Behinderung und Corona Werkstätten sind so viel mehr als Arbeit

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

In Thüringen arbeiten rund 9.000 Menschen mit Behinderungen in Werkstätten. Im ersten Corona-Lockdown 2020 durften sie acht Wochen lang nicht dort arbeiten. Diese Erfahrung steckt vielen Betroffenen bis heute in den Knochen. Denn Werkstatt heißt für sie auch soziale Kontakte, Alltagsstruktur und begleitende Angebote. Die Ungewissheit, wie es mit Corona weitergeht, die Diskussionen über Testen und Impfen verunsichern viele. Darüber hinaus bedeutet Corona auch für die Werkstätten weniger Geld.

Diako-Werkstatt in Eisenach
In der Diako-Werkstatt an der Eisenacher Altstadtstraße werden Elektro-Kleinteile montiert. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Die ersten zwei Wochen war es schön, frei zu haben, erinnert sich Stefan Engel aus Wutha-Farnroda an das Betretungsverbot vor einem Jahr. Dann aber kam es ihm merkwürdig vor, wenn er mit dem Hund spazieren ging und an Bauarbeitern vorbeikam. Seine Arbeit fehlte ihm, die Werkstatt, in der er seit 1991 arbeitet, die Kolleginnen und Kollegen. Er wollte doch auch wieder arbeiten, aber durfte es nicht.

Stefan Engel von der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte Thüringen
Stefan Engel arbeitet seit 1991 in der Werkstatt. Er vertritt die Interessen der Menschen mit Behinderungen im Werkstattrat seiner Werkstatt - und auf Landesebene als Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstatträte Thüringen. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Das Betretungsverbot galt letztlich acht Wochen lang für alle Werkstätten für behinderte Menschen, selbst für sogenannten Außenarbeitsplätze in Unternehmen. "Es wird oft vergessen", sagt Stefan Engel, "dass die Werkstatt ein sozialer Treffpunkt ist. Viele haben da ihre Kontakte, ihre sozialen Verknüpfungen. Die brechen dann weg." Und nicht nur das. Für viele ist die Werkstatt ein "Komplettpaket", sagt Yvonne Deubner vom Diako Diakonieverbund Eisenach. Dazu gehören auch Fahrdienst, Mittagessen und begleitende Angebote von Beratung bis Sport. "Die Lebenswelt vieler ist durch Corona ordentlich ins Wanken gekommen."

Hygieneregeln werden ernst genommen

Betretungsverbote gibt es nicht mehr. Aber in der Pandemie besuchen weniger Menschen die Werkstätten, wegen Krankheit oder Quarantäne. Andere bleiben Zuhause aus Sorge vor Ansteckung: weil sie selbst zur Risikogruppe gehören oder bei betagten Eltern leben. Wer arbeiten geht, muss Hygieneregeln einhalten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. In den Werkstätten des Diako Diakonieverbunds Eisenach wird bereits seit Januar zweimal pro Woche getestet. Die Arbeitsplätze sind mit Plexiglasscheiben voneinander getrennt, die Gruppen dürfen sich nicht mischen.

Susanne Sinke
Susanne Sinke verpackt Gehäuse in Plastiktüten und beklebt sie mit Etiketten. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

"Unsere Leute nehmen das sehr ernst", sagt Stefan Engel, der im Werkstattrat die Interessen seiner Kolleginnen und Kollegen vertritt. "Die achten sehr darauf und haben Angst: Wenn ich in Quarantäne komme, dann bin ich nochmal weg von der Werkstatt und bin in meinem Leben wieder eingeschränkt." Einschränkungen gibt es aber auch so: Viele begleitende Angebote der Werkstätten dürfen nicht wie gewohnt stattfinden, vom Schwimmen über Fußball bis zur Musiktherapie. "Eine ganze Menge ist anders", sagt Stefan Engel.

