Passende Rahmen gefunden Kunstdiebstahl von Gotha: Fünf Gemälde von 1979 fertig restauriert

Sandra Voigtmann
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Jahrzehntelang galten sie als verschollen - jetzt kommen die gestohlenen Gemälde Alter Meister mit frischem Antlitz zurück nach Gotha. Fünf Spezialisten haben die Bilder restauriert - mit Spenden und Fördermitteln. Historische Rahmen wurden für die frisch restaurierten Kunstwerke ebenfalls gefunden.

Ein Mann neben einem Gemälde in einer Werkstatt
Der Berliner Restaurator Dietrich Richter präsentiert das restaurierte Gemälde "Bildnis eines alten Mannes" von Ferdinand Bol (1629/1632). Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Nach dem spektakulären Kunstdiebstahl von Gotha im Jahre 1979 wurden die Gothaer Gemälde holländischer Alter Meister 40 Jahre lang vermisst. Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch bekam sie im Juli 2018 von einer Erbengemeinschaft über einen Anwalt zum Kauf angeboten. Im September 2019 erfolgte dann im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen Berlin die Übergabe der Gemälde. Geld hat die Erbengemeinschaft dafür nicht erhalten.

Mann macht ein Foto von einem Gemälde 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 14.09.2021 19:00Uhr 02:07 min

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Am 17. Januar 2020 wurden die Gemälde in Berlin in den Räumen der Ernst von Siemens Kunststiftung erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Noch am selben Tag kehrten sie nach Gotha zurück. Ab 20. Januar 2020 konnten die Gothaer "ihre" Gemälde dann für eine Woche unrestauriert und in Baumarktrahmen im Herzoglichen Museum sehen.

Drei Gemälde in Thüringen restauriert

Eineinhalb Jahre ist das jetzt her. Inzwischen ist viel passiert. Die Restaurierung der fünf zurückgekehrten Gothaer Gemälde ist abgeschlossen. Derzeit werden sie in Gotha im Perthes-Forum, dem Depot mit Werkstätten der Stiftung Schloss Friedenstein, gerahmt. Für alle Gemälde konnten nach Angaben der Stiftung historische Rahmen gefunden werden.

Noch immer steht den Mitarbeitern der Stiftung Schloss Friedenstein und vor allem Kurator Timo Trümper die Freude ins Gesicht geschrieben. "Seit Ende 2019 befindet sich die Stiftung in einem wahren Glücksrausch", fasst Trümper die Emotionen zusammen.

Drei der fünf nach dem Kunstdiebstahl von Gotha zurückgekehrten Gemälde wurden in Thüringen restauriert. Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals blieb in Gotha. Es wurde von der Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, Fuhyi Kuo, restauriert.

Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" aus der Werkstatt von Jan Brueghel d.Ä. und das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von einem unbekannten Künstler nach Anthonis van Dyck gingen in die Werkstätten freier Restauratoren in Thüringen. Die Gemälde von Ferdinand Bol und Hans Holbein d.Ä. reisten nach Potsdam. Sie wurden in den Werkstätten der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg restauriert.

Thüringen

Zum Durchklicken: Diese Gemälde alter Meister sind wieder da

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Bilder waren verschmutzt und beschädigt

In fast kriminalistisch anmutender Arbeit näherten sich die Restauratoren den Bildern. Neben dringend notwendigen Sicherungsarbeiten wurde das ursprüngliche Erscheinungsbild der Gemälde wiederhergestellt. In der Holzwerkstatt im Perthes-Forum liegen die Gemälde auf den Arbeitstischen oder stehen auf Staffeleien. Ihr Anblick ist kein Vergleich zu dem vom Januar 2020.

Als Beispiel nennt Timo Trümper die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen". Dieses Bild war nach der Rückgabe in einem schlechten Zustand. Es war verschmutzt und beschädigt. Die Krönung waren weiße Farbkleckse. Die letzten Besitzer hatten offensichtlich ihr Wohnzimmer gemalert, das Bild aber nicht abgehangen und geschützt. Die Farbkleckse sind weg und der Himmel, von dem man nicht wusste, ob er einen schönen Sommertag oder einen grauen Herbsttag darstellen sollte, strahlt wieder in Blautönen. Die Blätterfärbung und der Wind in den Bäumen ist wieder sichtbar – und zwar in goldenem Herbstlicht.

