Barrierefreiheit Ein Hotel als Inklusionsbetrieb in Treffurt

Normal ist es immer noch nicht, dass Hotels so gebaut werden, dass auch Menschen mit Behinderungen dort ohne Probleme einchecken können. Das "Hotel1601" in Treffurt ist eine Ausnahme. Dort arbeiten außerdem vorwiegend Menschen, die selbst eine Behinderung haben. Die ersten Monate waren aber nicht ganz leicht - und das lag nicht nur an Corona.

Der Träger des "Hotels1601" in Treffurt ist der Sankt Johannesstift Ershausen. Dabei handelt es sich um eine Einrichtung der Eingliederungshilfe, zu der unter anderem eine Wohngruppe für Menschen mit Behinderung gehört. Bei dem Projekt war also von Anfang an klar, dass es ein Inklusionsbetrieb werden soll.

Dafür sind allerdings bestimmte Auflagen zu erfüllen: Die Hälfte der sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter müssen schwerbehindert sein, und zwar zu mindestens 60 Prozent. Wie Hotelleiter Michael König erklärt, spiele es keine Rolle, welche Behinderung sie haben. Wichtig sei nur, dass sie motiviert sind zu arbeiten und dazu auch in der Lage sind.

Inklusionshotel in Treffurt
Hotelleiter Michael König kam selbst als Quereinsteiger zum Team des "Hotel1601". Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Schwierigkeiten bei der Personalfindung

Der Hotelleiter arbeitete früher im Marketingbereich bei einem Onlineportal für Reisen, im vergangenen Januar kam er dann erstmals in die Hotelbranche. Da der dreifache Familienvater im Rollstuhl sitzt, ist er auch der erste Mitarbeiter mit Behinderung, der im "Hotel1601" angefangen hat. Die anderen ließen auf sich warten.

Durch Corona hatte es die ganze Branche schwer, Personal zu finden, aber Inklusion ist dann noch eine gezielte Sparte.

Hotelleiter Michael König

"Es ist natürlich leichter, das Personal in der Großstadt zu finden als hier. Du hast die Fahrtwege und gerade mit einer Behinderung hat man vielleicht doch kein Auto oder kann nicht fahren und müsste sich immer bringen lassen und genau das ist auch die Schwierigkeit", sagt Michael König. "Und daher haben wir quasi gar nicht so ein großes Einzugsgebiet."

Ein Hotelzimmer und ein Mann im Rollstuhl
Mittlerweile ist das Hotel-Team komplett. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur dank "Aktion Mensch" gab es Unterstützung

Insgesamt benötigten sie sechs festangestellte Mitarbeiter - inklusive Michael König - und davon mussten folglich drei schwerbehindert sein. Nur dann gilt ein Hotel als gemeinnützig und als Inklusionsbetrieb.

Das ist insofern wichtig, weil das Integrationsamt dann einen Teil der Personalkosten übernimmt. Im vergangenen Jahr konnte das Hotel diese Auflage nicht erfüllen, somit blieb das Geld des Integrationsamtes aus. Die "Aktion Mensch" unterstützte dennoch, gewährte sozusagen eine zeitliche Kulanz.

Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir schauen und ausprobieren, wie wir es hinbekommen.

Michael König, Mitarbeiter und Leiter des Betriebes

Seit Januar ist das Team nun komplett und die Auflagen werden erfüllt. Alle Mitarbeiter sind Quereinsteiger, aber es funktioniert - für Michael König gerade weil alle aus anderen Fachbereichen kommen:

"Jemand, der aus dem Studium kommt, sagt bei einigen Dingen vermutlich, das geht nicht. Aber wir sind Inklusionsbetrieb, da kann man nicht sagen, geht nicht. Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir schauen und ausprobieren, wie wir es hinbekommen." Das Team findet Wege, und zwar für jede individuelle Herausforderung.

Auszubildende ergänzt das Team

Luisa-Marleen Schäfer ergänzt das sechsköpfige Team als Auszubildende. Sie wohnt gegenüber in der Wohngemeinschaft des Sankt Johannesstift Ershausen. Im "Hotel1601" die Ausbildung zu machen, lag damit doppelt nah, aber angefangen hat sie, weil sie die Teamarbeit schön findet.

