Schule nach den Herbstferien Präsenzunterricht und Schnelltests: Ist das der richtige Weg?

Die Ferien sind vorbei, die Schule hat wieder begonnen - und die Corona-Zahlen steigen weiter. Die Strategie der Thüringer Landesregierung lautet: Präsenzunterricht und zweimal pro Woche Schnelltests in den Schulen. Ist das der richtige Weg? Eine Schulleiterin in Gotha kritisiert diese Lösung: Wechselunterricht wäre nach ihrer Ansicht die bessere Lösung für große Schulen.

Schüler auf dem Schulweg
Gute Nachricht: Alle Schüler der Gesamtschule "Herzog Ernst" in Gotha wurden nach den Herbstferien negativ auf Covid-19 getestet. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Johanna Kiesler

Die Schulflure der Kooperativen Gesamtschule Herzog Ernst in Gotha sind gut gefüllt. Zum Pausenklingeln ziehen Scharen von Schülern von Raum zu Raum, lachen, rennen - die meisten sind sichtlich froh, wieder in der Schule zu sein. Rund 900 Kinder und Jugendliche der fünften bis zwölften Klasse lernen hier unter einem Dach. Und sie sind alle wieder da.

Mehr als 500 Quarantäne-Fälle - Schule blieb trotzdem offen

In den Wochen vor den Ferien sah das Bild hier noch ganz anders aus: Aus anfänglich drei positiven Corona-Fällen wurden täglich mehr, bis die Zahl der positiv Getesteten schließlich über 80 lag und mehr als 500 Schüler in Quarantäne geschickt werden mussten. Für viele waren damit auch die Ferienpläne dahin: Hausarrest statt Urlaubsfahrt. Schulleiterin Marion Kruspe hätte sich während der sich dramatisch entwickelnden Situation gewünscht, die Kinder ins Homeschooling schicken zu dürfen: "Wir waren gut vorbereitet, wir hätten es bewältigen können. Aber es war nicht unsere Entscheidung."

Aus dem Umfeld der KGS sind Infektionen in die Fläche getragen worden, die sich weiter verbreitet haben.

Landrat Onno Eckert (SPD)

Die Schule bis zu den Ferien zu schließen, kam für das Bildungsministerium nicht infrage - sehr zum Ärger des Gothaer Landrats Onno Eckert (SPD), der sich ebenfalls für Distanzunterricht ausgesprochen hatte. Er hält die Entscheidung des Ministeriums nach wie vor für falsch und ist sich sicher: Durch rechtzeitiges Eingreifen hätte einiges verhindert werden können. "Die KGS ist eine Schule, die Schüler aus dem gesamten Kreisgebiet beschult, und deshalb meine ich schon, dass ein Teil des im Moment bei uns hohen Infektionsgeschehens darauf zurückzuführen ist, dass aus dem Umfeld der KGS Infektionen in die Fläche getragen worden sind, die sich weiter verbreitet haben."

Schuldirektorin an ihrem Schreibtisch
Marion Kruspe, Schuldirektorin der "Herzog Ernst"-Schule in Gotha kritisiert das Thüringer Bildungsministerium: Zahl der Schüler müsse entzerrt werden. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Johanna Kiesler

Jetzt, nach den Ferien, haben thüringenweit wieder alle Schüler Präsenzunterricht. Unnötig, findet Schulleiterin Marion Kruspe. Zumindest an einer großen Schule wie ihrer wäre es besser, die Zahl der Schüler zu entzerren, den Schulhof zu entlasten, findet sie. Denn natürlich müssten die Kinder in den Hofpausen auch mal von der Maskenpflicht befreit werden. Dann aber die empfohlenen Abstände einzuhalten, sei bei Anwesenheit aller Schüler definitiv nicht möglich.

Schulleiterin ist für Wechselunterricht

Sie spricht sich daher für den Unterricht in Halbgruppen aus. Heißt: abwechselnd eine Hälfte der Schüler im Präsenz- und die andere Hälfte im Distanzunterricht zu beschulen. Die Schule sei - anders als im Vorjahr - etwa mit Lehrergeräten, der nötigen Software und funktionierenden Kommunikationswegen ausgerüstet und könne das gut leisten.

Lehrerverband kritisiert Testpflicht mit Tücken

Stattdessen werden die Schüler nun zunächst zweimal pro Woche getestet. Das sei grundsätzlich richtig, findet neben Landrat Eckert auch der Lehrerverband - die Regeln seien aber zu lasch: Die sogenannten Lolli-Tests, die vielerorts angewendet werden, seien nicht zuverlässig, sagt Verbandschef Rolf Busch. Er wünsche sich stattdessen Pooltestungen, wie sie in anderen Bundesländern teilweise angewendet würden. Dabei gibt die ganze Klasse einen Nasenabstrich ab, die Proben werden gesammelt und zu einem PCR-Test zusammengefasst. Nur wenn eine Infektion festgestellt wird, werden Einzeltests durchgeführt. Das Testverfahren in Thüringen entspreche nicht mehr der Zeit, findet Busch.