Ähnlich verhält es sich mit dem "Bildnis eines alten Mannes" von Ferdinand Bol. Mit kaum zu bremsendem Enthusiasmus erzählt Restaurator Dietrich Richter von seiner Arbeit. Ihm ist es zu verdanken, dass der alte Mann nun nicht mehr wie ein Trauernder aussieht. Er entfernte Firnis und Harzüberzüge. Stück für Stück traten so die kompletten Farbschichten hervor.

Besonders die verschmutzte rechte Gesichtshälfte des Mannes wirkte mit einem Mal ganz anders. Der authentische Zustand, sagt Richter sichtlich glücklich, konnte wieder hervorgeholt werden. Statt eines traurigen alten Mannes ist nun wieder ein nachdenklicher zu sehen.

Das Gemälde einer jungen Frau
Die "Heilige Katharina" (um 1509) hat ihre ursprüngliche Frisur zurückbekommen. Vor vielen Jahren war diese übermalt worden. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Die "Heilige Katharina" von Hans Holbein d.Ä. musste Haare lassen, erzählt Timo Trümper mit einem Lächeln. Bei der Restaurierung wurden spätere Übermalungen, etwa im Bereich der Haare, entfernt. Der hohe Haaransatz ist jetzt wieder sichtbar. Dieser wurde irgendwann übermalt, sagt Trümper, weil er nicht mehr dem Schönheitsideal der Zeit entsprach. Insgesamt 1.000 Arbeitsstunden dauerte es, die fünf Gemälde zu reinigen und aufzuarbeiten. Jetzt strahlen sie wieder und hinterlassen beim Betrachter einen völlig anderen Eindruck.

Historisch passende Rahmen gefunden

Einen großen Beitrag dazu leisten auch die historischen Rahmen. Gleich nachdem die Gemälde wiederaufgetaucht waren und nach Gotha zurückkehrten, begann eine intensive Suche nach historisch passenden Rahmen. Im eigenen Stiftungsdepot wurde man nicht fündig.

Timo Trümper schrieb verschiedene Rahmenhändler an. Er hatte die Hoffnung nach historischen Rahmen fast aufgegeben, sagt er, und sich schon fast mit dem Nachbau der Rahmen angefreundet. Doch dann kam ein unglaubliches Angebot: Ein Rahmenhändler war von den Rückkehrern so begeistert, dass er der Stiftung einen historischen Rahmen schenken wollte. Doch das ist nicht erlaubt.

Wochenlang hörte Trümper nichts mehr von dem Händler. Dann die noch unfassbarere Nachricht - der Händler hatte für alle fünf Gemälde einen passenden Rahmen. Nicht alle fünf kaufte die Stiftung bei diesem Händler. Im Angebot hatte dieser auch einen Flammleistenrahmen aus Nussbaum aus dem 17. Jahrhundert. Perfekt für das "Bildnis eines jungen Mannes" von Frans Hals.

Der Händler, sagt Trümper, konnte sich nur schwer davon trennen, verkaufte ihn dann aber doch, obwohl er sich sicher war, einen solchen Rahmen nie wieder zu bekommen. Nur eines von vielen Happy Ends für die Stiftung Schloss Friedenstein.

Das Gemälde eines Mannes
Das "Bildnis eines jungen Mannes" von Frans Hals soll einen Flammleistenrahmen aus Nussbaum aus dem 17. Jahrhundert bekommen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Rahmen werden noch angepasst

Noch sind nicht alle Gemälde gerahmt. Doch die Computertechnik macht es möglich, die Bilder schon im Rahmen zu sehen. Und beim ersten Blick darauf ist klar: Durch die Rahmen gewinnen die fünf Gemälde noch einmal an Schönheit. Bereits in der Diebstahlsnacht 1979 hingen die Gemälde nicht mehr in ihren Originalrahmen, erklärt Trümper. Es war üblich in früheren Jahrhunderten, Gemälde in andere Rahmen zu stecken, wenn die "alten" dem Eigentümer stilistisch nicht mehr gefielen. Oft wurden die Originalrahmen dann auch entsorgt. Das machte die Suche nach historischen passenden Rahmen so schwierig.

Zum Teil mussten die nun gekauften Rahmen noch angepasst werden. Nur zwei Rahmen waren die perfekte Umrandung für die Gemälde. Bei drei anderen musste gekürzt und angepasst werden. Der Rahmen des "Selbstbildnis mit Sonnenblume" hat passend zum Bild ein Blumenmuster. Es ist ein barocker Originalrahmen im Stil Louis XIII.

