Wander-Bestseller Von Eisenach nach Budapest: Wanderung auf dem Weg der Freundschaft

Bestseller-Autorin Rebecca Maria Salentin hasst wandern, hat Angst vor Spinnen und steilen Höhen und ist doch fast 3.000 Kilometer gewandert - auf dem DDR-Wanderweg der Freundschaft, von Eisenach nach Budapest. Bei einer Lesung in Erfurt konnten die Zuhörer Fragen an die Autorin stellen. Hier finden Sie das Interview in Auszügen:

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Rebecca Maria Salentin in der Mala Fatra bei einem Bergaufstieg am Rozsutec. Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Wie viele Kilometer wollten/mussten Sie pro Tag schaffen?

Also, es gab ja diese Blogs, wo drinsteht, und man soll 30 Kilometer am Tag schaffen. In den viereinhalb Monaten Wanderung habe ich das nur fünfmal geschafft auf der Gesamtstrecke. Ich bin so ungefähr 25 bis 27 Kilometer im Schnitt gelaufen und habe einmal die Woche eine Art Ruhetag eingelegt, um meine Sachen zu waschen.

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Schlafen, wo man will. Wenn Rebecca Maria Salentin nicht mehr weiterlaufen will oder kann, schlägt sie ihr Zelt auf. Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Wenn man so viel draußen unterwegs ist - wie regelt man den Handy-Gebrauch?

Ich hatte eine Powerbank dabei, die war aber sehr schlecht, weil die hatte nur einen Solarpanel. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Dann habe ich bei jeder Gelegenheit, wenn ich an irgendeiner Hütte ankam und etwas getrunken habe, das Handy angesteckt. Mir ist es aber auch ein paar Mal passiert, dass ich gar keinen Akku mehr hatte. Und ich würde, wenn ich so etwas noch mal machen würde, mir eine bessere Powerbank besorgen.

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Wo geht's hier zur nächsten Steckdose? Dauert wohl noch... (Plebischtor - Pravčická brána in der Böhmischen Schweiz) Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Was hat Ihnen auf Ihrer Wanderung gefehlt?

Neben einer besseren Powerbank eine Art Gamaschen. Weil gerade in diesen wilden Bachtäler, wo das Gras hüfthoch war - da hatte ich Pech, da hat es immer weiter geregnet. Dann läuft das Wasser an der Seite an der Hose runter in die Schuhe und bei mir das irgendwann dazu geführt, dass ich sehr schrumpelige Fußsohlen hatte, dass ich wirklich keinen Schritt mehr gehen konnte.

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Schnee im Mai... Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Wie haben Sie sich unterwegs verständigt?

Ich spreche Deutsch, Englisch, Französisch, kann mir relativ gut slawische Sprachen erschließen. Also kann man relativ schnell über die Speisekarte erschließen, was was heißt und was man da nun bestellt. Oder ein Zimmer reservieren. In Ungarn musste ich kapitulieren. Da habe ich außer Tschüss, Hallo, danke, bitte gar nichts verstanden. Aber gerade in Ungarn wurde ich ja so oft eingeladen von alten Ömchen. Wenn man da ins Dorf kommt, kommen sie an, haken dich unter und "schleppen" dich ab. Und meistens hatte ich mit denen keine Möglichkeit zur Verständigung - aber wir haben uns trotzdem prächtig verstanden. Also, das geht alles auch ohne Sprache.

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Manchmal reicht es auch, auf das zu zeigen, was man haben möchte - wie hier den Käse der Goralen (ethnische Gruppe, an der polnisch-slowakischen Grenze und der polnisch-tschechischen Grenze). Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Ihre Freunde - der Club Druschba (Freundschaft), der im Buch beschrieben wird - sind immer im Kontakt mit Ihnen. Über WhatsApp-Gruppe und auch als Besucher unterwegs. Wie wichtig war es, dass Sie Ihre Freunde bei sich hatten?

