"Wir haben es satt" Mini-Protest statt Großdemonstration: Thüringer Landwirt in Berlin

Mit dem Zug statt mit dem Traktor fährt Reiko Wöllert nach Berlin zur "Wir haben es satt“-Demo. Wegen der Pandemie fällt die diesmal etwas kleiner aus - bis 2020 hatten sich alljährlich Zehntausende Menschen beteiligt. Die Initiative dringt auf Änderungen in der Landwirtschaft. Weniger Fleisch, mehr Platz in den Ställen, weniger Pestizide, bessere Vergütung für Landwirte.

Raiko Wöllert mit einer Mistgabel neben einer Kuh
Reiko Wöllert engagiert sich schon seit vielen Jahren für eine bessere Landwirtschaft. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

In diesem Jahr ist alles anders. Mal wieder. Wegen der Pandemie. Eigentlich hatten sich Reiko Wöllert und Hunderte Gleichgesinnte schon am Freitag in Blankenfelde treffen wollen. "Den Abend dort auf dem Gut verbringen und dann gemeinsam am Sonnabend zur Demo fahren." Doch die Aktion "Wir haben es satt", zu der normalerweise neben Hunderten Traktoren auch Zehntausende Demonstranten nach Berlin kommen, fällt weitgehend ins Wasser.

Ein paar Traktoren kommen trotzdem, aber nur aus dem Berliner Umland, dazu wenige Demonstrierende. Erst geht es vors Bundeslandwirtschaftsministerium, dann zum Kanzleramt. "Der Özdemir kommt bestimmt raus", sagt er über den grünen Agrarminister, der eigentlich etliche der Forderungen unterstützt, die zum Beispiel Reiko Wöllert hat. "Es ist halt die Frage, wie viel er durchsetzen kann."

Weniger Gentechnik, weniger Pestizide, weniger Fleischkonsum, bessere Tierhaltung. Das gehört zu den Forderungen, die "Wir haben es satt" eigentlich schon seit Jahren vorbringt. Nun gibt es Vorschläge aus der sogenannten Borchert-Kommission, wie in den nächsten Jahren zum Beispiel die Tierhaltung verändert werden kann, hin zu mehr Platz, mehr Stroh und weniger Beton in den Ställen. Auch Wöllert findet die Ideen richtig, es müsse aber Druck gemacht werden, damit sie Wirklichkeit werden.

Hof in Haina kleiner als die meisten Betriebe im Osten

Der Landwirt ist zugleich auch Landesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die bundesweit gut 15.000 Betriebe vertritt, deutlich weniger als der Deutsche Bauernverband mit etwa 300.000.

Die AbL versteht sich als eine Art Opposition. "Obwohl ich den Gegensatz Groß gegen Klein nicht so sehe", sagt Wöllert. Er arbeite durchaus gut mit einem benachbarten Betrieb zusammen, der mit schwerer Technik zweimal pro Jahr den Mist aus dem Stall des Wöllert-Hofs holt. "Von dem beziehen wir das Stroh, weil wir selbst keinen Acker haben. Und er kriegt von uns Mist als Nährstoff-Ausgleich für das Stroh." Der andere Betrieb habe keine Tiere und freue sich über das Tauschgeschäft.

In dem Familienbetrieb in Haina ist alles ein bisschen kleiner als in den meisten Betrieben in Ostdeutschland. 32 Hektar Grünland, 40 Ziegen, ein Dutzend Rinder, einige Schweine und Hühner. Das Grünland wird entweder zum Grasen genutzt, oder für die Heu-Ernte. "Bei uns machen die Kühe die Milch wirklich aus Heu", berichtet der Landwirt. Kraftfutter komme fast gar nicht zur Anwendung. "In den meisten Intensivhaltungen ist das genau umgedreht." Da würden Kühe oft beinahe zu Schweinen umfunktioniert, das Kraftfutter sei zum Wiederkäuen völlig ungeeignet.

