Pandemie "Ans Eingemachte": Corona-Krise setzt Tanzvereinen und -schulen in Thüringen zu

Bei den Thüringer Tanzvereinen haben sich in der Corona-Krise die Mitgliederzahlen zum Teil halbiert. Die Raummieten und Fixkosten belasten die Tanzschulen. Die staatliche Unterstützung reiche laut dem Thüringer Tanzverband nicht aus. Viele Inhaber stehen vor der Geschäftsaufgabe.

Zwei Menschen im Gegenlicht tanzen in einem Saal.
Tanzen weiterhin im Dunkeln: Die Tanzschulen bleiben auch zukünftig geschlossen. Die Mitgliederzahlen dort und in den Tanzvereinen sind drastisch eingebrochen. Bildrechte: MDR/Matthias Streisel

"Wenn es bis April gehen sollte, dann kann ich sagen, ich beantrage Hartz IV", erklärte Günther Wölk, Inhaber der Tanzgalerie Suhl im Januar. Nun ist es April. Statt Hartz IV hat sich Wölk für einen Kredit entschieden. Insgesamt 20.000 Euro hat er sich geliehen, zum Teil von der Bank, zum Teil bei Freunden. Mit dem Geld kann er zumindest bis Sommer durchhalten, so der Plan.

Durchhalten sei die Devise, mit 61 Jahren habe Wölk kaum noch Alternativen. Die Frührente würde bei Weitem nicht reichen, ein Berufswechsel komme in seinem Alter nicht mehr infrage. Seit seinem 17. Lebensjahr tanzt Günther Wölk, zu DDR-Zeiten auch für das Fernsehballett. 2003 gründete er die Tanzgalerie in Suhl. Die Situation jetzt erlebt er wie die Wende, als er ebenfalls vor dem Nichts stand.

Hälfte der Tanz-Mitglieder hat gekündigt

Das Tanzhaus in Jena ist im 30. Jahr. Die Jubiläumsfeier ist allerdings ausgefallen, wie vieles 2021. Die Leiterin des Vereins, Rena Fritsch, arbeitet inzwischen halbtags als Kindergärtnerin. Für ihre halbe Stelle im Tanzhaus bekommt der Verein Kurzarbeitergeld. So kann sich Fritsch über Wasser halten. Ihre Tanzkurse in den Grundschulen kann sie seit Monaten nicht anbieten und auch der Tanzsaal im Jenaer Osten steht seit einem halben Jahr leer. 150 Kinder tanzten hier wöchentlich vor der Pandemie, ungefähr die Hälfte hat den Mitgliedsvertrag inzwischen gekündigt.

Eine Unterstützung des Freistaates fehlt

Die Überbrückungsgelder des Bundes helfen, kommen aber oft sehr spät, so Rena Fritsch. Die Fixkosten für den Tanzsaal liegen bei 1.200 Euro im Monat. Die Stadt Jena unterstützt das Projekt mit monatlich 187 Euro. Die Differenz kommt derzeit aus Spenden und den verbliebenen Mitgliedsbeiträgen. Ab Mai ist dieses Geld aber auch alle. Fritsch würde sich eine weitere Unterstützung des Freistaates wünschen, die fehle ihr gänzlich.

Tanz-Sport um Jahre zurückgeworfen

Die Situation sei überall ähnlich, in ihrer Gesamtheit katastrophal, meint der Geschäftsstellenleiter des Thüringer Tanzverbandes Jörg Lübbe. 4.000 Mitglieder zählt der Verband. Etliche Tanzlehrer haben sich bereits andere Berufe gesucht und wer einmal weg ist, kommt so schnell nicht wieder, so Lübbe.

Thüringer Tanzverband e.V., Geschäftsstellenleiter Jörg Lübbe
Jörg Lübbe, Geschäftstellenleiter des Thüringer Tanzverbands Bildrechte: MDR/ Alexander Reißland

Zwar gebe es immer wieder Hilfsprogramme des Bundes, doch meist sind die völlig überzeichnet. So haben aus dem Fördertopf "Neustart Kultur" nur 18 Prozent der Tanzstudios, die Gelder beantragt haben, auch welche bekommen. "Es gibt auch Investitionsprogramme, wo sich Vereine Lüfter kaufen konnten für ihre eigenen Räume. Aber das nützt ja nichts, wenn man trotzdem nicht öffnen darf", kritisiert Lübbe. Wie viele Mitglieder nach der Corona-Pandemie noch übrig sind, werde sich zeigen. Mindestens zwei Jahre werde es aber dauern, um die weggebrochenen Strukturen wiederaufzubauen.

"Es gibt viele Tanzschulen, die Leben nur noch vom Eingemachten", sagt Lübbe. "Wir haben Existenzen, die nicht nur auf dem Spiel stehen, sondern die nur noch da sind, weil die Leute kämpfen bis zum Schluss. Bis zum Ende."

Quelle: MDR/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | THÜRINGEN JOURNAL | 22. April 2021 | 19:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Thüringen

Lagerraum einer Tafel in Thüringen 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK