Forstwirtschaft Wald oder Wild: Mit Inventur den Forst stabiler machen

Der Wald ist ein komplexes Ökosystem. Die Wildbestände sind ein Teil davon. Doch zu viel Wild - immer auf der Suche nach Futter - kann dem Wald auch schaden. Alle drei Jahre wird deshalb in allen 24 Thüringer Forstämtern eine Verbiss- und Schälschadeninventur gemacht. Ziel ist, so Thüringen Forst, den Wald stabiler zu machen. Was wird da genau begutachtet und wofür werden die Daten genutzt? Das wollte ich mir im Forstamt Finsterbergen genauer ansehen.

Ich bin verabredet in einem Waldstück nahe Luisenthal. Als ich ankomme, haben die Förster Martin Müller und Gerd Struck schon eine Weile gearbeitet. Weil ich helfen will bei der Inventur, habe ich Zettel und Stift mitgenommen. Die hätte ich allerdings zu Hause lassen können, sehe ich schnell. Die Förster nutzen ihre Handys. Über eine App wandern alle Daten digital ins Protokoll. Bevor es losgehen kann, legen wir einen sogenannten Untersuchungstrakt an. An einer orange-weißen Eisenstange wird ein gelbes abrollbares Metallmaßband befestigt. Gerd Struck läuft damit quer durch den Wald. Nach 50 Metern befestigt er es an einem kleinen Baum. Immer an seiner Seite sein Gefährte Brady - ein Bayerischer Gebirgsschweißhund.

Die Förster Gerd Struck und Martin Müller im Wald.
Gerd Struck (rechts) und Martin Müller sind schon bei der Arbeit. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Ohne Fachbegriffe geht es nicht

Förster Martin Müller erklärt mir inzwischen, was wir mit diesem Trakt anfangen werden. "Alle Bäume jeweils einen halben Meter rechts und links des Maßbandes werden wir uns jetzt ansehen, die Naturverjüngung aufnehmen, die durch das Schalenwild verbissen worden sind oder auch nicht." Okay, denke ich. Wo ist mein Wörterbuch "Förster - Deutsch/Deutsch - Förster". Ich frage also besser noch mal nach. Schalenwild - dazu gehören Rotwild, das Muffelwild, Damwild und Rehwild. "Und wir gucken, was die hier angeknabbert haben?!" "Genau.", antwortet Förster Martin Müller.

Los geht's. Im Vieraugen-Prinzip schauen wir nach Buchen, Kiefern, Fichten und Co, die nicht größer als zwei Meter sind. Für das Messen der Wuchshöhe haben wir eine weitere orange-weiße Metallstange. Stück für Stück arbeiten wir uns am Maßband entlang, schauen nach Verbiss-Spuren an den Trieben - vor allem am Haupttrieb. Und werden, wie zu erwarten war, fündig. Schließlich liegt überall im Wald Losung. Wieder so ein Försterdeutsch. Gemeint ist Kot - größere Köttel vom Rotwild und kleinere vom Rehwild. Heißt, es gibt sie - die vierbeinigen Feinschmecker.

MDR-Reporterteam und Förster.
Gruppenbild zum Abschluss: Das MDR THÜRINGEN-Team und die Forstexperten. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Manche Bäume überleben, andere nicht

Eine Buche, einen Meter hoch, verbissen. Eine Kiefer, 60 Zentimeter, unverbissen. Förster Martin Müller trägt alles in seine App ein. Wir stehen an einer jungen Eiche. "Wie man hier sieht - der Trieb wurde verbissen. Und er hat mehrere neue Triebe angelegt. Die Eiche ist daher nicht so in die Höhe gewachsen. Wahrscheinlich ist sie also deutlich älter als man hier vermuten würde." Sie wächst langsamer, aber sie wächst. Diese Eiche hat also Glück gehabt.

Andere Bäume überleben die Fressangriffe nicht. Das ist schlecht für die Naturverjüngung und den Waldumbau weg von der Mono-Fichtenkultur hin zum Mischwald. Daher ist es wichtig, die Inventur gewissenhaft zu machen. Und zwar an 2.888 Punkten in Thüringen. Der gesamte Staatswald von Thüringen Forst wird dafür in Quadrate eingeteilt, erklärt mir Andreas Schiene vom Forstlichen Forschungs- und Kompetenzzentrum Gotha, der inzwischen auch zu uns in den Wald gekommen ist. Er ist der Inventurleiter für Verbiss- und Schälschäden. Knapp 80 Prozent der 551.500 Hektar Wald werden auf Verbiss-Schäden kontrolliert, sagt er.

