Religion Warum Kirchen in Thüringen entwidmet werden

Die Kirchengemeinden schrumpfen, viele Kirchen werden kaum genutzt. Zuweilen bleibt nur, die Kirche zu entwidmen. Manchmal auch, obwohl sie genutzt wird. So geschah es mit der Johanneskirche in Reinhardsbrunn.

Johanneskirche Reinhardsbrunn vor Entwidmung Bitte im TO johanneskirche-reinhardsbrunn.jpg produzieren Quelle: Meik Schmidt/EKM Rechte: MDR/Meik Schmidt/EKM 1 Jahr Beschreibung: Die Johanneskirche in Reinhardsbrunn vor der Entwidmung.
Jetzt eine Ferienwohnung: Die Johanneskirche Reinhardsbrunn vor der Entwidmung. Bildrechte: MDR/Meik Schmidt/EKM

Mit knapp 4.000 Kirchen und Kapellen auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) sind Thüringen und Sachsen-Anhalt reich an Kirchen. Doch die Zahl der Gemeindemitglieder, die sie mit Leben füllen, nimmt stetig ab. Zwischen 15.000 und 20.000 Mitglieder verliere die EKM pro Jahr, sagt Pressesprecher Ralf-Uwe Beck, "nicht nur durch Austritte. Vor allem sterben mehr Leute als geboren werden".

Zwanzig Prozent aller Kirchen und Kapellen in Deutschland befinden sich auf unserem Gebiet, aber nur 3,5 Prozent der Mitglieder.

Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher der EKM

Beck weiter: "Im Durchschnitt gibt es in Deutschland 1.190 Kirchenmitglieder für eine Kirche. Bei uns sind es 190 Kirchenmitglieder pro Kirche. Damit wird klar, vor welcher Aufgabe wir stehen."

Alternative Konzepte für die Nutzung von Kirchen

Leerstehende Kirchen, die oft stark sanierungsbedürftig sind, sind auf Dauer eine Last für die Gemeinden. Elke Bergt, Referatsleiterin des Referats Bau bei der EKM, sagt, in Thüringen gebe es annähernd 2.000 Kirchen, "in jedem Dorf steht eine Kirche, in manchen sogar mehrere." Natürlich ließen sich die Kirchen alternativ nutzen. So gibt es beispielsweise die Herbergskirchen in Neustadt/Rennsteig und in Tambach-Dietharz. "Das funktioniert super", sagt Elke Bergt.

Ein Viertel der Kirchen in Thüringen kaum genutzt

Doch noch sind das die Ausnahmen. Für die Kirchen sind die Kirchengemeinden vor Ort zuständig. "Meistens kümmern sich Ältere um die Kirchen. Mit neuen Ideen tun sich viele ganz schwer, haben große Bedenken und schaffen es nicht, nach vorn zu blicken", sagt Elke Bergt. "Wir ermutigen die Kirchengemeinden, anders zu denken, mit Modellprojekten Mut zu machen. Das kostet viel Kraft." Überall dort, wo es junge Leute gebe, tue sich auch etwas. Aber auf dem Land sei das noch eine Seltenheit. Ein Viertel der Kirchen, also etwa 500, seien kaum genutzt.

Das letzte Mittel, die Gebäude überhaupt zu erhalten, ist die Entwidmung. Dabei wird die Kirche entweiht und fortan nicht mehr als sakrales Gebäude genutzt, sondern für weltliche Zwecke geöffnet. Kirchen werden zu Hotels, Restaurants oder Bars. In Mitteldeutschland sei das aber noch die absolute Ausnahme, sagt Ralf-Uwe Beck.

Circa 20 Kirchen sind in den letzten 30 Jahren entwidmet worden, vorwiegend in Sachsen-Anhalt. Das ist sehr wenig.

Ralf-Uwe Beck, Pressesprecher EKM

Letztes prominentes Beispiel ist die Aubachtaler Kirche in Greiz, die im Juni entwidmet wurde. Sie soll in Zukunft kulturell genutzt werden, so wünscht es sich die Landeskirche. "Man kann sagen, dass in der Regel kulturelle Nutzungen angestrebt sind", sagt Ralf-Uwe Beck. "Wir geben Kirchen nur ab, wenn uns jemand ein schlüssiges Konzept vorlegt."

Aubachtaler Kirche in Greiz 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 15.06.2021 19:00Uhr 02:14 min

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2001 erbaut, 2020 entwidmet

Ein anderes Beispiel ist die Johanneskirche in Reinhardsbrunn. Allerdings kein klassisches, wie Elke Bergt betont. Diese Kirche ist weder eine alte Kirche noch eine große Kirche. Sie gleicht eher einer Kapelle. Erst 2001 wurde sie gebaut, nachempfunden der ersten Kirche Thüringens, der Johanneskirche, die Bonifatius im achten Jahrhundert in der Gegend bauen ließ. Nur 19 Jahre später, 2020, wurde die neue Johanneskirche in einer feierlichen Prozession entwidmet. Die Evangelische Kirche hatte das Gelände, auf dem sie steht, verkauft - mitsamt dem sakralen Gebäude.