Für sie liegen überall Listen bereit, auf denen die Aufgaben stehen, die sie zu erledigen hat. So kann sie beim Herrichten der Zimmer immer noch einmal nachschauen, ob sie beispielsweise an das Staubwischen, an das Bettenbeziehen und an das Auslegen frischer Handtücher gedacht hat und worauf sie genau achten muss.

Bilder erleichtern Orientierung

Die Postkarte auf dem Kopfkissen darf natürlich auch nicht fehlen - passend zum Bild über dem Bett und dem Schild neben der Tür. Darauf ist immer das jeweilige Tier zu sehen, das der Namensgeber für das Zimmer ist. Mit Reh, Schwan und Fuchs lassen sich die Zimmer für einige besser merken als mit Zahlen. Außerdem hilft es denjenigen Gästen und Mitarbeitenden, die nicht lesen können.

Inklusionshotel in Treffurt
Jedes Zimmer hat sein eigenes Tier. Ob als Wandbild, Türschild oder als Karte zur Begrüßung auf dem Kopfkissen. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Ein Sprachprogramm zur Unterstützung

Für Dorothea König werden ebenfalls neue Wege gefunden. Sie ist seit September Teil des Teams. "Es war sehr schwierig für mich, Arbeit zu finden, weil ich nicht so gut sprechen kann. In der Zeitung habe ich dann von dem Hotel gelesen und habe mich beworben", erzählt die Eichsfelderin.

Zwar hatte auch sie keinerlei Hotelerfahrung, aber sie kam von Anfang an mit den Aufgaben sehr gut klar. Dazu gehörten zum Beispiel Buchungen verschicken, Zimmer herrichten und die Küchenarbeit. Nur an der Rezeption hapert es ein bisschen aufgrund ihrer Behinderung. Wer ganz genau hinhört, kann sie zwar verstehen, aber über das Telefon funktioniert das nicht.

Mir macht die Arbeit Spaß und ich mag die Kollegen. Wir unterstützen uns gegenseitig.

Mitarbeiterin Dorothea König

Auch am Empfang haben manchmal Gäste ein paar Probleme, deshalb übernimmt sie diese Arbeit nicht allein. Doch das soll sich ändern: Mit vorgegebenen Antworten und einem Sprachprogramm. Obwohl es an der Rezeption noch ein paar Herausforderungen für Dorothea König gibt, gefällt es ihr im Hotel1601: "Mir macht die Arbeit Spaß und ich mag die Kollegen. Wir unterstützen uns gegenseitig."

Hotel ist barrierefrei

Das Hotel sollte aber nicht nur von Anfang an Inklusionsbetrieb sein, sondern auch barrierefrei. Das war eine Herausforderung, denn das historische Fachwerkhaus musste aufwendig restauriert und umgebaut werden. Letztendlich gelang es und so sind der Frühstücksraum sowie die Zimmer alle per Fahrstuhl erreichbar.

Zwei Zimmer sind komplett barrierefrei. Das bedeutet, die Türen sowie Badezimmer haben eine bestimmte Breite und es gibt keinerlei Fußschwellen oder Ähnliches.

In den anderen elf Zimmern können aber ebenfalls Rollstuhlfahrer übernachten - zumindest solche wie Hotelleiter Michael König: "Ich bin ein Aktiv-Rollstuhlfahrer, das heißt, dass ich mich beispielsweise noch umsetzen kann. Das ist bei den anderen Zimmern unter anderem wichtig, weil die Bäder etwas kleiner sind. Wir fragen deshalb unsere Gäste vorher immer, ob sie noch etwas beweglich sind oder komplett auf den Rollstuhl angewiesen, um ihnen das passende Zimmer zu geben."

Fahrradverleih für Rollstuhlfahrer

Nicht nur die Barrierefreiheit war dem Team wichtig. Es will Rollstuhlfahrern noch mehr anbieten. Sie sollen beispielsweise auf den Radwegen wie dem Werratal-Radweg die Gegend rund um Treffurt erkunden können. Deshalb schaffte der Sankt Johannesstift Ershausen ein elektrisches Handbike und zwei elektrische Rollstuhlfahrräder an.

