Geheime Ermittler-Konferenz Thüringer LKA hatte Quelle in Mafia-Umfeld

Vor knapp 20 Jahren treffen sich hochrangige Mafia-Fahnder zu einer geheimen Klausurtagung im Thüringer Wald. Ihr Ziel: Das Komplexe Mafia-Verfahren FIDO in Thüringen voranzubringen. Die internen Sitzungsprotokolle von damals erzählen von einer Strategietagung, die zu einer Therapiesitzung wurde und offenbaren: Das Thüringer Landeskriminalamt hatte eine Quelle im Umfeld der italienischen Mafia in Erfurt.

Landesfortbildungsstätte in Tambach-Dietharz von außen
Landesfortbildungsstätte in Tambach-Dietharz: Hier trafen sich die Mafia-Ermittler im Jahr 2001. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist der 22. November 2001, als sich ein gutes Dutzend Ermittler in einem Haus am Rande des Thüringer Waldes treffen, um ein Anti-Mafia-Verfahren voranzubringen. Im beschaulichen Tambach-Dietharz im Landkreis Gotha sind Ermittler des Bundeskriminalamtes (BKA), des Thüringer Landeskriminalamtes (LKA) und der Kriminalpolizei Erfurt zusammengekommen.

Sie wollen hier über ein Verfahren sprechen, das unter dem Decknamen "FIDO" läuft und sich gegen mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta in Thüringen richtet. Seit rund einem Jahr ermittelt das BKA im Auftrag der Staatsanwaltschaft Gera bereits gegen eine Gruppe von Italienern, die mit Drogen handeln und Geld waschen sollen. Offiziell wollen die Beamten die nächsten Schritten in dem Verfahren abstimmen. Doch die Protokolle der zweitägigen Sitzung, die MDR THÜRINGEN einsehen konnte, lesen sich zum Teil wie eine Gruppentherapie.

Interne Protokolle einer geheimen Ermittler-Konferenz zur Mafia
Die Protokolle des Ermittler-Treffens zum FIDO-Verfahren lagen MDR THÜRINGEN vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

LKA spricht von "feindliche Übernahme" durch BKA

Gruppe eins ist das Thüringer Landeskriminalamt. Die Fahnder sind offensichtlich verärgert und haben Klärungsbedarf. Irgendwie scheint der Austausch zwischen BKA und LKA bis zur Tagung nicht sonderlich gut funktioniert zu haben. Die zwei Behörden, so sagt es ein LKA-Beamter laut Protokoll, hätten keine gemeinsame Ermittlungstruppe gegründet, obwohl das in einem Konzeptpapier vorgesehen war. Eines scheint den Ermittler besonders zu ärgern: Dass das BKA gegen die Italiener ermittelt - und das nicht mit dem LKA gemeinsam.

Er betont, dass die FIDO-Ermittlungen einem Verfahren entspringen, das das LKA bereits 1997 geführt hatte. Dass die Staatsanwaltschaft Gera das Verfahren dann an das BKA übergeben hat, habe sich wie eine "feindliche Übernahme" angefühlt. Drastische Worte, handelt es sich doch immer noch um zwei deutsche Polizei-Behörden, die eigentlich zusammenarbeiten sollten.

Interne Protokolle einer geheimen Ermittler-Konferenz zur Mafia
Die Abgabe des Verfahrens an das BKA habe sich wie eine "feindliche Übernahme" angefühlt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ermittler trauten sich offenbar gegenseitig nicht

Weitere Reibung gibt es beim Thema der sogenannten "verdeckten Maßnahmen". Das BKA hatte es im Laufe des Verfahrens FIDO geschafft, verdeckte Ermittler in den Kreis der Italiener einzuschleusen. Ein großer Erfolg, da die Clans aus dem kalabrischen Dorf San Luca, denen auch die Beschuldigten angehören sollen, ihre Verbindungen auf Blutsverwandtschaft aufbauen - also so gut wie nicht zu infiltrieren sind.

Anstatt sich für die Kollegen zu freuen, beschwert sich der beim LKA für verdeckte Maßnahmen zuständige Beamte, dass es dabei keine Zusammenarbeit zwischen den beiden Behörden gegeben habe. Beim Lesen des Protokolls entsteht an dieser Stelle das Gefühl, dass sich BKA und LKA einander nicht trauten. Dies legt auch die Antwort eines BKA-Beamten als unmittelbare Reaktion nahe, als er lapidar sagt, er habe eine strikte Weisung erhalten, dass der Kontakt zu den örtlichen Behörden nicht aufgenommen werden sollte.

Geheime LKA-Quelle in Mafia-Umfeld

Auch Gruppe zwei, das BKA, teilt seine Bedenken in der Gruppentherapie. Ein Beamter berichtet, dass ein Vorgesetzter das Verfahren bereits in Gänze in Frage stelle - wegen zu hoher Kosten. Er befürchtet daher, das Verfahren könne "eingestampft" werden. Ein anderer moniert, dass der Austausch mit den italienischen Kollegen noch nicht so schnell laufe wie gehofft.

