Thüringen "Drogen besorgen, ist wie Pizza kaufen"

Bei Tobias sind die zentralen Themen des Lebens Party machen, Frauen treffen und Crystal-Konsum. Es sei leicht, in Eisenach an Drogen zu kommen. Doch dann muss er ins Gefängnis und es beginnt der Entzug – schon wieder.

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Das Leben von Tobias dreht sich vor allem um Crystal, Frauen und Partys. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Drogen in Eisenach zu besorgen, das "ist so einfach wie Pizza kaufen", sagt Tobias. Der 37-Jährige zieht die grüne Kapuze seines Hoodies über die kurzen rotblonden Haare und schwingt sich auf sein schwarzes Mountainbike. Nach einer knappen halben Stunde ist er zurück. Er läuft die schmale Treppe zur Wohnung seines Kumpels hoch. Dort lebt er – und von Hartz 4.

"100 Euro" kostet ein Gramm Crystal in der 40.000-Einwohner-Stadt im Westen von Thüringen. "Damit sollte man eigentlich mindestens zwei Wochen kommen", sagt Tobias und grinst ein wenig schief. Doch bei ihm reiche es eher nur eine Nacht. Früher war alles besser – auch die Drogen, glaubt er. Sein Leben dreht sich vor allem um Crystal, Bekanntschaften mit Frauen und Partys.

Crystal wird in allen Gesellschafts-Schichten genommen

In der Drogenszene in Eisenach kennt man sich. Einige würden auch "Schlips und Kragen tragen", sagt Tobias und erzählt weiter: "Ein Kumpel von mir, der war viereinhalb Jahre weg. Bei ihm habe ich auch nach der Haft gewohnt." Er ahnte damals im Januar 2020 noch nicht, dass er dort erneut hinkommen wird.

"Das is ´ne Bude hier. Ich muss uns Tassen aufwaschen, siehst es?", sagt er und läuft durch die kleine Wohnung, räumt ein paar Rahmen von auseinander gebauten Fahrrädern beiseite. Basti ist der Besitzer der Wohnung, macht Musik und irgendetwas mit Computern, sagt er. Er arbeite nachts und müsse lange fit bleiben – dabei helfe Crystal.

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Routiniert zerbröselt Tobias das Crystal und schiebt es zu kleinen Häufchen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dann geht es ganz schnell und routiniert. Tobias verteilt die Drogen auf einer CD-Hülle, nimmt sein Feuerzeug und drückt unter einer Folie das Zeug platt. Anschließend schiebt er mit einer Kreuz-Ass-Karte vier kleine Häufchen nebeneinander. Dann zieht er mit einem Röhrchen das Crystal ein.

Crystal wird aus Medikamenten herausgekocht

"Ich will jetzt nicht sagen, es geht mir besser. Ich bin beruhigter, mehr auch nicht", sagt Tobias und lässt sich auf einen schwarzen, wackligen Bürostuhl sinken. Viel hätten er und seine drei Freunde gerade nicht genommen. "20 Euro. Müsste auch reichen normalerweise." Doch er wird an diesem Tag noch einmal losradeln.

Mit dem Crystal Meth komme bei Tobias auch "so eine Erregung. Das fördert das auf alle Fälle". Es stimuliere die sexuelle Erregung. Während Tobias im Stuhl hockt und mit einem Arm das glattrasierte Kinn oben hält, sagt er:

Ja, lieber einen hoch kriegen und zehn Jahre weniger gelebt.

Tobias Drogensüchtiger

Crystal ist ein Amphetamin, das aus einzelnen Bestandteilen von früher frei verkäuflichen Medikamenten heraus gekocht wird. Die Drogenküchen stehen in Tschechien, Polen und den Niederlanden. Dort erhöhen Ermittlungsbehörden den Fahndungsdruck, das lässt auch in Deutschland die Preise steigen.

Viele Jahre im Gefängnis verbracht

Ab Anfang 2020 sitzt Tobias dann in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tonna. Er muss vier Monate wegen eines geringfügigen Ladendiebstahls absitzen. Allerdings schreibt er, dass er jetzt aufgrund einer älteren Haftstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt war, ins Gefängnis musste. Tobias war schon oft in Haft. Wie viele Jahre seines Lebens? Das weiß er nicht.

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Tobias hat seit Beginn der Langzeittherapie etwas zugelegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im November des vergangenen Jahres kann MDR exakt den Mann erneut sehen. Tobias ist inzwischen in Römhild im Landkreis Hildburghausen zur Langzeittherapie. Er ist nicht mehr so drahtig, hat bestimmt 20 Kilogramm zugelegt. Der beige Hoodie spannt leicht am Bauch. Er ist weniger aufgedreht, weniger fröhlich, wirkt lethargisch. Er bekommt Psychopharmaka.

