Wartburgkreis Steigende Energiekosten: Hohe Spritpreise schmerzen Pendler aus Thüringen

Autorenbild Ruth Breer
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Jeder siebte Thüringer Arbeitsnehmer pendelt zur Arbeit in ein anderes Bundesland - rund 122.000 Menschen, so die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit in diesem Sommer. Wenn die Spritpreise steigen, dann trifft es sie besonders. Wer in Hessen, Bayern oder Niedersachsen gutes Geld verdient, kann das wegstecken - weh tut es trotzdem. Zwei Pendler aus dem Wartburgkreis berichten.

Lastwagen und Autos fahren nahe der Abfahrt Lanke auf der Autobahn A 10 in beiden Richtungen.
Wer weite Wege zur Arbeit pendeln muss, merkt die hohen Spritpreisen momentan schnell im Portmonaie. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Großburschla lag einst schwerbewacht im Grenzgebiet - am Ende eines Flaschenhalses, fast vollständig von Hessen umschlossen. So ist es für die Menschen dort inzwischen selbstverständlich, sich gen Westen zu orientieren, auch zur Arbeit.

Zwei Schulfreunde aus Großburschla arbeiten inzwischen beide bei VW in Baunatal. Zu DDR-Zeiten lernten sie Metallberufe: Timo Hannemann im Eisenacher Automobilwerk, Andreas Aulich in der Zigarrenfabrik Treffurt.

Zwei Jahre Lebenszeit im Auto

Von den vergangenen 30 Jahren - hat Aulich ausgerechnet - hat er zwei komplett im Auto verbracht. Er pendelt seit 1991, zunächst nach Hessisch-Lichtenau, seit bald zehn Jahren nach Baunatal. 75 Kilometer pro Fahrt, 150 Kilometer pro Arbeitstag. Zwei Stunden mindestens, dazu kommen die Wege in Baunatal, die Parkplatzsuche, ein Zeitpuffer für Staus.

So kommt Timo Hannemann auf drei Stunden für den täglichen Weg zur Arbeit. Eine enorme zeitliche Belastung, sagen die beiden 55-Jährigen, wie für alle Pendler. Eine Zeitlang konnten sie zusammenfahren. Durch die Vielzahl der Schichtmodelle ist das inzwischen kaum noch möglich.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Timo Hannemann aus Großburschla fährt täglich etwa drei Stunden zur Arbeit. Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Guter Verdienst nur dank Mehraufwand

Aber für sie gibt es gute Gründe, das auf sich zu nehmen. Die Arbeit sei heutzutage das Wichtigste, meint Andreas Aulich: "Ohne Arbeit erübrigen sich viele andere Sachen, die man sich nicht leisten kann oder wo man sein Leben einschränken muss. Ohne Geld ist das Leben schon sehr schwer."

Dass das Pendeln Zeit und Geld fordert, das sei jedem klar, wenn er seinen Arbeitsvertrag unterschreibt, sagt er. Den Vorteil des guten Verdienstes gibt es nur mit diesem Mehraufwand.

Bis zu 300 Euro mehr im Monat

Dass jetzt die Spritpreise so stark angestiegen sind, das tue schon weh, sagen sie und beziffern die Mehrkosten im Monat auf 150 bis 200 Euro. Dazu kämen im Zuge der allgemeinen Preissteigerung noch höhere Werkstattkosten, sodass sie davon ausgehen, bis zu 300 Euro mehr im Monat für das Pendeln auszugeben.

Mit öffentlichem Nahverkehr von Großburschla nach Baunatal? Aussichtslos, winken sie ab. Nur mit mehrfachem Umsteigen und noch höherem Zeitaufwand möglich, zu den Schichtzeiten gar nicht.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Mit dem öffentlichen Nahverkehr von Großburschla nach Baunatal? Aussichtslos, findet Andreas Aulich. Bildrechte: MDR / Ruth Breer

Bessere Sozialleistungen

Aber deswegen die Arbeit aufgeben und in der Nähe neue suchen? Auf gar keinen Fall, sagt Andreas Aulich. Das Entgelt sei so bemessen, dass selbst drei Stunden täglicher Aufwand fürs Pendeln sehr gut vergütet würden. Und: "All die Sozialleistungen, die wir dort genießen, die bekommen wir nirgends anders."

