD - der höchste Wert für eine Gemeinde im Wartburgkreis.

In einem Wahllokal im Landkreis Sächsische Schweiz - Osterzgebirge türmen sich beim Auszählen die Stimmzettel für die Alternative für Deutschland (AfD).
In Thüringen und Sachsen erhielt die AfD vielerorts deutlich mehr Stimmen als die CDU. Bildrechte: Daniel Förster

Wahl aus Protest

Warum das so ist? Ein Mann auf dem Fahrrad hält zwar an, aber so richtig fällt ihm dazu nichts ein. Er hat gar nicht gewählt - "keine Lust", sagt er und fährt weiter. "AfD - das ist reiner Protest", meint ein anderer Mann hinter seinem Gartenzaun. So schlecht gehe es den Leuten nicht, aber im Ort sei doch fast alles ausgestorben. Früher, zu DDR-Zeiten, habe es mehrere Gaststätten in Wiesenthal gegeben und mehr Geselligkeit. Das letzte Geschäft habe vergangenes Jahr geschlossen und nun habe der Sportverein auch noch die erste Männermannschaft im Fußball abmelden müssen. Traurig sei auch die Situation beim Nahverkehr.

André Brodocz 4 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 27.09.2021 19:00Uhr 04:03 min

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Der Protest, sagt der Mann hinter dem Zaun, habe sich vermutlich vor allem "am Zirkus mit den Ausländern" entzündet. Es sei nicht richtig, dass er sich als Alleinverdiener abplagen müsse und andere kriegten "alles in den Hintern gesteckt". Normalerweise müsste auch er AfD wählen, räumt er ein, "aber so weit bin ich noch nicht abgesackt."

Kirche in Wiesenthal im Wartburgkreis
Wiesenthal liegt in der idyllischen Landschaft der Rhön. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

AfD als Projektionsfläche für Sorgen, Ängste und Wünsche

Markus Kniesa hat AfD gewählt und steht dazu. Um die 30 ist er und gerade in einer schmalen Gasse an seinem Haus beschäftigt. Das hat er gerade für seine bald sechsköpfige Familie gekauft. Warum AfD? "Da muss mal eine andere Politik ran, die Altparteien sind einfach nichts mehr." Der Staat kümmere sich mehr um Ausländer als um die Deutschen, so empfindet er es. Sein Bekannter Ralf Gebhardt hilft ihm am Haus - er hat gar nicht gewählt. "Ob man wählt oder nicht, das ändert nichts - und die AfD kam nicht in Frage", sagt er. Die beiden sind der Meinung, dass in dem Dorf keineswegs alles in Ordnung ist: Der Schein trüge gewaltig, sagt Gebhardt, es gebe viel Gegeneinander.

Zwei junge Männer in Wiesenthal im Wartburgkreis
Der eine wählt AfD, für den anderen kommt das nicht in Frage: Markus Kniesa (links) und Ralf Gebhardt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Zusammenhalt im Dorf

Ganz andere Eindrücke schildern Cindy Raßbach und Christoph Vogt. Das junge Paar schiebt einen Kinderwagen den Gehweg entlang, die kleine Tochter läuft nebenher. Das Leben auf dem Dorf sei einwandfrei, sagt Vogt, die Nachbarschaft gut. "Schade, dass der Dorfladen weg ist", sagt Cindy Raßbach. "Aber sonst: Man kann mit den Kindern raus, wir haben Kindergarten und Grundschule, was viel wert ist, und auch noch das Bad, das wir hoffentlich halten können." Wenn es hart auf hart komme, dann halte das Dorf zusammen, meint sie, und nennt als Beispiel die hohe Spendenbereitschaft für die Sanierung des Kindergartens. Dank der Spenden kam der Eigenanteil der Gemeinde zusammen, sie erhielt 65 Prozent Fördermittel aus der Dorferneuerung.

Kindergarten-Gelände in Wiesenthal mit Spieplatz
Der Kindergarten in Wiesenthal: Die Spendenbereitschaft für die Sanierung war groß. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Kritik an Energiekosten, Rentenalter und Corona-Regeln

Zufrieden im Ort, aber enttäuscht von der Bundesregierung, so lässt sich die Stimmungslage bei einem Mann mittleren Alters beschreiben, der gerade in Arbeitskleidung auf seinem Hof arbeitet. "Die Politiker kommen nicht mehr runter zu den kleinen Leuten. Alles wird teurer, es gibt Existenzängste. Wir gehen an die Arbeit, aber es bleibt nicht mehr viel übrig für uns." Er beklagt die hohen Abgaben auf Energie und dass die Rente auf 67 Jahre hochgesetzt wurde. Im Haus gegenüber öffnet sich ein Fenster im Obergeschoss. Eine junge Frau pflichtet dem Nachbarn bei: Auch sie arbeite mehr als acht Stunden am Tag und es bleibe nichts übrig. Andere dagegen liegen dem Staat nach ihrer Meinung auf der Tasche.

Alles wird teurer, es gibt Existenzängste. Wir gehen an die Arbeit, aber es bleibt nicht mehr viel übrig für uns.

