Kunstdiebstahl von 1979 Heimgekehrtes Gothaer Gemälde könnte ein Rembrandt sein

Ein echter Rembrandt in Gotha? Die fünf gestohlenen und wieder aufgetauchten Gemälde von Schloss Friedenstein in Gotha wurden restauriert und sollen noch im Oktober Teil einer Ausstellung werden. Analysen während der Restaurierung lassen nun vermuten: Das Gemälde "Alter Mann" könnte sogar ein echter Rembrandt sein.

Ein Mann steht vor einem Gemälde
Der "Alte Mann" ist eines von fünf Gemälden, die im Jahr 1979 aus dem Gothaer Schloss Friedenstein gestohlen wurden. Sie wurden nun restauriert und sollen im Oktober Teil einer Sonderausstellung werden. Der "Alte Mann" gibt Forschern derzeit aber noch Rätsel auf. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Der Diebstahl der fünf Gemälde niederländischer Meister aus dem Schloss Friedenstein im Jahr 1979, der als Kunstraub von Gotha bekannt wurde, war ein Trauma für die Gothaer. Die Hoffnung, dass die Gemälde eines Tages zurückkehren, haben viele Menschen aber nie aufgegeben. Und tatsächlich sollte sich nach fast 40 Jahren der Traum erfüllen.

Im Januar 2020 kehrten die Gemälde zurück nach Gotha. Anschließend wurden sie in verschiedenen Werkstätten in Berlin und Thüringen restauriert. Ab 24. Oktober 2021 werden die fünf Gemälde als Teil der Ausstellung "Wieder zurück in Gotha - Die verlorenen Meisterwerke" im Herzoglichen Museum zu sehen sein.

Thüringen

Gotha Spektakulärer Kunstdiebstahl: Diese Gemälde alter Meister sind wieder da

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Das Werk "Alter Mann" von Jan Lievens gelangte unter Ernst II. nach Gotha. Das Gemälde ist eine Rembrandt-Kopie. Das Original befindet sich heute in der Sammlung der Universität Harvard in den USA. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals
Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" ist ein Werk des Niederländers Frans Hals und seiner Werkstatt. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren
Die "Heilige Katherina" von Hans Holbein dem Älteren entstandt um 1509/1510. Dargestellt ist vermutlich die Tochter eines 1478 hingerichteten Ratsherrn. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Selbstbildnis mit Sonne" von Anthonis van Dyck
Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" von Anthonis van Dyck. Bei dem Werk handelt es sich um eine Kopie des 1632 bis 1633 entstandenen Selbstportraits. Das Original befindet sich in der privaten Sammlung des Duke of Westminster. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein
Das Gemälde "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren
Die "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel dem Älteren kam unter Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg in die Kunstkammer. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein
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Echter Rembrandt in Gotha?

Seit vielen Monaten jagte ein Glücksmoment den nächsten in Gotha. Die Gemälde wurden restauriert, erstrahlten wieder, bekamen historische Rahmen. Das Gemälde "Alter Mann" könnte nun sogar ein echter Rembrandt sein. Nach Angaben der Stiftung Schloss Friedenstein lassen das Analysen während der Restaurierung vermuten.

1979, im Jahr des Diebstahls, war das Gemälde "Alter Mann" noch Ferdinand Bol zugeschrieben, sagt Timo Trümper, der Kurator der Stiftung Schloss Friedenstein. Bol war ein der Öffentlichkeit nicht sonderlich bekannter Schüler Rembrandts. Zu dieser Zuschreibung sei es gekommen, weil das Gemälde auf der Rückseite in großen Buchstaben mit Ferdinand Bol signiert ist. Doch ist es tatsächlich eine Signatur?

1632 erschloss sich Rembrandt in Amsterdam neue Kunden, erzählt Trümper. Gut möglich also, dass er ein Motiv mehrfach mit unterschiedlichen Maltechniken malte, um sein breites Spektrum zu zeigen. Deshalb sei es nicht unwahrscheinlich, dass das Gemälde des alten Mannes immer in der Werkstatt verblieb und deshalb nicht von Rembrandt signiert wurde und keine Datierung hat. Später könnte es über die Konkursmasse Rembrandts in den Besitz von Ferdinand Bol gelangt sein. Das würde die rückseitige Beschriftung erklären.

Beweisen lasse sich dies nicht, so Trümper. Aber es taucht ein "Alter Mann" sowohl in der Konkursmasse als auch im Nachlass von Ferdinand Bol auf. Das sei überliefert. Es könnte sich dabei um das Gothaer Gemälde handeln.

Das Gemälde "Alter Mann" von Jan Lievens
Der "alte Mann" - ein Rembrandt? Dem gehen Forscher derzeit auf den Grund. Bildrechte: MDR/Stiftung Schloss Friedenstein

"Alter Mann" in schlechtem Zustand

Außerdem wurde das Gemälde Jan Lievens zugeschrieben. Dieser etwas bekanntere niederländische Maler teilte sich einige Jahre lang mit Rembrandt eine Werkstatt. Sie arbeiteten mit den gleichen Modellen und hatten ähnliche Themen. Beide malten Charakterköpfe. Dabei ging es nicht um spezielle Personen, sondern eher um Gefühlsregungen, Gemütszustände oder die Charakterisierung des Alters. Die schlaglichtartige Beleuchtung von links oben und die Hell-Dunkel-Malerei zeigten eindeutig, dass dieses Gemälde in den Rembrandt-Umkreis gehört, so Trümper.

