Pandemie Lange Schlange bei Impfaktion für jedermann in Eisenach

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Eine Impfung nach dem Windhundprinzip: wer früh da ist, kommt schnell zum Zuge. Mit seiner Aktion "1.000 auf einen Streich" bietet das MVZ am Klinikum Eisenach eine Chance für diejenigen, die bisher vergeblich auf einen Termin beim Hausarzt gewartet haben - oder im Impfzentrum wegen ihres Alters noch nicht an der Reihe waren. Dabei lockte auch der Impfstoff, der schnelle Freiheit verheißt.

Eine lange Warteschlange vor dem Klinikum Eisenach.
Um 8 Uhr standen bereits 430 Menschen in der Schlange vor dem Klinikum. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Der erste hat sich schon gegen vier Uhr vor die Tür des MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) gestellt, ein Eisenacher aus der Nachbarschaft: "Es wusste ja keiner, wie sich das entwickelt." Schlimm sei das Warten nicht, meint er und vergleicht es mit dem Run auf gewisse neue Smartphones. "Wie lange die Leute dastehen! Und das ist nicht so wichtig." Vier Stunde Wartezeit nimmt er in Kauf, denn beim diesmal angebotenen Impfstoff "Johnson&Johnson" reicht eine Dosis – "und dann hat man es weg". Das heißt: alle, die sich am Samstag bei der Aktion impfen ließen, genießen ab dem 20. Juni Schutz, brauchen sich nicht mehr testen zu lassen.

Fußball spielen und ohne Test in den Biergarten

Fläschchen des Corona-Impfstoffs von Johnson und Johnson
Beim Impfstoff "Johnson&Johnson" reicht eine Dosis für den Impfschutz. Bildrechte: dpa

Den einen geht es darum, "die Freiheit wiederzuhaben", die anderen wollen bald in den Urlaub. Endlich wieder ohne Test in den Biergarten oder ins Restaurant wünscht sich einer - Fußball spielen, ein anderer. "Die Impfung schütze vor schweren Infektionen", meint ein anderer aus seiner Gruppe. "Manche erwischt es doch ganz schön hart." Gesundheitsschutz und Sicherheit nennen viele - und eine junge Frau sagt, mit der Impfung trage sie doch auch zur Herdenimmunität bei.

Langes Warten bei den Hausärzten

Dafür sind viele sehr früh aufgestanden, zum Teil von weit her angereist. Junge Leute aus Leipzig und Erfurt, aus dem hessischen Rotenburg an der Fulda. "In Hessen dauert es zu lange mit dem Impfen", sagen zwei Männer. Aber auch ältere Menschen stehen geduldig Schlange. Warum sie nicht andere Wege wählen? Eine ältere Frau sagt: "Mein Hausarzt impft nicht, da muss ich mich halt hierher stellen, nutzt alles nix. Wir wollen wieder mal verreisen und so, wollen uns nicht so isolieren - da müssen wir halt mal hier stehen." Andere beklagen sich, dass ihre Hausärzte nur sehr wenige Impfdosen erhalten, ihnen Termine in vielen Wochen oder sogar erst im September in Aussicht gestellt wurden.

Eisenach Impfaktion: "1.000 auf einen Streich"

Impfen ohne Termin und Priorität - das hat jetzt schon zum zweiten Mal das MVZ am Klinikum Eisenach angeboten. Erneut war das sehr erfolgreich: Die Menschen kamen teilweise von weither und standen lang Schlange

Eine Warteschlange vor dem Klinikum Eisenach.
Die allerersten Impfwilligen hatten sich schon am frühen Morgen gegen 4 Uhr angestellt - gut versorgt mit Campingstühlen und Verpflegung. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Eine Warteschlange vor dem Klinikum Eisenach.
Die allerersten Impfwilligen hatten sich schon am frühen Morgen gegen 4 Uhr angestellt - gut versorgt mit Campingstühlen und Verpflegung. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Zwei junge Männer stehen vor dem Klinikum Eisenach.
Aus Erfurt sind diese jungen Männer angereist - sie standen seit 5 Uhr für die Impfung an. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Eine lange Warteschlange vor dem Klinikum Eisenach.
Als um 8 Uhr die ersten eingelassen wurde, war die Schlange bereits rund 430 Menschen lang. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Eine lange Warteschlange vor dem Klinikum Eisenach.
Viele berichteten, dass sie beim Hausarzt keine Chance auf Impfung sehen und waren froh über den Pieks ohne Termin und Priorität. Andere fanden gut, dass bei dem Impfstoff von "Johnson&Johnson" eine Impfung reicht. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Zwei junge Männer stehen vor dem Klinikum Eisenach.
Diese beiden jungen Männer waren aus dem hessischen Rotenburg an der Fulda angereist - auch sie waren bereits um 5 Uhr aufgestanden, um eine Impfdosis zu ergattern. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ein Flur im Klinikum Eisenach. Hier warten einige Menschen auf ihre Impfung.
Ablauf wie am Schnürchen: weil insgesamt neun Ärztinnen und Ärzte des MVZ mitzogen - und rund 30 weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützten - wurden pro Stunde etwa 200 Impfwillige versorgt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Ein Arzt sitzt an einem Schreibtisch. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl auf der anderen Seite des Raumes.
Oliver Tietge (links) hat die Aktion organisiert und impft selbst mit. Das MVZ könne durch die vielen Ärzten größere Mengen Impfstoff bekommen, sagt er - damit wolle man helfen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
Zwei junge Männer halten ihren Impfausweis hoch.
Aus Leipzig waren diese Brüder angereist, um sich mit Impfschutz zu versorgen. Sie kommen aus Eisenach und nahmen den Weg gern auf sich. Bildrechte: MDR/Ruth Breer
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Wie zu DDR-Zeiten

Umso mehr begrüßen sie das Angebot des MVZ und nehmen das Anstehen in Kauf. Die Stimmung ist gut. Das sei wie vor 30 Jahren, zu DDR-Zeiten, freut sich eine kleine Gruppe und erzählt, man habe am Morgen schon viel Spaß gehabt. Einige haben Campinghocker und Thermoskannen dabei. Die Menschen unterhalten sich, scherzen - und tatsächlich rückt die Reihe schnell vor. Bis zum Start um 8 Uhr haben sich schon 430 Impfwillige angestellt. Die Schlange windet sich in mehreren Kehren am Krankenhausgelände entlang.

200 Impfungen pro Stunden

Das MVZ hat alles gut organisiert, dafür sorgt ein Impfteam aus neun Ärztinnen und Ärzten sowie 30 weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Schwestern verteilen in der Schlange Vordrucke an diejenigen, die sie nicht mitgebracht haben, erinnern an Impfpass und Gesundheitskarte. So läuft im Gebäude alles zügig. Innerhalb der ersten Stunde bekommen bereits 200 Menschen ihren Impfschutz.

Ziel fast erreicht

Mediziner Oliver Tiedge hat die Aktion angeregt. Das MVZ wolle die Hausärzte unterstützen, sagt er. Durch die vielen Ärzte könne das MVZ größere Mengen Impfstoff bestellen, auch habe man viel Erfahrung mit größeren Mengen an Patienten. Er freut sich auch über die Reaktion der Patienten. Alle seien begeistert - und froh über das Angebot. Am Mittag ebbt der Strom etwas ab, aber bis zum Nachmittag ist das Ziel fast erreicht: 965 Menschen haben sich in Eisenach impfen lassen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Thüringen Journal | 06. Juni 2021 | 19:00 Uhr

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