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Ein Polizist trägt einen beschlagnahmten Gegenstand aus der Neonazikneipe "Bull's Eye" in Eisenach. Um was es sich handelt, ist bisher nicht bekannt. Bildrechte: MDR/Martin Wichmann

RechtsextremismusBundesweite Razzia gegen Neonazis mit Schwerpunkt Eisenach - vier Beschuldigte in Haft

von MDR THÜRINGEN

Stand: 07. April 2022, 08:49 Uhr

Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt sind in elf Bundesländern gegen mutmaßliche Rechtsextremisten vorgangenen. Im Zentrum der Razzia steht eine rechtsextremistische Kampfsportgruppe in Eisenach. Vier mutmaßliche Mitglieder wurden festgenommen, ihre Wohnungen und Treffs durchsucht. Später wurden sie in Untersuchungshaft genommen.

Die Polizei ist am Mittwoch bundesweit gegen mutmaßlich rechtsextremistische kriminelle Vereinigungen vorgegangen. Unter Führung von Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt wurden in elf Bundesländern insgesamt 61 Immobilien von 50 Beschuldigten durchsucht, unter anderem in Eisenach und Erfurt.

Drei Beschuldigte wurden nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Eisenach festgenommen, eine weitere Person im hessischen Rotenburg an der Fulda. Es handelt sich um Leon R., Maximilian A., Eric K. und Bastian A., die Führungspositionen in der von Eisenach aus agierenden Kampfsport-Gruppierung "Knockout 51" inne gehabt haben sollen. Gegen alle vier ordnete der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe bis zum Mittwochabend Untersuchungshaft an. Das berichtete der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam in der "Tagesschau" am Mittwochabend. Am Donnerstagmorgen teilte der Generalbundesanwalt die Entscheidung auch offiziell mit.

Bayerische Polizisten in Uniform und zivile Beamte des BKA am "Flieder Volkshaus" in Eisenach. Bildrechte: MDR/Martin Wichmann

Andere Beschuldigte sollen der rechtsterroristischen Vereinigung "Atomwaffen Division Deutschland" und einer rechtsextremen Chatgruppe angehört haben. Weitere Beschuldigte sollen die Vereinigung "Combat 18 Deutschland" nach ihrem Verbot durch den Bundesinnenminister im Geheimen aufrechterhalten haben. Einige Beschuldigte sollen in mehreren der Gruppierungen aktiv gewesen sein.

Rechtsextremistische Kampfsportgruppe in Eisenach

Bei "Knockout 51" handelt es sich laut Bundesanwaltschaft um eine "rechtsextremistische Kampfsportgruppe, die unter dem Deckmantel des gemeinsamen körperlichen Trainings junge, nationalistisch gesinnte Männer anlockt, diese bewusst mit rechtsextremem Gedankengut indoktriniert und für Straßenkämpfe ausbildet". Sie sollen regelmäßig unter Leitung von R. in den Räumen der Landesgeschäftsstelle der NPD Thüringen im "Flieder Volkshaus" in Eisenach trainiert haben.

Ende Januar gab es dort ein konspiratives Treffen einschlägig bekannter Neonazi-Kader. Das Treffen könnte unter anderem der weiteren Vernetzung von Neonazi-Kampfsportlern gedient haben. Am Mittwoch wurde zudem das als Rechtsextremisten-Treff bekannte Lokal "Bull's Eye" in Eisenach durchsucht, dessen Wirt R. ist.

"Knockout 51" vor allem in Thüringen aktiv

"Knockout 51" ist laut Bundesanwaltschaft insbesondere in Thüringen aktiv und zudem überregional mit anderen Rechtsextremisten in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg vernetzt: "Diese Verbindungen beruhen auf persönlichen Kontakten von Leon R. zu der dort jeweils etablierten rechtsextremen gewaltbereiten Szene." Spätestens seit März 2020 sei die Vereinigung auf die Begehung von "erheblichen Straftaten" ausgerichtet; hierzu gehören vor allem Körperverletzungsdelikte.

In Erfurt durchsuchten Polizisten die Wohnung eines der Beschuldigten in der Johannesstraße. Bildrechte: MDR/Florian Girwert

Mitglieder von "Knockout 51" seien überdies zwischen Ende August 2020 und Ende März 2021 zu mehreren Protesten gegen die Corona-Politik gefahren, etwa nach Leipzig und Kassel. Dort sei es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit Polizisten und Gegendemonstranten gekommen.

Neben Beamten aus Bayern unterstützt die Thüringer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (im Haus) die Razzia in Eisenach. Bildrechte: MDR/Marcus Scheidel

Eisenacher Oberbürgermeisterin besorgt

Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) hat das Vorgehen der Ermittlungsbehörden gegen rechtsextreme Netzwerke gelobt. Die Aktion mache deutlich, wie vernetzt rechtsextremistische Vereinigungen in Deutschland seien und wie wichtig deshalb die länderübergreifende Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden sei. Thüringen stehe besonders im Fokus. Es sei wichtig, die Szene weiterhin im Auge zu haben.

Die Eisenacher Oberbürgermeisterin Katja Wolf (Linke) zeigte sich angesichts der Ereignisse erschüttert. Wolf sagte, das Erstarken neonazistischer Strukturen in Eisenach erfülle sie seit Jahren mit großer Sorge. Die Sicherheit der Bevölkerung stehe an oberster Stelle. Bemühungen, die Demokratie zu stärken und Menschen wieder für eine offene Gesellschaft zu gewinnen, müssten verstärkt werden, so Wolf.

Durchsuchungen auch in Berlin

In Berlin durchsuchte die Polizei am Mittwoch eine Wohnung im Stadtteil Rudow und eine weitere Wohnung in Mitte. Nach einem Bericht der Bild-Zeitung ging es in Rudow um einen Mann, gegen den eigentlich am Mittwoch ein Prozess wegen Gewalttaten und des Zeigens von Nazi-Symbolen wie Hitler-Gruß und Hakenkreuz beginnen sollte. Der Prozessbeginn wurde kurzfristig vom Gericht verschoben.

"Bull's Eye" Gegenstand von Dresdner Prozess

Das "Bull's Eye" in Eisenach ist wegen eines Überfalls auf Lokal und Gäste im Herbst 2019 auch überregional bekannt. Vier mutmaßliche Linksextreme stehen wegen des Angriffs und weiterer Straftaten derzeit vor dem Oberlandesgericht Dresden. Hauptangeklagte ist die 27 Jahre alte Studentin Lina E., die wegen der Vorwürfe in Untersuchungshaft sitzt.

Feste rechtsextreme Strukturen in Eisenach

In Eisenach haben sich rechtsextreme Strukturen nach Ansicht von Experten seit Jahren ausbreiten und festigen können. So heißt es in einem Forschungsbericht des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, Rechtsextremismus habe in der Stadt über mehrere Jahrzehnte "eine Raumergreifungsstrategie" verfolgt. Rechtsextremisten hätten dort weitgehend ungestört agieren und sich vernetzen können. Zudem würden sie dort mehrere Immobilien betreiben.

MDR (mm)

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 06. April 2022 | 08:00 Uhr