Kunstdiebstahl 1979 Gemälde von Gotha stammen zum Teil von anderen Malern

Es war der spektakulärste Kunstdiebstahl in der DDR: Der Einbruch in ein Museum in Gotha, bei dem fünf Gemälde entwendet wurden. 2019 wurden sie zurückgegeben, seitdem in Berlin akribisch untersucht, heute erstmals öffentlich gezeigt. Fragen und Antworten.

Gemälde
Das erste Mal seit 40 Jahren wurden die gestohlenen Gemälde aus Gotha gezeigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was hat die Untersuchung ergeben?

Das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin hat die Bilder nach ihrer Übergabe 2019 eingehend untersucht. Dabei stellte sich zum einen heraus, dass es sich bei den fünf Gemälden um jene Bilder handelt, die 1979 aus den Sammlungen des Schlosses Friedenstein in Gotha gestohlen worden waren. Es seien "fälschungssichere" Merkmale wie ihr durch röntgen ermittelter Innenzustand, das Rissnetz der Malschichten oder Restaurierungseingriffe der Vergangenheit festgestellt worden. Die Gemälderückseiten belegten Spuren ihrer Geschichte. Dazu zählten alte Inventarnummern teilweise in kyrillischer Schrift aus der Zeit nach 1945, als die Besatzungsmacht die Bilder in die Sowjetunion gebracht hatte, sowie Spuren der nach dem Diebstahl entfernten Etiketten des Schlossmuseums.

Wer hat die Bilder gemalt?

Mitte Dezember, als die Rückgabe bekannt geworden war, hatte die Stiftung Schloss Friedenstein als Maler der Bilder fünf niederländische Alte Meister benannt: Frans Hals, Anthonis van Dyck, Jan Brueghel der Ältere, Jan Lievens und Hans Holbein der Ältere. Bei der Untersuchung stellte sich jedoch heraus, nur eine einzige Zuordnung korrekt war - im Falle von Hans Holbein dem Älteren. Das Bild von Jan Brueghel dem Älteren stammt dagegen offenbar nicht vom Meister selber, sondern von Malern aus dessen Werkstatt.

Im Falle des Bildes "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen", das wegen scheinbarer Abweichungen bisher der Werkstatt von Frans Hals zugeschrieben worden war, schätzen die Experten jetzt den Meister selbst als Maler ein. Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" ist dagegen offenbar gar kein Selbstporträt von Anthonis van Dyck, sondern eine Darstellung dieses Malers durch einen anderen, bisher unbekannten Künstler. Das Werk "Alter Mann" stammt wiederum offenbar nicht von Jan Lievens, wie bisher angenommen wurde, sondern vom Meister Ferdinand Bol.

Was sind die Bilder wert?

Der Wert der verschollenen Bilder wurde zwischenzeitlich auf bis zu 50 Millionen Euro taxiert. In der DDR-Polizeiakte steht dagegen ein Wert von 2,9 Millionen DDR-Mark, der später auf eine Million D-Mark festgelegt wurde. Bei der ersten öffentlichen Präsentation der Bilder nach der Rückgabe am Freitag wurde nun ein Versicherungswert von Millionen Euro genannt.

Welchen Weg haben die Bilder nach dem Diebstahl genommen?

Bei den Verhandlungen um die Rückgabe warteten die zwischenzeitlichen Besitzer mit einer abenteuerlichen und mittlerweile größtenteils widerlegten Erwerbsgeschichte zur Herkunft der Gemälde auf. Sie beriefen sich auf Schilderungen ihrer verstorbenen Eltern. In Westdeutschland ansässig, hätten die Eltern eine Art Lösegeld über eine Million D-Mark für die Ausreise einer in der DDR lebenden, befreundeten Familie gezahlt. Als Pfand hätten die Verwandten von nicht näher bestimmten Vertretern der Stasi die gestohlenen Gemälde erhalten. Diese Stasi-Spur erwies sich als Legende.

Das Diebesgut gelangte vermutlich erst in den 1980er-Jahren durch einen privaten Transport in den Westen. Wo genau die Bilder waren, ist noch unklar. "In Deutschland", sagt Oberbürgermeister Kreuch. Aber es gibt einige Details von Fotos. "Frans Hals hing irgendwo in einem Esszimmer." Auf Brueghel sind weiße Farbtupfer, wohl von einem Zimmeranstrich. Auf einem der Fotos sei Raufasertapete zu erkennen.

Was bekommen die "Anbieter"?

Die Erbengemeinschaft, in deren Besitz die Bilder waren, bekommt so gut wie nichts. Laut Stiftung Schloss Friedenstein übernimmt lediglich die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung Kosten für die anwaltliche Beratung und "die Logistik im Rahmen der Abwicklung". Nach einem Bericht des "Spiegel" hatte der erste Anwalt der Erben zunächst 5,25 Millionen Euro verlangt. Diese Zahl wurde nie öffentlich bestätigt. Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, der die Verhandlungen führte, korrigierte jedoch später, die Forderung habe eine Vertrauensperson der Erbengemeinschaft erhoben. Nach einem Anwaltswechsel überlassen die Erben die Bilder ohne Gegenleistung - nur mit der Aussicht auf eine nicht final verhandlete Zuwendung für ihre Auslagen.

Welchen juristischen Stand gibt es?

Für die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha ist der Fall juristisch abgeschlossen: Sie ist nach eigenen Angaben nicht an einer strafrechtlichen Verfolgung der zwischenzeitlichen Besitzer interessiert. Diese seien "weder unmittelbar noch mittelbar am seinerzeitigen Diebstahl beteiligt" gewesen. Das strafrechtliche Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft und des LKA Berlin läuft jedoch weiter. Laut Spiegel soll gegen den Anwalt der Erbengemeinschaft und den sogenannten Einlieferer ermittelt werden, der die Bilder übergeben hatte.

Was geschieht nun mit den Bildern?

Die fünf Bilder sollen nach der Präsentation nach Gotha gebracht und ab Montag (20. Januar) bis Sonntag im Herzoglichen Museum gezeigt werden. Danach sollen die Bilder restauriert werden. Für 2021 ist eine umfassende Ausstellung geplant.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Beitrags hieß es, dass die Gemälde weniger Wert seien. Diese Aussage bezog sich auf eine von mehreren Schätzungen. Im Vergleich zu anderen Angaben etwa aus den Akten der Polizei liegt der aktuelle Versicherungswert aber nicht darunter. Wir haben den Text mit entsprechenden Informationen ergänzt.

Quelle: MDR THÜRINGEN/seg

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 17. Januar 2020 | 19:00 Uhr

1 Kommentar

sieg55-steff54 am 18.01.2020

Nicht,daß ein begnadeter W.Beltracci die selbst ernannten Kunstexperten wieder hinters Licht geführt hat.

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