Fünfmal zurück nach Gotha bitte! Spektakulärer Kunst-Diebstahl: Auf den Spuren der Gothaer Gemälde

In einer verregneten Dezember-Nacht 1979 wurden fünf Gemälde niederländischer Alter Meister aus dem Gothaer Schloss Friedenstein entwendet. Es war der größte Kunstdiebstahl der DDR. Doch nicht nur 1979 gingen die fünf Gemälde "auf Reisen".

Fuhyi Kuo, Gemälde-Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, betrachtet das «Brustbild eines jungen Mannes» von Frans Hals (1582/83-1666).
Fuhyi Kuo, Gemälde-Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, betrachtet das "Brustbild eines jungen Mannes" von Frans Hals (1582/83-1666). Bildrechte: dpa

1643 - 1879

Die "Heilige Katharina" von Hans Holbein d. Ä. wurde um 1510 gemalt. Das Gemälde gehörte bereits zur ersten Kunstkammer in Gotha unter Herzog Ernst dem Frommen. Es muss also mit ihm 1643 zur Gründung des Gothaer Herzogtums nach Gotha gekommen sein, sagt Timo Trümper, Kurator der Stiftung Schloss Friedenstein. Jan Brueghels "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen", das "Bildnis eines alten Mannes" aus der Rembrandt-Werkstatt, das "Bildnis eines jungen Mannes" von Frans Hals und das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" nach Anthonis van Dyck stammen aus Auktionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Das "Bildnis eines alten Mannes" beispielsweise wurde 1799 auf einer Auktion in Paris erworben.

1879 - 1942

Dann wird es erstmal ruhig um die Gemälde. Sie befinden sich in den Gothaer Sammlungen, werden gepflegt und ausgestellt. Im Schloss wird es zu eng und das Herzogliche Museum wird gebaut. Die fünf Gemälde gehören zur Eröffnung 1879 zu den Spitzenobjekten der Ausstellung, so Trümper.

1942 - 1945

1942 werden die Gemälde ausgelagert. Sie sollen vor den immer näherkommenden Fliegerbombenangriffen geschützt werden. Sie kommen ins Schloss Reinhardsbrunn. Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" wird in den Kellern des Schlosses Friedenstein in Sicherheit gebracht.

1945

Der Einschnitt kommt 1945. Noch vor Kriegsende werden die Gemälde aus Reinhardsbrunn zurück nach Gotha geholt. Die Stadt und das Schloss werden nach dem Krieg erst amerikanisches und dann sowjetisches Besatzungsgebiet.

1946 - 1958

Schon vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in der Sowjetunion 1942 Listen mit Kunstwerken erstellt, die nach Kriegsende in die Sowjetunion gebracht werden sollten. Auch in Moskau gab es einen Katalog der Gothaer Kunstsammlungen, mit dem sich Kunsthistoriker auseinandersetzten. Trophäenbrigaden wurden zusammengestellt. Europaweit sollten 1.200 Kunstwerke eingesammelt werden. Dieser Plan sei verworfen worden, so Stiftungskurator Timo Trümper. Stattdessen wurden in Gotha, Dessau, Dresden oder auch Berlin komplette Kunstsammlungen abtransportiert im Sinne einer Kriegsreparation. Die Kunstgegenstände wurden geschützt, verpackt und bewacht. Es wurden Listen mit allen Objekten angefertigt. Die unzähligen Objekte gelangten über Sammellager in die Sowjetunion.

Die fünf Gothaer Gemälde wurden über Leipzig in die Sowjetunion gebracht in verschiedenen Güterzügen. Dabei sei es sehr geordnet zugegangen, sagt Timo Trümper.  Vier der Gothaer Werke gelangten so nach Moskau. Das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" wurde in die Eremitage nach St. Petersburg gebracht, damals Leningrad. 1957/ 58 sind sie Teil einer Rückgabe-Ausstellung in Moskau und Sankt Petersburg.

1958 - 1979

Die Gemälde werden 1958 an die DDR zurückgegeben. Zuvor wurden sie noch in der Sowjetunion restauratorisch überprüft und teilweise auch restauriert. Zurück in Gotha werden sie wieder ausgestellt. Vor dem Kunstraub von 1979 gab es bereits drei Einbruchversuche ins Museum von Schloss Friedenstein. Objekt der Begierde jedes Mal Brueghels Landstraßenbild.

