Kriegsfolgen Drohende Ernteausfälle in der Ukraine: Warum Thüringer Bauern das Minus kaum ausgleichen können

Ein beträchtlicher Teil der weltweiten Ernte an Weizen und Sonnenblumenkernen kam bisher aus der Ukraine. Durch den Krieg droht die Ernte weitgehend auszufallen. Warum Thüringen die Lieferungen kaum ersetzen kann.

Eichsfelder Dom
Sonnenblumenfeld im Thüringer Eichsfeld. Bildrechte: imago images/CHROMORANGE

Wer Landwirt Robert Scheringer auf seinem Hof in Großfahner im Kreis Gotha besucht, wähnt alles in bester Ordnung. Seine Mitarbeiter kümmern sich um Kühe, Schafe und einige Arbeiten am Hof. Der Rotmilan dreht seine Kreise über die Felder auf der Suche nach Futter - es scheint seinen gewohnten Gang zu gehen.

Doch wer Robert Scheringer auf die Folgen des Krieges in der Ukraine auf seinen Betrieb anspricht, sieht einen Mann, dem die Sorgenfalten ins Gesicht schießen. Er sagt, hohe Energie- und Düngemittelpreise belasteten seinen Betrieb. Jede Überfahrt auf seinen Acker und auch jeder Düngevorgang wird zurzeit zweimal geprüft, bevor er in den Traktor steigt. Denn nicht mal er weiß gerade, ob den Kosten für die Pflege der Bestände am Ende des Jahres auch entsprechende Gewinne gegenüberstehen. Da sei zurzeit viel Spekulation.

Hysterie an den Börsen

Scheringer beschreibt, dass die Preise für die Lebensmittel durch den weltweiten Handel an den Rohstoff-Börsen in Chicago und Paris immer schon spekulativ gewesen seien. Angesichts des Krieges in der Ukraine gebe es an den Börsen aber eine große Hysterie, die für die hohen Preise an den Weltmärkten sorgen.

Landwirt glaubt nicht an Lebensmittelknappheit

Eine Lebensmittelknappheit aufgrund des Kriegs in der Ukraine erwartet auch Robert Scheringer nicht.

Wir sind durchaus in der Lage, unser Land mit hochwertigen Lebensmitteln zu versorgen. Die Politik muss uns nur auch die Möglichkeiten dazu geben.

Landwirt Robert Scheringer

Scheringer geht auch nicht davon aus, dass deutsche Landwirte nun verstärkt Sonnenblumen anbauen. Gerade der Anbau von Sonnenblumen sei sehr witterungsabhängig, geerntet werden könne erst im September, nicht in allen Regionen Thüringens gebe es den richtigen Boden dafür. Und: Die Felder in Deutschland könnten nicht die Mengen an Sonnenblumen für Öl produzieren, die die Ukraine liefere.

Saatguthändler: Steigende Nachfrage

Saatguthändler Gabriel Mitschke-Collande von der BayWa Agrar stimmt dem zu. Für ihn hinkt die Idee, Ernte-Ausfälle aufgrund des Kriegs in der Ukraine in Deutschland ausgleichen zu wollen. Schließlich seien die Anbauflächen in der Ukraine wesentlich größer als hierzulande. "Wenn wir die Hektarflächen anschauen, wird in der Ukraine auf mehr als 30 Millionen Hektar Ackerbau betrieben, wo wir in Deutschland etwa elf Millionen Hektar haben."

Weizen in ein Getreidesilo
Geernteter Weizen wird in ein Getreidesilo geschüttet. Bildrechte: dpa

Mitschke-Collande und seine Kollegen spüren gerade verstärkt eine Nachfrage nach Sonnenblumensaat von Landwirten. Allerdings weniger aus Thüringen, da hier die Böden dafür nur in wenigen Regionen geeignet sind. Momentan seien die Kosten für das Sonnenblumen-Saatgut noch nicht sonderlich gestiegen. Aber die hohen Energiepreise könnten auch die Kosten bei den Saatgutproduzenten im kommenden Jahr steigen lassen. Eine Knappheit beim Saatgut bestehe aber nicht.

420 Tonnen mehr - wenn die EU ihn ließe

Wegen der drohenden Ernteausfälle in der Ukraine erinnert Scheringer daran, dass in der EU landwirtschaftliche Flächen aus Umweltschutzgründen stillzulegen sind. Vier Prozent der Fläche soll jeder Betrieb nicht bewirtschaften, um weiterhin Ausgleichszahlungen zu bekommen.

Vier Prozent beste Ackerfläche, auf der Nahrungsmittel produziert werden könnten. Solche Regeln sollte man einfach überdenken.

Landwirt Robert Scheringer

In Scheringers Betrieb erstrecken sich diese vier Prozent auf etwa 60 Hektar Ackerland. Etwa 420 Tonnen Getreide könnte er darauf produzieren, die dann zusätzlich zur Verfügung stünden. "Mit einem Hektar kann ich ungefähr 100 Menschen ernähren. Mit diesen 60 Hektar könnte ich also eine mittlere Stadt versorgen", rechnet er vor. 1.300 Euro Entschädigung zahlt die EU Scheringers Betrieb pro brachliegendem Hektar Ackerland als EU-Subvention. "Aber von 1.300 Euro kann ich nicht einhundert Menschen satt bekommen. Das ist doch alles irgendwie nicht logisch. Hier muss schnellstens umgedacht werden."

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 15. März 2022 | 18:00 Uhr

11 Kommentare

_martin_ vor 28 Wochen

Ja, oh weia: selbstverständlich werden in Thüringen mehr als genug Nahrungsmittel für Thüringen angebaut. Man kann nur nicht mit den paar Thüringer Hektar die Lücke auf dem Weltmarkt schließen, die dort ein möglicher Ausfall der Ukraine reißt.

Freies Moria vor 28 Wochen

Noch vor ein paar Tagen hieß es, die Thüringer Landwirte würden ausreichend für Thüringen produzieren.
Und jetzt kommt raus, daß die Wahrheit auch hier so grausam ist wie anderswo:
Ja, wir könnten genug ernten. Aber die tollen Konzepte der Politiker, die stehen uns im Wege. Jeden Tag aufs neue.
Und diesen Politikern glauben wir, daß es richtig ist, Waffen in Krisengebiete zu liefern?
Weia!

Schimmerkind vor 28 Wochen

Wenn die Landwirte Lebensmittel (Mais, Raps) anbauen und dann wird das Diesel beigemischt oder zur Wärmeversorgung in Vergasungsanlagen, dann kann Deutschland nicht am Hungertuch nagen . Und wenn es dann zudem wirtschaftlich besser ist Ernteausfälle bei der EU anzumelden und Geld dafür zu bekommen, dass man das Getreide auf dem Feld vergammeln lässt weil eine Gewitterfront angesagt wurde und die dann auch tatsächlich kommt, dann fehlen mir bei dem Gejammer die Worte.

Die Landwirte sollten sich daran erinnern, was vor wenigen Generationen noch Landwirtschaft war: mit der Natur und für die Natur. Dann gibt die Natur zurück. Und mit weniger Chemie kommen die Insekten zurück...

Nicht dass ich es vermisse, aber vor wenigen Jahren war ständig das Auto im Sommer voller toter Fliegen nach der Fahrt. Inzwischen ist die Scheibe nicht mehr schmutzig davon. Ziemlich traurig und sollte uns allen zu denken geben.

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