"Das hat uns allen das Herz gebrochen, dass die Kirche weg musste. Wir haben gekämpft bis zuletzt", sagt Meik Schmidt, Geschäftsführer des Vereins "Kirche und Tourismus". "Da ist so viel drin passiert, Hochzeiten und Taufen." Eine Reihe komplexer Umstände und Gegebenheiten führte dazu, dass die Kirche aufgegeben werden musste. "Jeder Fall ist einzigartig", sagt Christfried Boelter, Pfarrer im Ruhestand, "Unruhestand", wie er sagt. Und ganz besonders dieser.

Zwei Männer stehen vor einem Gebäude.
Pfarrer Christfried Boelter und Gemeindemitglied Meik Schmidt zeigen den abgebauten Altar aus der Johanneskirche. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Die Geschichte der Johanneskirche und eines besonderen Ortes in Reinhardsbrunn, erzählt von Christfried Boelter

"Hier, im Außenpark des Schlosses Reinhardsbrunn, gab es bis zur Wende ein Pionierlager, das danach von der Treuhand übernommen wurde. Zu diesem Zeitpunkt begab sich die Thüringer Landeskirche auf die Suche nach einem Standort, wo sie ihre nun erst mögliche Bildungsarbeit ansiedeln könnte, und entschied sich für den Kauf dieses Geländes. Neun Millionen D-Mark wurden dafür bezahlt.
Ab 1991 wurden hier sechs verschiedene Bildungseinrichtungen angesiedelt. Das war für uns als Kirche ein Versuch, diesen Standort neu mit Leben zu füllen. Das lief ganz gut, es war ein bisschen wie eine Drehscheibe zwischen Ost und West mitten in Deutschland.
Dann kam eines Tages der große Knall. Der Alteigentümer, der Herzog von Sachsen, Coburg und Gotha, meldete seine Ansprüche an. Es stellte sich heraus, dass das Landratsamt das Land gar nicht hätte verkaufen dürfen. Da war guter Rat teuer. Der Anspruch bestand ja zurecht. Es gab keine Lösung. Schließlich entschied die Landessynode, das oberste Entscheidungsgremium, das für alle strittigen Kirchenfragen zuständig ist, sich von Reinhardsbrunn zu trennen, trotz der vielen Millionen. Man suchte sehr schnell Ersatz für die Bildungseinrichtungen, sie kamen nach Eisenach, Tonndorf und Neudietendorf. Ich bin 1992 als Pfarrer von Friedrichroda nach Reinhardsbrunn gewechselt und hier für die Erwachsenenbildung und die ländliche Entwicklung zuständig gewesen. Mit dem Verein 'Die neue Arbeit auf dem Lande' haben wir hunderte Projekte umgesetzt. Ich habe gesagt, ich gehe hier nicht weg. Wir haben mit dem Verein beschlossen, dass wir der Kirche ein Angebot machen und das Gelände übernehmen.
Denn dieser Ort ist so wichtig für uns in Thüringen, bedeutende Wurzeln liegen hier. Hier stand das wichtigste Kloster Thüringens, das Hauskloster der Ludowinger. Die Thüringer Landesgeschichte wurde hier mit begründet, hier liegen die religiösen Wurzeln Thüringens. Diesen Ort kann man nicht einfach aufgeben. Wir übernahmen den Ort mit allem, was da war, aber stellten die Landeskirche frei von allen finanziellen Konsequenzen. Ich bin nach Hamburg gefahren, um dort mit der herzoglichen Familienstiftung zu sprechen. Ich habe den Leuten alles erklärt, da haben sie ziemlich schnell gesagt, sie verzichten auf das Grundstück. Dadurch kam die Kirche ins Grundbuch und wir hatten den Rücken frei. Das wäre sicher auf Dauer nicht gut gegangen, es war doch teurer als vermutet. Aber wir haben versucht, aus den Häusern etwas zu machen und unter anderem ein Jugendhaus und ein Heim für Spätaussiedler aufgebaut. 1999 bis 2001 verschärfte sich der Druck. Wie können wir das hier halten? Mit dem Projekt 'Wiege Thüringens' wollten wir etwas anbieten, Gebäude, die es nicht mehr gibt, wieder sichtbar machen: Die Johanneskirche, die erste Kirche Thüringens, das Kloster und die Schauenburg. Die Gebäude haben wir in drei Jahren nachgebaut, 2001 ist die Kirche geweiht worden, sie wurde 1:1 nach den Grundmauern der alten Johanneskirche gebaut, die anderen Gebäude als Miniaturen.  Am Johannistag 2001, am 24. Juni, wurde die Kirche geweiht. Es war eine kleine Kirche für maximal 50 Personen. Wir haben alles da gemacht, Hochzeiten, Taufen, Gottesdienste, Andachten, nur keine Beerdigungen. Sie war auch deswegen etwas Besonderes, weil sie die erste Radwegekirche Deutschlands und 24 Stunden offen war. 2010 musste das Gelände doch verkauft werden, mit der Kirche. Sie sollte zwar öffentlich zugänglich bleiben, doch damit kam ein mächtiges Konfliktpotential auf uns zu. Es war deutlich zu merken, dass der neue Besitzer die Kirche nicht will. Wir haben uns schließlich schweren Herzens entschlossen, die Kirche aufzugeben und sie an anderer Stelle wieder aufzubauen. Im Juni 2020 haben wir den letzten Gottesdienst gefeiert und die wichtigen Dinge in einer geistlichen Prozession hinausgetragen. Der Schlussstrich unter die Johanneskirche ist keiner, sondern es ist ein Doppelpunkt, weil es eine neue Kirche geben wird.