Mareike Wiemann, Autorin des Podcasts "Lost Art in Gotha". 7 min
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1979 - 1988

In der Nacht zum 14. Dezember 1979 werden die vier Gemälde aus dem Gothaer Schloss Friedenstein gestohlen. Am 14. Dezember um 7:10 Uhr wurde die Polizei über den Diebstahl informiert. Es beginnen umfangreiche Ermittlungsarbeiten der Polizei und Kriminalpolizei der DDR. Auch die Staatssicherheit schaltet sich in die Ermittlungen ein. Gefasst wurde der Täter damals nicht. Noch in der Nacht, so wurde lange Zeit spekuliert, sollen die Gemälde mit Hilfe eines Viehtransporters in den Westen gelangt sein. Nach dem neuesten Ermittlungstand der Berliner Kriminalpolizei um René Allonge soll es sich damals um einen Einzeltäter gehandelt haben - Rudi B. aus Schmalkalden.

Mit seinem P70 soll er die Gemälde von Gotha in den Thüringer Wald gebracht haben, wo sie noch mehrere Jahre lang auf einem Dachboden gelagert worden sein sollen. In den 80er-Jahren, spätestens 1988, sollen die Gemälde dann in den Westen gebracht worden sein.

1988 - 2018

Die Gemälde gelangen über Rudi B. in den Besitz einer westdeutschen Familie. Die Bilder hängen in den Ess-, Schlaf- und Wohnzimmern der Familie. Eine Tochter erzählte später, sie habe sich immer vor dem "Bildnis eines alten Mannes" gefürchtet. Nach dem die Eltern sterben, gelangen die Kinder als Erbengemeinschaft in den Besitz der Bilder.

Mann zeigt Gemälde 30 min
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2018

Im Juli 2018 wendet sich ein Anwalt der Erbengemeinschaft an Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, damals auch Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Schloss Friedenstein. Der Mann besucht Kreuch im Gothaer Rathaus. Bei einem Gespräch, so Kreuch, werden ihm dann Umschläge über den Tisch geschoben. Als er sie öffnete, war ihm sofort klar: Das sind die fast 40 Jahre lang vermissten Gemälde des Kunstdiebstahls von 1979. Es beginnen monatelange, geheime Verhandlungen. Einbezogen werden die Ernst von Siemens Stiftung und deren Stiftungsdirektor Martin Hörness sowie die Anwältin Friederike Gräfin von Brühl.

2019

Am 30. September 2019 werden die Gemälde von der Erbengemeinschaft in Berlin an die Siemens Stiftung und Knut Kreuch übergeben. Ein Gänsehautmoment, erinnert sich Knut Kreuch. Zu diesem Zeitpunkt steckten die Gemälde noch in Baumarktrahmen und waren sichtlich gezeichnet von der Diebstahlsnacht und den vergangenen Jahrzehnten. Anschließend werden die Gemälde ins Berliner Rathgen-Institut gebracht, um sie auf ihre Echtheit zu überprüfen. Die Kriminalpolizei Berlin wird vom Institut informiert und schaltet sich ein. Schnell wird klar, die Bilder sind die echten Gothaer Gemälde. Am 6. Dezember erfährt die Öffentlichkeit: Sie sind wieder da.

2020

In einer Pressekonferenz in Berlin am 17. Januar 2020 werden die Gemälde erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Direkt nach der Pressekonferenz wurden die Gemälde verpackt und anschließend nach Gotha gebracht. Ab Montag, dem 20. Januar 2020, werden die Gemälde unrestauriert eine Woche lang im Gothaer Herzoglichen Museum ausgestellt. Tausende Besucher kommen, um sich die Rückkehrer anzusehen. Anschließend werden Restaurierungskonzepte erarbeitet und nach historischen Rahmen gesucht. Drei Bilder bleiben in Thüringen. Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals wird in Gotha restauriert. Zwei weitere Gemälde darunter das Brueghel-Gemälde gehen in die Werkstätten freier Thüringer Restauratoren.

Die anderen beiden Gemälde darunter das "Bildnis eines alten Mannes" werden in die Werkstätten der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg nach Potsdam gegeben.

2021

Bis zum Sommer 2021 kehren alle Gemälde restauriert nach Gotha zurück. Dort erhalten sie im September historische Rahmen und eine Klimarahmung. Ab 24. Oktober 2021 sind die fünf Gemälde Herzstück der Ausstellung "Wieder zurück in Gotha - Die verlorenen Meisterwerke".

Quelle: MDR THÜRINGEN/jml

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Johannes und der Morgenhahn | 18. Oktober 2021 | 07:20 Uhr

1 Kommentar

mensrea vor 5 Wochen

Eine sehr spannende Geschichte, die auch zeigt, dass die allmächtige Stasi eben auch nur gut war, wenn sie Zuträger und Spitzel hatte. Einfach so ermitteln und einen Einzeltäter fassen, konnte sie auch nicht. Persönlich finde ich es spannend, wie die Erbengemeinschaft bzw die Familie zuvor, legal in den Besitz der Bilder kommen konnte, wenn sie vorher Diebesgut waren. Also wieso zur Rückgabe (wahrscheinlich) Geld geflossen ist.

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