Industriebrache wird Inklusionsbetrieb Neues Inklusionshotel eröffnet in Treffurt

Annika Grunert
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

In Treffurt im Wartburgkreis gibt es jetzt ein Inklusionshotel. Menschen mit Behinderung können in dem weitgehend barrierefreien historischen Gebäude ihren Urlaub direkt an der Werra verbringen. Insgesamt stehen 13 Zimmer mit maximal 31 Betten bereit. Wegen des Beherbergungsverbotes dürfen aber derzeit noch keine Gäste empfangen werden.

Inklusionshotel in Treffurt
Hotelleiter Michael König: Das Hotel hat insgesamt 13 Zimmern - elf sind komplett barrierefrei. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Über 20 Jahre lag das Fachwerkhaus in der Ziddelstraße in Treffurt brach. Nun erstrahlt es in altem, neuem Glanz - ein schwieriges Unterfangen, das mit einer Bauzeit von über zwei Jahren einherging. "Es war fast eine Ruine und musste komplett restauriert werden", erzählt der Hotelleiter Michael König. Der Hauptteil des Gebäudes stammt aus dem Jahr 1601, daher kommt auch der heutige Name: Hotel 1601.

Der Keller konnte sogar bis auf das 11. Jahrhundert zurückdatiert werden. Zu DDR-Zeiten war in dem Fachwerkhaus ein Bekleidungsgeschäft untergebracht. Seit Ende der 90er Jahre stand es dann leer, denn es konnte kein neuer Investor gefunden werden. Also musste die Stadt ran, die 2014 mit den ersten Planungen begann. In Zusammenarbeit mit dem Sankt Johannesstift Ershausen entstand schließlich die Idee für ein Inklusionshotel.

Herausforderung Denkmal- und Brandschutz

Das Fachwerkhaus steht unter Denkmalschutz und dadurch war die Sanierung sowie der Umbau eine Herausforderung. Einfach nach Belieben streichen, ging nicht. Sowohl der Bordeauxton und das Schwarzbraun als auch das Material wurden vorgegeben. Aber dafür musste zunächst einmal die Außenfassade behutsam mit dem Spachtel bearbeitet werden. Die abgetragenen Substanzen wurden schließlich fachmännisch analysiert und einem Katalog zugeordnet, an den sich die Gestaltung und Restauration zu richten hatte. Doch das war nur eine kleine Herausforderung, die Sache mit dem Brandschutz hingegen eine große.

Inklusionshotel in Treffurt
Michael König vor dem Hotel: Auch der Außenbereich wurde komplett umgestaltet. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Die Stadtverwaltung Treffurt und der Sankt Johannesstift Ershausen waren schon mitten in den Planungen und ersten Vorbereitungen, da wurde ihnen geraten, das Vorhaben abzubrechen. Schließlich wäre Brandschutz nicht möglich. Doch so schnell gaben sie nicht auf. Ganz nach dem Motto "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg", grübelten und probierten sie solange herum, bis die Feuerwehr zufrieden war. 105 Rauchmelder sind nun in dem gesamten Gebäude montiert. Alle Balken, Treppengeländer sowie -stufen und ähnliches entsprechen der F30-Norm. Das bedeutet, dass das Eichenholz einem Feuer mindestens 30 Minuten standhalten kann, bevor es zusammenbricht. Das würde im Notfall eine Sicherung ermöglichen.

Ähnlich herausfordernd war die Sache mit der Barrierefreiheit. Damit auch Rollstuhlfahrer in dem Fachwerkhaus übernachten können, musste ein Anbau für den Fahrstuhl her. Von den insgesamt 13 Zimmern sind elf komplett barrierefrei. Bei den beiden anderen wird es etwas schwieriger. "Wenn ein Gast so einen sportlichen Rollstuhl wie ich hat, geht es noch, aber mit den breiteren Modellen wird es eng. Doch wir achten natürlich darauf, diese Zimmer nicht an Rollstuhlfahrer zu vermieten", sagt Michael König.

Inklusionshotel in Treffurt
Die Rezeption des Hotels 1601. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Suche nach Mitarbeitern

Das Hotel 1601 sollte aber nicht nur barrierefrei sein, sondern eben auch ein Inklusionsbetrieb. Dafür gilt es, bestimmte Vorgaben einzuhalten. In Thüringen sehen die Verordnungen unter anderem vor, dass mindestens drei Menschen mit und drei ohne Behinderung angestellt sind. In Treffurt sind insgesamt acht Mitarbeiter vorgesehen - vier mit und vier ohne Behinderung. Allerdings liegt da schon die nächste Herausforderung. "Wir haben große Probleme, das passende Personal zu finden", sagt Ralf Stützer vom Sankt Johannestift Ershausen. Seit eineinviertel Jahren suchen sie schon nach passenden Mitarbeitern, aber es sei schwierig.

Da kommt die Corona-Pandemie nicht völlig ungelegen, denn dadurch haben sie noch etwas Zeit. "Das wäre natürlich ein großer psychischer Druck, wenn wir ab morgen richtig öffnen könnten und ausgebucht wären, aber ohne genügend Personal", so Stützer. Aber er und Michael König sind sich sicher, sie würden das meistern. Zur Not gibt es nämlich Unterstützung von den Ausbildungswerkstätten der Stiftung. Darüber ist Luisa-Marleen Schäfer letzte Woche in den Hotelbetrieb gekommen. Sie macht eine Lehre im Bereich Hauswirtschaft und absolviert nun an drei Tagen in der Woche ihren praktischen Teil in dem Treffurter Hotel.

