Eisenach Abschied von der Wartburg: Burghauptmann Günter Schuchardt geht in Ruhestand

Gut 26 Jahre lang war Günter Schuchardt als Burghauptmann verantwortlich für die Wartburg. Als Eisenacher ist er der Burg schon viel länger verbunden, hat als junger Mann bereits als Saisonkraft Besucher geführt. Der Abschied von diesem besonderen Arbeitsplatz fällt schwer - auch wenn der Titel "Burghauptmann" beim Träger nicht nur für Freude sorgte. 

Die Wartburg bei Eisenach
Die Wartburg bei Eisenach - die Wirkungsstätte von Burghauptmann Schuchardt. (Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer in Eisenach aufwächst, hat die Wartburg immer vor Augen. Als Kind ist Günter Schuchardt wie viele Thüringer auf dem Esel zur Burg geritten. Viel Freude hatte er nicht daran: er habe Angst gehabt, die Tiere könnten ihn beißen, erinnert er sich. Der Beziehung zur Burg tat das keinen Abbruch.

Schon vor dem Studium hat sich Schuchardt wie andere junge Leute als Saisonkraft Geld verdient und Besucher durch die Räume geführt. "Wir waren ganz stolz, weil wir einen eigenen Schlüssel hatten", erzählt er. Damit kamen sie auch in entlegene Ecken und erlebten kleine Abenteuer. "Das war vielleicht nicht gewollt, aber der Schlüssel hat überall gepasst und so sind wir dann durch die Burg geschlichen."

Günther Schuchardt 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL So 30.05.2021 19:00Uhr 02:06 min

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"Direktor können Sie hier nicht werden"

In Leipzig studierte Günter Schuchardt Kunst- und Kulturwissenschaft und Ästhetik. Weil er die Messestadt damals als sehr grau empfand, zog es ihn 1987 zurück nach Eisenach. Auf der Wartburg war die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters frei. "Wir nehmen Sie", habe ihm der damalige Direktor gesagt, "aber merken Sie sich eins: Direktor können Sie hier nicht werden".

Dazu fehlte ihm ein historisches Studium. Aber Schuchardt strebte ohnehin nicht nach der Leitung, sondern zählt noch heute die Jahre des freien wissenschaftlichen Arbeitens auf der Burg zu seinen schönsten. Er arbeitete an seiner Promotion über den Missbrauch der Wartburg in ideologischen Zeiten - die aber geriet in der Wendezeit in den Umbruch an den Hochschulen. Anfang der 1990er-Jahre gab es niemanden, der ihn promoviert hätte, bedauert Schuchardt.

Wartburg-Burghauptmann Günter Schuchardt
Wartburg-Burghauptmann Günter Schuchardt an seinem letzten Arbeitstag. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Unter Titel gelitten

Gleichzeitig mussten zu dieser Zeit auf der Wartburg alle ran, Besucher führen und Aufsicht stehen. Denn die Burg wurde regelrecht von Touristen überrannt, mehr als 700.000 im Jahr. "Eine Herausforderung", sagt Schuchardt. 1992 wurde er stellvertretender Direktor und trat 1994 die Nachfolge des Burghauptmanns Ernst Badstübner an, zunächst amtierend, ab Dezember 1995 offiziell.

Der Titel wurde 1992 wiedereingeführt, war durchgängig im 19. Jahrhundert und bis 1946 auf der Wartburg gebräuchlich und lässt sich auch weiter zurück in der Geschichte finden. Günter Schuchardt gibt zu, unter ihm auch gelitten zu haben.

Zum einen werde er häufiger ins Lächerliche gezogen: "Da wird man nach der Uniform oder der Rüstung gefragt." Zum anderen könnten ausländische Leihgeber wenig damit anfangen, wenn ein "Burghauptmann" wertvolle Stücke ausleihen möchte. "Dann fragen die sich, was hat denn die Kaserne damit zu tun, wieso macht die Ausstellungen?"

Welterbe-Titel zieht ausländische Gäste an

Ein wichtiges Datum für die Wartburg war der 1. Dezember 1999, als die Unesco die Burg in das Welterbe aufnahm. Das habe zwar keinen Geldregen ausgelöst, sagt Schuchardt, aber sei trotzdem bedeutend. Zum einen ziehe das Unesco-Siegel gerade Besucher aus dem Ausland an, zum anderen sind die Staaten verpflichtet, für den Erhalt der Welterbe-Stätten einzustehen.

Die Wartburg ist im Grunde eine Dauer-Baustelle, aber der Gesamtzustand hat sich deutlich verbessert. Vor allem werde inzwischen alles genauer kontrolliert, sagt Schuchardt. In seiner Amtszeit hat sich viel getan. So wurden beispielsweise die Wehrmauern rundum saniert - 400 Meter lang, bis zu 30 Meter hoch.