Ziegen und Kühe stehen im Stall und fressen Heu
Kraftfutter bekommen Wöllerts Tiere fast gar nicht. Sie fressen Heu. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Das sei eine weitere Forderung für die Landwirtschaft der Zukunft. "Weniger Kraftfutter geben." Das senke die Kosten. Die Tiere würden weniger auf Hochleistung getrimmt. "Und wenn weniger Milch produziert wird insgesamt, entlastet das auch den Markt. Der Milchpreis würde steigen, sodass alle gut davon leben können."

Probleme in kleinen wie in großen Betrieben

Genau das ist seit Jahren schwierig, auch der Deutsche Bauernverband beklagt immer wieder zu hohe Kosten, zuletzt etwa durch steigende Diesel- und Düngerpreise, und zu geringe Erlöse. Ist Wöllert da nicht eher auf dem Holzweg, wenn er täglich Stroh im Stall einstreut und fast nur eigenes Heu füttert?

Ein Bio-Bauernhof in Haina mit seinem Bauern und seiner Frau
Der alte Hofladen in Haina ist mittlerweile zu klein. Ein neuer ist in Planung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

"Die Qualität der Milch ist besser. Wir verarbeiten die Milch aber auch selber, verkaufen den Käse direkt auf dem Hof und in ein paar Geschäften in der Umgebung." So bekomme man auch Rückmeldung von den Kunden. "Das ist anders, als wenn morgens einfach nur der Milchtanker vorfährt und schnöde nach Litern abgerechnet wird." Die Nachfrage nach den Produkten der eigenen Käserei sei hoch, auch die vergleichsweise wenigen Fleisch- und Wurstwaren sind gefragt. "Wir können sehr gut davon leben."

Also soll bald ein neuer Hofladen gebaut werden, ein Crowdfunding ist auf den Weg gebracht. Das heißt, ein Teil des Geldes für den Neubau wird übers Internet bei Unterstützern gesammelt. Der bisherige Laden in einer alte Garage ist dem Ansturm seit den kurzen Öffnungszeiten einfach nicht gewachsen, berichtet Wöllert. Diesen Samstag aber wird der Laden ohne ihn auskommen müssen, wenn er zum Protest nicht mit dem Traktor, sondern mit dem Zug nach Berlin fährt.

Quelle: MDR(gh)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 22. Januar 2022 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Freies Moria vor 16 Wochen

Erst wenn der letzte Betrieb seine Mengen verringert hat, wird die städtische Bevölkerung merken, daß man einen digitalen Kontostand nicht essen kann!
Stattdessen gibt es Pseudo-Fleisch und Pseudo-Käse von Lieferando, die alles "deutsch" zertifiziert liefern - chinesische Schweine auf deutschen Schiffen termingerecht für den Hafeneinlauf geschlachtet.
Und dank Elektro-Autos ohne Strom wird der Städter nicht mal mehr aufs Land fahren können, um echte Ware zu kaufen.
Nein, der Landwirt hat da keine Sorgen. Aber alle anderen schon, und die haben sie sich immer wieder neu in der Wahlurne rangezüchtet.

kleinerfrontkaempfer vor 16 Wochen

Der Umbau der Landwirtschafthat begonnen. Marktwirtschaft wird grün und bio. Agrargroßbetriebe, Schlacht- und Milchkonzerne sagen wo es langgeht. Der Weltmarkt wurden bisher mit Massen an Agrarerzeugnissen geflutet. Schweinefleisch, Milchprodukte für Asien!
Und nun: Schweinepest, Konkurrenz in China, Australien machen den Absatz schwer. Hat man bisher dort Profit geschöpft, braucht man neue Märkte, Strategien und Kunden. Den Asiaten wird ein grünes doitsches Ökolabel auf Fleisch und Milch schnurz sein. Also werter doitscher Verbraucher bist du nun die Zielgruppe. Mit dieser Marketingstrategie bauen und finanzieren wir die Landwirtschaft um. Profitabel natürlich. Und zahlen tut der Letzte in der Kette.

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