Ich glaube, ich hätte die Tour sonst nicht geschafft. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass immer wieder jemand vorbeikommt. Aber ich hatte auch manchmal echt Hänger. Aber ich wusste ja, selbst wenn ich es jetzt noch drei, vier Wochen alleine weiterlaufe. Irgendwann kommt wieder jemand. Irgendjemand freut sich, und ich hatte ja auch diese WhatsApp Gruppe, und dadurch waren wir so gut es ging beinahe täglich in Kontakt. Ich habe da versucht, jeden Tag oder immer, wenn ich Empfang hatte, ein paar Fotos einzustellen und zu erzählen, wo ich war und was ich erlebt habe. Oder manchmal habe ich auch Fragen gestellt mit Foto: Meint ihr, dass hier vielleicht der Blitz einschlägt?

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Leute, ob hier wohl der Blitz einschlägt? Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Und das hat mir geholfen, immer weiterzumachen, weil ich hasse wirklich wandern. Und ich habe mich sehr gequält, diese ganzen Berge hoch. Mir ist das alles sehr, sehr schwer gefallen. Und dieses Wissen, das aber Leute bereit sind, bis in die hintersten Ecken Osteuropas zu kommen… - die sind ja manchmal zwölf Stunden Zug gefahren oder noch länger nur mit mir in meinem kleinen stinkigen Zelt zu liegen und zu laufen. Das war herzergreifend! Ich bin nicht so ein harter Outdoor-Knochen, der sagt ich steige jetzt auf den Himalaya und ziehe das durch. Also für mich war wirklich der Ansporn, dass meine Freunde und Freundinnen dabei sein wollen.

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Immer wieder kommen Freunde in die entlegensten Winkel Osteuropas, um mit Rebecca Maria Salentin zu wandern. Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Der Internationale Bergwanderweg EB von Eisenach nach Budapest beginnt quasi um die Ecke, ist aber doch unbekannt. Warum?

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Bildrechte: Rebecca Maria Salentin
45 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio So 28.11.2021 22:10Uhr 44:49 min

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Weil er vergessen wurde. Der wurde tatsächlich nach der Wende einfach nicht mehr gepflegt. Der hatte ja nicht so lange Zeit, sich zu etablieren. Es gab ja nur diese kurze Phase von 1983 bis zur Wende. Und dann hat sich um den Weg nicht wirklich mehr jemand gekümmert. Der war in Deutschland so gut wie gar nicht mehr ausgeschildert. Deswegen habe ich mich auch so furchtbar verlaufen. Immer. Es hat sich aber seit 2020 geändert. Es gibt jetzt eine Initiative, die sind wahnsinnig engagiert. Eigentlich ist nur ein einziger Mann, der das macht. Der stellt überall Schilder auf der Stelltafeln auf.

Warum also der Weg?

Ich finde es wahnsinnig gut, wenn viel mehr Leute den Weg entdecken würden, weil er hat alles, was man sich wünscht. Ja, man muss nicht nach Amerika fliegen, um zwischen Bären zu zelten oder ganz allein in der Natur zu sein. Man kann einfach hier los laufen.

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Nach langen Märschen durchs Nirgendwo taucht plötzlich dieser mystische Soldatenfriedhof auf. Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

An welche Begegnungen erinnern Sie sich gern? Im Buch gehen Sie lange mit Johann aus dem Erzgebirge. Aber Sie treffen ja auch Einheimisch in den Dörfern unterwegs…!

Das gab es eigentlich die ganze Zeit. Das war auch schon in Sachsen zum Beispiel. Da hat mich einmal eine alte Oma am Weg angesprochen, die hatten mich gefragt, wo ich hinlaufe. Und dann hat sie mir gleich von ihrer Flucht erzählt, damals, als sie ganz klein war. Also wenn man offen durch die Gegend läuft, dann hat man eigentlich permanent nette Begegnungen. Also das hat sich durchgezogen durch die Wanderung.

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Begegnungen gibt es unterwegs viele - bei manchen werden sehr persönliche Geschichten erzählt, wie von der Flucht. Bildrechte: Rebecca Maria Salentin

Und wo wandern Sie als nächstes hin?

Ich will nicht wandern. Als nächstes machen wir eine Radtour…

Vielen Dank, für die Antworten!

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Kulturnacht | 28. November 2021 | 22:05 Uhr

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