Kunst-Krimi Gothaer Gemäldediebstahl 1979: Diese Fragen sind noch offen

In der verregneten Nacht vom 13. auf den 14. Dezember 1979 werden fünf Gemälde aus Schloss Friedenstein in Gotha gestohlen. 40 Jahre später werden sie zurückgegeben, später restauriert, von Sonnabend an sind sie wieder zu sehen. Alles geklärt? Im Gegenteil. Das sind die offenen Fragen des Kunst-Krimis.

Fuhyi Kuo, Gemälde-Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, betrachtet das «Brustbild eines jungen Mannes» von Frans Hals (1582/83-1666).
Fuhyi Kuo, Gemälde-Restauratorin der Stiftung Schloss Friedenstein, an einem der fünf 1979 gestohlenen Gemälde. Bildrechte: dpa

War die Bilderauswahl wirklich Zufall?

Jahrzehntelang hieß es, die Auswahl der Bilder sei zufällig gewesen. Doch war sie das wirklich? Angeblich wollte der mutmaßliche Täter Rudi B. dem Staat schaden, aus Trotz, weil sein Ausreiseantrag nicht genehmigt wurde. Und, so sagen es später ihm nahestehende Personen, um zu beweisen, dass er etwas schafft, was niemandem sonst gelang.

Schon mehrmals versuchten Diebe vor 1979, Brueghels "Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" zu stehlen. Sollte der Diebstahl dieses Gemäldes die Ermittler auf die falsche Fährte locken? Die "Heilige Katharina" von Holbein d. Ä. war zum Zeitpunkt des Diebstahls das einzige Gemälde des Künstlers, das es in der DDR gab. Es war ein bekanntes und wertvolles Gemälde. Klein und handlich war es noch dazu. Nahezu perfekt also für einen Kunstdiebstahl.

Diebstahl nach Katalog?

Das "Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut" von Frans Hals stand ebenso im Museumskatalog wie das "Selbstbildnis mit Sonnenblume" nach Anthonis van Dyck. Die Kataloge lagen auf den Schreibtischen von Kunsthistorikern und in den Wohnungen von Kunstliebhabern in der ganzen Welt. Ein Auftragsdiebstahl wäre also möglich und nicht ausgeschlossen. Einzig das "Bildnis eines alten Mannes", das damals noch Jan Lievens zugeschrieben war, fand sich nicht im Katalog. Vielleicht der einzige Zufallsgriff. Wie heute bekannt ist, aber der wertvollste. Denn die Analysen nach der Rückgabe der Gemälde an die Stiftung Schloss Friedenstein haben ergeben, dass das Gemälde mindestens der Rembrandt-Werkstatt, wenn nicht gar Rembrandt selbst zugeschrieben werden muss.

Allein auf weiter Flur?

Rudi B. soll als Einzeltäter mit selbst gebauten Steigeisen an der Dachrinne des Museums nach oben geklettert sein. Auf dem Sims in der zweiten Etage des Westflügels angekommen, soll er von außen die Fensterscheibe eingeschlagen haben, um an den Fensterknauf innen zu kommen und das Fenster zu öffnen. Bilder in der Polizeiakte allerdings lassen Zweifel aufkommen. Die Einschlagstelle der Scheibe und der Fensterknauf lagen so ungünstig zueinander, dass es ohne sich schwer zu verletzen ergonomisch eigentlich nicht möglich war, von außen an den Fensterknauf zu gelangen. Blutspuren oder Stoffreste am Fensterglas wurden nicht gefunden.

Jede Menge Ungereimtheiten

Abgesehen von der "Heiligen Katharina" waren die Gemälde nicht gerade handlich. Konnte es ein einzelner Täter schaffen, alle fünf aus dem Schloss zu bringen? Aufgrund des Gewichtes der Gemälde und ihrer Maße hätte Rudi B. mehr als einmal zwischen Museum und Auto hin und her laufen müssen. Mit einem Mal hätte er nicht alle fünf Gemälde tragen können. Gab es einen oder mehrere Komplizen? Hatte er Helfer im Museum? War das Fenster bereits von innen geöffnet worden oder standen die Gemälde gar bereits zum Abholen im Erdgeschoss bereit? Dann wäre das zerstörte Fenster nur ein Ablenkungsmanöver gewesen.