Arbeit ist allen wichtig

Engel arbeitet in der Elektromontage in der Diako-Werkstatt in der Eisenacher Altstadtstraße. Männer und Frauen stecken Kleinteile wie Stecker oder Steckdosengehäuse zusammen, schrauben, verpacken und etikettieren. Sie arbeiten konzentriert, neben sich grüne, blaue und rote Kisten mit vorgestanzten Kunststoff- und Metallteilen oder Schrauben. Wie wichtig ist ihnen die Arbeit in der Werkstatt? "Sehr", sagt eine Frau, "weil wir rauskommen von Zuhause und etwas machen können." Auch sie erinnert sich an das Betretungsverbot vor einem Jahr. "Wo wir so lange Zuhause waren in den Wohnheimen, da hat man dann schon gemerkt, dass es wichtig ist." Andere berichten, sie hätten sich schon beschäftigen können damals, seien viel draußen gewesen. Für einen älteren Mann, der im höchsten Tempo die bearbeiteten Teile beiseite räumt, ist vor allem wichtig, "Geld zu verdienen - das ist das Maß aller Dinge".

Eine Steckdose wird zusammengeschraubt.
In der Eisenacher Werkstatt werden auch Steckdosen zusammengeschraubt. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Weniger Geld durch Ausfallzeiten

Doch gerade das Entgelt, das die Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten bekommen, ist in der Corona-Zeit gesunken. Stefan Engel spricht von "erheblichen Einbußen". Nach Angaben von Jörn Köhler, Prokurist des Diako Diakonieverbunds, gibt es rund 25 Prozent weniger beim sogenannten leistungsabhängigen Steigerungsbetrag, der im Durchschnitt bei 160 bis 170 Euro im Monat liegt. Je nach Leistung kann dieser Entgeltanteil auch bis zu 400 Euro betragen. Er hängt von der Wertschöpfung ab, vom wirtschaftlichen Ertrag. Die gemeinnützigen Werkstätten müssen 70 Prozent ihres Gewinns direkt an die Beschäftigten ausschütten, der Rest fließt in eine Rücklage, die ebenfalls für die Beschäftigten gedacht ist. Außerdem wird ein fixer Grundbetrag von mindestens 99 Euro im Monat gezahlt und ein Arbeitsförderungsgeld von 52 Euro. Köhler weist darauf hin, dass Menschen mit Behinderungen das Geld von der Werkstatt nicht für ihren Lebensunterhalt benötigen. Dafür bekommen sie staatliche Hilfen wie Erwerbsminderungsrente oder Grundsicherung.

Jörn Köhler von der Werkstattleitung des Diako Diakonie-Verbund Eisenach gGmbH
Jörn Köhler gehört als Prokurist zur Werkstattleitung des Diako Diakonie-Verbund Eisenach gGmbH. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Entgelt wird als Anerkennung der eigenen Arbeit empfunden

Doch das Entgelt der Werkstatt wird als Anerkennung für die geleistete Arbeit empfunden - und das Kürzen als Einschnitt. Für den achtwöchigen Arbeitsausfall im vergangenen Jahr könnten doch die Beschäftigten nichts, sagt Stefan Engel: "Wir wollten arbeiten, durften aber nicht." Kurzarbeitergeld gibt es für sie nicht. Dazu kommt, dass die Werkstätten von den Sozialämtern weniger Geld bekommen. Wenn Menschen mit Behinderungen über längere Zeit die Werkstatt nicht besuchen, dann dürfen die Ämter kürzen.

Das allerdings handhaben nicht alle Landkreise und kreisfreien Städte in Thüringen gleich. "Die einen zahlen bei Quarantäne weiter, die anderen nicht", sagt Prokurist Jörn Köhler. Er aber muss trotzdem weiter die Anleiter in der Werkstatt beschäftigen - bei vollen Nebenkosten, egal, ob in der Gruppe zehn oder zwölf Menschen mit Behinderungen arbeiten.

"Keiner hört richtig zu"

Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Werkstatträte in Thüringen, der Stefan Engel vorsteht, will erreichen, dass es dafür eine einheitliche und verbindliche Regelung gibt. Die Arbeit in der LAG ist aufwändiger geworden, stellt Engel fest. Die Interessen von Menschen mit Behinderungen würden immer noch nicht ernst genommen. "Es wird immer gesagt, Teilhabe ist eine wunderschöne Sache und super, wir machen ja so viel für die Behinderten. Aber wenn es ums Geld geht: Pustekuchen." Von Landespolitikern fühlt er sich von oben herab behandelt, keiner höre richtig zu. Trotzdem engagiert er sich weiter, weil er etwas verändern möchte. "Auf der Couch sitzen und schimpfen ist das Eine, aber selbst etwas machen ist was Anderes."