(Protokoll: Carmen Fiedler)

Die Johanneskirche ist jetzt eine Ferienwohnung

Doch die Johanneskirche wird neu aufgebaut, an einem anderen Ort, ganz in der Nähe. Zwischenzeitlich nutzt die Gemeinde einen Andachtsraum für ihre Gottesdienste. Die entwidmete Kirche ist jetzt eine Ferienwohnung. "Das Problem wird sich verschärfen. Die Frage ist, wer trägt die Last des Kulturerbes der Kirchen und Kapellen?“, sagt Christfried Boelter.

Ein Pfarrer steht vor einem Altar.
Pfarrer Christfried Boelter im derzeitigen Andachtsraum der Gemeinde. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Steffen Fiedler, der neue Besitzer eines Teils des Geländes, das von der Landeskirche verkauft wurde, sagt: "Ich habe hier einen Kunstpark und vermiete Ferienhäuser, auch die Kapelle". Und er setzt hinzu: "Ich habe mit den Leuten, die die Entscheidungen getragen haben, ein gutes Verhältnis".

Die Bauanträge für die neue Johanneskirche laufen

Im nächsten Jahr, so hofft es Christfried Boelter, soll die neue Johanneskirche geweiht werden. "Die Bauvoranfrage ist positiv entschieden worden. Die Anträge laufen." Sobald alle Baugenehmigungen da seien, gehe es los. Pfarrer Boelter: "Ich habe hier so viel durch. Ich hoffe, dass wir die Kirche im nächsten Jahr am Johannistag einweihen können" und dann zeigt er ein kleines Lächeln.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | THÜRINGEN JOURNAL | 15. Juni 2021 | 19:00 Uhr

5 Kommentare

part vor 13 Wochen

@ Mediator, Ihre Ausführungen sind vollkommen richtig. Leider machen sich manche Journalisten und Mediennutzer keine Bemühungen die Sachlage zu durchdringen und die ewig währende Enteignung des Staates durch Unterlassung von Gesetzgebung und Begünstigung alter Herrschaftsverhältnisse zu beleuchten. Für die Umsetzung der Gesetzgebung sind leider die Bundesländer zuständig, obwohl eine innerdeutsche Frage. Doch welcher Kandidat verprellt schon gern Wähler von Minderheiten, selbst wenn dadurch Millionen verloren gehen, die sowieso in die Erhaltung von historischer Bausubstanz versenkt werden müsste, wenn da nicht so ein paar hoch dotierte Planstellen wären, die eben immer noch mehr fordern.

Mediator vor 13 Wochen

@rene bertram:
Die Kirchensteuern gehen den Staat nichts an, denn diese werden von den Kirchenmitgliedern erhoben und lediglich vom Staat eingezogen.

Ansonsten hat der Staat bzw. seine Vorgänger sich vertraglich verpflichtet die Kirchen für Verluste aus der Aufhebung der geistlichen Fürstentümer durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 zu entschädigen.

Schon in der Weimarer Reichsverfassung stan in Art. 138 die Absicht diese Staatsleistungen abzulösen. „Die auf Gesetz, Vertrag oder besonderen Rechtstiteln beruhenden Staatsleistungen an die Religionsgesellschaften werden durch die Landesgesetzgebung abgelöst. Die Grundsätze hierfür stellt das Reich auf.“

Das wurde auch ins Grundgesetz übernommen, aber eben bis heute nicht umgesetzt.

Eines dürfte klar sein:
Die Ablösung dieser Staatsleistungen wird ein vielfaches der jährlichen Zahlungen betragen. Man darf nicht vergessen, dass 1803 ganze Landstriche den Besitzer wechselten.

rene bertram vor 13 Wochen

Erst mal sollte man sich die Frage warum die Kirchen in Verantwortung des Landes, Städte und Gemeinden sind und nicht der "Kirche" selbst. Und warum sollte der Staat für die Werterhaltung gerade stehen und nicht die Kirche selbst die dementsprechend auch immense Steuern einnimmt und nur allein in Deutschland über ein zig hindert Mrd. Vermögen verfügt. Die kath. Kirche allein, 2019 Steuereinnahme knapp 6 Milliarden Euro. Und der Staat soll dann mit unseren Steuergeldern noch mehr wie bisher ...... wo er schon die Würdenträger bezahlt .....

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