Erinnerungskultur Wie die Lücke der Erinnerung an das KZ Ohrdruf geschlossen werden soll

7.000 Menschen starben in nur fünf Monaten im Konzentrationslager Ohrdruf. Doch das Lager geriet in Vergessenheit. Das will das Projekt "Deutsche Erinnerungslücke KZ Ohrdruf" ändern.

Menschen stehen vor einer Infotafel 3 min
Wo heute die Glocke stehen, waren die KZ-Baracken aufgebaut gewesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Thüringischer Wald, deine Wurzeln nähren sich von ihrer Asche!": Mit einem Zitat des Holocaust-Überlebenden Fred Wander beginnt am Mittwoch Christoph Mauny von der Stiftung Schloss Friedenstein seine Präsentation über das Projektvorhaben.

Wander beschreibt in seinem Text, wie er verbrannte Leichen auf riesigen Scheiterhaufen unter Fichten im KZ sah. Auch wenn das Lager im Vergleich zu den anderen nur sehr kurze Zeit bestand, wird davon ausgegangen, dass über 7.000 Menschen dort ermordet wurden.

In der heutigen Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist das ehemalige Konzentrationslager Ohrdruf im Kreis Gotha jedoch kaum mehr präsent. Wenige verbinden die thüringische Kleinstadt Ohrdruf mit den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Die Stiftung Schloss Friedenstein Gotha will mit dem Projekt "Deutsche Erinnerungslücke KZ Ohrdruf" die vergessene Geschichte um das Konzentrationslager zurück in die Erinnerung der Menschen holen.

7.000 Menschen starben wohl im KZ Ohrdruf

Am 6. November 1944 wurde das Lager in Ohrdruf als Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald errichtet. Es war eines von über 130 Außenlagern. Dorthin wurden insgesamt etwa 20.000 Menschen aus mehreren europäischen Ländern verschleppt und mussten Zwangsarbeit verrichten.

Ein Hang mit Geröll mitten in grüner Landschaft
Auf den ersten Blick verrät nichts, dass vor 77 Jahren hier Menschen für die Nazis Zwangsarbeit verrichten mussten. Bildrechte: MDR/ Dr. Jan Schönfelder

Im nahe gelegenen Jonastal hatten die Häftlinge Stollen in den Berg getrieben. Dort sollte eine Bunkeranlage für die Nationalsozialisten gebaut werden, ein sogenanntes "Führerhauptquartier" sollte entstehen. Täglich arbeiteten die Häftlinge bis zu 14 Stunden. Am Ende waren es 25 Stollen, die unter Schwerstarbeit in das Gestein geschlagen wurden.

Ein zugemauerter Höhleneingang mit Schmierereien
Die heute vermauerten Stolleneingänge zeigen, wo die Häftlinge in den Berg graben mussten. Bildrechte: MDR/ Dr. Jan Schönfelder

Das KZ war in ein Nord- und ein Südlager aufgeteilt. Auch eine Luftmunitionsanstalt im benachbarten Crawinkel sowie ein Zeltlager bei Espenfeld gehörten dazu.

Thüringischer Wald, deine Wurzeln nähren sich von ihrer Asche!

Fred Wander, aus seinem Werk "Der siebente Brunnen", Wien 1971

In den ersten Apriltagen 1945 hatten die Nationalsozialisten angefangen das Lager zu räumen. Die Häftlinge wurden per Fußmarsch nach Buchenwald getrieben, da die Westfront immer näher rückte. Tausende Menschen wurden noch vor Ort oder auf dem Weg nach Buchenwald erschossen.

Ohrdruf war das erste Lager, welches am 4. April 1945 von westalliierten Truppen befreit wurde. In der US-amerikanischen Geschichte sei "Ohrdruf" ein Begriff, der mit der NS-Zeit in Verbindung gebracht wird, sagt Christoph Mauny. In Deutschland sei das allerdings noch nicht der Fall.

In Deutschland ein Stück vergessene Geschichte

Auf dem Gelände des früheren KZ befindet sich heute ein Standortübungsplatz der Bundeswehr. Für Christoph Mauny einer der Gründe, warum das Lager heute in Vergessenheit geraten ist. Da das Gelände sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig militärisch genutzt wird, ist der Ort nur schwer zugänglich.

Ein unzugänglicher Bereich, sowohl räumlich als auch inhaltlich.

