Rückkehr in die Gesellschaft Aus dem Gefängnis auf die Straße?

Als Tony in Untermaßfeld aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er keine Wohnung, kein Geld und keine Aussicht auf "Eingliederung". Das einzige, was ihn stützt, ist seine Familie – er liebt seine kleine Tochter. Er schafft den schweren Gang zurück in ein Leben in der Freiheit. Dabei könnte der leichter sein, wenn es ein Recht auf Resozialisierung nach der Entlassung gebe, sagen Experten.

Ein Mann blickt in die Kamera
Tony hat bereits acht Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist genau das eingetreten, was am Ende eines Aufenthaltes im Gefängnis nicht passieren soll. Tony hat bis zur letzten Minute seine Haftstrafe abgesessen und keinerlei Haftlockerungen bekommen. Als er im grau-schwarzen Jogginganzug im Januar vor das Tor der Anstalt in Untermaßfeld in Thüringen tritt, hat er keine Wohnung, keine Arbeit, keine Krankenversicherung und kaum Geld. Die Rückkehr in das normale Leben ist für den 31-jährigen Vater extrem schwer – und Tony ist kein Einzelfall.

"Ich will mein Leben in den Griff kriegen und hoffe, dass ich meine Tochter dann nicht mehr enttäusche", sagt Tony. Er hat bereits acht Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Das erste Mal ist er mit 14 verurteilt worden. "Da hatte ich Körperverletzung begangen, ein paar Einbrüche. Habe angefangen, Drogen zu konsumieren und dadurch ging mein Leben dann völlig bergab." Den letzten Aufenthalt musste er wegen Fahrens ohne Führerschein und Urkundenfälschung absolvieren. Es läuft noch ein weiteres Verfahren gegen ihn.

Nur 20 Prozent bekommen Erleichterungen in der Haft

Ein Jahr hatte Tony im Gefängnis verbracht. Gegen Ende beantragte er eine Lockerung seiner Haftbedingungen. Darauf hätte er laut Strafvollzugsgesetz Anspruch – er bekam diese aber nicht. "Sie dürfen diese Lockerungen eben nur geben, wenn sie keine Flucht- und Missbrauchsgefahr sehen", erklärt Rechtsanwalt Doktor Thomas Galli. Er war 15 Jahre lang Gefängnisdirektor in Bayern und in Sachsen und ist heute ein scharfer Kritiker des Strafvollzugs in Deutschland. Er sagt: "Diese Gefahr können Sie eigentlich bei keinem Menschen vollkommen ausschließen. Und das führt dazu, dass es total restriktiv gehandhabt wird." Nur 20 Prozent der Gefangenen bekämen Hafterleichterungen gewährt.

Aus Sicht von Galli mache es keinen Sinn, jemanden der etwa ein Jahr zu verbüßen habe, bis zur letzten Minute in der geschlossenen Anstalt zu belassen. Denn derjenige werde in die Freiheit entlassen und könne den Alltag "draußen" – ohne Lockerungen – kaum vorbereiten. Allein eine Wohnung zu finden, ist ohne Ausgang schwer.

Findet ein ehemaliger Insasse keine eigene Unterkunft, landet er auch bei der Obdachlosenhilfe. "Oftmals werden die Menschen auch direkt aus dem Gefängnis zu uns geschickt", berichtet Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin. "Zwei Prozent der Menschen, die zu uns kommen, waren direkt zuvor in der JVA." Dies gehe aus ihren Datenarchiv hervor, das aus den Meldungen der einzelnen Einrichtungen in ganz Deutschland bestehe. 46.000 Einträge gebe es. Doch das seien nur die Fälle, die zur Wohnungslosenhilfe gehen. Viele Menschen gehen aus der Haft auch zu Freunden, der Familie und zu anderen Einrichtungen. Die Dunkelziffer dürfte also weitaus höher liegen. Ein anderer Fakt: Für sieben Prozent der dort aufgelisteten Fälle sei der Haftantritt Grund für die Auflösung der Wohnung. "Etwa weil es keine komplette Übernahme der Kosten gibt." Das Jobcenter zahlt die Miete nur für maximal sechs Monate weiter.

Tony hat Glück und kommt bei Mutter und Schwester unter

Tony hat Glück: Er kann sowohl bei seiner Mutter und als auch seiner Schwester in Eisenach unterkommen. Zwischen deren Wohnungen pendelt er. Seine dreijährige Tochter lebt seit der Entlassung bei ihm. Alice und Tony genießen jede freie Minute: fahren Roller, gehen Rodeln, machen Ausflüge. Täglich werde ihm klar, wie verschwendet seine Lebenszeit hinter Gittern war, sagt Tony.