Doch trotz der Schwierigkeiten scheinen die Ermittler bemüht, die Kräfte künftig besser bündeln zu wollen. Dabei verkündet ein LKA-Beamter plötzlich Erstaunliches: Das LKA, sagt er, habe die Möglichkeit, an Hauptbeschuldigte des FIDO-Verfahrens "nahe heranzukommen". Er spricht von einem Informanten, der bereits Hinweise zu Straftaten der verdächtigten Italiener gegeben habe.

Das ist bemerkenswert, denn das Verfahren FIDO läuft zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem Jahr. Das Protokoll legt nahe, dass das BKA in diesem Moment erstmals von der Existenz dieses Informanten in Kenntnis gesetzt wird. Was diese LKA-Quelle im Umfeld der Italiener am Ende wirklich geliefert hat, geht aus dem Protokoll nicht hervor. In einer Zielvereinbarung, die bei diesem Treffen formuliert wird, heißt es schließlich, dass das LKA diese Vertrauensperson für die Ermittlungen zur Verfügung stellen werde.

Landeskriminalamt in Erfurt von oben
Sitz des Landeskriminalamts in Erfurt. Bildrechte: MDR/Karina-Heßland-Wissel

FIDO sollte noch fünf Jahre laufen

Schließlich, am zweiten Tag, hat der Herr des Verfahrens seinen großen Auftritt: Oberstaatsanwalt Steffen Flieger, damaliger Leiter der Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität bei der Staatsanwaltschaft Gera. Er wirkt ein bisschen wie der Coach dieser Therapiesitzung, der beide Gruppen am Ende noch zu motivieren versucht. Er appelliert an alle Teilnehmer, die Geduld nicht zu verlieren.

Durch die BKA-Ermittlungen, sagt er, habe man "eine erste Etappe" erreicht. Nun wisse man, wer sich in Thüringen von den Italienern etabliert habe. Jetzt beginne die zweite Phase: die Ermittlungsbehörden in Thüringen sollen aktiv Informationen sammeln. Alle möglichen weiteren verdeckten Maßnahmen sollen geprüft werden. Staatsanwalt Flieger äußert sich auch zur Dauer des Verfahrens: Rund fünf Jahre seien für die Ermittlungen nötig. Doch nur ein halbes Jahr später werden alle operativen Maßnahmen des "FIDO"-Verfahrens eingestellt. Die Gründe sind bis heute unklar.

Informant könnte für Ausschuss von Interesse werden

Nachdem durch eine gemeinsame Recherche von Frankfurter Allgemeine Zeitung und MDR das Verfahren FIDO und sein eigenartiges ungeklärtes Ende im vergangen Jahr öffentlich wurden, beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss im Thüringer Landtag damit. Für die Abgeordneten wird dabei auch der ominöse Informant des Thüringer LKA von Interesse sein.

Denn bisher hatten Justiz- und Innenministerium nur von fünf verdeckten Ermittlern im Umfeld der Italienischen Mafia berichtet, die allesamt vom BKA eingesetzt waren. Damit dürfte nun auch das Thüringer LKA immer mehr in den Fokus der Überprüfungen des Mafia-Ausschusses rücken. Dabei könnten sich die Abgeordneten vor allem dafür interessieren, wer die Quelle war und ob die entsprechenden Akten dazu noch vorliegen.

Mehr zum FIDO-Verfahren

MDR (sar)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 22. Mai 2022 | 06:00 Uhr

3 Kommentare

Professor Hans vor 6 Wochen

Im UA wird nicht in der Tiefe geschärft.
Noch gibt es Entscheider von damals die die Ansiedlung der Mafia nicht nur geduldet sondern auch gefördert haben. Verwaltungsangestellte bei Stadt und Land, OB,Stadträte, Minister, Staatssekretäre, Präsidenten von Verfassungsschutz.,Abgeordnete aller Ebenen von CDU und SPD. Genau deswegen wird nicht ausreichend ermittelt. Der Verfassungsschutz Präsident FDP hat noch ein Buch über die Zeit geschrieben.
Aber ich ahne schon wie beim UA NSU leiden die Geladenen unter Amnesie oder weisen die Verantwortung anderen zu. Stellt den UA sofort ein ihr wollt doch nicht die Geschichte eurer politischen Förderer neu schreiben und Staub auswirken.

martin vor 6 Wochen

Keine Ahnung, was der MDR meint. Aber ich sehe in dem Beitrag weder eine Behinderung noch eine Beförderung der aktuellen Bekämpfung. Allerdings finde ich es richtig, dass versucht wird ein wenig Licht in die damaligen Entscheidungen zu bringen und dass der MDR darüber berichtet. Dass die 'Familie' daraus neue Erkenntnisse gewinnt, wage ich zu bezweifeln.

Mad Eye vor 6 Wochen

Meint der mdr wirklich, er tut der OK-Bekämpfung in Thüringen mit der Berichterstattung einen Gefallen?

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