In den Urlaub muss ich immer mit einem Anhänger fahren, um mein eigenes Handbike mitzunehmen.

Michael König

Michael König weiß aus Erfahrung, dass das eine Seltenheit ist: "An der Ostsee zum Beispiel konnte ich kein Hotel finden, das Handbikes verleiht. Deshalb fahre ich immer mit einem Anhänger in den Urlaub, um mein eigenes Handbike mitzunehmen. Es wäre aber natürlich schöner, wenn man vor Ort eines leihen könnte." In Treffurt kann man das jetzt.

Zwei Menschen im Rollstuhl. Dahinter andere Menschen
Hotelleiter Michael König weiß, wie wertvoll es ist, wenn ein Hotel direkt Handbikes selbst verleiht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einweisung für das ganze Team

Damit die Mitarbeiter die Gäste einweisen können, schult Michael König das Team vor dem Hotel. Es müssen Hebel umgelegt, Handbikes am Rollstuhl eingerastet und Stützen eingestellt werden.

Dann noch den Startknopf drücken und los geht es für Melina Rausch. Die Hotelmitarbeiterin sitzt nicht im Rollstuhl, aber wollte es trotzdem einmal ausprobieren. Die ersten Meter läuft es etwas holprig und um die Kurve kommt sie nicht so gut. "Da du keinen Rollstuhl fährst, ist es natürlich für dich jetzt ungewohnt", sagt Michael König. Aber die 21-Jährige bekommt es hin und fährt den Weg hinunter. Mit einem Lachen im Gesicht kommt sie nach einigen Metern zurück. Ihr Fazit: "Das ist eine tolle Sache, gefällt mir richtig gut."

Inklusion funktioniert im "Hotel1601"

Das gilt nicht nur für das Handbike, sondern auch für die Arbeit. Die gelernte Friseurin war auf Jobsuche, als sie zufällig vom "Hotel1601" erfuhr. "Ich war eh auf der Suche nach etwas anderem, das mir wirklich gefällt. Also dachte ich, warum nicht. Von der Gastronomie hatte ich keine Ahnung, aber es klang spannend", sagt Melina Rausch.

Junge Frau in rosa Jacke redet.
Melina Rausch beginnt im August im Hotel eine Ausbildung zur Hotelfachfrau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zuvor hatte sie sich nie darüber Gedanken gemacht, ob das etwas für sie wäre. Genauso wenig hat sie sich gefragt, ob sie mit Menschen mit Behinderung zusammenarbeiten könnte. Die Eschwegerin hat es einfach gemacht. "Es ist ganz normal. Ich könnte mir jetzt nichts anderes mehr vorstellen. Es macht Spaß auch mal eine neue Welt zu sehen. Die Menschen sind ja gleich, die haben vielleicht nur eine Sache, die wir nicht haben, aber trotzdem sind die im Prinzip genauso wie wir."

Ich könnte mir jetzt nichts anderes mehr vorstellen.

Melina Rausch, macht im Hotel bald ihre Ausbildung

Ihr gefällt die Arbeit so gut, dass sie im August im Hotel1601 die Ausbildung zur Hotelfachfrau beginnt, um richtig vom Fach zu sein. Inklusion funktioniert also scheinbar in Treffurt.

Inklusionshotel in Treffurt
Nach einer Radtour können sich die Gäste im Speisesaal stärken. Der Raum ist ebenfalls mit einem Fahrstuhl zu erreichen. Bildrechte: MDR/Annika Grunert

Trotz allem wirtschaftlich gelungener Start

Auch sonst ist der Sankt Johannesstift Ershausen mit dem Start zufrieden: Laut Projektleiter Ralf Stützer wurde die geplante Auslastung von 23 Prozent im ersten Jahr trotz des mehrmonatigen Beherbergungsverbots erreicht. Im Sommer sei das barrierefreie Haus gut belegt gewesen.

"Selbst im Winter lief es besser als gedacht", sagt Hotelleiter Michael König. Die diesjährige Hauptsaison steht aber erst bevor: Denn die meisten Gäste sind Fahrradfahrer und Wanderer. Die buchen bereits fleißig, sodass manche Wochenenden in diesem Jahr bereits ausgebucht sein sollen.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. März 2022 | 19:00 Uhr

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