Vater und Kind mit Schlitten im Schnee
Tony und seine Tochter genießen jede freie Minute: fahren Roller, gehen Rodeln, machen Ausflüge. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Früher kannte ich nichts Anderes: immer rein, raus, rein, raus", sagt Tony. "Zuletzt hat das jetzt wehgetan, weil ich eine kleine süße Tochter habe." Das ist ein typischer Grund, erklärt Thomas Jakob, Er ist der Sozialamtmann der Thüringer Generalstaatsanwaltschaft. Wenn es eine richtige feste Beziehung gebe oder Kinder dazu kämen, dann veränderten sich kriminelle Karriere und münden "dann gottseidank in ein ganz normales, bürgerliches Leben."

Viele Häftlinge sind nach Entlassung auf sich allein gestellt

Der Weg dahin muss allerdings offenbar oft ohne staatliche Unterstützung gefunden werden. "Es schleift ganz schön, bis man da mal etwas hinkriegt", berichtet Tony. Er musste sich nach seiner Entlassung erst einmal im Obdachlosenheim der Caritas eine Postadresse einrichten. Dann standen etliche Behördengänge bevor.

Im Februar – einen Monat nach dem Gefängnis – hat er Post vom Jobcenter bekommen. "Das ist die Übersicht über angemessene Wohnungen", berichtet Tony. "Zwei Personen. 477 Euro." Außerdem hat er kurz zuvor das alleinige Sorgerecht für seine Tochter bekommen. Damit löst sich allerdings einer seiner Pläne erstmal in Luft auf: die Arbeitssuche. Sie wird verschoben. "Damit fange ich erst an, wenn ich die Wohnung sicher habe", sagt Tony.

Jetzt habe der 31-Jährige andere Probleme. Seine Ex-Freundin und Mutter der Tochter hatte Stress mit dem Jugendamt. "Die hat sich da um ein paar Sachen nicht gekümmert und wurde ziemlich fertiggemacht", sagt Tony. Sein Herz hänge auch noch an der Ex, sagt er. Eigentlich wollte er auch noch eine Therapie absolvieren. Tony hat Drogen konsumiert seit er 14 war. "Ich gehe noch nebenbei zu einer Suchtberatung." Das ist nur ein einstündiger Termin pro Woche. Es steht viel an, für jemanden der ein Jahr hinter hohen Mauern und in einem streng hierarchischen System absolviert hat.

Bislang kein Recht auf Resozialisierung

"Das zentrale Problem ist, dass Straftäter nach der Entlassung keinen Anspruch auf Maßnahmen zur Resozialisierung haben", sagt der Professor für Sozialarbeitswissenschaft und Kriminologie von der Hochschule Merseburg, Jens Borchert. Weder in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen gebe es ein Resozialisierungsgesetz – ebenso wie in den meisten anderen Bundesländern. "Da gibt es bundesweit einen großen politischen Handlungsbedarf", sagt Jens Borchert, der bis 2007 in der JVA Torgau gearbeitet hat. Auch damals seien Häftlinge entlassen worden, die keine Wohnung hatten. Doch nicht nur deshalb fielen einige Ex-Insassen in ein sogenanntes Entlassungsloch.

"In den Gefängnissen gibt es zu wenige Sozialarbeiter und generell einen Personalmangel", sagt Borchert, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit dem Übergang aus der Haft in die Freiheit beschäftigt. Es könnte ein besseres Netzwerk geben, um das "Übergangsmanagement zu verbessern". Doch dafür werde ein juristischer Überbau benötigt.

Bislang gibt es nur das Justizvollzugsgesetz, welches vor allem die Instrumente zur Resozialisierung während der Haft festlegt. Doch diese würden nur selten angewendet, sagt Sozialamtmann Thomas Jakob. "Ich finde die existierende Lockerungspraxis in Thüringen nicht ganz so gewinnbringend, weil relativ spät oder zum Teil auch gar nicht gelockert wird." Doch das liege im Ermessen der jeweiligen JVA. "Desto besser die Entlassungssituation vorbereitet ist, umso geringer ist eigentlich auch das Risiko, dass eine erneute Straffälligkeit auftritt", so der Bewährungshelfer.