Mann aus Wiesenthal

Einige Probleme seien hausgemacht, sagt ein anderer Mann in der gleichen Straße. Er nennt die abgesagte Landtagswahl und die "stellenweise idiotischen" Corona-Bestimmungen, die nicht nachvollziehbar gewesen seien. "Die Leute haben mal so ein bisschen ihren Frust abgelassen." Und dass die AfD gar keine Chance hat, mit zu regieren? "Ob das jetzt ewig so bleibt, weiß man ja nicht."

Das sagen unsere User:

Nico Walter vermutet, "es geht gar nicht vorrangig um die Ausländer, die es ja dort eh kaum gibt, sondern vielmehr darum, dass sich die Politik immer mehr um die Probleme von Minderheiten kümmert und die Mehrheit vergisst" Weder interessierten Frauenquoten von im Osten nicht vorhandenen DAX-Unternehmen noch die Frage nach E-oder Dieselantrieb für Busse, die ohnehin nicht führen. In der Antwort darauf bezweifelte Horst, dass die Wahl der AfD etwas daran ändere, wenn sie "auf Spaltung" setze und "immer nur 'Gegen' statt 'Für' sei. Goffmann bezweifelte dagegen, dass die Wahl der extremsten Gegner der bisherigen Politik etwas besser mache. Deimos meinte, dass AfD-Wähler auf dem Land nichts gegen Ausländer hätten, sondern gegen "unkontrollierte Zuwanderung von Nichtfachkräften", die das Land "Unsummen von Geld" koste. Codo sieht in der Wahl der AfD ein Zeichen, dass "die Menschen im Osten die Demokratie ganz gut verstanden" hätten und demokratische Mittel nutzten, wenn ihnen "Dinge in Asylangelegenheiten" nicht gefielen.

Viele User sehen auch immer noch Nachwirkungen der Nachwendezeit: Abwanderung, Arbeitsplatzverluste, wegbrechende Infrasturktur. Sie seien aber teilweise selbst verschuldet, meint mattotaupa: "Wenn es euch zu wenig Kneipen sind, dann hättet ihr halt hingehen müssen, da die vom Umsatz leben. Wenn das Dorf mangels eigener am Ort verbleibender Kinder ausstirbt und man aber Zuzug ablehnt, beißt sich doch die Katze selbst in den Schwanz." Kein Politiker in Berlin habe den Wegzug der eigenen Bevölkerung erzwungen.
"Sie rollen das aber falsch auf", entgegnet anni22: "Erst wurden durch die Treuhand die Arbeitsplätze vernichtet. Dann zogen viele Menschen (die Jungen vor allem) weg. Damit war die Kaufkraft weg und die kleinen Geschäfte mussten schließen." Reale Probleme interessierten die Politik kaum (kein Laden, kein Arzt, keine Schule, keine Post, keine Kinderbetreuung usw. in den Dörfern) und würden schon gar nicht gelöst. "Aber Bürger ausmeckern, weil Sie falsch denken ist natürlich einfach und kostet auch nichts."

Für eine tatsächliche Nachwirkung bis jetzt vermutet mensrea aber eher psychologische Gründe: "Wenn sich erst einmal ein Gefühl der Abgehängtheit, der Nichtwahrnehmung, des Zurückbleibens manifestiert hat, wird es einfach nur mit guter Regierungsarbeit schwierig." Ähnlich auch martin: "Erwartungen und reale Möglichkeiten klaffen viel zu weit auseinander. Außerdem scheinen einige das Leben in einer ZDF-Vorabendserie für die zu erreichende Normalität für einen Blutdeutschen zu halten, die Skandalfälle aus RTL & Co. dagegen für den Normalfall der anderen." Letztere sind dagegen für kolo78 eher der Normalfall: "So sieht es nun einmal aus. Ich nehme das ganz genau so wahr, wie hier beschrieben. Sprachlos macht mich aber eher Ihre Überraschtheit.“

Hintergründe

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 06. Oktober 2021 | 18:10 Uhr

263 Kommentare

Professor Hans vor 8 Wochen

Tschingis1 FrauK Alex Leipzig DER BEOBACHTER
Dann haben sie ja alle meine Ironie verstanden.
Das schöne in Deutschland 4 mit der selben Meinung ist schon fast ein Verein.
Manchmal sollte man einen Kommentar erst mal sacken lassen.

Hansi63 vor 8 Wochen

#Burgfalke, ich danke Ihnen für Ihre wirklich informative und lehrreiche Antwort im Bezug auf das AFD Programm ! Ich habe nichts anderes erwartet ! Wie schon geschrieben, es ist so wie es ist und ich werde mich hier aus dem Forum verabschieden, es ist keine sachliche und faire Diskussion möglich was meine persönliche Auffassung bestärkt ! Ich wünsche allen alles Gute !

Tschingis1 vor 8 Wochen

AlexLeipzig
Ich kann mich noch gut an den Slogan dieser Partei erinnern, dass mit Fakten und Daten gearbeitet werden soll in der Auseinandersetzung. War glaube ich Prof. Meuthen. Gilt wohl dann nur für ihn?

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