Frühlingsfest erneut abgesagt "Der Sommergewinn spukt in unseren Köpfen"

Ohne Sommergewinn kann es in Eisenach eigentlich nicht Frühling werden - denn da vertreibt Frau Sunna traditionell den Winter. Im vergangenen Jahr wurde das Frühlingsfest als eines der ersten Großereignisse in Thüringen wegen der Pandemie abgesagt. Auch 2021 muss der Festzug ausfallen. Was heißt das für die vielen Ehrenamtlichen der Sommergewinnszunft, die jetzt eigentlich Hochsaison hätten? In diesem Jahr beschäftigen sie sich anders, aber auch das hat fast immer mit Sommergewinn zu tun.

Streitgespräch zwischen Sunna und Winter.
Das Streitgespräch zwischen Sunna und Winter ist eine jahrhunderte alte Tradition. Wegen Corona muss sie auch dieses Jahr aussetzen. Bildrechte: MDR/Ludger Konopka

Das Zunfthaus in der Eisenacher Gargasse liegt auf den ersten Blick im Dornröschenschlaf: Alles sieht aus wie immer - nur bewegt sich nichts. Die Werkstatt mit den Stahlschränken, die große Halle, in der ganz hinten die Prachtwagen von Frau Sunna und dem Winter friedlich nebeneinander stehen.

Stille im Raum der Blütenfrauen im Obergeschoss, in dem sonst allabendlich eine muntere Damenrunde am Tisch sitzt und schwatzt, während die vielen Hände wie nebenbei eine farbige Papierblüte nach der anderen hervorbringen - immerwährendes Falten und Drehen. Auf dem Tisch stapeln sich jetzt Plastiksäcke mit Blüten, die die Frauen in Heimarbeit gedreht haben.

Brauchtum soll nicht verloren gehen

"Es geht uns eigentlich - schlecht", sagt Renate Meyer, die Chefin der Blütenfrauen. Das Gemeinschaftsgefühl fehle - über so lange Zeit schon. Gerade wer allein zuhause ist, vermisst die abendliche Runde besonders, erzählt sie.

Renate Meyer bringt Krepppapier vorbei. Die einen schneiden es in Streifen, die anderen drehen die Blüten. Viele brauchten das und fragten nach Arbeit, sagt sie. Vielleicht könne man ja noch wenigstens Zweige mit Papierblüten verkaufen, damit die Stadt zum Sommergewinn am 13. März schön geschmückt werden kann. Das Brauchtum soll nicht verloren gehen, das ist ihr wichtig.

Langweilig wird Renate Meyer aber nicht: Die Urenkelin muss betreut werden, weil die Enkeltochter in Schichten arbeitet. Mit dem Vorstand der Zunft trifft sie sich regelmäßig bei Video-Konferenzen und telefoniert mit ihren Blütenfrauen.

Renate Meyer steht zwischen Kartons und Tüten voll Blumen und Blüten aus Papier
Normalerweise würden hier mehrere Frauen Blumen und Blüten drehen, jetzt steht Renate Meyer ganz allein zwischen Tüten und Kartons. Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Geselligkeit fehlt

Auch Christiane Tomaske bestätigt: Es gibt genug zu tun. Sie hat sich ans Sommergewinns-Archiv gemacht, sortiert zusammen mit einem weiteren Zunftmitglied alte Fotos.

Trotzdem sei das schon deprimierend, sagt sie. Kein Sommergewinn, das habe es doch nur in Kriegszeiten gegeben. Und nun schon zum zweiten Mal. Das Fest fehlt, sagt Christiane Tomaske, vor allem die Geselligkeit. Viele sind wie sie schon seit Jahrzehnten dabei, da bestimmt das Fest den Jahresablauf. "Sommergewinn spukt in unseren Köpfen", beschreibt sie dieses Gefühl. Und ganz tief sei die Hoffnung, nächstes Jahr wieder feiern zu können. So wie immer.

Christiane Tomaske in der großen Wagenhalle - auf dem roten Wagen der "Frau Sunna". Im Hintergrund links der weiße Winter-Wagen
Christiane Tomaske in der großen Wagenhalle - auf dem roten Wagen der "Frau Sunna". Im Hintergrund links der weiße Winter-Wagen Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Kontakt ist das A und O

Wie Christiane Tomaske ist auch Heike Apel-Spengler schon als Frau Sunna auf dem Sonnenwagen durch Eisenach gefahren und hat den Winter im Streitgespräch besiegt. Inzwischen kümmert sie sich um den Nachwuchs der Zunft, um die "Wänst" und die Jugend vom Stiegk, die regelmäßig bei den Sommergewinns-Vorabenden, den Kommerschen, das Programm mitgestalten. Außerdem tritt sie als Sommergewinns-Original "Hermine" auf. All das vermisst sie in diesem Jahr, vor allem mittwochs, wenn normalerweise von 16 bis 22 Uhr geprobt wird. "Das tut weh und fehlt enorm." Damit nichts abreißt, schreibt sie den Kindern Briefe, schickt Glückwunschkarten. "Kontakt halten ist das A und O".

