Würdevolle Bestattung Wie in Bad Salzungen Menschen ohne Angehörige beerdigt werden

Wenn Menschen, die keine Angehörigen mehr haben, sterben, beauftragt das Ordnungsamt die Bestattungen und trägt die Kosten. Oftmals sind solche Beerdigungen nicht würdevoll. Bad Salzungen geht einen anderen Weg.

Fünf Urnen in ihren Gräbern, davor Blumen
Bei der Ordnungsamtsbestattung in Bad Salzungen werden mehrere Urnen gleichzeitig beigesetzt. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Über der "Gedächtniswiese" des Friedhofes in Bad Salzungen klingt am Nachmittag des zweiten Augustmittwochs sanfte Musik. Mindestens 40 größtenteils schwarz gekleidete Menschen stehen leise beisammen. Blumen liegen bereit. Alles wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz alltägliche Beerdigung. Doch auf einem Podest stehen acht Urnen.

Menschen auf einem Friedhof
Viele Menschen kamen zur Trauerfeier für Menschen ohne Angehörige nach Bad Salzungen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Denn heute wird keine Trauerfeier für einen Verstorbenen im Kreis seiner Familie begangen. Heute findet eine Ordnungsamtsbestattung statt. Die Menschen, die hier beerdigt werden, haben keine Angehörigen mehr. Und weil das so ist, gibt es auch niemanden, der für ihre Beisetzung zahlt. Also ist das Ordnungsamt zuständig.

Aus dem Thüringer Bestattungsgesetz (ThürBestG) vom 19. Mai 2004, § 18:

Bestattungspflichtige
(1) Für die Bestattung haben neben dem vom Verstorbenen zu Lebzeiten Beauftragten die volljährigen Angehörigen in folgender Reihenfolge zu sorgen:
1. der Ehegatte,
2. der Partner einer eingetragenen Lebenspartnerschaft,
3. die Kinder,
4. die Eltern,
5. die Geschwister,
6. die Enkelkinder,
7. die Großeltern,
8. der Partner einer auf Dauer angelegten nichtehelichen Lebensgemeinschaft.
Kommen für die Bestattungspflicht nach Satz 1 Nr. 1 bis 8 mehrere Personen in Betracht, so geht jeweils die ältere Person der jüngeren Person vor; Beauftragte gehen Angehörigen vor.
(2) Sind Bestattungspflichtige im Sinne des Absatzes 1 nicht vorhanden oder nicht zu ermitteln oder kommen sie ihrer Pflicht nicht nach und veranlasst kein anderer die Bestattung, hat die für den Auffindungsort zuständige Ordnungsbehörde auf Kosten des Bestattungspflichtigen für die Bestattung zu sorgen. Tritt der Tod in einem Luftfahrzeug ein, so ist die Ordnungsbehörde zuständig, in deren Zuständigkeitsbereich das Flugzeug landet.
(3) Eine auf Gesetz oder Rechtsgeschäft beruhende Verpflichtung, die Kosten zu tragen, bleibt unberührt.

Der Friedhofsverwalter Stefan Kister erklärt kurz, was es damit auf sich hat und sagt, dass man den Beerdigungen mit der Veranstaltung einen schönen Rahmen geben wolle. Dann nennt ein Redner die Namen der Verstorbenen und sagt zu jedem ein paar Worte. Der Jüngste war 51, die Älteste über 80. Die Urnen werden nacheinander beigesetzt; Blumen, die die Menschen mitgebracht haben, werden abgelegt. Nach einer knappen Viertelstunde ist alles vorbei.

Podest auf einem Friedhof mit einer Urne und Blumen
Blumen für den letzten Abschied liegen bereit. Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Eine Weile steht man noch beisammen und redet, die Musik spielt leise im Hintergrund. Nach und nach verlassen die Menschen den Friedhof, die Trauerfeier ist vorbei. "Im Normalfall werden diese Verstorbenen anonym beigesetzt", sagt Gerd Rothaug vom Bestatterverband Thüringen. Man merkt ihm an, dass er das so nicht richtig findet. "Der Verstorbene kann ja nichts dafür, dass er keine Angehörigen mehr hat."

"2.000 Euro an Eigenleistung sind nicht wenig"

So, wie man das in Bad Salzungen handhabe, sei es relativ einmalig. Gewöhnlich fänden Ordnungsamtsbestattungen ohne Trauerfeier statt. Die Behörde schreibe die Bestattungen aus und "der Bestatter, der das günstigste Angebot macht, bekommt den Zuschlag", sagt Gerd Rothaug, der Landesinnungsmeister der Bestatter in Thüringen ist. "Wenn man eine ordentliche Feier gestalten möchte, sind 2.000 Euro an Eigenleistung nicht wenig." Ordnungsamtsbestattungen liegen oftmals weit darunter.

Der Verstorbene kann ja nichts dafür, dass er keine Angehörigen mehr hat.

Gerd Rothaug, Bestatterverband Thüringen e.V.