Das Bild des alten Mannes war das am schlechtesten erhaltene von den fünf Rückkehrern. Es hatte tiefe Kratzer, war stark verunreinigt und dadurch verklärt, sagt Stiftungs-Kurator Timo Trümper. Das linke Auge war fast tränenschwer und stark durch den vergilbten Firnes verunstaltet. Der Mann wirkte traurig, statt wie jetzt nachdenklich. Die Restaurierung habe geholfen, die malerische Qualität des Gemäldes wieder erkennbar zu machen. Die ursprüngliche Farbigkeit wurde wieder hergestellt ebenso die teilweise sehr feinen und teilweise sehr groben Strukturen der Malweise. Das ließ Experten hellhörig werden.

Analyse des Gemäldes sorgt für Überraschung

Die Farbe im Gesicht hauchzart, das Gewand mit groben Pinselstrichen - typisch für Rembrandt in den 1630er Jahren. UV- und Infrarotuntersuchungen des Gemäldes "Alter Mann" sowie die penible Analyse der Malweise setzten Stück für Stück ein Puzzle zusammen. Es war eine fast detektivische Arbeit. So ließen die unterschiedlichen Linienführungen und die Spontanität in der Stilistik das Gemälde näher an Rembrandt selbst heranrücken.

Die Infrarot- und UV-Aufnahmen brachten Überraschendes zum Vorschein. Im Bereich des Bartes und der Kleidung hätten sich verschiedene Pentimenti ablesen lassen. In den tiefen Malschichten seien also Veränderungen sichtbar. Die ursprüngliche Idee des Bildes habe sich also verändert. Die tiefliegenden Pinselstriche konnten nur kunsttechnologisch wieder sichtbar gemacht werden. Im Ergebnis hieße das, das Gemälde kann kaum als Kopie bezeichnet werden. Davon gingen Kunstexperten aber bisher aus.

"Zwilling" hängt in den USA

Das Gemälde des alten Mannes steht in engem Zusammenhang mit einem Gemälde in Cambridge in den USA. Es zeigt den gleichen alten Mann, in der gleichen Haltung bis in die Details hinein. Würde man die Gemälde nebeneinanderlegen, sagt Trümper, würde man zwar stilistische Unterschiede sehen, aber vom Bild her könnte man sie 1 :1 übereinanderlegen. Bisher galt das Gemälde in Cambridge immer als die Vorlage und damit das ältere Gemälde. Und das in Gotha befindliche Gemälde galt als die Kopie. Nach den neuesten Erkenntnissen aufgrund der Restaurierungsarbeiten wird man der Qualität des Bildes so wohl nicht mehr gerecht.

Es sei keine Kopie, meint Trümper, die sich manisch und korrekt am Vorbild abarbeitet. Sondern die Untersuchungen hätten gezeigt, dass jemand mit einer ganz sicheren und lockeren Hand über die Maltafel gegangen sei. Diese Pinselführung mit Blick auf das Original beim Reproduzieren wäre kaum möglich. Eine Gleichzeitigkeit der Entstehung beider Gemälde ist möglich, heißt es. Ebenso wie eine Drehung der Reihenfolge der Gemälde in Gotha und Cambridge. Das Gothaer Gemälde könnte die ältere Studienskizze sein, in der Rembrandt die raue Malweise ausprobiert hat. Beim Cambridge-Gemälde fehlt diese komplett. Der wichtigste Rembrandt-Forscher Ernst von de Wetering hatte das an diesem Gemälde auch immer bemängelt, so Trümper. Dennoch wurde es Rembrandt zugeschrieben.

Mann macht ein Foto von einem Gemälde 2 min
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MDR THÜRINGEN JOURNAL Di 14.09.2021 19:00Uhr 02:07 min

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Wie viel Rembrandt steckt im Gothaer Gemälde?

In Gotha bleibt man vorsichtig. Das Gemälde des alten Mannes gilt als Bild aus der Rembrandt-Werkstatt. Damit wird es bereits aufgewertet. Die Frage steht im Raum, wie es zukünftig wissenschaftlich weiter untersucht und eingeordnet wird. Die Stiftung Schloss Friedenstein sieht ihre Erkenntnisse als Vorschlag an die Forschung, herauszufinden, wie viel Rembrandt tatsächlich im Gothaer Gemälde steckt. Für eine realistische Bewertung der Gemälde, muss man sie sich im Original anschauen. Und damit könnte ein neuer Gothaer Traum entstehen - das Camebridge-Gemälde für eine gewisse Zeit nach Gotha zu holen. So könnten beide Gemälde nebeneinander hängen. Experten seien nun eingeladen, über eine Rembrandt-Zuschreibung zu diskutieren.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Oktober 2021 | 19:00 Uhr

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