Enthusiasten gefragt Eisenacher Innenstadt-Brachen wird neues Leben eingehaucht

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Ohne Auto zur Arbeit, alles zu Fuß erledigen, die Einkaufsstraße um die Ecke. Das wünschen sich viele, aber Bauplätze in Städten sind rar. Auf der anderen Seite stehen Häuser leer und verfallen. In Eisenach haben ein Verein, die Stadt und der städtische Sanierungsträger vor drei Jahren die gemeinsame Initiative "Zentral-Genial: Neues Wohnen in der Altstadt" gestartet, um beides zu verbinden und die Brachen attraktiv zu machen. Inzwischen gibt es erste Erfolge.

Eine Gruppe Menschen hört einer Frau zu
Bei einem Spaziergang durch die Eisenacher Innenstadt haben sich Initiatoren der Aktion "Zentral - Genial" und Interessenten ein Fachwerkhaus am Frauenplan oberhalb des Bachhauses angeschaut. Nach jahrelangem Leerstand saniert die neue Eigentümerin nach und nach und macht viel in Eigenleistung. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Diana und Steffen Schulze wohnen zur Miete in Eisenach und träumen wie viele Paare vom Eigenheim. Das aber sollte möglichst in der Stadt liegen, damit sie auch künftig viele Wege zu Fuß machen und das Auto stehen lassen können. Deshalb wurden sie hellhörig, als sie von der Initiative "Zentral-Genial" hörten. Brachen in der Altstadt nutzen? Das gefiel ihnen. Und so kamen sie mit Planer Michael Salzmann zusammen, der bereits ein schmales, aber völlig marodes Fachwerkhäuschen in der Nähe des Johannisplatzes im Auge hatte. Das Haus abreißen und in die kleine Baulücke etwas Neues bauen - das war der Plan, der dem Ehepaar gefiel, und den es jetzt bei einem Stadtspaziergang der Initiative einer größeren Runde vorstellte.

"Auf der grünen Wiese kann jeder bauen"

Inzwischen ist einige Zeit vergangen und Michael Salzmann lobt seine Bauherren überschwänglich als Enthusiasten. "Auf der grünen Wiese kann jeder bauen," sagt er. "Für vermutlich halb so viel Geld," ergänzt Steffen Schulze. Schon der Abriss war aufwendig: viel Handarbeit, denn das Grundstück hat rundum Nachbarn.

Dabei gab es unangenehme Überraschungen. Zum Teil hatten die Nachbarhäuser keine eigenen Mauern. So musste schnell eine Leichtbauwand zu einem benachbarten Laden hochgezogen werden, der sonst halb im Freien gestanden hätte. Und auch die Fundamente der Häuser ringsum mussten abgefangen werden. Noch bevor in zwei Wochen die Bodenplatte kommt, haben die Schulzes schon viel Geld verbaut. Es sei schon ein Erfolg, dass alles stehen geblieben ist, stellt Salzmann trocken fest.

Eine Baustelle
In dieser kleinen Baulücke nahe des Johannisplatzes soll das Eigenheim von Diana und Steffen Schulze entstehen. Bevor in zwei Wochen die Bodenplatte gegossen werden kann, mussten nach dem Abriss die Fundamente der Nachbarhäuser gesichert werden. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Dachterrasse mit Wartburgblick

Trotzdem überwiegt bei dem Paar die Vorfreude auf ihr Haus in der Stadt: unten die Garage und Kellerräume, in den drei Etagen darüber die Wohnräume, insgesamt 140 Quadratmeter. Je höher, desto schöner: Nach hinten heraus ist eine Dachterrasse mit Wartburgblick geplant. Diana Schulze freut sich auf den Einzug im kommenden Jahr: "Das wird schon schön werden", sagt sie. Ihr Planer findet es allerdings ungerecht, dass es Städtebaufördermittel nur für Altbauten gibt. Was aber, wenn in einer Brache nur neu gebaut werden kann? Auch das bedeute in einer Innenstadt-Lage deutlich höhere Kosten, sagt Michael Salzmann, aber es gibt keine Zuschüsse, um dieses "finanzielle Wagnis" abzufedern.

Ein Mann und eine Frau sehen in die Kamera
Das Ehepaar Schulze: Sie schätzen die Lage in der Innenstadt und wollten nicht raus auf die "grüne Wiese". Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Fördermittel für den Erhalt baufälliger Innenstadt-Häuser

Wie sehr solche Fördermittel helfen können, zeigt sich an der zweiten Station des Stadtspaziergangs. Frauenplan 31, wieder ein schmales Fachwerkhaus, diesmal oberhalb des Bachhauses. Es gehörte einer 13-köpfigen Erbengemeinschaft, berichtet Jakob Kratzsch vom Sanierungsträger der Stadt, der Kommunalentwicklung Mitteldeutschland GmbH (KEM).

Die Stadt beantragte für das stark geschädigte Haus Mittel zu Sicherung aus dem Stadtumbau-Programm, finanziert von Land und Bund. Insgesamt seien in den vergangenen 30 Jahren 4,4 Millionen Euro in 140 Objekte in Eisenach geflossen, um sie zu erhalten, sagt Kratzsch. Ein Teil davon in das Haus am Frauenplan, wo auf der Rückseite Fachwerk drohte wegzurutschen und Hausschwamm beseitigt werden musste. Schließlich wurde dieses Gebäude in die Eisenacher Aktion "Zentral-Genial" aufgenommen.