Das sieht auch Hannemann so und verweist auf Vorruhestands- und Teilzeit-Angebote bei VW. Mehr Geld für Sprit zu bezahlen, sei zwar ärgerlich, aber nicht existenziell: "Wir können das kompensieren." Andere wird es schlimmer treffen, meint Aulich, und denkt an diejenigen, die mit Mindestlohn nach Hause gehen. Wo sollten sie die Mehrkosten noch einsparen?

Bei E-Mobilität skeptisch

Auf steigende Energiepreise haben sich beide schon vorbereitet - auch dank ihres guten Verdienstes. Timo Hannemann hat sich eine Fotovoltaik-Anlage aufs Haus setzen lassen und produziert damit seinen eigenen Strom. Heizen kann er nicht nur mit Öl, sondern auch mit Holz.

Andreas Aulich hat in seinem neugebauten Haus eine Pelletheizung eingebaut und eine Solaranlage für Warmwasser. Nur - mit einem E-Auto zur Arbeit, da sind beide noch skeptisch. Die 150 Kilometer sollten im Grunde kein Problem sein - aber was, wenn Stau oder Wetter die Reichweite schrumpfen lassen? Da setzen sie doch vorerst weiter auf den Verbrenner und zahlen die höheren Spritpreise.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Das Fazit vom Tag | 24. Oktober 2021 | 18:18 Uhr

87 Kommentare

Hansi63 vor 5 Wochen

#martin, ja klar, wer sucht der findet ! Jeder wie er es sich für sich am besten auslegen mag.
Es ist nun mal ein Fakt das D mit die höchsten Energiepreise hat, deswegen haben schon viele Firmen D verlassen und nicht nur wegen Lohnkosten und Sozialleistungen ! Und natürlich bezahlen die Firmen nicht die Energiekosten die wir Bürger bezahlen, das ist schon klar. Bitte fordern Sie nicht Belege und Beweise, einfach mal eine Recherche im Netz.
Im Endeffekt ist es nun vollkommen egal ob wir nun an 1. oder 2.
Stelle bei Steuern und Abgaben stehen, es ist nicht gut für die Bürger und für die Wirtschaft auch nicht.
Man kann sich schon so einiges sicherlich auch parteipolitisch schönreden, man wird sehen wie die Bürger darauf bei nächsten Wahlen reagieren wenn Sie immer und immer mehr zur Kasse gebeten werden. Jetzt hat der Bürger erst einmal so entschieden, schauen wir mal........

martin vor 5 Wochen

@hansi63: Bitte selbst richtig lesen: Ich habe Sie darauf hingewiesen, dass wir Belgien letztes Jahr nicht überholt haben. Und wenn Sie sich den "Mär-Schuh" anziehen wollen: Bitte sehr. Darüber hinaus bezweifele ich, dass wir uns bezogen auf Familien in diesem Jahr von Platz 8 auf Platz 1 hervorgearbeitet haben. Aber man wird sicherlich auch Rahmenbedingungen finden, bei denen in D die höchsten Steuern und Abgaben zu zahlen sind. Steht schon in einem älteren Werk der Weltliteratur: "Wer suchet, der findet".

emlo vor 5 Wochen

Steuern sind generell (lt. Gesetz) nicht zweckgebunden, d.h. das Geld landet zunächst im allgemeinen Staatshaushalt. Die CO2-Steuer gibt es bei Weitem nicht nur in Deutschland und wird teilweise schon seit Jahrzehnten erhoben (z. B. Schweden). Es scheint also so, als ob man diese Steuer auch international durchaus sinnvoll findet. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Kleingartenzwerg die inakzeptabel findet.

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