Kalibergbau Gebirgsschlag: Völkershausen erinnert an Katastrophe von 1989

Unter dem Rhön-Dorf Völkershausen senkt sich am 13. März 1989 die Erde plötzlich um mehr als einen Meter: ein Gebirgsschlag, ausgelöst von einer Sprengung im Kalibergbau. Der Ort ist stark zerstört. Die Menschen erhalten schnell staatliche Hilfe, aber damit kommt auch Unfrieden ins Dorf. Mehr als 30 Jahre nach der Katastrophe soll eine Ausstellung die Geschehnisse vom Frühjahr 1989 in Erinnerung halten, aber auch zeigen: Die Probleme sind überwunden.

Mike Steinhauer und Steffen Kranz in der noch unfertigen Gedenkstätte zum Gebirgsschlag in Völkershausen
Mike Steinhauer und Steffen Kranz in der noch unfertigen Gedenkstätte. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Wohl jeder, der damals schon in Völkershausen lebte, weiß noch genau, wo er sich am 13. März 1989 um 14:02 Uhr aufhielt. Mike Steinhauer war damals als Lehrer in Dorndorf in einer Gewerkschaftsversammlung und erinnert sich daran, dass er zunächst dachte, er habe ein Kreislaufproblem - bis er das Lenin-Bild über der Tafel hin- und herpendeln sah und Wellen durch den Raum liefen.

In Völkerhausen waren reihenweise Schornsteine von den Dächern gekippt. Alle standen vor den Häusern, erzählt Renate Enders: "als wenn eine Bombe eingeschlagen hätte". Letztlich waren 85 Prozent der Häuser beschädigt, 50 Gebäude mussten abgerissen werden. Ein einschneidendes Erlebnis, zugleich der Auftakt für ein Jahr des Umbruchs.

Solidarität hörte irgendwann auf

Die Hilfe kam schnell, "wie ein Rausch, das war schon Solidarität", berichtet Renate Enders, die damals ebenfalls als Lehrerin arbeitete. Aber die Hilfe habe irgendwann aufgehört. Wer hat wie schnell und wie viel Hilfe bekommen, wer hat länger warten müssen als andere – das sorgte für Unmut und Verletzungen. "Das habe ich als schmerzlich erfahren", sagt Enders.

Renate Enders aus Völkershausen
Renate Enders war damals Lehrerin und erinnert sich noch sehr lebhaft an das Unglück. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

"Die äußere Hülle ist schnell repariert, aber die inneren Schäden haben doch sehr lange gebraucht, die Menschen haben häufig mit sich gerungen", hat Steffen Kranz beobachtet. Der Lehrer und Bildhauer war 1993 nach Völkershausen gezogen.

Gedenktafel ist zu wenig

An den Gebirgsschlag erinnert bislang im Dorf nur eine kleine Gedenktafel neben der Bushaltestelle. Das ist zu wenig, findet Mike Steinhauer. Er hatte die Idee, einen Ort zu schaffen, "an dem man sich erinnern kann, zurückgebracht wird wie bei einer Zeitreise." Auch ein Ort des Mahnens. Material dafür hat er schon länger gesammelt. Nun entsteht dieser Erinnerungsort in der ehemaligen Trauerhalle neben der Kirche, gefördert über Mittel der EU. Der Raum ist nicht groß. Aber er soll ständig zugänglich sein, für Einheimische, Touristen, Schulklassen.

Gedenkplakette zum Gebirgsschlag in Völkershausen
Die kleine Gedenktafel neben der Bushaltestelle. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Ein Erinnerungsort entsteht

Noch ist er Baustelle, gerade verlegen die Elektriker Leitungen. An einigen Wänden kleben bereits Fototapeten. Im hinteren Teil lassen sie die die Besucher eintauchen in die Welt tief unter Völkershausen, in die Schönheiten der Salzkristalle, aber auch in den Schrecken des Gebirgsschlags. Weil damals beim Kalibergbau zu viel Rohstoff abgebaut wurde – auf Kosten der Dimension der Stützpfeiler – kam es bei der Sprengung zur Katastrophe. Deshalb wird die Ausstellung auch darüber informieren, was seither untertage getan wurde, um den Untergrund zu sichern.

Zeitzeugen und Fernsehberichte

Dabei nutzt die Ausstellung QR-Codes, damit die Besucher auf ihren Smartphones Filme und Informationen abrufen können. Darunter sind zahlreiche Aufnahmen von Zeitzeugen, die zu verschiedenen Zeiten aufgenommen wurden. Aber auch Berichte aus den Fernsehnachrichten der DDR und der Bundesrepublik sowie Presseartikel.

Mike Steinhauer hat auch stumme Zeitzeugen für die Ausstellung im Auge: Balken aus der Kirche und der Gemeindeverwaltung, die beide abgerissen wurden, die Uhr von der Bushaltestelle, deren Zeiger genau um 14.02 Uhr stehenblieben. Auch Zahlen und Fakten zum Gebirgsschlag erhalten die Besucher in der Ausstellung. In der Mitte des Raums ist ein Multimediatisch geplant. Dort werden auf einem Bildschirm Fotos gezeigt.

QR-Codes in der Ausstellung zum Gebirgsschlag in Völkershausen
Mittels QR-Codes lassen sich Filme und andere Informationen über das Unglück von Völkershausen auf dem Smartphone abrufen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Kunstwerk mit zerbrochenem Porzellan

Neben den Fakten versucht der Erinnerungsort auch eine emotionale Bewältigung des Gebirgsschlags, und zwar in Form eines Kunstwerks. Steffen Kranz hat es entworfen: einen Kubus aus Plexiglas, in seiner Form an ein Salzkristall angelehnt. Darin das, was fast alle Bewohner von Völkershausen am 13. März in ihren Wohnzimmern fanden: Porzellanscherben.

"Das zerbrochene Porzellan ist Erinnerung", sagt Kranz, "das ist Porzellan von den Großeltern, etwas, das gewesen ist. Das zerbrochene Porzellan ist auch nicht wieder gut zu machen. Aber – es schafft Platz für Neues." Der Bildhauer hofft, dass erkannt wird, "dass der Gebirgsschlag ein schlimmes Ereignis war, das aber überwunden wurde" – und dass die Menschen in Völkershausen damit "Frieden schließen können."

30 Jahre Michaeliskirche

Im Großen steht dafür auch die Michaeliskirche, deren 30-jähriges Jubiläum die Gemeinde in diesem Jahr feiert. Ihre Vorgängerin, die Kirche St. Annen aus dem 18. Jahrhundert, war beim Gebirgsschlag stark beschädigt worden. Sie wurde gesprengt und abgerissen. Der Neubau war ein Politikum, wurde zunächst von Honecker abgelehnt und später von seinem Nachfolger Krenz genehmigt.

Kirche von Völkershausen
Die Michaeliskirche wurde nach der Katastrophe erbaut. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Viele Ältere wie seine Großmutter hätten große Schwierigkeiten gehabt, sich mit der modernen Kirche anzufreunden, berichtet Mike Steinhauer. "Jetzt überwiegt bei mir die Freude", sagt Renate Enders, die im Gemeindekirchenrat aktiv ist. Wenn sie anderswo sieht, wie schwer es fällt, alte Kirchen zu erhalten, dann freut sich über das schöne helle Kirchengebäude.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 13. März 2022 | 18:05 Uhr

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