"Theater am Markt" Eisenach Bei Anruf Theater: Geschichten, Gedichte und Musik am Telefon

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Die Theater sind geschlossen, das Publikum muss draußen bleiben. Das "Theater am Markt" in Eisenach hat jetzt ein kleines und unkompliziertes Angebot entwickelt, um weiter mit Besuchern in Kontakt zu bleiben: Telefontheater. Eine Viertelstunde Gedicht, Lied, Lesung - gern nach Wunsch. Gedacht ist die Idee vor allem für Menschen, die in Corona-Zeiten wenig Kontakte haben, wie beispielsweise Bewohnerinnen und Bewohner in Altenheimen.

Mann mit Hut spricht in ein Telefon
Gerald Lotzmann vom "Theater am Markt" erfreut das Telefon-Publikum mit einer Ballade von Wilhelm Busch. Die Aufführung ist kostenlos, Termine können einfach telefonisch verainbart werden. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Für die Vorstellung hat sich Editha Borowiak gut vorbereitet: Sie hat Zettel mit Texten und Stichpunkten geschrieben, die Ukulele liegt bereit. Noch schnell etwas trinken. Auch wenn der Auftritt nur rund 15 Minuten dauern soll und am Telefon stattfindet, es ist trotzdem eine eigene Aufführung. Und auch eine Premiere: Zum ersten Mal findet das Telefontheater für eine kleine Gruppe statt. Die wartet im Altenpflegeheim St. Elisabeth in Geisa auf den Anruf aus Eisenach.

Direkter Kontakt zum Theater-Publikum

Das Heim ist einer von mehreren Kooperationspartnern des Eisenacher Theaters am Markt, kurz TAM. Seit Jahren ist das TAM ein lebendiger Kulturort in der Stadt: ein etwa 50-köpfiges Amateurensemble, zusammengesetzt aus allen Generationen, geleitet von wenigen Theaterprofis und einem ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Im ersten Lockdown gab es als Ersatzprogramm viele digitale Angebote. Jetzt suchten die Theatermacher nach Wegen, um das Ensemble und sein Publikum direkter in Kontakt zu bringen. Da werden über die Online-Plattform Zoom Theatersprechstunden für alle angeboten und Schauspieltraining. Der Jugendklub erarbeitet ein Hörspiel. Und es gibt Telefontheater.

Editha Borowiak vom Theater am Markt in Eisenach mit Ukulele
Editha Borowiak vom "Theater am Markt" in Eisenach singt, liest vor und spielt auf ihrer Ukulele - für ihr Publikum am Telefon. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Telefontheater: 15 Minuten glücklich machen

Jeder und jede kann sich melden und einen kostenlosen Vorstellungstermin vereinbaren. Ein persönliches Gespräch soll das Spiel "umranken", wie die künstlerische Leiterin Beate Göbel sagt. Das sei ja auch beim Theaterbesuch so, dass davor und danach gesprochen wird - die soziale Komponente gehöre einfach dazu. Erprobt wurde es bereits in der Adventszeit mit Menschen in Altenheimen. Beim ersten Mal sei sie sehr aufgeregt gewesen, erzählt Editha Borowiak. Das legte sich schnell, denn die Angerufenen "arbeiten ja mit". Im persönlichen Gespräch entstehe ein enger Kontakt. Eigentlich sei es einfacher als auf der Bühne.

Wenn man vor vielen Leuten spielt, muss man versuchen, allen etwas gerecht zu werden. Beim Telefontheater muss man nur diese eine Person glücklich machen für 15 Minuten.

Editha Borowiak

Die Menschen aus dem Alltag holen. Das hat in der Probephase im Dezember gut geklappt, berichtet Ida Falkenberg, die beim TAM ein soziales Jahr macht und das Telefontheater gemeinsam mit Theresa Frey und Gerald Lotzmann entwickelt hat. Die Rückmeldungen seien sehr positiv gewesen, die Angerufenen hätten sich nicht nur über die Viertelstunde Kultur gefreut, sondern auch darüber, mit jemandem zu reden.

Busch-Ballade und Gesang

Es ist 10 Uhr, Beate Göbel greift zum Telefon und ruft in Geisa an. Claudia Günther leitet im Heim Sankt Elisabeth den sozialen Dienst und hat eine Gruppe von vier Bewohnerinnen um sich versammelt. Ihr Handy hat sie mit einem Bluetooth-Lautsprecher verbunden, damit alle gut hören können. Sehr gespannt seien alle, erzählt sie - "wie ein Flitzebogen", habe eine Frau gemeint. In Eisenach reicht Beate Göbel nach einer kurzen Begrüßung das Telefon an Editha Borowiak weiter. Die legt es auf den Tisch vor sich und beginnt die Vorstellung musikalisch: "Heut' mach ich gar nichts" von Max Raabe singt sie zur Ukulele, sozusagen als Corona-Song.

Danach reicht sie das Telefon weiter an ihren Kollegen Gerald Lotzmann. Er trägt eine Ballade von Wilhelm Busch vor: "Schreckliche Folgen eines Bleistifts", bei der eine Liebesgeschichte tödlich endet, weil der junge Mann die Angewohnheit hatte, seine Bleistifte beidseitig anzuspitzen. Dann übernimmt wieder Editha Borowiak, sie singt - und erzählt ein selbst geschriebenes Märchen, in dem ein Prinz die verschwundene Farbe Rot wiederfindet und damit die Hand einer Prinzessin gewinnt. Als es am Ende heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind… Da klingt durchs Telefon Lachen aus Geisa.

Frau mit herabgezogener Maske hält Telefon
Die künstlerische Leiterin des "Theaters am Markt", Beate Göbel (rechts), kündigt die Vorführung am Telefon an. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Schunkeln und weitermachen

Applaus gibt es auch, und den Wunsch, so etwas noch einmal zu wiederholen. Alles sei gut zu verstehen gewesen, sagen die alten Damen, nur den Text der Lieder hätten sie nicht mitbekommen. Immerhin haben sie zur Musik etwas geschunkelt, berichtet ihre Betreuerin Claudia Günther.

Aber es hätte auch kürzer sein dürfen als die knapp 20 Minuten, merkt eine Frau an, die Konzentration lasse doch nach. Lieber nur einen Text als kurzen Impuls, meint auch Claudia Günther. "Aber wir möchten gern wieder mitmachen!" Wichtig ist ihr und den Bewohnern der Brückenschlag: auf der einen Seite die Menschen im Heim, die kaum Kontakte habe dürfen - auf der anderen Seite die Theaterleute, die nicht arbeiten können und ohne Publikum sind.

Auch im Lockdown will das TAM weiter arbeiten, kreativ sein, reflektieren. Die Aufgabe sei, die Schwierigkeiten wahrzunehmen, aber nicht darin zu versacken, sagt Beate Göbel. "Etwas zu suchen, was einem - trotz allem - ein Glücksgefühl schenkt." Und wenn es für eine Viertelstunde am Telefon ist.

Theater am Telefon Termine für Telefontheater vereinbaren:
Montag und Mittwoch ab 16 Uhr, Samstag ab 11 Uhr
Tel.: 03691 / 740 94 70

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. Januar 2021 | 16:10 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus der Region Eisenach - Gotha - Bad Salzungen

Mehr aus Thüringen