Testverweigerer separat zu unterrichten, sei praktisch nicht umsetzbar

Ein weiterer Kritikpunkt der aktuellen Teststrategie: Wenn Eltern der Testung ihrer Kinder widersprechen, bleiben diese trotzdem an der Schule. Vom Ministerium heißt es, Testverweigerer sollten in separaten Lerngruppen unterrichtet werden. In der Realität fehle es den Schulen aber dafür an Personal, so der Vorsitzende des Lehrerverbandes. Kaum eine Schule könne das leisten und so säßen die ungetesteten Schüler genauso im Unterricht wie alle, die sich haben testen lassen. "Das ist pures Wunschdenken und ein Alibi, das das Ministerium da in seine Regelungen reingeschrieben hat, das ist praktisch nicht umsetzbar", kritisiert Busch.

Eingang Schulgebäude Herzog-Ernst-Schule
Die "Herzog Ernst"-Gesamtschule in Gotha Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Johanna Kiesler

Das ist pures Wunschdenken und ein Alibi, das das Ministerium da in seine Regelungen reingeschrieben hat, das ist praktisch nicht umsetzbar.

Rolf Busch, Landesvorsitzender des Thüringer Lehrerverbandes

Das Thüringer Bildungsminsterium verteidigt seinen Weg. Schulen seien keine Pflegeheime, sagt ein Sprecher auf Nachfrage von MDR THÜRINGEN, und Schüler weniger gefährdet, an Corona schwer zu erkranken. Präsenz sei pädagogisch wichtig, Pooltests in Thüringen logistisch nicht leistbar, Testverweigerer eher eine Ausnahme und die Tests keine Eintrittskarte in die Schule, sondern ein Mittel des Monitorings. Die Schnelltests seien also dazu da, die Situation im Blick zu behalten.

Gute Nachrichten an der Gesamtschule in Gotha

Dahingehend hat zumindest die Leiterin der Herzog-Ernst-Schule am Montag erstmal aufgeatmet. Nachdem Marion Kruspe die ersten Tests nach den Ferien mit Bauchschmerzen erwartet hatte, freut sie sich umso mehr über das Ergebnis: An ihrer Schule haben sich alle Schüler zum Unterrichtsbeginn testen lassen - und bei allen war das Ergebnis negativ.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. November 2021 | 19:00 Uhr

26 Kommentare

Sozialberuflerin vor 10 Wochen

Was sie beschreiben, nennt man Ansteckungskette und kommt nicht nur in Schulen, sondern überall wo Menschen miteinander arbeiten etc. vor!

Das müssen wir nach 1,5 Jahren Pandemie auch nicht mehr ausdiskutieren!

Und woher sie die Aussage "aber nie wurde davon jemand angesteckt" nehmen, erschließt sich mir nicht!!

Irgendwie kann ich ihre Wahrnehmung zum Infektionsgeschehen an Schulen nicht so ganz nachvollziehen

Ist prinzipiell auch unwichtig!

Die Schulen und Kitas MÜSSEN offen bleiben und die Kinder nur mir WIRKLICH NOTWENDIGEN Maßnahmen konfrontiert werden!



Freies Moria vor 10 Wochen

@Sozialberuflerin: Meinen Sie tatsächlich Fälle, wo das Virus in der Schule von einer Person zur anderen übertragen wurde? Können Sie skizzieren wie das passiert ist, bzw. woher man weiß das es so passiert ist?
Mich interessiert das wirklich, weil ich an einem Dutzend Schulen in meiner Gegend immer nur Maßnahmen gesehen habe, die sich gegen Dinge richten, die nie vorgekommen sind.
Wohlgemerkt: An allen Schulen sind Infektionen vorgekommen. Aber es waren zur Hälfte fehlende Personen, die sich das Virus aus dem Urlaub mitgebracht hatten und zur anderen Hälfte Personen, die das Virus aus dem privaten Bereich in die Schule gebracht haben. Kontaktpersonen an der Schule mussten stets in Quarantäne, aber nie wurde davon jemand angesteckt.

Sozialberuflerin vor 10 Wochen

Ist jedoch nicht ganz richtig...
Zu Beginn der Pandemie (in D) wurden die Schulen /Kitas komplett geschlossen und auf "Notbetreuung" gestellt!

Fast 3 Monate!!!

War also natürlich keine Maske und kein Test nötig 😉

Dann wurden die Kinder an vielen Schulen im Wechselunterricht beschult, von lehrern die nicht in die Risikogruppe fielen
Das brachte verkürzte Öffnungszeiten in Kitas mit, unterrichtsausfall etc...

Erst mit Priorisierung der päd. Fachkräfte und Lehrer zum impfen, haben Schulen /Kitas wieder umgestellt... Bis zum nächsten Lockdown

Also Maßnahmen wurden sehr wohl ergriffen!

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