Vier Zeugen hatten in der Tatnacht einen blauen P70 gesehen, einen DDR-Kleinwagen, der als Vorläufer des Trabant gilt. Zwei der Zeugen waren Polizisten in einem Streifenwagen. Sie konnten sich sogar an den Anfang des Kennzeichens erinnern - "O" für den Bezirk Suhl. Mehr als 100 Polizisten sind am Anfang mit dem Fall beschäftigt. In der ganzen DDR, in jedem Bezirk bitten die Gothaer und die Erfurter Polizei ihre Kollegen um Mithilfe. Mehr als 6.000 P70-Halter werden überprüft, Alibis abgefragt. Aus dem Bezirk Suhl kamen nur spärliche Informationen trotz des Kennzeichen-Hinweises. Dummheit, Faulheit oder gezielt zurück gehaltene Informationen?

Nach heutigem Wissenstand aufgrund von Akten und Zeitzeugeninformationen spricht vieles für Letzteres. Die Staatssicherheit hatte ihre Finger im Spiel und schützte Rudi B. Doch warum? Wer hatte tatsächlich einen Vorteil aufgrund des Gemälde-Diebstahls?

Verwicklungen mit dem Bereich Kommerzielle Koordinierung - "KoKo" - des DDR-Handelsministeriums und dessen Chef, dem "Devisenbeschaffer" Alexander Schalck-Golodkowski, konnten nicht nachgewiesen werden. Es könnte ein hoher Mitarbeiter der Staatssicherheit des Bezirkes Suhl gewesen sein, der sich in die Ermittlungen einschaltete und gezielt Informationen zurückhielt. Und das nicht nur einmal.

Noch bis zur Ausweisung von Rudi B. aus der DDR im Jahre 1986 gab es mehrfach die Möglichkeit, ihm auf die Schliche zu kommen. Das haben heutige Ermittlungen ergeben. Die Ermittler von damals waren ganz nah dran und konnten den Täter doch nicht überführen, weil es eine "höhere Macht" verhindert hat. Warum?

Ausstellung im Schloss Friedensstein Gotha zum Kunstraub
Erstmals werden die restaurierten Gemälde jetzt in Gotha gezeigt. Die Ausstellung eröffnet am 24. Oktober 2021 und ist bis zum 22. August 2022 zu sehen. Bildrechte: MDR/Sandra Voigtmann

Wie kamen die Gemälde in den Westen?

Nach heutigem Ermittlungsstand gelangten die Gemälde erst einige Jahre nach ihrem Diebstahl 1979 in den Westen – vermutlich 1987. Aber wie? Von Gotha aus nahmen sie wohl nicht wie lange angenommen den Weg mit einem Viehtransport über die innerdeutsche Grenze, sondern gelangten in einem blauen P70 von Gotha über den Thüringer Wald nach Schmalkalden auf einen Dachboden. Dort sollen sie einige Jahre gelegen haben, bevor sie in die Bundesrepublik Deutschland gebracht wurden.

Hat Rudi B. sie selbst vom Dachboden geholt und in die BRD gebracht? Oder hat er sie auf einem Transitparkplatz am Hermsdorfer Kreuz der befreundeten Familie Sch. aus Westdeutschland übergeben? In seiner Stasiakte findet sich ein Foto von einem solchen Treffen. Doch warum konnte Rudi B. so kurz nach seiner Ausweisung aus der DDR in diese zurückreisen? Welche Rolle spielte er damals noch für die Staatssicherheit?

Das Elternpaar der Familie Sch. ist inzwischen verstorben. Die Kinder sind die Erbengemeinschaft, die Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch die Gemälde 2018 zum Kauf angeboten haben. Eine Tochter der Verstorbenen erzählte, dass die Gemälde irgendwann im Ess-, Schlaf- und Wohnzimmer des Siedlungshauses hingen. Als Kinder, erinnert sie sich, fanden sie die Gemälde unmöglich und waren nicht erfreut, dass diese die Wände schmückten.

Woher die Bilder kamen, sei lange kein Thema in der Familie gewesen. Die Möglichkeit, dass die Eltern selbst die Bilder aus der DDR geholt hätten, sei aber nicht ausgeschlossen. Die Eltern waren in der DDR. Das ist im Reisepass ersichtlich. Und sie hätten dort etwas Gefährliches gemacht, hieß es mal. Haben sie die Gemälde gekauft? Und wenn ja, zu welchem Preis? Warum haben sie die Gemälde gekauft und wussten sie, woher diese stammten? All diese Fragen sind ebenfalls unbeantwortet.

Was hat eine tote Frau mit dem Fall zu tun?