Architekten entwickeln Ideen für Brachen

Die Idee dafür stammt vom Förderkreis zur Erhaltung Eisenachs. Der Verein weist seit Jahren kritisch auf Brachen und Leerstand hin, engagiert sich dafür, beides zu beseitigen. Nur wenn das Wohnumfeld stimmt, sagt die Vorsitzende Ingrid Pfeiffer, ist das Wohnen in der Stadt attraktiv. Niemand lebe gern neben einer liederlichen Brache.

Verein, Stadt und KEM gingen gemeinsam neue Wege: Es wurden Brachen und leerstehende Häuser aufgelistet und Eigentümer ausfindig gemacht. Für ausgewählte Grundstücke gewann die Initiative Architekten, die Ideen für die Neugestaltung entwickelten. Sie bekamen dafür eine kleine Aufwandentschädigung, die aus Spenden finanziert wurde. Die Pläne wiederum wurden öffentlich präsentiert und diskutiert - das sorgte für Aufmerksamkeit.

Im Fall des Hauses am Frauenplan fand sich daraufhin eine Interessentin, die das Haus der Erbengemeinschaft abkaufte, berichtet Jakob Kratzsch. Sie ist bei der Vorstellungsrunde gerade nicht in Eisenach, aber saniert das Gebäude nach und nach, in kleinen Schritten, mit viel Eigenleistung. 90 Quadratmeter Wohnfläche hat das Haus - eine ganz ruhige Innenstadtlage. Dabei konnte sie - anders als das Ehepaar Schulze - auf das aufbauen, was die Stadt bereits bei der Sicherung geleistet hatte.

Großprojekt mit Hindernissen

Auch bei der dritten Station des Stadtspaziergangs wirkte die Aktion "Zentral - Genial" als "letzter Kick", sagt der neue Mitbesitzer, Architekt Ronny Plewka. Die Initiative habe den Investoren die ersten Schritte abgenommen und Ideen geliefert. Ideen für einen Komplex aus zwei Häusern zwischen Marienstraße und Wartburgallee, der sehr lange leer stand: eines aus der Gründerzeit, das andere, stilistisch zwischen Art déco und Bauhaus, aus den 1920/30er-Jahren.

Ein großes Haus mit Baugerüst
Nach langem Leerstand werden die Häuser zwischen Marienstraße und Wartburgallee mithilfe der Aktion "Zentral-Genial" jetzt saniert. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Plewka hat die Gebäude mit seinem Geschäftspartner Philipp Neumann gekauft. Gemeinsam investieren sie hier rund vier Millionen Euro. Es habe schon etwas Mut gebraucht, sagt der Architekt - und: "Wir haben mehr entdeckt, als wir entdecken wollten." Es gab Probleme mit Feuchtigkeit im Keller. Das Haus war zudem statisch überlastet. Ursprünglich sollte es nur zweigeschossig werden, wurde dann aber auf fünf Geschosse aufgestockt.

15 Wohnungen und zwei Gewerbeeinheiten

Inzwischen ist viel passiert: Das Dachgeschoss wurde erneuert, die Gründung verstärkt, die Innenhöfe entkernt. Es gibt bereits Verträge mit Langzeitmietern für das Erdgeschoss: Eine Arztpraxis will einziehen und eine Einrichtung, die Kinder am Nachmittag betreuen wird. 15 Wohnungen sind geplant mit ganz unterschiedlichem Zuschnitt zwischen 40 und 130 Quadratmetern. Es wird ein Aufzug gebaut und eine gemeinsame Dachterrasse für die Mieter.

Auch Plewka und Neumann haben für ihr Vorhaben Fördermittel bekommen, unter anderem von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Ohne diese Unterstützung hätten sie es nicht gemacht, sagt Plewka. Die Wärmedämmung soll dem Standard eines Neubaus entsprechen, eine Holzpellet-Heizung wird eingebaut, ein Teil der Parkplätze vor dem Haus bekommt Elektro-Ladestationen.

Ein Mann hält ein Bild auf dem ein Haus zu sehen ist
Architekt Ronny Plewka investiert gemeinsam mit einem Geschäftspartner rund vier Millionen Euro. Es entstehen 15 Wohn- und zwei Gewerbeeinheiten mit insgesamt 1.300 Quadratmetern Fläche. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Ingrid Pfeiffer vom Förderkreis ist froh, dass es gelungen ist, das prägende Gebäude an der Wartburgallee zu retten. Seit Jahren habe sich der Verein darum bemüht. Ein Erfolg. Im nächsten Frühjahr soll alles fertig sein, hofft Plewka. Würde er aus heutiger Sicht das Großprojekt noch einmal anfassen? "Es ist manchmal ganz gut, dass man am Anfang nicht alles weiß", sagt er. "Und im Nachhinein ist man vielleicht trotzdem froh, dass man es gemacht hat."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 27. Juli 2021 | 19:00 Uhr

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