Erste Wochen nach Entlassung sind entscheidend

Meist entscheidet sich in den ersten vier Wochen nach der Haft, ob die Wiedereingliederung und Resozialisierung gelingt. MDR exakt trifft Tony im März erneut. Da ist er bereits seit zwei Monaten auf freiem Fuß und hat damit die kritische Zeitspanne gemeistert, in der viele Straftäter rückfällig werden. Der Vater hat inzwischen eine eigene Wohnung, ist krankenversichert und ein Bankkonto bekommt er ebenfalls. Tochter Alice lebt nach wie vor bei ihm, under versucht auch den Kontakt zur Mutter zu halten: "Ich will, dass die beiden viel Zeit miteinander haben. Dass sie ihre Mama genauso wie ihren Papa hat. Das ist sehr wichtig. Ohne ihre Mama geht sie kaputt." Tony ist selbst Scheidungskind.

Es scheint soweit alles in Ordnung zu sein. Doch der Schein trügt. Die Vergangenheit lässt Tony nicht los. Tony hält sich vom Milieu fern, doch das Milieu nicht von ihm. Er wird immer wieder bedrängt und bedroht, berichtet er. "Man hat mir gedroht. Ich soll irgendwelches Geld bezahlen", sagt er. Doch von ihm gebe es nichts. Wenn es zu einer Schlägerei komme, "bin ich auf jeden Fall nicht mehr so dumm wie früher. Ich lass mir die ersten zwei ins Gesicht boxen, dann boxe ich zurück", sagt er. Dann würde er nebenbei die Polizei rufen und anschließend gingen die anderen ins Gefängnis. "Ich gehe nie wieder ins Gefängnis. Ich bleibe bei meiner Familie."

Im Gefängnis ist alles bis ins Kleinste geregelt

Ein Mann blickt in die Kamera
Rechtsanwalt Doktor Thomas Galli war 15 Jahre lang Gefängnisdirektor in Bayern und in Sachsen und ist heute ein scharfer Kritiker des Strafvollzugs in Deutschland. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Viele Menschen in Deutschland denken, man muss schon einiges auf dem Kerbholz haben, bis man mal ein Jahr in Haft kommt", sagt der Jurist Thomas Galli. Doch die Realität sehe ganz anders aus. Aus seiner Sicht müsse sich die Frage gestellt werden, was mit den Strafen erreicht werden solle und was derzeit erreicht werde. Derzeit werden "50.000 Menschen pro Jahr in Deutschland zur Verbüßung einer Ersatzfreiheitsstrafe inhaftiert. Das sind Menschen, die schwarzgefahren sind oder im sehr kleinen Umfang etwas mit Drogen gemacht haben und so weiter."

Tony hatte unmittelbar nach seiner Entlassung schon Probleme ein Ticket in der Bahn zu lösen. Im Gefängnis war alles bis ins Kleinste geregelt – in der Freiheit verlieren die ehemaligen Inhaftierten dann schnell das Gefühl und das Selbstvertrauen, Dinge selbst erledigen zu können. Dabei ist der Anspruch der Gesetze, "den Straffälligen zu befähigen, ein Leben in Eigenverantwortung und ohne Straftaten zu führen", sagt Autor Galli. "Und was in Haft passiert, ist zum Thema Verantwortung genau das Gegenteil."

Größte Stütze für Tony: Die Familie

Bei Tony liefen die Vorbereitungen auf ein Leben jenseits der Gefängnismauern denkbar schlecht – etwa, weil die beantragten Hafterleichterungen nicht genehmigt worden. JVA und Justizministerium erklären dazu: "…, dass aufgrund seiner unzureichend aufgearbeiteten Suchtproblematik, seines delinquenten Vorlebens […] eine Missbrauchsgefahr der Lockerungen nicht ausgeschlossen werden konnte."

Trotz schlechter Startbedingungen hat es der 31-Jährige Tony offenbar geschafft, nicht rückfällig zu werden – und sich wieder ein Leben in Freiheit und mit seiner Tochter aufzubauen. Seine größte Stütze war und ist dabei die Familie.

Quelle: MDR exactly/ mpö

Mehr zum Thema Obdachlosigkeit

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt - die Story | 14. Juli 2021 | 20:45 Uhr

Mehr aus der Region Eisenach - Gotha - Bad Salzungen

Mehr aus Thüringen

LKW liefert überlanges Rohr mit mehreren Metern Durchmesser 1 min
Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Für den unterirdischen Schwemmbachkanal in Erfurt, der unterhalb der Clara-Zetkin-Straße verläuft, sind neue Rohre fällig. Der erste Kunststoffersatz für die verschlissenen Betonrohre rollte am Dienstag an.

28.09.2021 | 19:32 Uhr

Di 28.09.2021 19:23Uhr 01:11 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/mitte-thueringen/erfurt/video-rohre-unterirdischer-kanal-clara-zetkin-strasse-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video