Verkehr Eisenach: Bis zu 130 Züge in 24 Stunden - Anwohner leiden unter Bahnlärm

Durch Eisenach führt eine Bahntrasse, auf der Tag und Nacht viele Züge rollen. Die Anwohner leiden unter dem Lärm und fordern, dass sich etwas ändert. Doch die Bahn sieht hier keine Priorität für Schallschutz.

Güterzug auf der Bahnstrecke Halle-Bebra in Eisenach
Durch Eisenach rollen täglich Züge. Besonders unter dem Lärm der Güterzüge leiden die Anwohner. Sie fordern mehr Lärmschutz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Robert Gerhard ist im westlichen Eisenach aufgewachsen. Von klein auf lebt er neben der Hauptbahnstrecke, aber früher war es leiser. Es gab damals zwar weniger Züge, aber der Lärm sei erst in den letzten Jahren so enorm gestiegen. Das bestätigt auch Familie Schröder. "Wir sind vor zehn Jahren hergezogen und da war der Bahnlärm noch einigermaßen erträglich. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Man kann nachts auch kein Fenster mehr auflassen, hat im Prinzip keine Nachtruhe mehr", sagt Andrea Schröder.

Ihr Mann hat vor einem Jahr eine Überwachungskamera angebracht, mit deren Hilfe er jeden Zug dokumentiert. "Ich habe die Messpunkte so gesetzt, dass die Kamera nur die Bewegung auf den Bahnschienen erfasst und dann automatisch eine Aufzeichnung startet. Die Kamera ist so ausgerichtet, dass nur der Bahnverkehr zu sehen ist. Die Straße, Autos und Personen sind natürlich nicht zu sehen", erklärt und zeigt Lars Christian Schröder auf seinem Laptop. Einmal am Tag setzt er sich hin und wertet die Aufnahmen aus. "Wir wollten einmal wissen, wie viele Züge tatsächlich hier lang fahren", sagt er. Das Ergebnis ist von Tag zu Tag unterschiedlich, aber es sind zwischen 100 und 130 Züge auf der Bahnstrecke unterwegs. Tagsüber sind es hauptsächlich Personenzüge.

Die "Thüringer Bahn" durch Eisenach

Durch Eisenach führt die "Thüringer Bahn", eine zweigleisige elektrifizierte Hauptstrecke, die im Westen nach Hessen und im Osten über Gotha, Erfurt und Weimar nach Sachsen-Anhalt führt. Auf dieser Strecke fahren die ICE-Züge zwischen Frankfurt über Erfurt nach Dresden, Intercitys nach Gera, Regionalzüge nach Halle und zahlreiche Güterzüge etwa mit Treibstoffen, Chemikalien, Containern oder Holz.

Bahnlärm überschreitet Grenzwerte

Die ICE und Regionalbahnen sind in Sachen Lärm für die Anwohner aber nicht so sehr das Problem: Sie sagen, deren Krach wäre nichts im Vergleich zu den Güterzügen. Gerhard Robert hat schon oft die Lautstärke gemessen. Bei den Güterzügen zeigt das Messgerät bis zu 85 Dezibel an - selbst nachts, wenneigentlich nur 57 Dezibel erlaubt sind. Meist rollen die Güterabzüge ab dem späten Nachmittag vermehrt über die Schienen. "Das geht dann meist bis 24 Uhr und um 4 Uhr geht es weiter", so Lars Christian Schröder.

Bernd Ohlig wohnt ganz vorne. Nur die Straße trennt sein Haus von den Bahnschienen. Im Hof halte er es nicht mehr aus und die Dreifachverglasung der Fenster nutze nichts. "Wenn ein Güterzug vorbeirollt, kann ich den Fernseher voll aufdrehen, aber verstehe trotzdem nichts mehr", sagt er.

Die Nerven der Anwohner liegen blank und sie haben die Nase voll. Sie wollen, dass endlich etwas passiert. "Ganz leise wird es natürlich nie, aber wir möchten, dass wenigstens nachts die Lärmschutzwerte eingehalten werden, damit wir in Ruhe lüften und bei starker Hitze die Fenster aufmachen können", so Gerhard Robert. Außerdem fordern sie einen Lärmschutz. "Es geht ja nur um ein paar Meter Lärmschutzwände. Das muss doch möglich sein."

Mann misst die Lautstärke eines vorbeifahrenden ICE´s 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Mo 23.08.2021 19:00Uhr 02:18 min

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Keine Lärmsanierungpflicht in Eisenach

Für die Lärmsanierung ist die Deutsche Bahn als Streckenbetreiber zuständig, aber eine gesetzliche Pflicht besteht nur bei Neubauten oder wesentlichen Veränderungen der Bahnstrecke. Das war zum Beispiel im Abschnitt Neudietendorf-Gotha-Eisenach der Fall. Die wurde für Tempo 200 ausgebaut - und deshalb wurden Lärmschutzwände in Mechterstädt und Wutha-Farnroda errichtet. In Eisenach gehört die Trasse hingegen zu den Bestandsstrecken ohne Veränderung und unterliegt somit nicht zur Pflicht einer Lärmsanierung.