Verbissquote liegt bei 15 Prozent

Zuletzt lag die thüringenweite Verbissquote bei 15 Prozent. Noch ist wohl zu viel Wild im Wald. Mit den erhobenen Daten legt die Untere Jagdbehörde die Abschusspläne für die kommenden Jahre fest, erfahre ich von Andreas Schiene. Wo sollte also im Sinne des Waldumbaus mehr Reh, Rot, Damm oder Muffelwild erlegt werden.

Frische Triebe sind ein Leckerbissen fürs Schalenwild. Tannenspitzen sind fürs Rehwild beispielsweise das, was für mich Erdbeertorte mit extra viel Sahne wäre. Während Martin Müller und Gerd Struck noch am Maßband mit der Bestandsaufnahme beschäftigt sind, laufe ich gemeinsam mit Andreas Schiene mit einer Art Bilderrahmen durch den Wald. Einmal ein Meter groß ist er. Und natürlich ist das kein Bilder-, sondern ein Zählrahmen. Dennoch werden wir uns später damit einrahmen - für ein Teamfoto. Schiene erklärt mir, dass solche Rahmen auch für die Inventur genutzt werden und zwar für Waldflächen, wo besonders viele Pflanzen wachsen. Auf 50 Quadratmetern entlang des Maßbandes alles zu kontrollieren, wäre zu aufwendig. Deshalb wird der Rahmen auf den Waldboden gelegt und dann wird hochgerechnet.

Die Förster Andreas Schiene, Gerd Struck, Martin Müller halten einen quadratischen Holzrahmen vor sich.
Andreas Schiene, Gerd Struck und Martin Müller (v.l.n.r.) mit dem sogenannten Zählrahmen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

In unserem Rahmen stehen Fichten und eine Weißtanne. Letztere hat keine Spitzenknospe mehr. Sie wurde abgefressen. Diese Tanne wird nun langsamer wachsen. Passiert das im großen Stil, ist das ein Problem für Thüringen Forst. Denn das Geld wird hier mit Holz verdient. "Was für den Förster besonders wichtig ist - ich will ja nicht nur eine Baumart. Das ist ja wie bei Aktien. Wenn ich nur auf eine setze, kann ich Glück haben. Das kann aber auch schiefgehen und wahrscheinlich geht es schief. Deshalb versuchen wir möglichst viele Baumarten zu bekommen oder besser noch zu erhalten."

Natürliche Verjüngung ist immer besser

Und weiter erklärt mir Andreas Schiene, dass eine natürliche Verjüngung immer besser ist. Zum einen wirtschaftlich gesehen, denn Aufforstungen und Pflanzungen kosten Geld. Die dafür verwendeten Bäume aus Forstbaumschulen seien zudem ganz anders mit Nährsoffen versorgt und schmecken dem Wild gleich nochmal so gut. Deshalb müsse zusätzlich auch noch Verbiss-Schutz angebracht werden. Das sei ein weiterer Kostenfaktor. Unterm Strich müsse im Sinne des Waldumbaus also die Stückzahl des Wildes begrenzt werden.

Und das Wild knabbert nicht nur Spitzen, sondern schält auch Bäume. Es zieht also die Rinde ab oder schält sie mit dem Geweih. Auf dem Weg in ein höher gelegenes Waldstück kommen wir an Sturmschäden vorbei. Die Baumkronen von Kiefern wurden durch die starken Winde der letzten Wochen abgebrochen. Fast nackt liegen sie da auf dem Waldboden, ohne Rinde. Als wir näherkommen, erkenne ich am Stamm die Zahnabrücke. Förster Gerd Struck erzählt mir, dass die sogenannte Spiegelrinde, die an den oberen Teilen der Kiefern zu finden ist, ein wahrer Leckerbissen auch für Rotwild ist. Hirsche und ihre Kühe würden da sonst nie drankommen. Eine Delikatesse, die vom Himmel fiel also, denke ich mir.

Verbissspuren an einem Baum
Das Wild knabbert nicht nur Triebe ab, sondern auch Rinde von den Stämmen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Wildzähne hinterlassen aber auch Spuren an intakten Bäumen, von denen die sich nie wieder ganz erholen werden. Und schon sind wir mitten drin in der Schälschadeninventur. Mit einem weißen Zelluloseband markieren wir einen Baum. "Das bleibt dran. Das zersetzt sich aber wieder.", sagt Müller. Ich bin beruhigt. Ich will keinen Müll im Wald. Zehn Bäume ringsherum müssen wir kontrollieren. Die Nadelbäume müssen allerdings zehn Jahre alt sein. Zu erkennen ist das an der Anzahl der sogenannten Quirle, der Astreihen.