Inklusionshotel in Treffurt
Teppich im Hotel: Der Hauptteil des Gebäudes stammt aus dem Jahr 1601, daher kommt auch der heutige Name. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Übernachten bei Reh, Fuchs und Schwan

Da in einem Inklusionsbetrieb sowohl Menschen mit körperlicher als auch mit geistiger Behinderung arbeiten, müssen die Bedingungen für alle passen. Auch da ließ sich das Team einiges einfallen: "Manche können beispielweise nicht lesen und da brauchten wir eine Lösung für die Zimmerbezeichnung. Mit Nummern wäre es schwierig gewesen", sagt Michael König.

Der ihm bekannte Künstler Matthias Garff stellt Tierskulpturen aus allen möglichen Materialien her. Er ließ sich schnell für das Projekt begeistern und ließ Bilder von seinen Werken anfertigen. Statt in 5, 11 oder 42 übernachten die Gäste unter anderem im Reh-, Fuchs- und Schwanenzimmer. "Das kann man sich einfacher merken. Außerdem sorgen die Bilder mit dem Fachwerk für eine schöne Mischung von Alt und Modern", so König.

Inklusionshotel in Treffurt
Tierbilder des Künstlers Matthias Garff zieren das Hotel. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Plötzlich Hotelleiter

Michael König ist einer der ersten Hotelmitarbeiter mit Handicap. Bereits seit dem Millenium sitzt der 46-Jährige im Rollstuhl. Er rutschte in einem Badezimmer aus und schlug mit dem Kopf auf die Badewanne auf: Genickbruch. Doch er hatte Glück im Unglück, zum einen weil er überlebte, zum anderen weil er nach etwa einem halben Jahr einige sensorische sowie motorische Fähigkeiten unterhalb des Halses wiedererlangte. Als glückliche Fügung beschreibt er auch seinen neuen Job. Dass er als Hotelleiter arbeitet, war alles andere als geplant.

Ursprünglich hat er eine kaufmännische Ausbildung absolviert, arbeitete einige Jahre in einem Skaterladen in Eisenach, lebte in Leipzig und Berlin. Zuletzt war er in der Mediengestaltung tätig. Als klar war, dass er wieder zurück nach Thüringen zieht, schickte er eine Initiativbewerbung an den Sankt Johannesstift Ershausen. Bei dem Treffen mit Ralf Stützer ergab sich schließlich der neue Job. Für Michael König war es zunächst eine Herausforderung.

"Anfangs hatte ich etwas Angst, weil ich mit der Gastronomie noch nie etwas zu tun hatte, aber meine bisherigen Berufserfahrungen spiegeln sich in meiner jetzigen Arbeit wider, wie die Websitegestaltung, Social-Media-Betreuung, Werbung und ähnliches. In den gastronomischen Bereich komme ich auch langsam rein, aber dort hat meine Kollegin und Hotelleiterin Rufina Hahn den Hut auf. Wir ergänzen uns also hervorragend", sagt Michael König.

Inklusionshotel in Treffurt
Ralf Stützer, Rufina Hahn und Michael König. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Freude über jede Buchung

Seine Sorgen sind also nun passé und so kann es der dreifache Familienvater gar nicht mehr erwarten, endlich richtig loszulegen. "Bei jeder neuen Buchung freue ich mich wie ein kleines Kind", sagt er. Doch bis die ersten Fahrradfahrer und Wanderer eintreffen, wird es wohl noch etwas dauern. Denn auch das Inklusionshotel darf derzeit keine Touristen beherbergen. Die ersten Übernachtungsgäste sind trotzdem schon da, und zwar Soldaten, die bei den Corona-Maßnahmen unterstützen. Genauso dürfen Geschäftsleute einchecken.

Mit dem Werratalradweg, dem Fernwanderweg-Barbarossaweg, dem Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal gibt es direkt vor der Tür einiges zu erleben und zu entdecken. Das Angebot soll aber noch erweitert werden, und zwar in Form von barrierefreien Strecken. Zusammen mit dem querschnittsgelähmten Sportler Marco Pompe erkundet Michael König die Gegend, um drei bis vier passende Routen zusammenzustellen, die sich für Rollstühle, Handbikes und elektrische Rollstuhlfahrräder eignen.

Inklusionshotel in Treffurt
Hier speisen die Gäste. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Handbikes werden noch angeschafft

Ein elektrisches Rollstuhlfahrrad ist bereits vorhanden und kann von den Gästen reserviert werden. Zwei Handbikes stehen bereits auf dem Einkaufszettel, aber "die Finanzierung ist noch nicht ganz abgeschlossen. Ein Handbike kostet nämlich um die 12.000 Euro", erklärt Michael König.

Barrierefreies Kanuwandern steht ebenfalls auf dem Plan. Dafür werden noch passende Slipanlagen angelegt, sodass die Rollstuhlfahrer problemlos einsteigen können. Mit einem Kanuguide paddeln sie dann etwa sieben Kilometer auf der Werra. Anschließend geht es mit einem Shuttle zurück zum Hotel. Barrierefreie Toiletten sollen in Treffurt ebenfalls noch folgen.

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Regionalnachrichten | 19. März 2021 | 16:30 Uhr

3 Kommentare

Denkender vor 36 Wochen

Frage an den MDR
Was versteht man denn unter "passendem Personal" beim Behindertenanteil?
Welche Tätigkeiten sind angedacht?
Wie könnte ein stark sehbehinderter (nicht blind) junger Mann eingesetzt werden?
Welche Voraussetzungen muss er erfüllen?

FCWler vor 36 Wochen

Eine schöne Sache , bleibt nur zu hoffen.....
Das es in absehbarer Zeit auch wieder vernünftige , gutbürgerliche Küche / Ratskeller etc. in Treffurt gibt .

MDR-Team vor 36 Wochen

Wir haben Ihre Frage an die Kollegin weitergeleitet.

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