In Bildern: Sommergewinn 2019 in Eisenach

Frauen auf Umzugswagen
In Eisenach haben rund 70.000 Besucher Sommergewinn gefeiert. Zuvor war ein Festzug mit 1.200 Mitwirkenden durch die Stadt gezogen. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Frauen auf Umzugswagen
In Eisenach haben rund 70.000 Besucher Sommergewinn gefeiert. Zuvor war ein Festzug mit 1.200 Mitwirkenden durch die Stadt gezogen. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Ein Kind in einem überdimensionalen Plastik-Ei
"Gut Ei und Kikeriki" lautete der Schlachtruf mit dem die Eisenacher den Winter vertreiben wollten. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Ein Hund auf einem Umzugswagen
Der Festumzug ist Höhepunkt eines jeden Sommergewinns. 1200 Menschen und so manches Tier wirken daran mit. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Kostümierte Kinder in eimem Umzugswagen
Das Ereignis lockt alle Altersgruppen auf die Straße. Viele Kinder und Jugendliche liefen und fuhren beim Festzug mit. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Mann mit Glocke und Zepter
Der Festumzug lief dieses Jahr unter dem Motto: "Eisenach wie es früher war". Viele Eisenacher kostümierten sich dementsprechend. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Rollstuhlfahrer am Straßenrand
Zahlreiche Zuschauer verfolgten den Umzug vom Straßenrand aus. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Weiß kostümierte Umzugteilnehmer
Alle Gruppen ziehen durch die Eisenacher Innenstadt und treffen sich später am Markt. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Frau Sunna und der Winter
Der Höhepunkt des Frühlingsfestes ist traditionell das Streitgespräch zwischen Frau Sunna und dem Winter. Der Ausgang steht vorher fest. Neu hingegen: Frau Sunna wurde erstmals von Anna-Katharina Heß gespielt. Roberto Fink, als Winter, ist schon länger dabei. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
Wikinger vor Scheiterhaufen
Zum Schluss verbrennen die Germanen eine Strohpuppe und vertreiben damit die kalte Jahreszeit endgültig aus der Stadt. Bildrechte: MDR/Paul-Phillip Braun
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Hoffen auf das Streitgespräch

"Schwierig" sei es für den Verein, sagt Zunftmeister Torsten Daut, weil es ihn schon das zweite Mal hintereinander trifft. Die Vorstandssitzungen per Internet, damit habe man sich gut arrangiert. Trotz der frühzeitigen Absage des Festzugs gibt es einiges für den Verein zu tun. Er schaut immer wieder im Zunfthaus nach dem Rechten. Dort wurde in der Ruhezeit etwas umgebaut. Außerdem hat Daut alte Dias von den Frühlingsfesten digitalisiert.

Aber was sonst alles um diese Zeit los wäre: Wagenbau, Proben für den Kommersch, Arbeiten im Vorstand, die Tage wären dicht gefüllt. Jetzt aber besteht noch die Ungewissheit: Was wird zum Sommergewinn dieses Jahr möglich sein?

Torsten Daut in der Werkstatt
Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Wir hoffen immer noch, dass wir das Streitgespräch zwischen Frau Sunna und dem Winter und das Verbrennen der Strohpuppe in die Breite tragen können, medial mit einem Livestream oder wie auch immer.

Zunftmeister Torsten Daut

Warten auf bessere Zeiten

Von sehr gemischten Gefühlen berichtet Nicole Päsler. Es sei gut, dass gerade weniger für den Sommergewinn zu tun ist, findet sie. Wie wäre das: Homeschooling, Kinder zuhause, von zuhause aus arbeiten - und dann noch den Sommergewinn vorbereiten - "das würde gar nicht alles gehen!"

Nicole Päsler führt seit Jahren durch die Kommerschabende und moderiert den Festzug am Markt. Deshalb ist sie gleichzeitig auch traurig, dass alles ausfällt. Die Hochzeit des Festes fehlt ihr, das Fiebern auf die Auftritte bei den Vorabenden. Aber klar: in Coronazeiten wäre all das nicht möglich, was das Fest ausmacht: Nähe, Tanzen, Singen, Schunkeln, laut Jubeln. Dann lieber auf bessere Zeiten warten, sagt Nicole Päsler, damit "wir wieder Freude zu den Menschen bringen".

Und diese Zeit nutzen, um neue kreative Möglichkeiten zu finden, die man in den nächsten Jahren in das Fest einbauen kann. Um das Brauchtum im Gedächtnis zu halten, produziert sie seit Jahresbeginn mit den Vorstandsmitgliedern zehnminütige Sendungen im lokalen Wartburgradio über den Sommergewinn - Sendetermin mittwochs um 9:30 Uhr und 13:30 Uhr.

Nicole Päsler in der großen Halle auf einem Wagen mit großen Blütenstrauß.
Nicole Päsler in der großen Halle auf einem Wagen mit großen Blütenstrauß. Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Häuserschmuck für Sommergewinns-Flair

Zunftmeister Torsten Daut hat die Zwangspause genutzt, um sein Haus umzubauen. Außerdem bereitet er schon den Häuserschmuck vor. Bereits im Herbst hatte die Zunft die Eisenacher dazu aufgerufen, ihre Häuser zum Sommergewinn zu schmücken - damit das Flair des Frühlingsfestes in der Stadt erhalten bleibt und sich Eisenach zum 13. März mit vielen bunten Papierblüten und den Symbolen des Festes präsentiert: Hahn, Ei und Brezel. "Damit der Frühling in Eisenach einzieht", sagt Daut.

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 06. Februar 2021 | 18:00 Uhr

2 Kommentare

part vor 49 Wochen

Schlimm genug, dass schon bei einem bekannten Discounter der Frühling ausgebrochen ist in Angebot der Waren, obwohl Frostschutzmittel eher angesagt wären oder Waren aus dem Baumarkt.

knarf2 vor 49 Wochen

Es ist sehr schade dass der Umzug nicht stattfinden kann.Aber die Gesundheit der Bevölkerung geht vor.

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