Schwind-Fresken erhalten

Besonders froh ist Günter Schuchardt, dass es gelungen ist, die stark gefährdeten Fresken von Moritz von Schwind erfolgreich zu erhalten. In den Räumen im Palas wurde das Klima verbessert, eine Fußbodenheizung eingebaut, die auch kühlen kann. Ein Restauratorenteam hat die Wandbilder nach neusten Erkenntnissen sehr zurückhaltend konserviert. Schuchardt erinnert daran, dass schon in den 1920er-Jahren ein Förderverein die Hoffnung aufgegeben hatte, die Schwind-Fresken halten zu können. Daraufhin ließ der Verein Kopien anfertigen. Die gibt es heute noch, aber eben auch die Originale.

Clinton und drei Protokollchefs

Viele große Ausstellungen hat Günter Schuchardt in seiner Amtszeit begleitet, Jubiläen wie das Elisabethjahr 2007, die Reformationsdekade mit der Nationalen Sonderausstellung 2017. Dazu viele prominente Besucher, Präsidenten und Monarchen. Besonders aufwändig war der Besuch des US-Präsidenten Bill Clinton im Jahr 1998.

Die Vorbereitungen liefen über drei Wochen, erzählt Schuchardt: "Es gab drei Protokolle, das amerikanische, das bundesdeutsche und das Thüringer Protokoll. Und alle haben gesagt: Hören Sie nur auf mich." Letzten Endes wurde der Besuch stark verkürzt, weil der US-Präsident nach dem Besuch im Opelwerk an starken Rückenschmerzen litt.

Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl hätten sich gut verstanden, berichtet Schuchardt und erzählt von einer Szene, die sich in der Lutherstube abseits der Kameras zugetragen hat. Da habe Kohl Clinton aufgefordert: "Los Bill, sag Deinen Satz!" - und Clinton habe sich aufrecht hingestellt und auf Deutsch gesagt: "Hier stehe ich und kann nicht anders."

Garten
Der neue Kräutergarten auf der Wartburg. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Den ganzen Tag nur schauen

Die Wartburg ist ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz. Das Wetter dort oben gilt es in Kauf zu nehmen: Kälte und Nordwind, aber auch Hitze im Sommer, wenn sich die dicken Burgmauern aufgeheizt haben. Dafür entschädigen Naturschauspiele und die Aussicht rundum - vom Arbeitszimmer des Burghauptmanns auf den Meißner, den Großen Inselsberg oder bis in Hainich. "Man braucht eigentlich gar nicht zu arbeiten, man kann den ganzen Tag aus dem Fenster schauen", sagt Schuchardt.

Es fällt ihm spürbar schwer, Arbeit und Ort aufzugeben. Der Wartburg will er weiter verbunden bleiben, nicht nur mit wissenschaftlichen Arbeiten. So würde Schuchardt gern Pläne unterstützen, den Förderverein "Freunde der Wartburg" wieder zu gründen. Das wäre schon hilfreich, sagt er, weil beispielsweise Mittel für Ankäufe knapp sind.

Seilbahn und Aufzug gescheitert

Und was bleibt sonst noch zu tun auf der Burg? Es gilt, das Problem des barrierefreien Zugangs zu lösen, ein großes Anliegen des scheidenden Burghauptmanns. Viele Wege hat er in den zurückliegenden 26 Jahren beschritten, Diskussionen angestoßen. Aber ob Aufzug, Seilbahn oder innovative Elektrofahrzeuge - bisher hat es stets gehakt, ob am Einspruch der Denkmalbehörden, am Aufwand oder an der Technik. Doch das Thema bleibt der Burg erhalten, ist Schuchardt überzeugt.

Hoff lobt Verdienste

Der Vorsitzende des Stiftungsrats der Wartburg-Stiftung, der Thüringer Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff, dankte Schuchardt an seinem letzten Arbeitstag. Mit seinem Einsatz habe er "einen unschätzbaren Beitrag zum Erhalt der vielfältigen Thüringer Kulturlandschaft geleistet".

Seine Nachfolgerin kommt im Juli: Franziska Nentwig kennt Eisenach bereits, war von 2002 bis 2005 Direktorin des Bachhauses und zuletzt Geschäftsführerin des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft in Berlin. Ihr Titel steht bereits fest: Die Chefin der 38 Beschäftigten der Wartburg-Stiftung wird die erste "Frau Burghauptmann" sein.

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Chor auf der Wartburg 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 31. Mai 2021 | 14:30 Uhr

4 Kommentare

MDR-Team vor 19 Wochen

Wir erklären hiermit weitere Erwägungen, ob dafür Testpflicht, erhöhte Eintrittspreise oder wiederzubelebende keltische Recken in Frage kämen, für themenfremd und bitten um Rückkehr zur kulturellen Arena.

Kelte vom Oechsenberg vor 19 Wochen

Nabend zusammen. Der Titel "Burghauptmann" läßt ja auch auf eine, sagen wir mal militärische Aufgabe schließen. Meine Frage nun: Wäre der "Burghauptmann" im Notfall zu militärischen Handlungen verpflichtet, um die Wartburg zu schützen und welche Ritter und Landsknechte ständen zur Verfügung?

MDR-Team vor 19 Wochen

Hallo Tamico161, eigentlich wären Sie in der Pflicht, Ihre Unterstellung zu belegen. Es gab seinerzeit rund 20 Kandidaten, die von einer Auswahlkommission geprüft wurden. Die Entscheidung für Frau Nentwig fiel einstimmig.

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