Im Gothaer Museum wurde eine Ausstellung in Polen vorbereitet. Teil derer waren auch Gemälde des Diebstahls von 1979. Sie sollten als Leihgaben nach Polen gehen. Eine damalige Kuratorin des Schlosses war auf Dienstreise in Polen unterwegs, um die Ausstellung vorzubereiten. Sie wurde in ihrem Hotelzimmer in der Badewanne tot aufgefunden. Suizid, hieß es.

Wie ein damaliger Ermittler berichtet, kam die Nachricht bei ihm nicht über den offiziellen Weg an. Die Dame sei aus Gotha gewesen, deshalb habe er von Bekannten von ihrem Tod erfahren. Eigentlich hätte die Polizei am Wohnort von den polnischen Behörden unter Einbeziehung der Botschaften vom Tod der Frau erfahren müssen. Meldedaten würden dann unter anderem abgeglichen, Ermittlungen auch am Wohnort aufgenommen. Doch dieser Dienstweg sei nie beschritten worden. Zufall? Oder wurde die Dame Opfer krimineller Machenschaften im Umfeld eines geplanten Kunstdiebstahls?

Rembrandt oder nicht?

Unter den Rückkehrer-Gemälden des Gothaer Kunstdiebstahls von 1979 ist möglicherweise ein Rembrandt. Das lassen nach Angaben der Stiftung Schloss Friedenstein Analysen während der Restaurierung vermuten. UV- und Infrarotuntersuchungen des Gemäldes "Bildnis eines Alten Mannes" zeigten demnach für Rembrandt in den 1630er Jahren typische Malweisen.

Ursprünglich schrieb man das Gemälde Jan Lievens zu. So stand es 1979 im Diebstahlsjahr noch in Unterlagen des Museums. Schon während der Echtheitsprüfung nach der Übergabe der Gemälde durch die Erbengemeinschaft an die Stiftung Schloss Friedenstein in Person des damaligen Stiftungsdirektors Knut Kreuch in Berlin im September 2019, schrieben die Experten im Rathgen-Institut in Berlin das Gemälde Ferdinand Bol zu - einem unbekannteren Rembrandt-Schüler.

Im Zuge der Restaurierung des Gemäldes wurden Infrarot- und UV-Untersuchungen gemacht und die Malweise genau analysiert. Die leichte und gekonnte Pinselführung, sagt Stiftungskurator Timo Trümper, lasse darauf schließen, dass es sich hier mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen echten Rembrandt handeln könnte. Auf jeden Fall hat er an dem Gemälde mitgewirkt und damit sei es zunächst einmal der Rembrandt-Werkstatt zuzuordnen. Schon das wertet das Gemälde enorm auf, hieß es.

Außerdem gibt es ein identisches Bild in Camebridge in den USA. Dieses wird Rembrandt zugeordnet. Doch ist das nicht doch die Kopie und das Gothaer Gemälde das Original? Die Wissenschaft ist eingeladen, dies zu diskutieren. Timo Trümper sagt, die Stiftung habe ihre Hausaufgaben gemacht. Alles sei nach heutigem Stand der Technik untersucht worden. Die Ergebnisse sind den Kunsthistorikern zugänglich. Eine Rembrandt-Zuschreibung kann nun nur das Ergebnis von Diskussionen sein.

Videos zum Kunstraub von Gotha

Ausstellung "Die verlorenen Meisterwerke - Wieder zurück in Gotha" 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL Do 21.10.2021 19:00Uhr 02:01 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Mann zeigt Gemälde 30 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Quelle: MDR Thüringen/gh

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 22. Oktober 2021 | 18:05 Uhr

2 Kommentare

Joschik vor 5 Wochen

Der Autor des Beitrags widerspricht sich selbst. Während am Anfang die Rede davon ist, das berreffende Bild sei nicht im Katalog von 1979 enthalten, wird später Bezug darauf genommen, dass es doch im Katalog war... Unter "Diebstahl nach Katalog?" steht: ..."Einzig das "Bildnis eines alten Mannes", das damals noch Jan Lievens zugeschrieben war, fand sich nicht im Katalog.... Unter "Rembrandt oder nicht?" steht: ...schrieb man das Gemälde Jan Lievens zu. So stand es 1979 im Diebstahlsjahr noch im Museumskatalog.

kleinerfrontkaempfer vor 5 Wochen

Alteingessene Schmalkalder wissen um die "besondere" Lebensauffassung der Familie des Täters. Eigensinnig, stur, stets auf eigenen Vorteil bedacht.
Wenn sich da Verbindungen zu Hintermännern/Ideengebern auftun ist ein solches Verbrechen gut denkbar und machbar.

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