Verunsicherung ist groß

Als zweites, größeres Corona-Problem neben den Einschnitten beim Entgelt nennt Stefan Engel die Ungewissheit in der Pandemie. "Keiner kann sagen: wie geht es weiter, wann hört das auf, wann kommt wieder Normalität." Eine große Verunsicherung hat auch Yvonne Deubner festgestellt. Die Diako-Mitarbeiterin unterstützt die LAG-Werkstatträte als Assistenz. Ein Problem sei die Flut an Medieninformationen, sagt sie. Auch über Soziale Medien, wie Facebook oder WhatsApp, seien Menschen mit Behinderungen vernetzt. Die zum Teil widersprüchlichen Informationen könnten sie oft schlecht filtern und sortieren. "Wir haben eine sehr schnelllebige Zeit, wir haben sehr viele gesetzliche Veränderungen, die von allen gleichermaßen mitgetragen werden müssen - aber es wird nicht von allen gleichermaßen verstanden." Gerade für Menschen mit Behinderungen sei es eine Herausforderung zu verstehen, was da passiere.

Yvonne Deubner vom Diako Diakonie-Verbund Eisenach gGmbH
Yvonne Deubner vom Diako Diakonie-Verbund Eisenach gGmbH unterstützt die Arbeit der LAG Werkstatträte Thüringen als Assistenz. Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Nachdem es anfangs viele Fragen rund um das Testen gegeben habe, sei es jetzt das Thema Impfen, das mit Unsicherheiten verbunden sei. Die Wünsche in der Werkstatt sind allerdings ganz alltägliche. Was die Menschen vermissen? "Mal in einen Zoo gehen oder in eine Therme, mal wieder baden", sagt eine Frau. Und eine andere findet es vor allem schade, dass die Gaststätten weiter geschlossen sind.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 09. Mai 2021 | 19:00 Uhr

4 Kommentare

WegWeiser vor 5 Wochen

Inklusion bedeutet, an allen gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen. Eben auch an Einschränkungen in einer Pandemie. Die Werkstätten werden ja in hohem Maße auch von Menschen besucht, die zu Hochrisikogruppen zählen. Durch die Schließung in der 1. Welle kam es kaum zu Infektionen. Anders in der 2. Welle, als die Werkstätten offen hatten. Hier breitete sich das Virus rasant aus - mit tragischen Folgen für viele Angehörige, die Menschen selbst und die Dienste und Wohnangebote, die dann die Betreuung der Erkrankten zu schultern hatten. Und nicht in allen Werkstätten wurden die Hygieneregeln so stringend umgesetzt, wie in Eisenach. Ein Kurzarbeitergeld wäre eine gute Lösung, um die finanziellen Einbußen auszugleichen. Den behinderten Menschen und deren Angehörigen, die zu Tote kamen oder unter erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen leiden, nützt dies aber Nichts.

kirchensteuerzahler vor 5 Wochen

Der Beitrag ist leider nur aus der Sicht der an den Behinderten verdienenden Unternehmen geschrieben. Dabei kritisieren Inklusionsexperten und Betroffene seit Jahren die Praxis der Werkstätten. Wann hören das Wegsperren und die Exklusion behinderter Menschen und ihre Ausbeutung endlich auf? Frau Breer bitte den einseitigen Beitrag überarbeiten.

MartinMoelders vor 5 Wochen

Die Kritik halte ich in Ihrer Wertung für überzogen. Niemand betrachtet diese Gruppe von Menschen so, wie dargestellt wird. Jedenfalls nicht von ernstzunehmender Seite. Niemand erwartet zuschussfreies Wirtschaften- die Komplettversorgung über Renten und Grundsicherung ist unabhängig von dem Besuch einer Werkstatt gesichert, sollte man nicht vergessen.

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