Das Bol-Gemälde "Bildnis eines alten Mannes" bekam einen historischen Flammenleistenrahmen, der die lockere Malweise des Gemäldes in der Rahmenstruktur aufgreift. Dieser Rahmen zeigt deutlich, so Trümper, dass die Materialkosten damals höher waren als die Arbeitsleitung. Er besteht aus Nadelholz mit Furnier aus Nussbaum und hat Hohlräume.

Pressekonferenz in Gotha 64 min
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MDR+ Mo 20.01.2020 11:25Uhr 64:16 min

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Spezielle Rahmung soll Gemälde lange erhalten

Damit die restaurierten Gemälde möglichst lange in ihrem jetzigen Restaurierungszustand erhalten bleiben, werden sie klimagerahmt. Dabei werden die Gemälde luftdicht hinter einem Spezialglas eingeschlossen. Der Däne Jorgum Wadum hat diese Technik erfunden.

Thomas Holzhauer beherrscht dieses komplizierte Verfahren, für das es Fingerspitzengefühl und viel Geduld braucht. Er macht mit seiner Technik die Gemälde unempfindlich gegenüber Schwankungen der Luftfeuchte, schützt sie vor beispielsweise Berührungen oder auch Säureattacken.

Bilderrahmen
Die Gemälde werden hinter Spezialglas gerahmt. Es ist bruchsicher, hat UV-Schutz und ist entspiegelt. In der Ausstellung wird das Spezialglas kaum zu erkennen sein. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Das mit UV-Schutz versehene, bruchsichere und entspiegelte Glas ist auf den Gemälden in der Ausstellung kaum zu sehen. Die Besucher müssen ganz genau und mehr als einmal hinsehen, um das Glas zu entdecken, so Holzhauer. Eine leichte grünliche Färbung des Glases allerdings bleibt, sagt er. Doch die sorgt sogar für eine größere Tiefenwirkung des Gemäldes.

Damit die Gemälde hinter der Glasscheibe nicht verrutschen, werden sie auch mit Kork fixiert. Damit ihm der Werkstoff nie ausgeht, machen seine Kolleginnen Sekt- und Prosecco-Partys, erzählt er lachend. Anschließend bringen sie ihm die Korken vorbei.

Seit 20 Jahren macht er diesen besonderen Job. Auch er ist es, dem die Gemälde ein hoffentlich noch langes Leben verdanken. Er liebt das, was er tut. Und er mag es, die Gemälde "nackt" und von allen Seiten in Ruhe betrachten zu können. Ein Privileg, wie er sagt. Angst ein Gemälde zu beschädigen, hat er dabei nicht. Und augenzwinkernd schiebt er hinterher: "Das Gefühl dafür hat man oder man lässt es lieber."

Bilderrahmen und Werkzeug auf einem Tisch
Damit die Bilder hinter dem Spezialglas nicht verrutschen werden sie auch mit Kork fixiert. Damit Thomas Holzhauer das Material nicht ausgeht, feiern seine Kolleginnen Sektpartys. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Restaurierung durch Spenden finanziert

100.000 Euro kostete die Restaurierung der fünf Gothaer Gemälde inklusive Rahmen. Das notwendige Geld wurde vor allem gespendet. Allein 20.000 Euro gaben Museumsbesucher in Form von Münzen, Scheinen und größeren Überweisungen. Eine ältere Dame, die den Museen der Stiftung Schloss Friedenstein schon lange treu ist und zu jeder Veranstaltung kommt, hat beispielsweise eine größere Summer überwiesen. In ihrer Bescheidenheit möchte sie aber anonym bleiben.

Die privaten Spenden, sagt Trümper, waren eine Art Initialzündung für weitere. Der Freundeskreis Kunstsammlungen Gotha, die Rotarier Gotha und die Friede Springer Stiftung unterstützten die Stiftung ebenfalls finanziell. Die Finanzierung aus eigen Mitteln wäre in diesem Umfang unmöglich gewesen. Fördergelder vom Land gab es, anders als angekündigt, nicht.

Doch noch kommen auf die Stiftung weiter Kosten zu. Für die Ausstellung beispielsweise. Die Vorbereitungen dafür gehen derzeit in die heiße Phase. Angeschaut werden können die Gemälde dann ab 24. Oktober in der sogenannten "Rückkehrer-Ausstellung" im Herzoglichen Museum in Gotha.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 14. September 2021 | 15:30 Uhr

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