Stolpern durchs Unterholz

Die Bäume von allen Seiten zu inspizieren, ist nicht immer so ganz easy. Entweder verheddert sich mein Schal in den Brombeeren oder ich bleibe in umgefallenen Fichten stecken oder ich stolpere im Unterholz. "Da können wir da gleich weitermachen." Ich probiere, zu folgen. "Sie sehen, es ist nicht so ganz einfach.", lacht Förster Martin Müller. Ich helfe so gut ich kann. Ich bin gern im Wald, liebe den Duft und die Geräusche dort. Also wenn der Förster einen Praktikanten braucht, ich wäre da.

Wir finden frische Schälspuren an Fichten und Kiefern. Andere sind schon einige Tage oder sogar Jahre alt. Müller gibt alles in die App ein. Anschließend zeigt er mir das austretende Harz, mit dem der Baum versucht, sich zu wehren und die Wunde zu verschließen. So schützt sich der Baum vorm Eindringen von Pilzen und Bakterien.

Verbissspuren an einem Baum
Der Baum wehrt sich gegen den Verbiss - mit frischem Harz. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Oft bilden sich dann sogenannte Flaschenformen. Unten sind manche Bäume dicker geworden. An dieser Stelle hatte der Baum durch die Schäle zu kämpfen. Innen hat sich Fäule gebildet. Ausgerechnet die forstwirtschaftlich wichtigste Stelle am Baum ist damit betroffen. Aus solchem Holz kann noch Papier gemacht werden, Möbel oder Bauholz aber nicht. Und außerdem macht eine solche Fäule den Baum instabil und damit anfällig für Stürme. Mir wird immer bewusster, wie wichtig die Inventur also ist. Wald ohne Wild will hier niemand. Der Wildbestand soll waldverträglich sein, nehme ich mit.

Nicht mal zwei Kilometer habe ich die Förster heute durch den Wald begleitet. Bis Ende Mai werden sie im Forstamt Finsterbergen 115 Kontrollpunkte abarbeiten und etwa 300 Kilometer quer durch den Wald marschieren - dann wieder ohne mich.

MDR (dr)

4 Kommentare

Gurg vor 22 Wochen

Insgesamt wird das Problem der „Wildschäden“ seitens der Forstwirtschaft stark übertrieben und zumindest in Teilen durch die Art des Waldbaus und der Jagd selbst verursacht.

Nicht jeder Einfluss von Wildtieren auf den Jungwuchs ist ein Schaden, nicht jeder Schaden liegt an der Anzahl der Tiere! In einer aufgeräumten Monokultur kann ein einzelnes Reh die Verjüngung stark beeinflussen, v.a. bei Pflanzung. Andererseits kann sich auch bei hohen Huftierbeständen Wald entwickeln, wenn Strukturreichtum vorhanden ist und geeignete Nahrungsflächen zugänglich sind.

Gurg vor 22 Wochen

Es gibt keine „Zucht“ durch Jagdpächter. Wildtiere sind Teil der Natur und der Ökosysteme. Obstbäume sind die genannten Leckerbissen und es ist völlig normal, diese zu schützen. Genau, wie man Hühner vor dem Fuchs und Schafe vor dem Wolf schützt.

Gurg vor 22 Wochen

Verbissprozente sagen wenig aus. Interessant ist, was letztlich durchwächst. Das sind üblicherweise nur wenige Prozent bzw. wenige hundert Bäume pro Hektar. Auch sollten nicht alle Bäume ähnlich alt sein, sonst entsteht wieder monotoner Altersklassenforst. Der Verbiss ist so ökologisch also nicht problematisch, nur für den Förster, der die Auslese selbst machen will.

Dass es wenig Verjüngung von Tanne und Laubbäumen gibt, liegt an der Forstwirtschaft. Wo sollen Sämlinge dieser Arten herkommen, wenn im Altbestand nur Fichten sind? Und wenn tote und umgefallene Bäume abgeräumt werden fehlt der natürliche Schutz vor Wind, Sonne und eben auch Wildtieren.

Schälschäden entstehen, wenn andere Nahrung fehlt. Die Hirsche werden durch die Jagd gehindert im Freien zu fressen und verstecken sich im Wald, wo sie Rinde schälen um nicht zu hungern.

Einzelne geschälte Bäume werden bei Durchforstungen geerntet und ohnehin wird nur ein geringer Teil der Bäume hochwertiges Bauholz.

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