"Ich war vor Jahren Jahren schon einmal hier", sagt Tobias. "Damals war mehr mit Sport. Da ging es mir besser." In der ersten Zeit sei der Suchtdruck ganz schön hoch gewesen. Von den 120 Patienten in der Einrichtung seien "über Dreiviertel" Crystal-Konsumenten.

Antrieb zum Ausstieg fehlt

Tobias ist nicht überzeugt, dass er diesmal den Absprung von der Droge schafft. "Der Antrieb fehlt mir", sagt er. Das sei ausschlaggebend. "Ich habe auch zu nichts so richtig Bock", berichtet er, während er auf einer grauen Bank an einem blätterlosen Baum unter bewölktem Himmel sitzt.

Tobias ist inzwischen 38 Jahre alt. Er hat noch immer keine Vorstellung, was er mit seinem Leben anfangen will. "Gastronomie glaube ich eher nicht so. Irgendetwas Handwerkliches in der Richtung so." Als er an diesem Novemberabend in die Klinik zurückkehrt, ist er voll bepackt mit Süßigkeiten und Knabberkram.

Quelle: MDR exakt / mpö

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt - die Story | 24. März 2021 | 20:45 Uhr

8 Kommentare

part vor 31 Wochen

Leider ist Sucht und Suchtverhalten in allen Teilen der Gesellschaft vorhanden, ob der Manager oder der Politiker, die immer höher hinaus wollen oder die abgehängten Teile der Gesellschaft, die einfach nur nicht an ihr Elend täglich denken möchten. Die Motive sind vielfältig und seit der Mensch zum Mensch geworden ist, benutzt er Substanzen um sich aus der Realität zu stehlen, selbst Menschenaffen können dies schon. Fast die gesamte Wehrmacht im II. WK war abhängig von Pervitin und hat ihr Desaster erlebt als der Nachschub ausblieb. Drogen sind in unterschiedlichen Kulturkreisen toleriert und gehören dazu, Alkohol, Tabakprodukte oder Khat und Opium, sind nur einiger der Beispiele. Hinzu kommen noch die verhaltensabhängigen Süchte, die nichts mit Drogen zu haben oder von diesen begleitet werden. Es kann also jeden treffen und in außergewöhnlichen Lebenssituationen besonders und es sollte deshalb niemand besonders stigmatisiert werden. Die Sucht, der täglichen Anforderungen ist Sucht...

maddin vor 31 Wochen

„Boomer-Bubble“? Sie kritisieren „Schubladen-Denken“ und betreiben es dann selbst. Sehr erhellend.
„Tobias ist nicht überzeugt, dass er diesmal den Absprung von der Droge schafft. "Der Antrieb fehlt mir", sagt er. Das sei ausschlaggebend. "Ich habe auch zu nichts so richtig Bock", berichtet er, während er auf einer grauen Bank an einem blätterlosen Baum unter bewölktem Himmel sitzt.“
Na dann, so einfach kann man es sich halt auch machen, während die Solidargemeinschaft tagtäglich ihrem Job nachgeht und sämtliche Abgaben, Beiträge und Steuern erwirtschaftet! Nicht einmal diese sog. „Entziehung“ ist umsonst, die Kosten dafür zahlen nämlich alle Versicherten in ihre jeweiligen Krankenkassen ein. Selbst die meisten körperlich oder geistig Eingeschränkten gehen Tag für Tag in speziellen geschützten Einrichtungen einer ihnen möglichen Tätigkeit nach. Jeder Mensch definiert sich nämlich auch über eine Arbeit, die er für sich und die Gemeinschaft erfüllt. So wird nämlich ein Schuh daraus.

Deutscher_Patriot vor 31 Wochen

"Aber diese Gesellschaft, in der wir leben, ist nicht darauf ausgerichtet, den Einzelnen zu betreuen, zu erziehen."
Früher waren Leher noch Respektspersonen, denen man zu gehorchen hatte. Aber das ist ja heute verboten.
Da bleibt als Betreuung des Einzelnen doch nur noch eine allgemeine Wehrpflicht für alle, wo noch Werte vermittelt werden: Verantwortung, Ordnung, Disziplin, Hausarbeit.
Viele Abstürzler wissen wohl gar nicht, wie man einen normalen Haushalt führt: Putzen, kochen, waschen, damit man nicht im Siff versinkt.
Wenn das nicht in den Familien oder den Schulen vermittelt wird, bleibt ja nur noch die Wehrpflicht als letzter Rettungsanker übrig!

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