Freilich, es handelt sich ja auch um öffentliche Gelder. Aber geht es überhaupt um Geld? "Bei uns entstehen keine Mehrkosten. Die Personalkosten fallen ohnehin an. Der Redner ist ehrenamtlich. Die Arbeit, die Zeit und den Aufwand, den wir haben, übernehmen wir gerne", sagt Friedhofsverwalter Stefan Kister. Und Gerd Rothaug sagt: "So wie es in Bad Salzungen praktiziert wird, ist etwas, das wir uns wünschen als Verband, aber das ist nicht die Regel. Meistens fehlt es an der Initiative der Menschen. Wenn die Kommune sagt, ich mache das trotzdem, so ist das vorbildlich. Das ist halt nicht in jeder Kommune der Fall."

Ich bin ins Nachdenken gekommen über unsere Vorgehensweise hier.

Rosmarie Zeitz, Initiatorin der Trauerfeiern für Menschen ohne Angehörige in Bad Salzungen

Jahrelang beerdigte man auch in Bad Salzungen die Menschen ohne Angehörige ohne Ritual. Bis Rosmarie Zeitz, damalige Friedhofsverwalterin, auf einer Weiterbildungsveranstaltung der "Arbeitsgemeinschaft für Friedhof und Denkmal" in Kassel erfuhr, was andere Städte auf diesem Gebiet tun. "Da bin ich schon sehr ins Nachdenken gekommen über unsere Vorgehensweise hier." Kurzerhand suchte sie sich Verbündete und stellte ihre Ideen dem Stadtrat vor. "Die haben auch zugestimmt, dass wir ein bisschen Aufwand betreiben", sagt sie. Die gesetzliche Verpflichtung, Menschen zu bestatten, gibt es ohnehin.

Ein Mann und eine Frau auf einem Friedhof
Stefan Kister und Rosmarie Zeitz auf dem Friedhof in Bad Salzungen Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

"Zweimal im Jahr müssen wir das machen, denn nach einem halben Jahr muss eine Urne laut Bestattungsgesetz beigesetzt werden. Den Auftrag erteilt das Ordnungsamt", sagt Stefan Kister. "Was wir dann hier auf dem Friedhof daraus machen, liegt in unserer Verantwortung", sagt Rosmarie Zeitz. "Ich bin Christ. Für mich gehört zum Miteinanderleben auch das Sterben und das Würdigen eines Lebens."

Das ist jetzt über neun Jahre her. Seitdem, seit 2013, werden Menschen ohne Angehörige in Bad Salzungen würdevoller bestattet. "Wir versuchen, herauszufinden, was das für Menschen waren, die Eckdaten ihres Lebens, ob sie Kinder hatten, wo sie gearbeitet haben, was ihnen gefallen hat", erzählt Rosmarie Zeitz, die 30 Jahre lang Friedhofsverwalterin in Bad Salzungen war. Die Namen der Verstorbenen und Datum und Zeit der Beisetzung werden in der Presse veröffentlicht.

Manche kommen regelmäßig

Daraufhin hätten sich schon oft Leute gemeldet, "das ist eine Möglichkeit, mehr über die Verstorbenen zu erfahren". Und für Freunde und Verwandte eine Möglichkeit, Abschied zu nehmen. "In den meisten Fällen kommt mindestens eine Person für einen Verstorbenen zur Bestattung." Oftmals seien es Bekannte und Verwandte, aber es gebe auch Menschen, die regelmäßig zu diesen Veranstaltungen kämen, "ohne dass sie jemanden kannten". Diese Art der Beisetzung findet viel Zustimmung. "Wir haben nur positive Resonanz darauf bekommen", sagt Rosmarie Zeitz.

Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Ordnungsamtsbestattungen im Jahr ausgeführt werden. Laut Thüringer Sozialministerium (TMASGFF) liegen keine konkreten Fallzahlen vor. Auch Gerd Rothaug kann nur spekulieren, aber er sagt: "Ordnungsamtsbestattungen kommen selten vor" und "man kriegt es nicht so mit".

Mehr Männer als Frauen

In Bad Salzungen wurden über die letzten Jahre drei bis vier Urnen pro Termin beigesetzt, zwei- bis dreimal im Jahr. In diesem Jahr gebe es eine leichte Tendenz nach oben, "aber das kann nächstes Jahr ganz anders aussehen", sagt Stefan Kister. Heute waren es außergewöhnlich viele Verstorbene. Und mehr Männer. Es seien immer mehr Männer, sagt Rosmarie Zeitz. "Das liegt vielleicht daran, dass die geschiedenen Ehemänner keinen Kontakt zu ihren Kindern haben. Aber das ist nur eine Vermutung."

Grüne Wiese auf einem Friedhof, rechts ein Stein mit der Aufschrift "Der Strand ist leer, das Meer ist still, der Wind hat sich gelegt"
Die Gedächtniswiese auf dem Friedhof in Bad Salzungen Bildrechte: MDR THÜRINGEN/Carmen Fiedler

Der Wind lässt die Blätter der Bäume auf dem Friedhof rauschen, ansonsten ist es still hier, friedlich. Auf dem Stein, der auf der Gedächtniswiese steht, dort, wo die anonymen Verstorbenen beerdigt sind, ist zu lesen: "Der Strand ist leer, das Meer ist still, der Wind hat sich gelegt."

Quelle: MDR THÜRINGEN

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