Allerdings gibt es noch ein freiwilliges Lärmsanierungsprogramm. "Insgesamt sind deutschlandweit 6.500 Streckenkilometer mit Lärmemissionen von >57 dB(A) erfasst und damit 2.230 betroffene Kommunen aufgeführt", schreibt die Pressestelle der Deutschen Bahn auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN. Darin taucht zwar auch Eisenach auf, aber die Stadt wurde als "nicht sehr dringlich" eingestuft.

Das Eisenbahnbundesamt (EBA) rechnet mit verschiedenen Parametern. Dazu gehört die Anzahl der betroffenen Anwohner, ein Faktor zur Lästigkeit des Lärms und der prognostizierte Emissionspegel. Heraus kommt eine Prioritätenkennzahl (PKZ), die zwischen 151,127 und 0,006 Punkten liegen kann. Eisenach weist eine Prioritätenkennzahl von 4,402 aus. "Auf Grundlage dieser sehr niedrigen PKZ ist realistischer Weise erst langfristig mit dem Untersuchungsbeginn für diesen Lärmsanierungsabschnitt zu rechnen. Eine belastbare Prognose für die Umsetzung lässt sich auf Grund der Vielzahl der bundesweiten Maßnahmen und in Abhängigkeit von den jeweils eingesetzten Bundeshaushaltsmitteln zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht erstellen", heißt es von Seiten der Deutschen Bahn. Außerdem entscheiden schalltechnische Untersuchungen darüber, was gemacht wird.

ICE 4 der Deutschen Bahn AG auf der Bahnstrecke Halle-Bebra in Eisenach.
ICE in Eisenach: 100 bis 130 Züge hat ein Anwohner an einem Tag auf der Strecke durch die Stadt gezählt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Fenster reichen Anwohnern nicht aus

Ob und wann Eisenach Lärmschutzwände bekommt, ist also offen. Das einzige, was die Anwohner im Moment erwarten könnten, ist ein Zuschuss zu dichteren Fenster - aber das wollen sie nicht. "Der Eigenanteil ist viel zu hoch und außerdem: Was nützen uns die Fenster? Wir wollen ja ungestört die Fenster öffnen und im Sommer, wenn es heiß ist, uns auch bei offenen Fenstern unterhalten oder fernsehen", sagt Gerhard Robert.

Die Stadt Eisenach ist auf Seiten der Anwohner. Sie versucht ebenfalls seit ein paar Jahren, die Lärmsanierung in Eisenach voranzutreiben. Mit einem Gutachten hat die Stadt herausgefunden, dass über 3.000 Eisenacher stark vom Bahnlärm betroffen sind. "Dass so viele Bürger in der Stadt mit diesem Problem zu kämpfen haben, ist für uns ein großes Drama. Das hat uns natürlich auch wachgerüttelt und wir sind im ständigen Kontakt mit der Deutschen Bahn, aber die Ergebnisse sind absolut nicht zufriedenstellend", sagt Stadtentwicklungs-Dezernent Ingo Wachtmeister. Die Stadt Eisenach bleibe aber dran. "Die ICE-Trasse ist ökonomisch von großer Bedeutung für Eisenach, aber was den Lärm der Güterzüge betrifft, muss etwas passieren."

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 24. August 2021 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

Sachsin vor 4 Wochen

Lärm macht krank, das wissen nicht nur Mediziner;

Lärmschutzwände sollten deshalb selbstverständlich sein;

der aktuelle Streik brachte Paar Nächte Ruhe und Schlaf

Stealer vor 4 Wochen

@Hans: 40 Jahre lang hat die Textilstadt ihr Handtuch über den Wissenschafts- und Technologiestandort Ostthüringens gelegt - wenn es je wieder einen Bezirk gibt, wird er Jena heißen.

Aber gut, vom ICE sind wir auch abgehängt. Es gibt halt eine Bezirksstadt, die keine der Regierungen je vernachlässigt hat - die mit dem Flughafen und der geschlossenen Spielbank, wo auch der ICE hält. Letzterer könnte auch durchfahren, wie in Wolfsburg, und keiner würde es merken.

RailFloo84 vor 4 Wochen

Also wer an einer der Haupt Ost-West Eisenbahn Magistralen Deutschlands günstig Häuser gekauft hat der wusste das die Eisenbahn dort noch sehr lange Lärm verursachen würde.

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