Christoph Mauny, Referent für Vermittlung der Stiftung Schloss Friedenstein

Ein Mann steht auf einer Wiese.
Christopf Mauny von der Stiftung Schloss Friedenstein. Das Projekt "Deutsche Erinnerungslücke KZ Ohrdruf" will die vergessene Geschichte um das KZ zurückholen. Bildrechte: MDR/Lisa Wudy

Aber auch all die Mythen, die rund um das Jonastal existieren, wären ein Grund für die Erinnerungslücke in der Geschichte. Denn sie würden den Blick auf die Menschen und ihre Schicksale verdecken, sagt Mauny.

Es gebe Verschwörungstheoretiker, die glaubten, dass dort in den unterirdischen Tiefen Atombomben gebaut worden wären. Wünschelrutengänger und Schatzsucher, die in den Stollensystemen das Bernsteinzimmer und Kunstschätze vermuten.

All die Mythen, die dort wuchern, im Jonastal – aus verschiedenen Gründen unaufgeklärt – sie verdecken den Blick auf die Menschen.

Christoph Mauny Referent für Vermittlung der Stiftung Schloss Friedenstein

Zwar befinden sich heute Mahnmäler und Gedenktafeln auf dem Gelände, das militärisches Sperrgebiet und auch Naturschutzgebiet ist, dennoch halten sich die schwurbeligen Erzählungen hartnäckig.

Bei über 130 Außenlagern sei es zudem schwierig, überall einen Ort der Begegnung zu schaffen. Das Projekt der Stiftung Schloss Friedenstein will die bestehende Erinnerungslücke schließen.

Neue Formen des Gedenkens

"An was wollen wir wie erinnern?" - Mit dieser Frage will das Projekt die bestehende Erinnerungskultur aufbrechen. Denn Gedenktafeln und Kranzniederlegungen würden alleine nicht ausreichen, so Mauny. Diese Art der Erinnerungskultur erreiche vor allem Kinder und Jugendliche nur sehr schwer.

Eine Gruppe Menschen steht auf dem Gelände des ehemaligen KZ Ohrdruf.
Aus Vagem Konkretes machen: Das will das neue Projekt schaffen und die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen beleben. Bildrechte: MDR/ Lisa Wudy

Angelegt ist es als multimediales Workshop-Projekt für Schülerinnen und Schüler. In den drei angebotenen Workshops soll in Zusammenarbeit mit Künstlern, Experten und Zeugen ein virtueller Erinnerungsort geschaffen werden.

Durch Videos, Archivrecherchen und Kunstprojekte sollen sich Kinder und Jugendliche der Geschichte des KZ annähern. Die Ergebnisse werden zum Teil auf der Internetseite präsentiert, aber sollen zukünftig auch in Ausstellungen zu sehen sein. Das erste Ergebnis eines Video-Workshops ist bereits online.

Mehrere Workshops und Kooperationen

Wer waren die Menschen, die hier gefoltert, ausgehungert, getötet wurden? Auch diese Frage will das Projekt beantworten. Das von Schülerinnen und Schüler erstellte Material soll dazu beitragen, dass die Geschichte des Ortes und die der dort ermordeten Menschen sichtbar wird. "Darstellbarkeit des Nichtdarstellbaren" heißt der Kunst-Workshop. Dieser wird gemeinsam mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule veranstaltet.

Eine Tafel an einem Denkmal auf einer Wiese.
Das Mahnmal auf dem Standortübungsplatz der Bundeswehr erinnert an eines der Massengräber. Bildrechte: MDR/ Lisa Wudy

In dem Workshop "#everynamecounts - jeder Name zählt" sollen die Schülerinnen und Schüler bei einer Datenrecherche Einzelschicksale aufdecken. Auch Arolsen Archives (UNESCO-Weltdokumentenerbe), das Anne-Frank-Zentrum und die Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora sind an dem Projekt beteiligt. Damit das Angebot auch genutzt wird, versucht schließlich das Staatliche Schulamt Westthüringen, an die Schulen zu vermitteln.

Die Städte Arnstadt, Gotha und Ohrdruf wollen ebenfalls das Projekt unterstützen. Die Bürger- und Oberbürgermeister der Städte übernehmen die Schirmherrschaft des Ganzen.

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Menschen stehen vor einer Infotafel 3 min
Wo heute die Glocke stehen, waren die KZ-Baracken aufgebaut gewesen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (rom)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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